Ricardo-José Vybiral erwartet für das laufende Jahr in etwa gleich viele Insolvenzen wie im Vorjahr – auch, weil viele „besonders kritische“ Insolvenzen schon stattgefunden hätten. Weniger als die Hälfte der österreichischen Unternehmen sieht sich derzeit in einer guten oder sehr guten Geschäftslage. Denn Unternehmer hätten immer mehr Bälle zu jonglieren – „Zwei bis drei Bälle gehen ganz gut, wenn es jetzt aber vier oder fünf Bälle werden, wird es heikel“, so Vybiral. Er identifiziert im Selektiv-Interview vier Problemfelder: Kostensteigerungen, Personalmangel, überbordende Regulatorik und wegfallende Förderungen – während gleichzeitig keine strukturellen Reformen angegangen werden. Die Budgetkonsolidierung werde von der Regierung nur als „taktische Aufgabe“ verstanden, um das Defizitverfahren zu beenden. „Das ist zwar sinnvoll, aber auch nur ein Kurzstreckenlauf. Österreich braucht aber einen Langstreckenlauf, da den Unternehmen das Vertrauen in die Zukunft fehlt“, so der KSV1870-CEO.
Im Vorjahr wurde ein neuer Insolvenzrekord geknackt – 6.810 Unternehmen mussten Insolvenz anmelden, ein Anstieg um 3,4 Prozent. Was erwarten Sie für 2026?
Ricardo-José Vybiral: Aufgrund der aktuell recht unsicheren Rahmenbedingungen sind Prognosen schwierig, aber wir erwarten keinen neuen Rekord. Wir gehen davon aus, dass das Jahr 2026 ungefähr im selben Rahmen wie das Jahr 2025 verlaufen wird. Der aktuelle Insolvenzhöchststand wird durch die derzeitigen ökonomischen Rahmenbedingungen befeuert, er ist aber sicher auch branchenbedingt, weil die großen drei Branchen Handel, Bau und Gastronomie/Beherbergung im Fokus stehen.
Wie sehr erschwert der Irankrieg und die unsichere Lage die Prognosen und den Ausblick? Kann man für das zweite Quartal 2026 bereits eine Tendenz ablesen?
Aufgrund der volatilen Lage im Nahen Osten ist schwer vorhersagbar, wie sich die nächsten Monate entwickeln werden. Derzeit sehen wir noch keine erhöhte Dynamik. Insolvenzzahlen reagieren auch bei weitem nicht so volatil, wie es etwa die Energiepreise tun. Dafür müssen entsprechende Anträge bei Gericht einlangen und bearbeitet werden, sie schießen also nicht akut in die Höhe. Das weiterhin hohe Niveau an Insolvenzen ist eher ein Ausdruck der schleichenden Verschlechterung unserer Wirtschaftssituation.
Viele Insolvenzen, die besonders kritisch waren, haben einfach auch schon stattgefunden. Die meisten Unternehmer sind mittlerweile sehr vorsichtig geworden, jeder steht auf der Investitionsbremse – 85 % der Unternehmer sparen. Die Investitionsfreude wird sich auch in diesem Jahr nicht großartig ändern, daher ist auch das Insolvenzrisiko nicht so groß.
4 von 10 Insolvenzen können mangels Kapitaldeckung nicht einmal mehr eröffnet werden. Läuft hier eine versteckte Krise in der Krise?
Das betrifft sehr viele kleine Insolvenzen, die nicht einmal 4.000 Euro haben, um die Verfahrenskosten bei Insolvenzeröffnung zu bezahlen. Das ist schon eine Masse an Unternehmen, die das Potenzial hat, andere zu kontaminieren. Wir würden es befürworten, diese Unternehmen aus dem Markt rauszubekommen und zu bereinigen – eben, indem es diesen Unternehmen ermöglicht wird, Insolvenz zu beantragen. Wir haben in der Vergangenheit vorgeschlagen, über geringe zusätzliches Beträge der Betriebe, etwa an Abgabengläubiger oder auch den Insolvenz-Entgelt-Fonds, die Finanzierung von Eröffnungen zu ermöglichen. Der Reformvorschlag hat sich jedoch nicht durchgesetzt und ist auf der konzeptiven Ebene geblieben. Aktuell arbeiten wir an einem neuen Vorschlag, der in Fachkreisen auf positives Feedback stößt. Wir werden sehen, wie es weitergeht.
Wir lassen alle Omnibusse durch die Gegend fahren, nur keiner merkt etwas davon.
Ricardo-José Vybiral
Hohe Kosten verursachen laut Ihren Daten jede zweite Firmenpleite. Ihr Kollege Karl-Heinz Götze sagte dazu: „Es entsteht zunehmend der Eindruck, dass viele Betriebe aufgrund des anhaltenden Krisenmodus ihre Basisarbeit im Tagesgeschäft vernachlässigen“. Haben die heimischen Unternehmen das Wirtschaften verlernt?
Die Unternehmer haben nicht das Wirtschaften verlernt, aber es prallen sehr viele Probleme aufeinander. Man könnte es mit einem Jongleur vergleichen: Unternehmer können zwei bis drei Bälle ganz gut jonglieren, wenn es jetzt aber vier oder fünf Bälle werden, die gleichzeitig in der Luft gehalten werden müssen, wird es schon heikel. Derzeit beschreiben nur 48 Prozent der österreichischen Unternehmen ihre Geschäftslage als gut oder sehr gute. Damit sind wir weit von den Vor-Corona-Werten entfernt, wo wir über 60 Prozent registrierten.
Welche zusätzlichen „Bälle“ müssen jetzt jongliert werden?
Das sind erstens die Kosten: Energiekosten, Personalkosten, Lohnnebenkosten, wobei die geplanten Reduktionen von letzteren auch wieder auf dem Rücken der Unternehmen finanziert werden sollen. Das hat nichts mit einer strukturellen Veränderung zu tun und ist keine echte Entlastung.
Zweitens haben viele Betriebe ein Problem, überhaupt geeignetes oder ausreichend Personal zu bekommen, etwa in der besonders geschüttelten Gastro-Branche. Der Bereich Gastronomie und Beherbergung ist eine der Top-3-Branchen, die von Insolvenzen betroffen sind. Und im 1. Quartal 2026 sind die Insolvenzen hier auch am stärksten angestiegen.
Das dritte Problem ist die Regulatorik. Wir lassen alle Omnibusse durch die Gegend fahren, nur keiner merkt etwas davon. Kein Unternehmer spürt, dass ihm etwas leichter gemacht wird. Es kommt nie zu wirklich spürbaren Entlastungen. Auch das ESG-Thema wurde nur teilweise entschärft – bei einer Finanzierung müssen die Banken trotzdem gewisse Kriterien nachverfolgen. Auch kommt mit der Lohntransparenzrichtlinie die nächste bürokratische Belastung auf die Unternehmen zu.
Viertens fallen viele Förderungen jetzt der Budgetkonsolidierung zum Opfer, die zu einem Großteil auf dem Rücken der Unternehmer und des Wirtschaftsstandortes stattfindet. Ich sehe aber keine großen strukturellen Reformen auf Bundes- oder Landesebene, oder beim Föderalismus.
Österreich ist immer noch sehr auf Klientelpolitik fokussiert.
Ricardo-José Vybiral
Wie beurteilen Sie die bisher bekannten Eckpunkte des Doppelbudgets?
Ich sehe keine strukturellen Reformen im Doppelbudget. Der Reformwille ist nur im Sinne der taktischen Aufgabe, das EU-Defizitverfahren verlassen zu können, gegeben. Das ist zwar sinnvoll, aber auch nur ein Kurzstreckenlauf. Österreich braucht aber einen Langstreckenlauf, da den Unternehmen das Vertrauen in die Zukunft fehlt.
Die Hauptproblematik ist, dass sich die drei Regierungsparteien aneinander festklammern, damit sie weiterhin regieren können. Sie regieren nicht aus einer gesamthaften Stärke heraus. Das macht eine Veränderung des Wirtschaftsstandortes sehr schwierig. Auch gibt es oft innerhalb der Parteien keinen Konsens, da braucht man noch gar nicht über die Parteigrenzen hinwegblicken – Stichwort Freihandelsabkommen, da geht es um richtige Klientelpolitik. Österreich ist immer noch sehr auf Klientelpolitik fokussiert, auch das ist ein Problem für den Standort. Wir haben keinen Masterplan, wir ziehen nicht alle gemeinsam an einem Strang, um den Karren wieder ordentlich in Schwung zu bringen.
Im „Austrian Business Check“ des KSV1870 haben sich nur 6 % der befragten Unternehmer mit der Industriestrategie zufrieden gezeigt. Hätte die Industriestrategie diesen „Langstreckenlauf“ aufzeigen müssen?
Der Industriesektor ist für Österreich essentiell, weil er 20 bis 25 Prozent der österreichischen Wertschöpfung schafft, weil er tendenziell personalintensiv ist und weil er langfristige Investitionen absichert. Ein Industrieunternehmen denkt in Zeiträumen von 10 bis 20 Jahren. Wenn sich ein Industriebetrieb also für einen Standort entscheidet, dann bleibt er dort über Jahrzehnte – aber dieses Vertrauen in den Standort ist nicht mehr da.
Daher haben wir auch die Industriestrategie abgefragt und leider können 94 % der Unternehmen mit dieser nichts anfangen. Das hat zwei Gründe.
Erstens sind wir einfach in einer Krisensituation. Es ist immer leichter, die negativen Aspekte zu reflektieren und diese Richtung Regierung zu fokussieren. Man darf die Kritik an der Industriestrategie aber nicht nur auf Regierungskritik reduzieren.
Denn der Industriestrategie fehlt zweitens die Operationalisierung. Die Strategie gibt keine konkreten Antworten auf die Fragen der Industrieunternehmer: Was ändert sich konkret in den nächsten zwei bis fünf Jahren? Gibt es eine Garantie auf diese und jene Punkte? Werden die Verfahren für meine neue Produktionsanlage tatsächlich verkürzt? Die Industriellen spüren hier noch nichts, das kommt einfach nicht an.
110.000 Unternehmen bzw. 17 % der Teilnehmer des „KSV1870 Austrian Business Check“ denken darüber nach, Geschäftsbereiche oder größere Prozesse ins Ausland zu verlagern. Wird es auch tatsächlich dazu kommen?
Die Industrie stellt sich derzeit zwar auf die Hinterbeine, aber wenn ein Industrieunternehmen an einem Standort keine Zukunftschancen sieht, dann sucht es sich irgendwann einen anderen. Genau das findet jetzt eben statt, wenn jeder sechste Unternehmer sich überlegt, ob der österreichische Wirtschaftsstandort noch langfristig relevant bleiben wird. Vielen Zulieferbetrieben, die in Richtung Deutschland produziert haben, sind die Auftraggeber weggefallen. Vielleicht auch, weil ein Hochpreisland wie Österreich die Preise nicht mehr treffen kann. Dann wird die Wertschöpfungskette einmal über die Grenze weiter verlagert.
Die Zentralen der großen österreichischen Industrieunternehmen werden dabei wohl in Österreich bleiben, nur diese produzieren keine Wertschöpfung. Das, was Wertschöpfung produziert, wo Investitionen und Innovationen stattfinden, sind die Produktionsanlagen. Und die verlagern sich ganz klar aus Österreich heraus. Unternehmer verlagern das Geld dorthin, wo Zukunftssicherheit gewährleistet ist und wo die höchste Rendite erwirtschaftet werden kann, nicht dorthin, wo einem die meisten Auflagen gemacht werden – das muss uns bewusst sein.
Man sollte dabei nicht in Panikmache verfallen, diese 110.000 Unternehmen werden nicht von einem Tag auf den anderen abwandern. Es ist aber ein weiteres Zeichen dafür, dass unser Wirtschaftsstandort an Attraktivität verliert.
Aus dem „Austrian Business Check“ lässt sich allgemein große Unzufriedenheit mit der Wirtschaftspolitik herauslesen, aber auch Sie als KSV1870 haben zum Jahreswechsel einen offenen Brief betreffend das Betrugsbekämpfungsgesetz an die Bundesregierung gerichtet – woran hakt es da?
Unter dem Deckmantel des Betrugsbekämpfungsgesetzes wurde der sogenannte Klassenkonkurs wieder eingeführt – ein Modell, das eigentlich in den 1980er-Jahren abgeschafft wurde. Nun sind von Unternehmen vor Insolvenzeröffnung geleistete Sozialversicherungsbeiträge sowie Abzugssteuern, wie die Lohn- und Umsatzsteuer, von der Anfechtung durch den Insolvenzverwalter ausgenommen werden. Den restlichen Gläubigern kommt dieses Privileg nicht zugute. Sie tragen weiterhin das Risiko, dass zeitnah vor der Insolvenzeröffnung erhaltene Zahlungen vom Insolvenzverwalter angefochten werden. Dies ist ein massiver Eingriff in den seit mehr als 40 Jahren geltenden Gleichbehandlungsgrundsatz der Gläubiger im Insolvenzverfahren.
Auch die Entschuldungsdauer im Bereich der Privatinsolvenzen war uns ein Anliegen. Das Finanzministerium hat Unternehmen und Private hier gleichgestellt – wir sehen das überhaupt nicht so. Wir sehen, dass Privatpersonen erst nach einer gewissen Zeit wieder in der Lage sind, zurückzuzahlen. Daher würden wir im Bereich der Privatinsolvenzen gerne zurück zur Entschuldungsdauer von fünf Jahren. Bei Unternehmen ist es fair, dass sie in drei Jahren entschuldet werden, da sie möglichst schnell zurück in den Wirtschaftskreislauf kommen sollen.
Privatpersonen sind die besten Zahler, bei der Zahlungsmoral würde ich eher den Bund in die Mangel nehmen.
Ricardo-José Vybiral
Gibt es im Bereich der Privatinsolvenzen Veränderungen oder Tendenzen, dass sich auch Jüngere immer öfter und immer höher verschulden, was oft auf Modelle wie „Buy Now, Pay Later“ zurückgeführt wird?
„Buy Now, Pay Later“ benötigt sicher noch eine größere Awareness bei Jüngeren, aber nicht nur bei diesen. Natürlich gibt es junge Menschen, meist sind sie männlich, die hoch überschuldet sind. Da muss man früh mit Edukation ansetzen. Daher gehen wir auch in die Schulen und halten Vorträge zum Thema Finanzbildung, um klarzumachen: Wenn man einen Vertrag unterschreibt, muss man diesen auch einhalten. Selbst wenn man diesen nur digital signiert hat – Signatur ist Signatur. In den Schulen ist das Thema Wirtschaftskunde vielfach bei den Geographielehrern angesiedelt – hier sollte man darüber nachdenken, ob das sinnvoll ist. Wir haben sicher noch das Potenzial, relevantere Lerninhalte in den Vordergrund zu bringen.
Generell darf man beim Thema Privatinsolvenzen aber nicht vergessen, dass ein Drittel davon ehemalige Unternehmer sind. Die Privatpersonen sind auch die besten Zahler, bei der Zahlungsmoral würde ich eher den Bund in die Mangel nehmen. Ich würde mir wünschen, dass der Bund schneller bezahlt, damit die Liquidität stimmt. Die Privaten sind da nicht das große Problem.