Christian Helmenstein ist Chefökonom der Industriellenvereinigung © IV / Montage: Selektiv
Christian Helmenstein ist Chefökonom der Industriellenvereinigung © IV / Montage: Selektiv
Interview

IV-Chefökonom: „Von Hunderten Fördermaßnahmen höchstens zwei Dutzend beibehalten“

Die Industrie stabilisiert sich, ein Aufschwung ist das aber noch nicht, sagt IV-Chefökonom Christian Helmenstein. „Wir haben es derzeit mit einer Erholung auf Abruf zu tun“, so Helmenstein, abreißen könnte sie bei einer weiteren Zuspitzung am Persischen Golf. Bei den Exporten in die USA rechnet er relativ zur österreichischen Exportdynamik am Ende mit einem Minus von rund 30 %. Trumps Zollpolitik sieht er deshalb als Anstoß, die Exporte breiter aufzustellen, vor allem in Richtung Indien, Indonesien, Türkei und Mercosur. Um Spielraum im Budget zu schaffen, würde Helmenstein vor allem bei den Förderungen ansetzen: „Wir fördern nahezu alles in diesem Land.“ Höchstens zwei Dutzend davon will er beibehalten, im öffentlichen Dienst fordert er einen Nettoabbau von Beschäftigung.

Herr Helmenstein, im Frühjahr lag das IV-Konjunkturbarometer bei gut 11 Punkten, im Sommer bei unter 5. Jetzt sprechen Sie von Stabilisierung. Ist das eine Trendwende oder nur ein langsamerer Abwärtstrend?

Den Rücksetzer aus dem Sommer haben wir zur Hälfte wieder wettgemacht. Das ist umso bemerkenswerter, als er wesentlich auf den Energiepreisschock zurückging, der nach wie vor anhält. Das weltwirtschaftliche Umfeld hat sich als erstaunlich robust erwiesen, und die österreichische Industrie hat mit Rationalisierungen alles darangesetzt, ihre Marktposition bestmöglich zu verteidigen. Ganz gelungen ist das allerdings nicht.

Wifo und IHS erwarten für das kommende Jahr zwischen 1 und 1,3 % Wachstum. Ist das aus Sicht der Industrie zu optimistisch? Und was bräuchte es, damit dieses Wachstum auch eintritt?

Wir haben es derzeit mit einer Erholung auf Abruf zu tun. Sie würde abreißen, wenn sich die Lage am Persischen Golf weiter zuspitzt. Es gibt aber auch Aufwärtspotenzial: Nach den Midterms könnte die amerikanische Außenhandelspolitik verlässlicher werden, die Energiepreise könnten sinken und der Krieg in der Ukraine könnte enden. Dann würde sich der aufgestaute europäische Aufschwung endlich entfalten. So weit sind wir im Moment aber leider nicht. Derzeit erwarten wir für das nächste Jahr gerade einmal einen Wert von etwas über 1 % realem BIP-Wachstum. In einem Positivszenario wäre dieser Wert hingegen zu niedrig angesetzt.

Wir haben es derzeit mit einer Erholung auf Abruf zu tun.

Christian Helmenstein

Die generellen Erwartungen haben sich gebessert, die Beschäftigungserwartungen bleiben aber klar im roten Bereich. Warum baut die Industrie weiter Stellen ab, obwohl sich die Stimmung langsam hebt?

Die Lohnstückkosten sind in Österreich enorm gestiegen. Ausgehend von 100 Punkten im Jahr 2019 lag der Index in der Spitze bei über 108 Punkten. Einen Punkt davon haben wir wieder aufgeholt. Bis wir bei den Lohnstückkosten wieder wettbewerbsfähig sind, ist es also noch ein weiter Weg. Bedauerlicherweise führt dieser Weg auch über Personalabbau, um die Produktivität zu steigern. Per Saldo geht die Beschäftigung deshalb nach wie vor zurück, wie auch die jüngsten Arbeitsmarktzahlen belegen.

Dass sich die Lage trotzdem etwas zu bessern beginnt, zeigt ein Vergleich: Bei der letzten Erhebung plante nur jedes zwölfte Unternehmen, Beschäftigung aufzubauen, nunmehr jedes neunte.

Die Inflation liegt nicht zuletzt wegen der Energiepreise wieder über 3 %. Wie sehr schadet das der Wettbewerbsfähigkeit, und was bedeutet das für die nächsten Lohnabschlüsse?

Wettbewerbsfähigkeit ist immer ein relatives Konzept. Entscheidend ist, wie sich unsere Inflation im Vergleich zu jener der wichtigsten Handelspartner darstellt. Da ist es unerfreulich, dass wir immer noch bei 3,6 % liegen. Eine Zwei vor dem Komma wäre deutlich besser, und selbst dann lägen wir noch über dem EZB-Ziel.

Glücklicherweise profitiert die metalltechnische Industrie vom vorjährigen Abschluss über zwei Jahre. Damit stehen die Lohnerhöhungen für 2027 schon fest, was die Wettbewerbsfähigkeit weiter leicht verbessert. Das weist in die richtige Richtung, aber die Welt endet nicht 2027. Wir müssen auch darüber hinaus an unserer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten.

Die Exporte in die USA sind im vergangenen Jahr um über 20 % eingebrochen, zuletzt hat sich der Rückgang verlangsamt. Haben sich die Unternehmen auf die Zölle eingestellt, oder sieht man die Schäden erst in einigen Jahren?

In vollem Umfang wird man die Schäden erst sehen, wenn die noch bestehenden Verträge ausgelaufen sind. Die Entwicklung geht in die Größenordnung, die wir prognostiziert hatten: Am Ende des Anpassungsprozesses werden wir relativ zur österreichischen Exportdynamik gegen minus 30 % konvergieren. Im Juli 2026 standen wir bei minus 23,5%.

Erwarten Sie nach den Midterms Auswirkungen auf die US-Handelspolitik und damit auf Österreichs Exporteure?

Ich bin Prognostiker, kein Prophet. Was im Kopf des US-Präsidenten vor sich geht, entzieht sich meiner Kenntnis. Das wird die Empirie der nächsten Tage und Wochen zeigen.

Mehr als die Hälfte der Exporte in die USA sind Maschinen und Fahrzeugteile, dazu kommt die enge Verflechtung mit der deutschen Autoindustrie. Was trifft die österreichische Industrie mehr: Trumps Zölle oder die Schwäche Deutschlands?

Ich würde die Annahme infrage stellen wollen, dass wir es mit einer ausgeprägten Schwäche der deutschen Automobilindustrie zu tun haben. Es trifft zu, dass der Produktionsstandort Deutschland unter massivem Druck steht und die dortige Automobilindustrie Zehntausende Arbeitsplätze verliert. Davon zu unterscheiden sind die Produktionszahlen der deutschen Automobilhersteller. Sie haben erhebliche Kapazitäten in Zentral- und Osteuropa aufgebaut, sodass es für die österreichische Zulieferindustrie darauf ankommt, an den neuen Produktionsstätten präsent zu sein. Pro futuro gilt das sowohl für Investitionen der deutschen Hersteller in den USA als auch chinesischer Hersteller in der EU. Der entscheidende Belastungsfaktor ist vielmehr die Unsicherheit, die von der US-Außenwirtschaftspolitik generell ausgeht, nicht die Lage einer einzelnen Branche.

Als Reaktion auf die US-Zölle richten viele europäische Politiker den Blick stärker nach China. Bundeskanzler Stocker ist gerade dort, Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer spricht von 5,4 Mrd. Euro Exportpotenzial bis 2030. Ist das ein Gamechanger?

Ich würde den Akzent anders setzen: Mitglieder der österreichischen Bundesregierung haben zuletzt zahlreiche Länder besucht, darunter China, Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate. In einer multipolaren Welt tut die Bundesregierung damit genau das, was man in einer solchen Welt tun sollte: Sie baut Beziehungen zu weiteren Wachstumspolen auf. In gewissem Sinne hat Präsident Trump mit seiner Politik den Anstoß zu einer forcierten Diversifikation der österreichischen Außenhandelsbeziehungen gegeben. Es ist richtig, diesen Anstoß zu nutzen, um unsere Exportdestinationen deutlich breiter aufzustellen, vor allem in Richtung Indien, Indonesien, der Türkei und der Mercosur-Staaten.

Österreich importiert aus China mehr als dreimal so viel, wie es dorthin exportiert. Sollte der Kanzler eher auf Marktzugang für österreichische Unternehmen drängen oder auf Schutz vor subventionierten Importen?

Hier sollte es kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch geben. Im Vordergrund sollte der Marktzugang stehen. Zum fairen Wettbewerb gehört aber auch, dass chinesische Exporteure nicht WTO-widrig subventioniert werden. Geschieht das doch, ist es legitim, mit Schutzmaßnahmen zu reagieren. Grundsätzlich bin ich aber für offenen Wettbewerb, und das heißt, auf allen Seiten Marktzugang zu gewähren.

Sie fordern eine Sofortabschreibung nach italienischem Vorbild, um die Konjunktur anzukurbeln. Wie soll das angesichts der Budgetlage finanziert werden?

Es kommt nicht zu einem dauerhaften Einnahmenausfall, sondern nur zu seiner zeitlichen Verschiebung. Bereits mit der Errichtungsphase neuer Projekte verbreitert sich die Steuerbasis. Hingegen wird die vorgezogene Abschreibung später aufgeholt. Für den Fiskus ist das kein Nullsummen-, sondern sogar ein Positivsummenspiel: Am Ende nimmt er mehr ein, als wenn er auf die Sofortabschreibung verzichtet hätte.

Ungünstig ist allerdings, dass gerade die nächsten Jahre für das Defizitverfahren maßgeblich sind.

Das trifft zu und ist einer von zahlreichen Gründen, warum ich den Weg des Defizitverfahrens nicht befürwortet habe. Aus meiner Sicht wäre eine Instantan-Konsolidierung auf ein Maastricht-kompatibles Defizit vorzuziehen gewesen.

Sie halten die Budgetsanierung für unzureichend. Bei welchen Ausgaben würden Sie konkret kürzen, um Platz für Entlastungen und Investitionen zu schaffen?

Zum einen beim großen Block der Förderungen. Wir fördern nahezu alles in diesem Land und benötigen dafür eine Förderbürokratie, deren Ausmaß unterschätzt wird, denn sie fällt dreifach an. Jede Fördermaßnahme muss konzipiert, umgesetzt, überwacht und evaluiert werden. Das ist aber nur der öffentliche Teil. Dabei wird häufig einerseits die erforderliche Schattenadministration in den Unternehmen, um beim Erhalt von Förderungen rechtstreu zu agieren, übersehen. Andererseits ist dieses Handeln zudem durch Leistungen der Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung zu begleiten. Jede Fördermaßnahme, die abgeschafft wird, entlastet also administrativ dreifach. Von den Hunderten Fördermaßnahmen würde ich höchstens zwei Dutzend nachgewiesen wirksame beibehalten und alle anderen abschaffen. Das spart Mittel und baut zugleich Bürokratie ab.

Diesem Zuwachs ist sofort Einhalt zu gebieten.

Christian Helmenstein

Zum anderen beim Personal: Die Beschäftigung im öffentlichen Sektor ist in den letzten Jahren erheblich gewachsen, während die Industrie Arbeitsplätze verloren hat. Diesem Zuwachs ist sofort Einhalt zu gebieten. Mehr noch: Durch Nutzung von Digitaltechnologie gelingt es, bei gleicher Leistung einen Nettoabbau von Beschäftigung zu erreichen. Und nicht zuletzt bedarf es einer Aufgabenkritik, welche Leistungen zukünftig seitens des Staates nicht mehr erbracht werden sollen.