Wehrdienst verlängern? Dann auch später in Pension
Gerald Loacker ist Jurist und geschäftsführender Gesellschafter bei der BWI Unternehmensberatung GmbH, die auf Vergütungssysteme und Gehaltsvergleiche spezialisiert ist. Außerdem arbeitet er als Sachverständiger für Berufskunde, Arbeitsorganisation und Betriebsorganisation. Bis Oktober 2024 war er als Abgeordneter zum Nationalrat in den Bereichen Arbeit, Soziales, Gesundheit und Wirtschaft sowie als stellvertretender Klubobmann der NEOS tätig.
Österreich entdeckt seine Wehrhaftigkeit wieder. Notgedrungen. Die Welt ist rauer geworden, und wer Verteidigung ernst meint, muss sie auch glaubwürdig absichern. Nur läuft die Debatte gerade in eine Richtung, die politisch bequem, aber generationenpolitisch unfair ist.
Der Grundwehrdienst dauert heute sechs Monate. Eine von Verteidigungsministerin Tanner eingesetzte Wehrdienstkommission schlägt nun Modelle vor, die den Präsenzdienst verlängern und verstärkt Miliz-Übungen vorsehen. Die ÖVP hat dazu sogar eine Volksbefragung ins Spiel gebracht.
Das klingt nach „demokratischer Legitimation“. In Wahrheit ist es ein Klassiker des Generationenkonflikts: Die Mehrheit stimmt über die Lebenszeit einer Minderheit ab. Wer geht länger ins Bundesheer? Nicht die 55-Jährigen, die am Sonntag das Kreuzerl machen. Sondern die 18-Jährigen, die am nächsten Monatsersten einrücken.
Ein zusätzlicher Zeitbescheid für Junge
Ein verlängerter Präsenzdienst ist keine abstrakte Reform. Er kostet reale Lebenszeit: ein Semester, ein Praktikum, den Berufseinstieg, Einkommen. Und er trifft nicht alle gleich. Wer aus einem wohlhabenden Umfeld kommt, federt Verzögerungen leichter ab. Wer früh arbeiten muss, verliert schneller Anschluss.
Auch volkswirtschaftlich ist das nicht gratis: Jeder zusätzliche Monat bindet Arbeitskraft in einer Phase, in der Betriebe händeringend Nachwuchs suchen. Lehrlinge fehlen, Studierende verzögern den Eintritt in den Arbeitsmarkt, Start-ups verlieren Mitgründer „auf Abruf“. Wenn wir also die Verteidigungsfähigkeit erhöhen wollen, dann bitte mit offenem Visier: Es ist ein Trade-off. Und den zahlt primär die junge Kohorte.
Wenn schon Lasten, dann beidseitig
Was mich an der Debatte besonders stört: Sie tut so, als wäre „Solidarität“ eine Bringschuld der Jungen. Als müssten sie eben „ein bisschen mehr beitragen“, damit sich die Älteren sicherer fühlen. Nur: Solidarität ist keine Einbahnstraße. Wenn der Staat mehr Pflichtzeit von einer Generation verlangt, muss er auch von der anderen Generation etwas verlangen. Sonst ist es kein Gemeinwesen, sondern eine Mehrheitsveranstaltung.
Und genau hier wird es still. Man hört wenig Kritik aus der jungen Szene, von der Bundesjugendvertretung sowieso nicht, aber auch kaum von den Parteijugendorganisationen. Es wird ein bisschen über Sold, Ausbildung, Gleichbehandlung argumentiert. Aber in den bisher prominenten Stellungnahmen fehlt das Entscheidende: eine Gegenforderung, die den Generationen-Deal wieder geradezieht. Niemand sagt ernsthaft: „Wenn ihr unsere Präsenzdienstzeit verlängert, dann verlängern wir eure Lebensarbeitszeit.“ Genau diese Logik wäre fair.
Ein möglicher Deal wäre so simpel wie klar:
- Pensionsantritt um zwei Jahre nach hinten für alle, die noch nicht in Pension sind.
Das Regelpensionsalter liegt bei 65 Jahren. Heben wir es auf 67 und rechnen die Zu- und Abschläge von dort weg. Ein Mehr an Verteidigung muss ja auch finanziert werden. - Zwei Jahre ohne Pensionserhöhung für alle, die bereits in Pension sind.
Pensionen werden in Österreich jährlich angepasst. Zwei Nullrunden wären ein begrenzter, aber klarer Beitrag einer politisch starken Gruppe.
Beides zusammen wäre kein „Jung gegen Alt“, sondern Symmetrie: Die Jungen geben Zeit fürs Heer, die Älteren geben Zeit im Erwerbsleben und verzichten temporär auf automatische Zuwächse. Und: Wer argumentiert, dass „Sicherheit“ ein Gemeinschaftsgut ist, sollte sich vor gemeinschaftlichen Lasten nicht drücken.
Wo bleibt die politische Stimme der Jungen?
Gerade Parteien und Politiker, die sich als Sprachrohr der jungen Generation verstehen, sollten diesen Punkt laut aussprechen: Mehr Pflichtdienst ja, aber nur als Teil eines Gesamtpakets, das auch die großen Verteilungsachsen berührt. Damit wäre die Wehrdienstverlängerung kein moralischer Zeigefinger von oben nach unten („die Jugend muss“), sondern ein Vertrag auf Augenhöhe: Die Jungen geben zusätzliche Dienstzeit für die Sicherheit, die Älteren geben zusätzliche Arbeitszeit und einen temporären Verzicht auf Zuwächse – für dieselbe Sicherheit und für die Stabilität des Sozialstaats.
Die eigentliche Frage: Wollen wir Ehrlichkeit?
Wer das „radikal“ findet, sollte sich fragen, was radikaler ist: zwei Nullrunden bei Pensionen oder eine Generation, der man per Mehrheitsentscheid Lebenszeit abdreht. Wenn Österreich wirklich wehrhafter werden will, soll es das tun. Aber bitte ehrlich: nicht als Abstimmung der Alten über die Jungen, sondern als gemeinsamer Beitrag beider Generationen.
Sicherheit ja, aber nicht auf Rechnung der 18-Jährigen allein.