Sonja Ziganek, Gesamtleitung Werte und Arbeit beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) © ÖIF / Eugenie Sophie / Montage: Selektiv
Sonja Ziganek, Gesamtleitung Werte und Arbeit beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) © ÖIF / Eugenie Sophie / Montage: Selektiv
Interview

Integrationsexpertin: „Sozialleistungen können Arbeitsanreiz senken“

Sonja Ziganek, Gesamtleitung Werte und Arbeit beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF), spricht über die Integration von Flüchtlingen und subsidiär Schutzberechtigten in den österreichischen Arbeitsmarkt. Sie erklärt, warum sich viele Zugewanderte in Wien konzentrieren, welche Rolle Sozialleistungen, Wohnraum und soziale Netzwerke dabei spielen und warum die Beschäftigungsquoten außerhalb Wiens teilweise deutlich höher liegen. Ziganek spricht außerdem über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei der Arbeitsmarktintegration, die Bedeutung von Deutschkenntnissen und Alphabetisierung sowie die Frage, wie rasch der Einstieg in Beschäftigung gelingen kann.

Drei Viertel der arbeitsuchenden oder in Schulungen befindlichen Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigten leben in Wien. Gleichzeitig sind die Sozialleistungen dort vergleichsweise hoch, während in Westösterreich viele Stellen unbesetzt sind. Gibt es hier Fehlanreize für die regionale Verteilung von Flüchtlingen am Arbeitsmarkt?

Sonja Ziganek: Warum sich Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte in Wien konzentrieren, lässt sich nicht auf einen einzelnen Faktor zurückführen. Eine OECD-Studie stützt etwa die Annahme, dass regionale Unterschiede bei Sozialleistungen einen Fehlanreiz darstellen können. Gleichzeitig beeinflussen auch soziale Netzwerke und Communities, leistbarer Wohnraum und Betreuungsangebote, wo sich Menschen niederlassen. Die Daten sprechen jedoch dafür, dass finanzielle Anreize eine Rolle spielen können und sich die regionale Verteilung derzeit nicht zwingend an jenen Regionen orientiert, in denen die Beschäftigungschancen am besten sind. Die OECD hält etwa fest, dass höhere familienbezogene Sozialleistungen in Wien Zuzüge begünstigen können, die nicht mit einer Beschäftigungsaufnahme verbunden sind. 52 Prozent der Flüchtlinge, die aus anderen Bundesländern nach Wien ziehen, nennen höhere Sozialleistungen als einen Grund für den Umzug. Gleichzeitig nennen 67 Prozent Beschäftigungsmöglichkeiten als Grund für den Umzug nach Wien.

Eine ÖIF-Studie zu den Erwerbsverläufen von Flüchtlingen zeigt allerdings ein anderes Bild bei den Beschäftigungsergebnissen: Flüchtlinge (mit Ankunftsjahr 2015/16), die sich außerhalb Wiens niederließen, erreichten Beschäftigungsquoten von rund 78 bis 86 Prozent. Bei Personen mit Fluchthintergrund in Wien lagen diese je nach vorheriger Wohnregion hingegen nur bei rund 55 bis 61 Prozent. Auch beim durchschnittlichen Erwerbseinkommen von Personen mit Fluchthintergrund schnitt Wien am niedrigsten ab.

Syrer, Somalier und Afghanen weisen die höchsten Arbeitslosenquoten auf, bei Frauen ist die Arbeitslosigkeit nochmals deutlich höher. Was zeigen die ÖIF-Daten zu den Ursachen?

Die ÖIF-Erwerbsverläufe zeigen, dass die Beschäftigung mit zunehmender Aufenthaltsdauer deutlich steigt, bei Frauen jedoch wesentlich langsamer als bei Männern: Bei den 2015/16 nach Österreich gekommenen Flüchtlingen waren nach acht bis neun Jahren rund 77 Prozent der Männer, aber erst rund 40 Prozent der Frauen beschäftigt.

Bei der hohen Arbeitslosigkeit von Personen aus Syrien, Afghanistan und Somalia – insbesondere von Frauen – sind mehrere Faktoren relevant. Dazu zählen ein hoher Alphabetisierungsbedarf, niedrige formale Qualifikationen und geringe bisherige Erwerbserfahrung. Bei den zwischen 2022 und 2024 neu anerkannten Flüchtlingen und subsidiär Schutzberechtigten, die einen ÖIF-Deutschkurs besuchten, hatten rund zwei Drittel Alphabetisierungsbedarf. 44 Prozent davon waren auch in ihrer eigenen Muttersprache nicht alphabetisiert. Bei Frauen kommen im Durchschnitt mehr Kinder und damit verbundene Betreuungsverpflichtungen hinzu.

Des Weiteren kann insbesondere bei größeren Familien im Einzelfall der finanzielle Abstand zwischen Sozialleistungen und dem Einkommen aus einer Beschäftigung gering ausfallen. Das kann den finanziellen Anreiz für die Aufnahme einer Beschäftigung verringern.

Erwerbstätigkeit ist auch mit geringen Deutschkenntnissen möglich

Sonja Ziganek

Reichen 15 Wochenstunden Deutschkurs aus, um Menschen schnell arbeitsmarktfähig zu machen, oder ist das viel zu wenig? Und wie könnte man die Kursintensität erhöhen, ohne dass automatisch höhere Kosten bei Beihilfe zur Deckung des Lebensunterhalts entstehen?

Grundsätzlich sollten Deutschlernen und Arbeiten nicht nacheinander stattfinden. Ziel muss sein, Menschen möglichst rasch in Beschäftigung zu bringen und das Deutschlernen bei Bedarf berufsbegleitend fortzusetzen. Der ÖIF bietet dafür berufsbegleitende und digitale Deutschlernangebote an. Welche Kursintensität sinnvoll ist, hängt von den individuellen Lernvoraussetzungen, dem Sprachniveau und einem möglichen Alphabetisierungsbedarf ab. Die Erfahrungen aus den ÖIF-Deutschkursen zeigen zudem: Entscheidend ist nicht allein die Zahl der Präsenzstunden, sondern wie intensiv die gesamte Lernzeit genutzt wird. Regelmäßige Teilnahme, eigenständiges Üben und die Anwendung der Sprache im Alltag sind wichtige Voraussetzungen für rasche Fortschritte. Gerade Beschäftigung kann dabei helfen, Deutsch im beruflichen Alltag regelmäßig anzuwenden und weiterzuentwickeln. Der ÖIF hat sein Kurssystem im April 2026 entsprechend weiterentwickelt. Präsenzunterricht wird mit verbindlichen Selbstlernzeiten kombiniert, während Lernfortschritte und Lernbeteiligung begleitet werden. Von den Teilnehmern wird damit eine aktive und kontinuierliche Mitwirkung erwartet.

Bei Personen mit AMS-Schulungsauftrag ist die Kursintensität derzeit im Regelfall auf maximal 15 Wochenstunden begrenzt. Grund dafür ist die mögliche Beihilfe zur Deckung des Lebensunterhalts (DLU), die bei einem höheren Stundenausmaß zusätzliche Kosten für das AMS verursachen kann. Der ÖIF hat wiederholt angeregt, für bestimmte Zielgruppen eine höhere Kursintensität zu ermöglichen. Im Regierungsprogramm 2025–2029 ist die Abschaffung der DLU vorgesehen

Drei Viertel der arbeitslosen Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigten haben lediglich einen Pflichtschulabschluss, nur rund 19 % verfügen über eine höhere oder akademische Ausbildung. 2025 hatten zudem 40 % der neu Anerkannten zunächst Alphabetisierungsbedarf, bevor sie mit dem Deutscherwerb beginnen konnten. Wie realistisch ist angesichts dieser Ausgangslage eine erfolgreiche Integration in den österreichischen Arbeitsmarkt, und in welchen Bereichen sehen Sie dabei das größte Potenzial?

Entscheidend ist, Deutschlernen und Arbeiten möglichst eng miteinander zu verbinden. Eine ÖIF-Befragung unter Teilnehmern von ÖIF-Deutschkursen zeigt, dass Erwerbstätigkeit grundsätzlich auch mit geringen Deutschkenntnissen möglich ist. Selbst unter jenen, die maximal einen A1-Deutschkurs besucht hatten, gaben 79 Prozent an, bereits zumindest einmal in Österreich gearbeitet zu haben. Insgesamt waren es 68 Prozent.

Deutschlernen und der Einstieg in Beschäftigung sollten daher nicht als zwei aufeinanderfolgende Schritte verstanden werden. Beides sollte möglichst parallel stattfinden. Gerade in Branchen mit hohem Arbeitskräftebedarf und Einstiegsmöglichkeiten auch bei geringeren formalen Qualifikationen gibt es dafür Potenzial. Im Jahresdurchschnitt 2025 waren knapp 82.000 Personen aus den sechs Hauptherkunftsländern von Flüchtlingen und subsidiär Schutzberechtigten unselbstständig beschäftigt. Besonders viele arbeiten in der Beherbergung und Gastronomie, im Handel, in der Warenherstellung, bei sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen sowie in Verkehr und Lagerei. Auch das Gesundheits- und Sozialwesen sowie das Bauwesen sind wichtige Beschäftigungsbereiche. Gerade in diesen Branchen bestehen Möglichkeiten, früh in Beschäftigung einzusteigen und gleichzeitig die Deutschkenntnisse weiter zu verbessern. Das kann dabei helfen, Deutschlernen und den Einstieg in den Arbeitsmarkt miteinander zu verbinden.

Losgelöst von der Fluchtmigration: Welche Möglichkeiten sehen Sie grundsätzlich, um den qualifizierten Zuzug nach Österreich zu erhöhen? Gibt es dafür aus Ihrer Sicht internationale Best-Practice-Beispiele, an denen sich Österreich orientieren könnte?

Für eine nachhaltige Integration ist entscheidend, dass internationale Fachkräfte ihre vorhandenen Qualifikationen in Österreich rasch einsetzen können. Genau hier setzt das ÖIF-Integrationsservice für Fachkräfte an: Internationale Fachkräfte und ihre Familien erhalten individuelle Beratung zum Leben und Arbeiten in Österreich, zu Deutschlernmöglichkeiten und zur Anerkennung ihrer beruflichen Qualifikationen sowie Informationen zu den jeweils zuständigen Fachstellen. Der ÖIF bietet berufsbegleitende und branchenspezifische Deutschkurse an. Zudem unterstützt er bei Fragen zur Berufsanerkennung und kann unter bestimmten Voraussetzungen Kosten für Anerkennungsbescheide, Bewertungen und Übersetzungen fördern.

Wie schwierig ist die Anerkennung ausländischer Qualifikationen und Berufserfahrung für Unternehmer, die nach Österreich zuwandern und hier ihr bisheriges, gegebenenfalls reglementiertes Gewerbe fortführen möchten?

Ob und in welcher Form eine im Ausland erworbene Qualifikation anerkannt werden muss, hängt vom jeweiligen Beruf beziehungsweise Gewerbe ab. Gerade bei reglementierten Tätigkeiten können unterschiedliche rechtliche Voraussetzungen und Nachweise erforderlich sein. Welche Anforderungen gelten, entscheiden die jeweils zuständigen Behörden und Stellen. Wichtig ist daher, dass zugewanderte Unternehmer möglichst früh wissen, welche Voraussetzungen sie erfüllen müssen und welche Schritte dafür notwendig sind. Unterschiedliche Ausbildungssysteme, fehlende Nachweise oder notwendige Übersetzungen können Anerkennungsverfahren komplex machen. Der ÖIF bietet hier Orientierung und Beratung zur Anerkennung ausländischer Qualifikationen und unterstützt dabei, die zuständigen Stellen und die nächsten notwendigen Schritte zu identifizieren.