Johannes Wolf ist Geschäftsführer der Copa-Data CEE/ME © Copa-Data / Montage: Selektiv
Johannes Wolf ist Geschäftsführer der Copa-Data CEE/ME © Copa-Data / Montage: Selektiv
Interview

Copa-Data-CEO: „Das ist ein Teufelskreis der digitalen Abhängigkeit“

„Es schmerzt mich persönlich, wenn ich sehe, wie europäisches Geld in US-Tech-Riesen fließt und dieses Spielgeld dann verwendet wird, um europäische Player zu kaufen“, sagt Johannes Wolf, der mit Copa-Data einen Industrie-Software-Marktführer aus Österreich leitet. Es bräuchte seiner Meinung nach Anreize, damit heimische Gründer das Kapital aus einem Exit wieder in heimische Startups reinvestieren. Zudem plädiert er darauf, stärker auf Technologien aus Europa oder Österreich zu setzen. Diese seien aber noch zu wenig sichtbar. „Ich weiß nicht, ob das ein Österreich-Phänomen ist, dass man zuerst große internationale Kunden braucht, bevor man die Brauerei ums Eck für sich gewinnen kann“, so Wolf.

Durch den Handelsstreit mit den USA ist das Thema digitale Souveränität verstärkt in den Fokus geraten. Was verstehen Sie darunter und wo liegen die Grenzen?

Johannes Wolf: Das Bewusstsein dafür hat sich durch die geopolitischen Unsicherheiten, Handelskriege und militärischen Konflikte geschärft. Es ist aber wichtig, dass es nicht um eine Abschottung geht, sondern um das bewusste Abwägen von Risiken und auch das bewusste Eingehen von Risiken in gewissen Bereichen. Bei manchen Technologien hat Europa sehr wohl das Potenzial, sich von den USA zu lösen. Manchmal wird das mit einem Komfortverlust einhergehen, aber es ist möglich. Die Politik ist gefordert, diese Lösungen aufzuzeigen. In Frankreich gibt es zum Beispiel Mistral als Alternative zu OpenAI – das kennen viel zu wenige Leute und es kann sicher 90 Prozent dessen, was ChatGPT liefert. Darauf müssen wir viel mehr aufmerksam machen. Digitale Souveränität hat aber auch Grenzen. Dort, wo Produkte verflochten sind und der Vendor-Lock-In zu groß ist, also man zu stark von einem Anbieter abhängig ist. Auch Sicherheit kann eine Rolle spielen. Copa Data hilft dabei, den Vendor-Lock-In aufzubrechen, mit einer Hersteller- und Betriebssystem-unabhängigen Technologie, die weltweit im Einsatz ist. 

Am freien Markt gewinnt das beste Produkt. Wenn Mistral nur 90 Prozent schafft, braucht es Markteingriffe, damit es sich durchsetzen kann?

Man kann – ganz ohne Verbote – Rahmenbedingungen schaffen, dass lokale Produkte stärker zum Zug kommen, vor allem in der öffentlichen Beschaffung. Da gibt es ja Beispiele wie das Kaufhaus Österreich, wo die Wertschöpfung woanders hin ging, obwohl es schöne Alternativen aus Österreich gegeben hätte. Als Vize-Präsident von ICT Austria habe ich einen guten Überblick, welche Kompetenzen wir im Land haben. Ein aktuelles Beispiel ist auch der Fall Peter Steinberger, den wir an die USA verloren haben. Er wurde nicht einmal von einem europäischen Player kontaktiert und er findet in Österreich und Europa auch gar nicht die Rahmenbedingungen vor, unter denen er gut arbeiten kann. Im Bereich der Grundlagenforschung sind wir gut, die Skalierbarkeit haben wir verschlafen. Das wird schwer aufzuholen sein, wenn man sich vor Augen führt, was in den USA nach wie vor investiert wird. Microsoft hat in Washington State ein Rechenzentrum mit einem Gesamtvolumen von 11 Milliarden Dollar ausgebaut und sie planen 50 dieser Rechenzentren und auch dann ist das nur ein Player von vielen. 

Was ist die europäische Antwort?

Diese Skalierbarkeit wird schwer aufholbar sein. Es gibt zwar europäische Antworten auf Datenräume und Infrastruktur – Stichwort Gaia X –, aber so richtig ist der Zug nicht ins Rollen gekommen. Grundlagenforschung und Kompetenzen: ja. Skalierbarkeit: verschlafen. Wo wir eine Chance haben, ist bei Applikationen. Wir müssen das Spezialwissen, das wir in der europäischen und österreichischen Industrie haben, nutzen, um KI-Applikationen für Prozesse zu bauen. 

Sie haben die öffentliche Beschaffung als Schlüssel angesprochen. In der österreichischen Industriestrategie ist da von der EU und „Partner Countries“ die Rede. Kann man es nicht gleich lassen, wenn man sich diese Hintertüre offen hält?

Diese Hintertür hat natürlich ein Geschmäckle, aber ich hoffe schon, dass das Bewusstsein geschärft worden ist, dass man die Möglichkeiten im Land auslotet, bevor man die Wertschöpfung dann woanders hin verlagert. Wir haben viele Hidden Champions in Österreich, die global erfolgreich sind, aber in Österreich nicht wirklich zum Zug kommen. Das ist auch bei Copa Data so. Wir mussten zuerst internationale Erfolge erzielen, damit wir in Österreich überhaupt erst die Chance hatten, einen Beitrag zu leisten. Ich weiß nicht, ob das ein Österreich-Phänomen ist, dass man zuerst große internationale Kunden braucht, bevor man die Brauerei ums Eck für sich gewinnen kann. 

Ich weiß nicht, ob das ein Österreich-Phänomen ist, dass man zuerst große internationale Kunden braucht, bevor man die Brauerei ums Eck für sich gewinnen kann. 

Johannes Wolf

Welche Rolle spielt der Sicherheitsfaktor. Einerseits ist es gut, wenn Daten in Europa liegen, andererseits ist Sicherheit auch eine Produktqualität, die ortsunabhängig ist.

Das sicherste Produkt kann es auch in der Region geben. Copa Data bewegt sich im Bereich der kritischen Infrastruktur: Energieversorgung und -Erzeugung sowie Stromnetze. Weltweit gibt es da nicht viele Alternativen zu unserer Technologie und globale Player setzen darauf. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass es die besten und sichersten Lösungen im Land bzw. in Europa gibt, sie aber nicht die Sichtbarkeit haben. Es schmerzt mich persönlich, wenn ich sehe, wie europäisches Geld in US-Tech-Riesen fließt und dieses Spielgeld dann verwendet wird, um europäische Player zu kaufen. Dadurch verlieren wir Startups und Scale-ups, die genau die Innovationen entwickeln, die wir brauchen würden. Das ist ein Teufelskreis der digitalen Abhängigkeit. Wir brauchen Rahmenbedingungen im Finanz- und Kapitalmarkt. 

Es schmerzt mich persönlich, wenn ich sehe, wie europäisches Geld in US-Tech-Riesen fließt und dieses Spielgeld dann verwendet wird, um europäische Player zu kaufen.

Johannes Wolf

Was müsste konkret passieren?

Es gibt da gute Überlegungen, zum Beispiel im skandinavischen Raum. Man könnte einen Reinvestitions-Anreiz setzen, damit Unternehmer, die einen Exit machen, ihr Geld steuerlich begünstigt wieder in neue Startups stecken. 

Man sagt, in der EU wird hauptsächlich reguliert, während China und die USA massiv in Innovationen investieren. Können wir das ändern?

Klar ist jede Regulatorik eine gewisse Hemmschwelle für Innovation. Wenn wir Innovation mit gewissen Grundwerten in Einklang bringen wollen, braucht es aber Leitplanken. 

Es hat also schon seinen Sinn, dass wir zuerst regulieren, bevor wir Champions bauen?

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Das eine schreit nach Innovation und das andere sucht nach sicheren Bahnen. Dabei spielen nicht nur Sicherheitsaspekte eine Rolle, sondern auch ethische Faktoren. 

Copa Data entwickelt Software vollständig in Salzburg. Wie stark beschäftigen Sie die Standortschwächen der letzten Jahre: hohe Arbeitskosten, hohe Energiekosten, Bürokratie, Fachkräftemangel?

Der größte Kostenfaktor für Softwarehersteller ist Personal. Der Kostenfaktor ist auch für uns nach oben gegangen, aber wir bleiben dem Standort treu und bauen auch weiter aus. Es entstehen gerade zwei weitere Bürogebäude mit einer zusätzlichen Kapazität von 170 Arbeitsplätzen. Es ist uns wichtig, als Firma und Softwareentwickler unabhängig in Salzburg entwickeln zu können. Der Aspekt „Made in Austria“ in einem neutralen Land gewinnt an Bedeutung. Deshalb werden wir die hohen Personalaufwände in Kauf nehmen. 

Der Aspekt „Made in Austria“ in einem neutralen Land gewinnt an Bedeutung.

Johannes Wolf

In den letzten Jahren ist ein Teil der industriellen Wertschöpfung aus Österreich abgewandert. Auch Copa Data hat internationale Standorte. War das für Sie nie ein Thema?

In der Produktentwicklung gibt es ein klares Bekenntnis zu Österreich. An unseren 15 internationalen Niederlassungen haben wir lokales Marketing, Vertrieb und Support. Unsere Exportquote liegt bei 85 Prozent, der Großteil der Wertschöpfung passiert also in Österreich. Das ist uns als unabhängiges Familienunternehmen wichtig. Die Eigentümerschaft wurde deshalb auch in eine private Familienstiftung überführt, um einen Einzug von Investoren oder einen Verkauf zu erschweren. Das ist ein starkes Signal für unsere Mitarbeiter und Kunden.

Ist Software „Made in Austria“ international ein Verkaufsargument?

Das hängt stark vom Markt ab. In den USA ist es ein schwächeres Argument als in Europa. Ein Markt, der für uns rasant wächst – auch aufgrund der Infrastrukturprojekte – ist der Nahe Osten und da ganz speziell Saudi-Arabien. Dort sind wir im Bereich der kritischen Infrastruktur bereits Standard, das ist schon seit vielen Jahren so und das Argument „Made in Austria“ hat eine Rolle gespielt. Ebenso wichtig ist auch die Herstellerunabhängigkeit – große Unternehmen wie Saudi Aramco können für jedes Projekt das beste Hardware-Angebot wählen und haben die Sicherheit, das in die Software-Gesamtlösung integrieren zu können. Dadurch wird man auch von Lieferketten-Problemen unabhängiger und minimiert Geschäftsrisiken.