Mehr Finanzbildung allein macht noch keine Aktionäre

4. November 2026・Lesezeit: 6 Min.
Kommentar von Carmen Treml

Carmen Treml ist Ökonomin beim wirtschaftsliberalen Thinktank Agenda Austria und externe Lektorin an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihre Kerngebiete sind Bildung, Arbeitsmarkt und Verteilung.

Die Österreicher sind Musterschüler beim Sparen, beim Investieren brauchen sie aber dringend Nachhilfe. Am Wissen allein scheitert es nicht. Wer mehr Menschen an den Kapitalmarkt bringen will, muss auch dafür sorgen, dass ihnen am Monatsende etwas zum Anlegen bleibt.

Kapitalmarkt ist für viele Erwachsene in Österreich noch immer ein Fremdwort. Eines, das man eher mit Gefahr als mit Chance verbindet. Laut dem jährlichen Aktienbarometer von Aktienforum, Industriellenvereinigung und Wiener Börse besitzt nur knapp ein Drittel der Bevölkerung Aktien, Anleihen oder Fonds. Das Sparbuch genießt nach wie vor Kultstatus.

Nun hat die Oesterreichische Nationalbank ihre neue Erhebung zur Finanzbildung der Erwachsenen vorgelegt. Viel bewegt hat sich seit der letzten Runde 2023 nicht, die Ergebnisse sind weitgehend stabil geblieben. Doch das ist kein Grund zur Sorge: Um das Finanzwissen der Österreicher ist es gar nicht schlecht bestellt, im internationalen Vergleich sogar ausgesprochen gut. 96 Prozent wissen, was Inflation ist, 94 Prozent kennen den Zusammenhang zwischen Risiko und Rendite, drei Viertel können erklären, was eine Aktie ist. Zutrauen tun sie sich das allerdings nicht, wie das aktuelle Aktienbarometer zeigt: Nur 22 Prozent schätzen ihr Wissen über Wertpapiere als sehr oder eher gut ein. Die Österreicher wissen also über die Basics häufig besser Bescheid, als sie sich zutrauen.

Bei komplexeren Fragen hapert es aber, und zwar auch bei jenen, die bereits investiert haben. Nur gut jeder Dritte versteht, warum Anleihekurse fallen, wenn die Zinsen steigen. Fast drei von zehn Anlegern wissen nicht, dass sie mit dem Kauf einer Anleihe einem Unternehmen Geld leihen. Wer Finanzbildung ernst meint, sollte daher weniger Begriffe abfragen und mehr echte Entscheidungen durchspielen.

Dazu gehört auch, die Betrugserkennung zu schärfen. Mehr als jeder zwanzigste Internetnutzer hat laut OeNB schon einmal in eine Anlage investiert, die sich als Schwindel herausstellte. Wer fürchtet, über den Tisch gezogen zu werden, lässt häufig gleich ganz die Finger vom Kapitalmarkt. Wer Betrugsmaschen kennt, kann dagegen guten Gewissens auch etwas Risiko eingehen. Und das zahlt sich aus: Wer breit gestreut und langfristig in Aktien investiert, wird am Ende belohnt: Rendite ist der Lohn für Nervenstärke.

Doch selbst die beste Finanzbildung macht aus Österreich noch kein Aktionärsland. Mehr Wissen geht vor allem bei mittleren und hohen Einkommen auch mit mehr Wertpapiersparen einher. Wer wenig verdient, parkt sein Geld unabhängig vom Finanzwissen meist am Konto. Das Aktienbarometer bestätigt das Bild: Bei einem Nettoeinkommen unter 2.000 Euro besitzen 17 Prozent Wertpapiere, über 3.000 Euro ist es jeder Zweite. Kausalität sollte man daraus zwar nicht vorschnell ableiten. Klar ist aber: Ohne Spielraum wird nicht investiert.

Großes Potenzial, mehr Menschen zum Investieren zu bewegen, liegt im Steuersystem.

Statt Mehrarbeit zu belohnen, bestraft Österreich jeden Extraschritt. Wer seine Arbeitszeit verdoppelt, bekommt netto gerade einmal 68,8 Prozent mehr heraus. So wenig bleibt kaum anderswo. Und was der Staat vorher abschöpft, kann niemand mehr anlegen.

Ein weiterer Hemmschuh: Seit der Abschaffung der Behaltefrist im Jahr 2011 macht es keinen Unterschied, ob jemand drei Tage oder drei Jahrzehnte investiert bleibt: Die üppige Kapitalertragsteuer fällt so oder so an. Andere Länder belohnen Geduld. In Tschechien sind Aktiengewinne nach drei Jahren, in der Slowakei schon nach einem Jahr steuerfrei. Slowenien senkt den Steuersatz alle fünf Jahre und setzt nach 15 Jahren ganz auf steuerfrei.

Besonders deutlich werden die unattraktiven Rahmenbedingungen bei den Jungen. Die 25- bis 34-Jährigen sind laut OeNB jene Gruppe mit der geringsten finanziellen Zufriedenheit und dem kleinsten Spielraum, eigene Ziele zu verfolgen. Am zufriedensten sind hingegen die Pensionisten, was die Nationalbank selbst auf das Umlagesystem zurückführt. Nur: Dieses Versprechen wird sich für die Jungen nicht mehr im selben Ausmaß einlösen lassen. Schon heute fließt mehr als jeder vierte Euro des Bundesbudgets in die Pensionen, Tendenz stark steigend. Die Jungen haben das längst verstanden: Laut Aktienbarometer glauben nur 31 Prozent der Berufstätigen, dass die staatliche Pension allein reichen wird. Ausgerechnet jene, die die Pensionen von heute finanzieren, können sich die Vorsorge für morgen aber am wenigsten leisten. Und solange das Pensionsantrittsalter nicht an die steigende Lebenserwartung gekoppelt wird, verschärft sich die Schieflage Jahr für Jahr.

Zur steuerlich und demografisch unattraktiven Lage kommt eine ausgeprägte Risikoaversion. Drei Viertel der Österreicher stufen ihre Risikobereitschaft selbst als niedrig ein. Das ist kein Charakterfehler, sondern einmal mehr eine Folge des Systems: Wer sich darauf verlässt, dass der Staat im Alter für ihn sorgt, hat wenig Grund, sich mit dem Kapitalmarkt zu beschäftigen. Entsprechend dürftig sind die zweite und dritte Säule ausgebaut. Nur rund jeder vierte Arbeitnehmer hat überhaupt eine betriebliche Pensionsvorsorge. Dass die Regierung die Pensionskassen künftig für alle öffnen will, ist ein Anfang, greift aber zu kurz. Nötig wäre eine echte betriebliche Pension für alle.

Ein wesentlicher Schritt in die richtige Richtung ist das Zukunftsdepot. Ab Juli 2027 können Eltern bis zu 5.000 Euro jährlich KESt-frei für ihre Kinder investieren, Neugeborene erhalten zudem einen Startbonus von 500 Euro. Damit kommen zumindest Eltern kaum noch darum herum, sich ernsthaft mit dem Kapitalmarkt auseinanderzusetzen. Das ist mehr gelebte Finanzbildung, als so manche Schulstunde leisten könnte. Kritiker monieren, dass nur ein Bruchteil der Familien den Höchstbetrag ausschöpfen kann. Darum geht es aber gar nicht: Auch wer nur 50 Euro im Monat einzahlt, hat nach 18 Jahren bei einer angenommenen Rendite von 6,7 Prozent rund 22.000 Euro beisammen. Eingezahlt wurde mit 11.300 Euro nur etwa die Hälfte. Investieren ist kein Privileg der Vermögenden, sondern braucht vor allem Zeit. Bleibt die Frage, warum das steuerfreie Vorsorgen bei den Kindern enden soll. Die Widereinführung der Behaltefrist wäre das logische nächste Kapitel.

Mehr Finanzbildung ist gut und wichtig. Wer aus Österreich ein Land der Anleger machen will, braucht aber echte Ambition. Die Regierung muss dafür sorgen, dass sich Arbeit wieder lohnt und am Ende des Monats etwas übrig bleibt, dass langfristiges Anlegen wieder belohnt wird und die Altersvorsorge nicht mehr fast nur auf einem wackeligen Staatsbein steht. Erst dann kann aus einem Land informierter Sparer auch eine Nation der Aktionäre werden.

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