Stephan Marik-Lebeck ist Bereichsleiter für Demographie und Gesundheit von Statistik Austria © beigestellt | Montage: Selektiv
Stephan Marik-Lebeck ist Bereichsleiter für Demographie und Gesundheit von Statistik Austria © beigestellt | Montage: Selektiv
Interview

Demograf: „Der Babyboom kam nicht von ungefähr“

Österreich verzeichnete 2025 das sechste Jahr in Folge eine negative Geburtenbilanz. Dieser Trend wird sich laut dem Demografen Stephan Marik-Lebeck auch in den nächsten Jahrzehnten durchgehend so fortsetzen – „wenn sich an der Fertilität nicht radikal etwas ändert“. Denn bei der derzeitigen Fertilitätsrate von 1,29 Kindern pro Frau ist jede Kindergeneration um 40 Prozent kleiner als ihre Elterngeneration, erklärt Marik-Lebeck. Damit es in Österreich in Zukunft wieder mehr Geburten gibt, müsste es zu einem „entsprechenden gesellschaftlichen Wandel“ kommen.

Im Vorjahr wurden in Österreich 76.000 Kinder geboren, gleichzeitig sind fast 88.000 Personen gestorben, wird sich dieser negative Trend fortsetzen?

Stephan Marik-Lebeck: Wir haben seit dem Jahr 2020 deutlich mehr Sterbefälle als Geburten. Das liegt an der Struktur der Bevölkerung. Die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer liegt bei 80 Jahren, für Frauen bei 85 Jahren. Geht man also nun diese rund 80 Jahre zurück, kommen wir in die 1940er-Jahre. Die Jahre 1938 bis 1943 waren recht geburtenstarke Jahrgänge, also kommen nun diese großen Bevölkerungskohorten in das Sterbealter. Dementsprechend ist die Zahl der Sterbefälle höher, gleichzeitig sinkt die Zahl der Geburten laufend. Es ist somit absehbar erkennbar, dass die Zahl der Sterbefälle in den nächsten Jahrzehnten durchgehend höher bleiben wird als die der Geburten – wenn sich an der Fertilität nicht radikal etwas ändert.

Das Jahr 2025 war das Jahr mit den niedrigsten Geburten seit einem Vierteljahrhundert. Wird ab jetzt jedes Jahr ein neuer Rekord geschrieben werden?

Die Zahlen der letzten Jahre liegen relativ nahe beisammen, im Vorjahr waren es 76.067, im Jahr 2009 waren es 76.400 und im Jahr 2007 waren es 76.200 Geburten. Wir bewegen uns hier also seit längerem in einem ähnlichen Rahmen. 2001 war mit 75.500 Geburten das Jahr mit den bisher wenigsten Geburten in der Nachkriegszeit. Wobei man hier beachten muss, dass Österreich im Jahr 2001 noch um eine Million Einwohner weniger hatte als heute. Während des Babybooms in den 1960er-Jahren hatten wir jährliche Geburtenzahlen von 135.000, das aber bei einer noch kleineren Gesamtbevölkerung.

Die österreichische Fertilitätsrate liegt seit Jahrzehnten unter dem Ersatzniveau und hat mit 1,29 Kindern pro Frau im Vorjahr ein Rekordtief erreicht. Warum hat Statistik Austria erst im Vorjahr die Bevölkerungsprognose dahingehend abgeändert, erstmals von einer sinkenden Bevölkerungszahl auszugehen?

Dieser Änderung sind lange Diskussionen unter Expertinnen und Experten vorangegangen. Wir haben uns nicht nur an der gemessenen Fertilitätsrate orientiert, sondern auch an Befragungen über den Kinderwunsch. Diese Befragungen haben relativ stabil eine Größenordnung von 1,6 bis 1,8 Kindern ergeben. Somit sind wir davon ausgegangen, dass sich die Fertilität langfristig diesen 1,6 bis 1,8 Kindern pro Frau annähert. Die Diskrepanz zwischen unseren Annahmen und der tatsächlich beobachteten Gesamtfertilitätsrate ist aber immer größer geworden. Somit haben wir im Vorjahr die Bevölkerungsprognose auf Basis dieser sinkenden Fertilitätsraten angepasst.

Das Fertilitätsalter – also das Alter der Frau bei der ersten Geburt – steigt und liegt mittlerweile bei etwas über 31 Jahren. Könnte ein Grund für die Diskrepanz zwischen Kinderwunsch und tatsächlich beobachteter Fertilität sein, dass nicht mehr genug Zeit bleibt, die gewünschte Familiengröße zu erreichen?

Der Abstand zwischen den Geburten wird in den letzten Jahren immer kürzer, das sehen wir klar aus den Daten. In den 1980er-Jahren war das Fertilitätsalter mit rund 26 Jahren noch deutlich niedriger als heute, aber der zeitliche Abstand zwischen dem ersten und dem zweiten Kind größer. Heutzutage bekommen Frauen ihr erstes Kind mit durchschnittlich 31 Jahren zwar deutlich später, aber das zweite Kind dann in einem wesentlich kürzeren Abstand. Auch der Abstand zu einem dritten oder gegebenenfalls vierten Kind wird immer kürzer.

Ich glaube also nicht, dass es in Österreich in großem Ausmaß unerfüllte Kinderwünsche gibt, sondern es sind eher sehr bewusste Entscheidungen, die in der Familienplanung getroffen werden. Personen, die sich entscheiden, mehr Kinder bekommen zu wollen, bekommen sie zumeist auch.

Der Anteil der Kinderlosen nimmt derzeit wieder zu.

Stephan Marik-Lebeck

Wie entwickelt sich die Familienstruktur derzeit; bleiben mehr Personen kinderlos, sinkt die Familiengröße, gibt es mehr Einzelkinder?

Die Norm ein oder zwei Kinder zu bekommen, wenn man sich für Kinder entscheidet, ist relativ stabil. Aber einerseits nimmt der Anteil der Mehrkindfamilien mit mehr als zwei Kindern derzeit stark ab. Andererseits nimmt der Anteil der Kinderlosen derzeit wieder zu. Dieser war historisch sehr niedrig. Der Babyboom kam nicht von ungefähr – die hohen Geburtenzahlen ab Mitte der 50er- bis Anfang der 70er-Jahre gingen auf einen starken Rückgang der Kinderlosigkeit zurück. Das hatte soziale Ursachen: Leute, die damals nicht heiraten konnten, sind kinderlos geblieben. Als sich die gesellschaftlichen Bedingungen geändert und alte Sozialstrukturen aufgebrochen wurden, konnten auch Mägde, Dienstpersonal, Dienstboten etc. heiraten und eine Familie gründen.

Aus meiner Sicht ist daher nicht ausgeschlossen, dass wieder mehr Kinder zur Welt kommen könnten, wenn es einen entsprechenden gesellschaftlichen Wandel gibt. Man muss sich dabei aber eines vergegenwärtigen: Damit man die Bevölkerungszahl langfristig ohne Zuwanderung konstant hält, müssten im Durchschnitt alle Frauen mindestens zwei Kinder bekommen. Wenn man kinderlose Frauen mitberücksichtigt, müssten andere Frauen sogar noch mehr Kinder bekommen.

Die österreichische Bevölkerung wird laut Bevölkerungsprognose durch Alterung noch weiter wachsen, die Erwerbsbevölkerung schrumpft aber bereits jetzt schon. Wie lange wird sich dieser Trend fortsetzen?

Die Alterung nimmt laut Prognose insbesondere in den nächsten 20 Jahren stark zu. Dann wird ein Punkt erreicht sein, an dem sich der Anteil der Über-65-Jährigen bei etwa 25 bis 36 Prozent einpendeln wird. Modellrechnungen zeigen, dass das Verhältnis von Personen im Erwerbsalter zu Personen im Pensionsalter ab den 2050er-Jahren relativ konstant bleiben wird.

Sie haben in der Bevölkerungsprognose verschiedene Szenarien angenommen, ist dabei das Hauptszenario auch das Wahrscheinlichste, haben Sie eine Abwägung über die Wahrscheinlichkeit der jeweiligen Szenarien getroffen?

Nein, wir treffen keine Aussage über die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Szenario eintritt. Das Hauptszenario kombiniert die mittleren Annahmen von Fertilitätsrate, Sterblichkeit, Lebenserwartung und Migration. Der wichtigste Faktor ist und bleibt die Migration. Die österreichische Bevölkerung ist in den letzten 25 Jahren zu 99 Prozent nur durch Migration gewachsen. Gleichzeitig ist Migration aber der schwierigste Faktor in der Prognose, weil sie sehr volatil sein kann und schwer zu prognostizieren ist. In den Jahren 2015 und 2022 gab es große Schwankungen, die man so nicht vorhersehen hätte können. Daher haben wir für die Prognose eine lange Stützperiode bis ins Jahr 2002 zurück angenommen und diesen Durchschnittswert auch für die Zukunft unterstellt.

Die österreichische Bevölkerung ist in den letzten 25 Jahren zu 99 Prozent nur durch Migration gewachsen.

Stephan Marik-Lebeck

Gemäß der Bevölkerungsprognose wird die Bevölkerung Wiens weiter wachsen, während das Burgenland oder Kärnten stärker schrumpfen werden. Die Fertilitätsrate ist in Wien bzw. in Städten generell aber schon niedriger – wächst Wien nur aufgrund von Migration?

Ja, das liegt an der Migration. Die Prognose sagt klar aus, dass Österreich dort am stärksten wächst, wo es viel Zuwanderung gibt, einfach weil die Zuwanderung der einzige Treiber von Bevölkerungswachstum ist. Im Fall von Kärnten etwa gibt es nicht nur weniger Zuwanderung aus dem Ausland, sondern auch mehr Binnenabwanderung, also es wandern mehr Österreicher aus Kärnten ab als zuziehen. Die Geburtenbilanz kann zusätzlich von einer negativen Wanderungsbilanz überlagert werden und die Bevölkerung dadurch weiter schrumpfen.

Wie wirkt sich die tendenziell höhere Fertilität der Zugewanderten auf die Bevölkerungszusammensetzung aus?

Es gibt die Tendenz, dass auch bei den Zugewanderten die Fertilität sinkt und sich in Richtung des in Österreich vorherrschenden Fertilitätsniveaus bewegt. Es ist im Endeffekt eine Frage der Zeit, bis sich das angleicht. Wie lange das dauert, hängt auch davon ab, welche Personen zuwandern und welche Wertevorstellungen diese mitbringen. Zum Beispiel haben türkische Zuwanderer lange ihre Ehepartnerinnen aus der Türkei nach Österreich gebracht. Die Gesamtfertilitätsrate türkischer Zuwanderer ist in der Vergangenheit langsamer gesunken, aber mittlerweile auch unter 2,0 gefallen.

Viele Industrienationen konnten in den letzten Jahrzehnten nur durch Migration ihr Bevölkerungsniveau erhöhen bzw. erhalten. Die Fertilität sinkt aber global, bereits jetzt liegt auch Indien unter dem Ersatzniveau. Im Jahr 2080 werden nur noch Länder in Subsahara-Afrika über dem Ersatzniveau liegen. Woher sollen die Migranten in Zukunft kommen?

Selbst wenn derzeit die Geburtenzahlen sinken, sind in der Vergangenheit sehr viele Kinder geboren worden und somit ist die Zahl der potenziellen Mütter sehr groß. Die Bevölkerungszahl nimmt in diesen Ländern, die erst seit kurzem unter das Fertilitätsniveau für eine langfristig stabile Bevölkerungszahl gefallen sind, noch nicht massiv ab, sondern steigt vorerst noch weiter.

Erst im Verlauf einer langen Zeitspanne schlägt das dann durch. Auf die große Muttergeneration folgt eine kleinere Tochtergeneration, darauf folgt eine wiederum kleinere Enkelinnengeneration – das setzt sich fort. Bei einer Gesamtfertilitätsrate von 1,3 wie in Österreich ist jede Kindergeneration um 40 % kleiner als ihre Elterngeneration. Im Zeitraum eines Jahrhunderts kann sich das schon auswirken, aber für das Jahr 2100 stellen wir ohnehin nur Modellrechnungen an – die tatsächliche Entwicklung kann man auf so lange Zeiträume nicht abschätzen.

Bei einer Fertilitätsrate von 1,3 ist jede Kindergeneration um 40 % kleiner als ihre Elterngeneration.

Stephan Marik-Lebeck

Einige Länder wie Südkorea, Ungarn oder Georgien haben unterschiedliche Anreizsysteme zur Steigerung der Fertilitätsrate ausprobiert. Ein nachhaltiger Erfolg stellt sich aber meist nicht ein und die Zahl der Geburten sinkt nach einer gewissen Phase des Anstiegs dann wieder ab. Führen politische Interventionen oder Anreize nur zu Vorzieheffekten?

Meine Vermutung wäre, dass es Mitnahme- bzw. Vorzieheffekte sind. Politische oder monetäre Anreize führen meist nur dazu, dass Paare, die ohnehin Kinder bekommen wollen, diese etwas früher bekommen. Wir haben Vergleichbares in Österreich beobachtet. Im Jahr 1988 wurde die Eheschließungsprämie abgeschafft, also gab es im Jahr 1987 noch besonders viele Eheschließungen. Die Steuerungsmöglichkeiten durch solche sozialen Leistungen werden aber immer überschätzt. Natürlich ist es schön für Familien, als Willkommensgeschenk eine Geldsumme zu erhalten – aber Kinder zieht man über 15 oder 20 Jahre groß, das sind langfristige Entscheidungen.