Österreich überfördert und unterfordert
Laura Raggl ist Managing Partner von ROI Ventures, einer Angel-Investorengruppe, die sich auf Startups in der Frühphase fokussiert. Davor war sie Geschäftsführerin der Austrian Angel Investors Association (aaia). Nach dem Studium in Innsbruck war sie bei dem Deep-Tech-VC-Fonds APEX Ventures tätig. Raggl ist außerdem Mitglied des Startup-Rats, der das Wirtschaftsministerium berät.
Seit 2021 stagniert die Zahl der Startup-Gründungen in Österreich. Kein Einbruch, keine Erholung, sondern Stillstand. Der Austrian Startup Monitor formuliert es vorsichtig: ein Aufwärtstrend sei „bisher nicht erkennbar“. Deutschland verzeichnete 2025 ein Plus von 29 Prozent.
Vier Jahre Stillstand in einem Land, das mehr für Innovation ausgibt als fast jedes andere in Europa. Wie geht das zusammen?
Was wir ausgeben
Österreich wendet 2024 6,7 Prozent seines BIP für Förderungen auf. Das ist der vierthöchste Wert in der EU, nur Malta, Ungarn und Frankreich liegen darüber. In Forschung und Entwicklung fließen heuer 17,6 Milliarden Euro, 4,8 Milliarden davon vom Bund. Dazu kommen rund 1,3 Milliarden Euro Forschungsprämie. Die FFG bewilligte 2025 neu 878 Millionen Euro, das aws-Kerngeschäft lag bei rund 1,6 Milliarden.
Das geht nicht alles an Startups, im Gegenteil: Der Großteil fließt an KMU und Industriebetriebe. Aber es beschreibt das System, in dem auch Startups finanziert werden. Und auch politisch sind wir uns in Österreich einig, dass wir bei der Startup-Förderung ganz oben mitspielen.
Was rauskommt
Im European Innovation Scoreboard steht Österreich auf Platz acht. Mittelfeld, seit Jahren, im Vorjahr von Rang sechs zurückgefallen. Beim Risikokapital sah es lange schlecht aus. Das erste Halbjahr 2026 brachte dann eine deutliche Erholung auf 472 Millionen Euro und mit 97 Runden einen Halbjahresrekord.
Nur kommt dieses Geld nicht von hier. Rein internationale Investorengruppen stellten 64 Prozent des Volumens, nach 27 Prozent im Vorjahr. Bei Runden über zehn Millionen Euro sind heimische Kapitalgeber nur noch zu 12,5 Prozent beteiligt.
Was tatsächlich hier wächst: Der Anteil akademischer Spin-offs ist auf 23 Prozent gestiegen, besonders stark bei Forschungs-Spin-offs. Also genau dort, wo Universitäten in den letzten Jahren neue Strukturen bekommen haben.
Wer gewinnt in diesem System?
Anderswo funktioniert Auslese einfach. Man hat eine Idee, sucht Kapital oder finanziert sich aus dem Umsatz. Findet man nichts, ist es vorbei. Schnell, billig, ohne Drama. Man lernt daraus und probiert das Nächste. Der Markt entscheidet früh, und er entscheidet für alle sichtbar.
In Österreich ist dieser Mechanismus schwach, weil das Finanzierungsökosystem noch nicht reif genug ist, um ihn allein zu tragen. Deshalb ist Förderung richtig. Die Frage ist nicht ob, sondern wie und wann.
Und wo. Bei forschungslastigen Geschäftsmodellen ist öffentliche Frühphasenfinanzierung unverzichtbar. Wenn zwischen Labor und erstem Umsatz sieben Jahre liegen, gibt es keinen privaten Investor, der diese Lücke allein schließt. Genau dafür sind diese Programme gebaut.
Nur sind längst nicht alle Startups so gebaut. Viele Geschäftsmodelle brauchen wenig Kapital und sollten am Markt bestehen, oder eben nicht. Und die Grenze verschiebt sich gerade rapide. Was vor fünf Jahren ein Entwicklungsteam und zwei Jahre gekostet hat, baut heute ein kleines Team in Monaten. Wenn die Kosten der Umsetzung fallen, muss die Definition dessen, was echtes Deep Tech ist, laufend neu gezogen werden.
Ein Startup kann über die aws bis zu eine Million Euro erhalten, bis zu 90 Prozent der Projektkosten, bei der FFG bis zu 70 Prozent. Ein Teil davon ist erfolgsabhängig rückzahlbar, ein Teil überhaupt nicht.
Und der Fall, den sich alle wünschen, also das Startup wird erfolgreich, wächst und geht ins Ausland, endet damit, dass im besten Fall ein kleines Darlehen getilgt wird. Was spricht dagegen, dass zumindest ein Großteil der Fördersumme zurückgezahlt werden muss?
In Österreich zählen Förderungen längst zum Startup-Geschäftsmodell. Wer einen guten Förderantrag schreibt, hat damit über Jahre ein Gehalt gesichert. Belohnt dieses Modell Gründerinnen und Gründer, die gute Anträge schreiben, oder jene, die wirklich ins Risiko gehen wollen und auch aus eigener Kraft am Markt bestehen würden?
Was jetzt zu tun wäre
Erstens: die Instrumente. Öffentliches Geld sollte privates hebeln, statt es zu ersetzen. Staatliche Investmentmodelle wie die aws Venture-Capital-Initiative gehören ausgebaut: Der Staat partizipiert an der Rendite, ohne selbst Portfolio zu managen. Der Instrumentenmix sollte sich in Richtung Garantien, Nachrangdarlehen und Beteiligungen verschieben. Dazu rückzahlbare Modelle statt reiner Zuschüsse und höhere Eigenkapitalquoten: privates Kapital plus Förderung als Regel, nicht als Ausnahme.
Zweitens: die Gründungszahlen. Wir müssen die Gründungszahlen erhöhen und staatliches Kapital dafür einsetzen. Derzeit passiert das Gegenteil, viele Förderstellen reduzieren ihre Gründungsunterstützung. Ideal wäre ein bundesweites Gründungsstipendium über zwölf Monate, unabhängig von vorheriger Anstellung, mit der Möglichkeit, während des Bezugs zu gründen und Umsätze zu erzielen. Bestehende Angebote sind regional oder auf Arbeitslose beschränkt.
Drittens: die Administration. Förderentscheidungen dauern bis zu acht Monate. Zwei sollten verpflichtend sein. Anträge müssen während der Laufzeit adaptierbar sein, denn ein Pivot ist der Normalfall eines Startups und keine Abweichung. Behördliche Daten gehören automatisch weitergeleitet, Once-Only statt Mehrfacherfassung, Lump-Sum statt Belegsammeln. Bund und Länder brauchen eine einzige Antragsplattform. Und in der Frühphase sollte ein Pitch Deck statt umfangreichem Förderantrag genügen.
Das eigentliche Ziel ist ein System, das sich selbst überflüssig macht. Wenn Startups in Österreich irgendwann keine Förderung mehr brauchen, wäre das kein Sparerfolg. Es wäre der Beweis, dass ein Kapitalmarkt entstanden ist.