Wifo-Ökonom Christian Glocker ist Co-Autor der aktuellen Konjunkturprognose. Das erwartete Wirtschaftswachstum von 0,9 % ist für Glocker dabei eher die „Untergrenze“. Die Voraussetzungen hätten sich schneller und stärker verbessert als zuvor erwartet. Trotz der positiven Wirtschaftsentwicklung wird Österreich aber seine Defizit-Ziele verfehlen, auch werden die Reallöhne im heurigen Jahr um 1,5 % zurückgehen. Glocker sieht die Reallohnentwicklung als „zweischneidiges Schwert“: Einerseits begünstigt ein hoher Reallohnzuwachs den Konsum bestimmter Einkommensschichten, andererseits drücken höhere Löhne die preisliche Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Dadurch wird weniger produziert – und wird weniger produziert, sinken auch die inländischen Einkommen. „So beginnt sich der Teufelskreis zu drehen“, warnt Glocker.
Die Wifo-Konjunkturprognose liegt mit plus 0,9 % nahe an dem Ziel, das auch zu Jahresbeginn politisch ausgegeben wurde. Warum entwickelt sich die heimische Wirtschaft trotz Krisen und Unsicherheit so stabil?
Christian Glocker: Seit März haben wir die Wachstumserwartung von 0,9 % konstant gehalten. Zwar erschien der erwartete Anstieg im Juni sehr optimistisch, mittlerweile ist ein BIP-Wachstum von 0,9 % jedoch eher an der Untergrenze anzusetzen. In den Sommermonaten haben sich wichtige Vorlaufindikatoren sehr stark und überraschend schnell verbessert.
Diese betreffen vor allem die Industrie, die den wichtigsten entstehungsseitigen Sektor für die österreichische Konjunktur darstellt. Bei den Warenexporten zeigt sich ein sehr optimistisches Bild innerhalb und außerhalb der Europäischen Union. Das ist auch für uns eine Überraschung, denn wir haben in einem Umfeld derart hoher geopolitischer Unsicherheiten keine derart starke Verbesserung der Vorlaufindikatoren erwartet. In der österreichischen Industrie ist die Unsicherheit aber weiterhin hoch.
Die Industrie löst den öffentlichen Bereich laut Ihren Prognosen als Wachstumstreiber ab, zieht das weitere positive Effekte mit sich?
Die Belebung der österreichischen Industriekonjunktur wirkt sich auf viele andere Wertschöpfungsbereiche aus. Unmittelbar betroffen sind viele Marktdienstleistungsbereiche, zum Beispiel der Handel, der Verkehr und andere unternehmensnahe Dienstleistungen sowie sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen. Durch die Industriebelebung erfahren auch die Nachfragebereiche positive Impulse, unter anderem jener der Investitionen, die sowohl durch Ersatz- als auch durch Erweiterungsinvestitionen angeregt werden.
Aus welchen Sektoren speist sich das Wachstum der Industrie, wie diversifiziert ist der Aufschwung?
Hinter der Belebung der Industriekonjunktur verbirgt sich eine Zweiteilung. Im Konsumgüterbereich gibt es bestenfalls eine Stagnation. Die Belebung ist hingegen sehr stark auf den Bereich der Vorleistungen und Investitionsgüter fokussiert, die den Großteil der heimischen Warenexporte ausmachen.
In den letzten vier Jahren hat der Nachfragemangel die Produktion dieser Güter stark gehemmt. Das verbessert sich jetzt. In der Konsumgüterindustrie stellt er jedoch nach wie vor ein wichtiges Produktionshemmnis dar. Leider berichten noch immer 51 % der Unternehmen von deutlichen produktionshemmenden Faktoren. Während der Nachfragemangel als Produktionshemmnis etwas an Bedeutung verliert, treten Material- und Arbeitskräftemangel nun stärker auf. Vor allem im Baugewerbe ist der Arbeitskräftemangel ein ähnlich wichtiger Produktionshemmer wie der Nachfragemangel, der nun rückläufig ist
Steigt der Preis eines Faktors, wird bei diesem Faktor eingespart.
Christian Glocker
Die Arbeitslosigkeit ist zuletzt wieder gestiegen. Gleichzeitig nennen Sie Arbeitskräftemangel als Produktionshemmnis, wie passt das zusammen?
Diese Kluft zwischen steigenden Arbeitslosenzahlen und Arbeitskräftemangel ist seit Jahrzehnten ein Problem. Entscheidend ist hier das Qualifikationsprofil der Arbeitslosen im Verhältnis zu den vonseiten der Firmen nachgefragten Arbeitskraftformen und -qualifikationen, wo es zunehmend eine Diskrepanz gibt.
Am Arbeitsmarkt gibt es derzeit zwar gute Signale der Vorlaufindikatoren, insgesamt ist die Entwicklung jedoch noch verhalten. Wir erwarten keine dynamische Beschäftigungsentwicklung, weder in der Industrie noch im Bereich der Marktdienstleistungen – und auf keinen Fall im Baugewerbe. Die Industrie versucht weiterhin, Arbeitskräfte einzusparen, was sich immer noch als Folge der kräftigen Lohnzuwächse der letzten Jahre ergibt. Das ist ein Grundprinzip der ökonomischen Theorie: Steigt der Preis eines Faktors, wird bei diesem Faktor eingespart. Das zeigt sich hier sehr deutlich. Außerdem ist der Arbeitsmarkt in der Regel ein nachlaufender Markt. Erst wenn es über einen längeren Zeitraum gut läuft, hat das positive Effekte auf dem Arbeitsmarkt – das dauert oft bis zu einem Jahr.
Laut Konjunkturprognose entwickeln sich die Reallöhne negativ, Wifo-Chef Felbermayr sagte dazu: „Österreich produziert zwar mehr, kann sich aber weniger leisten“. Wie viel vom Wirtschaftsaufschwung wird bei der Bevölkerung ankommen?
Die Reallohnentwicklung ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits würde ein hoher Reallohnzuwachs den Konsum bestimmter Einkommensschichten deutlich positiv beeinflussen – vor allem jener, die über keine hohen Ersparnisse verfügen. Andererseits beeinflussen die Löhne unmittelbar die preisliche Wettbewerbsfähigkeit, vor allem die der exportorientierten Industriebetriebe. Über diesen Pfad ergibt sich insgesamt ein negativer Nachfrageimpuls für die österreichische Wirtschaft, da weniger produziert wird. Wird weniger produziert, sinken die inländischen Einkommen.
In den Vorjahren hat sich aufgrund der hohen Unsicherheit eine sehr hohe Ersparnisbildung gezeigt. Auf dieser Grundlage gäbe es eine sehr gute Basis für eine dynamische Konsumentwicklung. Der Reallohn ist für sich genommen jedoch keine wirklich starke Bestimmungsgröße für den Konsum des Großteils der privaten Haushalte. Viel wichtiger sind die Ersparnisbildungen.
Eine Lohnmoderation hat unmittelbar vorteilhafte Effekte auf die Lohnstückkosten.
Christian Glocker
Wird der Inflationsentwicklungen in den KV- und Gehaltsverhandlungen zu hohes Gewicht beigemessen? Oft wird auch der BIP-Deflator als Alternative genannt. Braucht es eine Einigung auf eine andere Nenngröße?
Meiner Meinung nach werden bei der Lohnfindung die inländischen Verbraucherpreis-Inflationskennzahlen zu stark berücksichtigt. Zu bedenken ist, dass über zwei Drittel der Güter im Verbraucherpreisindex (VPI) importiert sind. Der VPI spiegelt also die Preise der im Inland produzierten Güter und Dienstleistungen nur teilweise wider. Die Preisdynamik in der heimischen Industrie ist zudem deutlich schwächer als die der Güter im VPI. Ein exportorientierter Bereich wie die Industrie sollte nicht Gefahr laufen, seine Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen, wenn starke Preisanstiege im Inland infolge hoher Importpreise mit hohen Forderungen bei der Lohnanpassung verknüpft werden.
Das Problem alternativer Inflationsmaße ist, dass sie revidiert werden. Der VPI wird nicht revidiert und bietet daher eine stabile Verhandlungsbasis. Der BIP-Deflator unterliegt beispielsweise oft sehr großen Revisionen, auch Jahre im Nachhinein.
Hat sich die teilweise Lohnzurückhaltung im letzten Jahr positiv ausgewirkt?
Die Sozialpartner haben die besten Einblicke in die jeweiligen Sektoren. Daher gibt es die lange Tradition, ihnen die Verhandlungen zu überlassen. Es zeigt sich jedoch, dass eine Lohnmoderation unmittelbar vorteilhafte Effekte auf die Lohnstückkosten hat. Und die Lohnstückkosten sind ein wichtiges Maß für die preisliche Wettbewerbsfähigkeit exportierter Güter. Der Export ist mit Abstand die wichtigste Nachfragekomponente der Wirtschaft und macht 60 % des BIP aus.
Am Ende des Tages gilt: Ein Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit erschwert den Absatz. Somit wird dann auch im Inland weniger produziert und die inländischen Einkommen sinken entsprechend. So beginnt sich der Teufelskreis zu drehen.
Sollte man im Zweifelsfall also die Exportseite bevorzugen?
Die inländische Wirtschaft profitiert insgesamt sehr stark vom Export. Nicht nur weil der Warenexport die Industriekonjunktur prägt, sondern auch weil über den Dienstleistungsexport auch der Reiseverkehr eine sehr große Bedeutung hat. Im laufenden Jahr sehen wir hier eine dynamische Entwicklung. Alleinig den Export als wichtigste Zielgröße heranzuziehen, greift aus meiner Sicht aber dennoch zu kurz.
Trotz stärker wachsender Wirtschaft werden die Budgetziele voraussichtlich nicht eingehalten werden können, warum?
Wir orientieren uns stets an den bereits beschlossenen Maßnahmen. Gemäß unserer Einschätzung der Wirkung dieser Maßnahmen auf die Wirtschaft insgesamt – und in der Folge auch auf das öffentliche Budget – gibt es keine Hinweise darauf, dass das Budgetdefizit stärker sinken könnte als in unseren Zahlen berücksichtigt.
Es darf nicht aus den Augen verloren werden, dass der öffentliche Sektor einen wichtigen Beitrag zur Sicherstellung der makroökonomischen Stabilität leistet. Es gibt zahlreiche Beispiele aus den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten, die das belegen. Griechenland und Portugal sind nur zwei davon. Auch die lateinamerikanische Schuldenkrise war geprägt von einem makroökonomischen Umfeld, das massiv negativ vom öffentlichen Sektor beeinflusst wurde, weil die Budgets komplett aus dem Ruder gelaufen sind. Ein solches schlechtes makroökonomisches Umfeld zeigt sich nicht nur in hohen Arbeitslosenquoten, sondern auch in vielen sozialen Indikatoren wie einer Verschlechterung der Gesundheitsindikatoren, einem Anstieg der Armut und so weiter.
Ein wichtiger Aspekt der Wirtschaftspolitik muss deshalb darin bestehen, den öffentlichen Sektor stabil und handlungsfähig zu halten, um die makroökonomische Stabilität zu gewährleisten.
Welche Rolle spielt der Anstieg der Finanzierungskosten?
Ein Blick nach Frankreich zeigt, dass sich eine negative Wahrnehmung auf den Finanzmärkten auswirkt. Zwar kaufen große Banken und Investoren weiterhin Anleihen des französischen Staates, verlangen hierfür jedoch einen deutlich höheren Risikoaufschlag. Das hat einen unmittelbaren negativen Effekt auf die Refinanzierung der französischen Staatsschulden, da höhere Zinsen für diese Anleihen zu zahlen sind. Das wiederum erschwert die Konsolidierung. Daher ist eine Konsolidierung des öffentlichen Sektors auch in Österreich unbedingt notwendig. Auch, um zu verhindern, dass sich Entwicklungen wie in Frankreich auf Österreich übertragen. Dies ist jedoch nicht nur Aufgabe der Bundesregierung, sondern auch aller darunterliegenden Institutionen der Länder, der Gemeinden und der Sozialversicherungsträger.
Der Weg der Konsolidierung wurde in Österreich bereits eingeschlagen. Die Frage ist: Ist er stark genug ausgerichtet? Das hängt auch immer damit zusammen, inwieweit eine Regierung handlungsfähig ist. Das ist im aktuellen Umfeld in Österreich eine schwierige Frage.
Das sind also nicht die besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Beenden des ÜD-Verfahrens.
Das ist auch exakt das Umfeld in Frankreich: In der Nationalversammlung (Assemblée nationale) herrscht eine Pattstellung zwischen den Parteien, sodass sich die Umsetzung von Konsolidierungsprogrammen als sehr herausfordernd erweist. Eine stabile Regierung mit einer stabilen Mehrheit ist eine Grundvoraussetzung dafür – daran muss gearbeitet werden.