Reformitis: Wie die Matura sich selbst abschafft
Carmen Treml ist Ökonomin beim wirtschaftsliberalen Thinktank Agenda Austria und externe Lektorin an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihre Kerngebiete sind Bildung, Arbeitsmarkt und Verteilung.
Ab 2027 treten erneut umfassende Änderungen bei der österreichischen Reifeprüfung in Kraft. Wieder einmal, muss man inzwischen sagen. Nach den zahlreichen Anpassungen der vergangenen Jahre – insbesondere seit der „Coronamatura“ 2020 – scheint sich eine Art permanenter Reformmodus eingestellt zu haben. Seither ist kaum ein Jahr ohne größere Änderung vergangen. Das stets verfolgte Ziel: mehr Fairness, mehr Flexibilität, weniger Bürokratie und eine bessere Vorbereitung auf die Zukunft. So zumindest die Argumentation des Bildungsministeriums.
Auf den ersten Blick klingt das überzeugend. Tatsächlich lassen sich viele der geplanten Maßnahmen sachlich begründen. Problematisch wird es allerdings dort, wo kurzfristige Erleichterungen dauerhaft zum neuen Standard werden und die Anforderungen nicht mehr steigen, sondern ständig weiter abgesenkt werden. Die Matura verliert dadurch nach und nach ihren Wert als erste große Leistungsprüfung und als ernstzunehmende Vorbereitung auf Studium und Beruf. Einmal nach unten nivelliert, ist es nämlich unglaublich mühsam, wieder mehr Strenge zu zeigen: Keiner weicht gerne von einem gemütlicheren Niveau ab.
Ein besonders prägnantes Beispiel ist die während der Pandemie eingeführte neue Notengewichtung. Seit 2020 entscheidet nicht mehr ausschließlich die Leistung bei der schriftlichen Klausur über die Endnote, sondern auch die Jahresnote fließt maßgeblich ein. Wer zwischen zwei Noten liegt, profitiert zusätzlich von der besseren Klausurnote. Im ersten Jahr führte das de facto dazu, dass Schüler mit einem „Befriedigend“ im Jahreszeugnis praktisch kaum mehr durchfallen konnten. Die Folge war vorhersehbar: Manche gaben ihre Prüfungsbögen nahezu leer ab, weil das Risiko des Nichtbestehens minimal war. Erst später wurde eine Mindestpunktezahl eingeführt – wer weniger als 30 Prozent erreicht, fällt seither automatisch durch.
Bei der mündlichen Matura gibt es eine solche Mindesthürde bis heute nicht. Zwar müssen die Antworten „in Zusammenhang mit der Frage stehen“, fachlich korrekt müssen sie jedoch nicht zwingend sein. Das wäre dann doch zu viel verlangt.
2037 muss man sich dann womöglich wirklich nur noch eintragen, dass man anwesend war. Die Jahresnote in die Maturanote miteinfließen zu lassen, macht durchaus Sinn – immerhin hat jeder einmal einen schlechten Tag. Auch dass jemand genau die eine Maturaaufgabe missversteht, aber inhaltlich eigentlich alles draufgehabt hätte, kommt immer wieder vor. Die Matura soll trotzdem eine gewisse Hürde bleiben, bei der zu einem bestimmten Zeitpunkt hohe Konzentration und Leistung erforderlich sind, und nicht zu einer Beschäftigungstherapie verkommen. Schüler stundenlang nur die Zeit absitzen zu lassen, schießt am Grundgedanken deutlich vorbei.
Auch die Aufweichung der verpflichtenden Vorwissenschaftlichen Arbeit (VWA) ist ein Paradebeispiel der Umbrüche. Ursprünglich als wichtige Vorbereitung auf wissenschaftliches Arbeiten gedacht, wurde sie seit der Coronapandemie schrittweise gelockert und soll nun dauerhaft freiwillig bleiben. Alternativ können die Schüler eine zusätzliche schriftliche oder mündliche Prüfung absolvieren. Natürlich kann man angesichts von Künstlicher Intelligenz und automatisierter Textproduktion über die ursprüngliche Form der VWA diskutieren. Eine reine Literaturrecherche ist vermutlich nicht mehr zeitgemäß. Doch eine Abschlussarbeit – in welcher Ausgestaltung auch immer – verfolgt einen wesentlichen Zweck: sich erstmals intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen, Informationen kritisch aufzubereiten und Ergebnisse strukturiert darzustellen. Das sind Fähigkeiten, die für Studium und Berufslaufbahn entscheidend sind. Dass man dieser Herausforderung künftig einfach ausweichen kann, sendet das falsche Signal.
Und dann ist da noch das „Rucksacksystem“, das als soziale Erleichterung verkauft wird, im Endeffekt aber zum Nachteil aller Betroffenen werden könnte. Bereits seit 2020 können Schüler trotz negativer Noten in die nächste Schulstufe aufsteigen und diese später ausbessern. Künftig soll sogar der Antritt zur Hauptmatura mit zwei negativen Noten möglich sein. Das mag auf den ersten Blick unterstützend wirken, insbesondere für leistungsschwächere Jugendliche. Tatsächlich droht jedoch das Gegenteil. Denn die wenigsten Schüler mit mehreren negativen Noten tun sich in den anderen Fächern leicht. Viele kämpfen allgemein mit den schulischen Anforderungen. Wenn Defizite immer weiter mitgeschleppt werden, verschiebt man das Problem lediglich nach hinten – oft bis zu einem Punkt, an dem die Belastung kaum mehr bewältigbar ist. Selbst sehr gute Schüler hätten Schwierigkeiten, gleichzeitig die Matura zu bestehen und mehrere negative Leistungen nachzuholen.
Natürlich hat sich auch die Arbeitswelt verändert. Noten allein entscheiden heute vielfach nicht mehr über den beruflichen Erfolg. Persönlichkeit, Auftreten, Teamfähigkeit und soziale Kompetenzen spielen – glücklicherweise – eine immer größere Rolle. Das rechtfertigt jedoch nicht, die Bedeutung der Matura immer weiter abzuschwächen. Gerade die Erfahrung, zu einem bestimmten Zeitpunkt unter Druck Leistung erbringen zu müssen, besitzt einen Wert, der weit über den eigentlichen Prüfungsstoff hinausgeht. Sie vermittelt Disziplin, Eigenverantwortung und häufig auch Konsequenz – Eigenschaften, die sowohl im Studium als auch im späteren Berufsleben entscheidend sind.
Dass sich die Matura weiterentwickeln musste und weiterentwickeln muss, steht außer Frage. Die meisten der Corona-Ausnahmeregelungen dauerhaft beizubehalten oder sogar noch auszuweiten, war aber der falsche Weg. Viele Reformen mögen gut gemeint sein – langfristig drohen sie jedoch genau das zu untergraben, was die Matura eigentlich ausmachen sollte: einen aussagekräftigen, objektiven Leistungsnachweis. Etwas mehr Strenge wäre angebracht gewesen; im Nachhinein ist es dafür jetzt wohl zu spät. Man wird sich also etwas überlegen müssen.