Johannes Benigni ist Direktor von JBC Vienna © Benigni | Montage: Selektiv
Johannes Benigni ist Direktor von JBC Vienna © Benigni | Montage: Selektiv
Interview

Energie-Experte: „Werden der Reihe nach Flugabsagen sehen“

Energie-Experte Johannes Benigni von JBC Vienna erwartet aufgrund eines drohenden Flugtreibstoff-Mangels „der Reihe nach Flugabsagen“, da Europa „zu einem hohen Grad“ von Kerosin-Importen abhängig ist. Standorte in Großbritannien, den Niederlanden und Island sind laut Benigni am stärksten betroffen. Die „AccelerateEU“-Strategie der EU-Kommission sieht er als „verzweifelten Versuch“, die aktuellen Entwicklungen kontrollieren zu wollen. „Die EU sollte sich also besser darauf konzentrieren, dass sie eine gewisse Menge an Produktionskapazitäten innerhalb der EU aufrechterhält und Betriebe nicht zwingt, zuzusperren“, so der Direktor von JBC Vienna. In den letzten 15 Jahren hätten 25 Raffinerien aufgrund immer schärferer Auflagen schließen müssen, statt „Planwirtschaft“ zu betreiben müsse man jetzt den Markt arbeiten lassen.

Der Dieselpreis ist von seinem Höhepunkt Ende März von 2,245 Euro Diesel auf derzeit 1,845 Euro gesunken – ein Rückgang um 40 Cent bzw. 18 %. Der Ölpreis schwankt aber weiterhin rund um die 100 Dollar Marke. Was erklärt also den Rückgang an der Zapfsäule?

Johannes Benigni: Der Rohölpreis von 90 oder 100 Dollar pro Fass sagt leider nicht alles. Der Ölpreis ist komplexer. Der tatsächliche Rohölpreis für die Referenzsorte Brent ist 20 Dollar höher als der Rohölpreis/Futures Notierung. Andere Rohölsorten haben zudem einen Aufschlag bzw. eine Prämie gegenüber Brent von ungefähr 10 bis 20 Dollar. Diese Aufpreise/Differentials spiegeln momentan die Knappheit im Markt wider. Sie tanken aber kein Rohöl, sondern das Rohöl muss erst von einer Raffinerie verarbeitet werden und bei den von der Raffinerie verarbeitenden Produkten sind vor allem die Preise für Diesel und Flugtreibstoff durch die Decke gegangen. Diese haben sich wieder etwas entspannt, dennoch ist diese Marge nach wie vor deutlich höher als alles, was wir in der Vergangenheit wahrgenommen haben. Von Anfang bis Mitte April waren die internationalen Benzinnotierungen im Vergleich zum Rohölpreis negativ – auch das ist ungewöhnlich. Normalerweise hat man eine positive Marge, wenn man Benzin herstellt. Wenn jetzt gewisse Marktteilnehmer nicht die vollen 5 Cent plus Umsatzsteuer an den Konsumenten weitergeben können, dann wundert mich das nicht. Die internationalen Benzin-Notierungen haben das meines Erachtens gar nicht hergegeben, daher sieht man wie komplex alles ist.

Inwiefern wirkt die „Spritpreisbremse“ noch, wenn bereits erste Unternehmen die Margenbeschränkung einschränken?

Mit dem Ziel der Inflationsreduktion ist die Spritpreisbremse eine sinnvolle Maßnahme, weil z.B. Frächter aufgrund der Dieselpreisanstiege sehr stark betroffen sind und Schwierigkeiten haben, diese Preise weiterzugeben. Wenn doch die Energiepreise weitergegeben werden, werden andere Produkte teurer und die Inflation steigt dann. Ich hätte mir eine rasche Reduktion der Steuer bei Benzin und Diesel gewünscht. Im Hinblick auf die Margenreduktion war die Verordnung aber ein bisschen theoretisch. Die Tankstellenbetreiber haben für gewöhnlich eine Gewinnmarge von 1,5 Cent pro Liter – hier 5 Cent wegnehmen wird nicht funktionieren. Wenn man glaubt, bei den Raffinerien gäbe es etwas zu holen, darf man nicht vergessen, dass eine Raffinerie nicht nur ein Produkt herstellt, sondern das Rohöl in einer Kuppelproduktion verarbeitet wird. Wie bereits erwähnt, gibt es bei Benzin teils negative Margen. Deswegen ist die Berechnung eines „angemessenen Gewinnes“ gar nicht so einfach. Einfacher wäre es für den Staat jedenfalls, als Eigentümer der OMV auf die Dividende der OMV zu warten als hier in den Markt einzugreifen und diesen zu stören.

Am Montag hat die OMV die erste Tranche Rohöl aus der strategischen Reserve angekauft, wird das einen Effekt haben?

Die koordinierte Freigabe der strategischen Ölreserven muss man als Aktion der internationalen Solidarität verstehen. Im globalen Süden gibt es ein Versorgungsproblem, da die Hauptquelle der Rohöllieferung aus dem Mittleren Osten weggebrochen ist. Rohöl aus der strategischen Reserve freizugeben, führt dazu, dass die Raffinerie ein bisschen weniger am internationalen Markt einkauft und vielleicht eine Schiffsladung Rohöl weniger vom internationalen Markt beziehen muss. Diese Schiffsladung kann dann ein anderer internationaler Marktteilnehmer kaufen. Diese internationale Solidarität hatte mit Österreich per se nicht unbedingt etwas zu tun da Österreich derzeit nicht von einem Versorgungsengpass der physischen Ware Rohöl betroffen ist.

Die Druschba-Pipeline ist seit gestern wieder in Betrieb, welche Mengen Öl können über diese nach Europa transportiert werden?

Die Pipeline ist relativ groß und kann bis zu 2 Millionen Fass pro Tag transportieren. Der südliche Strang der Pipeline versorgt Ungarn und die Slowakei. Der nördliche Strang versorgt u.a. die PCK-Raffinerie im deutschen Schwedt. Russland will den Transit von kasachischem Rohöl ab Mai 2026 über diesen Strang aber einstellen. Hier wird dann die Frage sein, ob sich Deutschland in der Gegend um Berlin mit ausreichend Treibstoff versorgen wird können. Der südliche Teil der Druschba-Pipeline, der eben Ungarn und die Slowakei versorgt, war seit Anfang Jänner aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen unterbrochen. Diese Versorgung ist jetzt wieder hergestellt, was diesen Ländern sehr hilft, aber das Gesamtbild in Europa nicht verändert.

Ich bin bei Planwirtschaft immer sehr skeptisch.

Johannes Benigni

Luftlinien streichen bereits zehntausende Flüge und die IEA warnt seit Wochen vor dem größten Engpass in der Geschichte. Wie steht es um die Kerosinversorgung Europas?

Europa benötigt täglich ungefähr 1,5 Mio. Fass an Flugtreibstoff. Ein Drittel davon importieren wir, 375.000 Fass davon aus dem Mittleren Osten. Wir sind also zu einem hohen Grad abhängig. Standorte in Großbritannien, den Niederlanden und Island sind stärker betroffen. Die Folgewirkung ist, dass wir der Reihe nach Flugabsagen sehen werden. Selbst wenn die Raffinerien im Mittleren Osten bald wieder produzieren könnten, wird es dauern, bis die Produkte bei uns eintreffen. Das hängt aber davon ab, ob und wann die Straße von Hormus wieder geöffnet wird. Aus heutiger Sicht ist das nicht absehbar.

Die EU-Kommission will jetzt eine Beobachtungsstelle für Kraftstoffe einrichten, um mögliche Engpässe schnell identifizieren zu können und Raffineriekapazitäten zu koordinieren. Das wird an den Engpässen aber an sich noch nichts ändern?

Das ist ein verzweifelter Versuch der EU, zu kontrollieren. Immer schärfere Auflagen und Umweltbestimmungen der EU führen aber dazu, dass Raffinerien bei uns geschlossen werden. In den letzten 15 Jahren mussten 25 Raffinerien schließen. Die EU sollte sich also besser darauf konzentrieren, dass sie eine gewisse Menge an Produktionskapazitäten innerhalb der EU aufrechterhält und Betriebe nicht zwingt, zuzusperren.

Ich bin bei Planwirtschaft immer sehr skeptisch. Was den Markt leitet, sind Preissignale. Diese Preissignale sind derzeit gut sichtbar. Jeder der kann, wird versuchen, Produkte mit einer guten Marge herzustellen – denn man kann derzeit gut Geld mit Diesel und Flugtreibstoff verdienen.

Die Idee, gemeinschaftlich einzukaufen, hat beim Gasmarkt schon nicht wirklich funktioniert. Professionelle Marktteilnehmer wissen selbst, wo sie einkaufen müssen. Dazu brauchen sie die Politiker nicht. Bei Entwicklungsländern findet man noch Government to Government (G-to-G) Deals. Wenn sich aber die Politik eines hochentwickelten Industrielandes in die Beschaffung einmischt und versucht, Händchen zu halten, dann ist das maximal ein Armutszeichen. Erinnern Sie sich an die Reise einer ehemaligen österreichischen Ministerin nach Abu Dhabi, um eine Cargo Gas einzukaufen – das war kontraproduktiv und mutet für jeden professionellen Marktteilnehmer sonderlich an.

Der nationale Sicherheitsberater und Krisenkoordinator Peter Vorhofer hat diese Woche drei Empfehlungen ausgesprochen: Die Gasreserve verlängern; Gaskraftwerke verpflichten, Mengen bereitzuhalten; und die immunisierten Mengen als Anreiz zur Selbstversorgung ebenfalls beizubehalten. Wie ordnen Sie diese Vorschläge ein?

Das, was er sagt, unterschreibe ich alles. Die strategische Gasreserve sollte bis 2030 weiter aufrechterhalten bleiben, da wir in den nächsten Jahren mit der TurkStream-Pipeline in eine heikle Situation kommen werden. Die Frage ist, ob diese Pipeline nach dem Abdrehen des russischen Gases weiterhin Ungarn, die Slowakei und die Ukraine wird beliefern können. Wenn diese Nachfrage dann über Österreich bedient werden muss, kann es natürlich zu Engpässen bei uns kommen. Vor allem die Nachfrage aus der Ukraine könnte deutlich wachsen. Nach 2030 sollte man sich ein Konzept überlegen, dass nicht der Staat diese strategische Reserve zu halten und zu bezahlen hat, sondern dass die Energieversorger genügend Mengen vorhalten müssen. Derzeit müssen sie das nur für 30 Tage, diese Zahl sollte man erhöhen, dazu müsste man die Finanzierung klären.

Wenn sich nichts ändert, werden die Preise Richtung 100 Euro pro Megawattstunde gehen.

Johannes Benigni

Die Gaspreise liegen bis Jahresende bei 42-43 Euro pro Megawattstunde (MWh). Sollte mit dem Wiederbefüllen der Gasspeicher zugewartet oder bereits begonnen werden?

Sie können sich vorstellen, dass das sehr schwierig zu beurteilen ist. Mit dem Wegfall der Volumina aus Katar hat sich der Gas-Markt grundlegend verändert. Dadurch sind 100 Milliarden Kubikmeter Gas weggefallen. Für heuer wurde ursprünglich mit einem Überangebot gerechnet und dass die Preise von 30-35 Euro/MWh auf 20-25 Euro/MWh fallen würden. Sollten die Kataris mit Gasmengen relativ flott zurückkommen können, dann könnten wir wieder mit einem Preis von rund 30 Euro/MWh rechnen. Wenn das nicht der Fall ist, dann haben wir eine deutliche Verknappung im Markt. Wenn sich nichts ändert, werden die Preise wahrscheinlich Richtung 100 Euro/MWh gehen. Die USA können die fehlenden Mengen nicht ausgleichen. Es gibt abseits von Katar nur mehr einen Lieferanten, der Erdgas liefern könnte – und das ist Russland. Momentan sehe ich nicht die Bereitschaft in der Europäischen Union, dass man pragmatisch ist und die Sanktionen lockert. Hier erkennt man den Unterschied zu einer führungsfähigen Nation wie den USA. Obwohl Donald Trump Krieg gegen den Iran führt, hat er bereits im ersten Kriegsmonat sowohl iranisches als auch russisches Rohöl von Sanktionen befreit, um einen zu starken Preisanstieg in Amerika zu verhindern.

Wie würden sich die Gaspreise ändern, wenn die Sanktionen gegen Russland aufgehoben werden würden?

Es wäre preisdrückend, wenn wir russisches Gas hätten. Dadurch würden auch unsere Industrie-Strompreise deutlich billiger werden. Hätten wir russisches Gas, lägen die Preise bei 15-20 Euro pro Megawattstunde. Ohne russisches Gas haben wir 30 Euro bezahlt und derzeit zahlen wir 40 oder 50 Euro. Je nachdem, wie sich die Situation entwickelt, könnte das noch deutlich mehr werden.

Die Iraner sitzen derzeit am längeren Ast.

Johannes Benigni

Die Straße von Hormus ist weiterhin geschlossen, sowohl der Iran als auch USA schränken die Durchfahrt ein. Die USA haben einseitig den Waffenstillstand verlängert. Ist weiterhin kein gesichtswahrender Ausweg für die USA möglich?

Die Iraner sitzen derzeit am längeren Ast. Es wird jetzt versucht, den Konflikt auszusitzen. Neben dem Globalen Süden werden die Araber aber früher Probleme bekommen, weil sie nicht mehr ausreichend versorgt werden können. Donald Trump hat den Waffenstillstand verlängert, weil die Alternative weltwirtschaftlich sehr fatal ist und sein dritter Flugzeugträger noch nicht im Arabischen Meer angekommen ist. In den kommenden Wochen wird es zudem in der Region immer heißer, was eine groß angelegte Bodeninvasion doch eher unwahrscheinlich macht.  Die Iraner reizen das aus, weil sie glauben recht gute Karten zu haben und Donald Trump sich sehr schwer tut, aus der Situation rauszukommen und behaupten zu können, dass er gewonnen hat. Es ist momentan schwer darstellbar, dass irgendjemand als Sieger hervorgeht.

Welche Chance sehen Sie in Friedensverhandlungen?

Friedensverhandlungen sind alternativlos. Die Straße von Hormus ist ein sehr öffentlichkeitswirksames Thema, aber bei den Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA wird das Nuklearmaterial ein Hauptthema sein. Ende Februar vermeldete der Oman „bedeutende Fortschritte“ bei den von ihm moderierten Verhandlungen. Der Iran war damals quasi bereit, die Anreicherung des Nuklearmaterials auf dem niedrigsten Niveau zu halten, sodass dieses nur mehr als Brennstoff für zivile Zwecke verwendbar ist. Wenige Tage später kam es trotzdem zum Angriff durch Israel und die USA. Das sagt uns, dass dieser Krieg vorher schon beschlossene Sache war. Ich erachte es nun als sehr schwierig, dass die USA mit größeren Forderungen in Verhandlungen durchdringen können. Insofern werden sie versuchen, den Konflikt zu begraben, diesen Waffenstillstand endlos weiterzuschreiben und irgendwann auch die Blockaden einzustellen.