Marco Felsberger ist Analyst für Lieferketten, kritische Infrastrukturen und systemische Risiken © zVg
Marco Felsberger ist Analyst für Lieferketten, kritische Infrastrukturen und systemische Risiken © zVg
Interview

Gasversorgung: „Spiel mit dem Feuer, auf einen milden Winter zu hoffen“

Die europäischen Gasspeicher sind so schlecht gefüllt wie zuletzt vor 15 Jahren, warnt Marco Felsberger. Sich auf einen milden Winter zu verlassen, ist aus Sicht der Resilienz „ein Spiel mit dem Feuer“. Der Analyst für Lieferketten und kritische Infrastruktur erwartet, dass Deutschland vor allem im späteren Winter Probleme bekommen könnte. „Besonders kritisch wäre eine Kombination aus einem weiter angespannten LNG-Markt und einem kalten Februar“, so Felsberger. Die weitere Versorgungs- und Preisentwicklung hängt laut Felsberger auch maßgeblich von der Entwicklung am Persischen Golf ab. Zwischenzeitliche Verbesserungen in der Straße von Hormus dürfe man nicht als nachhaltige Erholung interpretieren. Der Konflikt werde auch nach den heutigen US-Midterm-Wahlen weiterlaufen, erwartet Felsberger.

Wie offen oder geschlossen ist die Straße von Hormus derzeit?

Marco Felsberger: Die Straße von Hormus ist derzeit weder ganz geöffnet noch ganz geschlossen. Zu Beginn des Konflikts konnten mit China, Russland und dem Iran assoziierte Schiffe die Meerenge passieren. Dann wurden diese Schiffe von der US-Navy zusehends an der Durchfahrt gehindert und stattdessen konnten Schiffe europäischer oder amerikanischer Herkunft die Straße von Hormus unter amerikanischem Geleitschutz passieren.

Mit Anfang Oktober wurden bei Rohöl etwa 80 Prozent des Vorkrisenniveaus erreicht. Ende Oktober hat sich der Durchfluss wieder auf rund die Hälfte des Vorkrisenniveaus verringert. Das illustriert eine der zentralen Erkenntnisse meines Buches „Count the Tankers“: Eine beginnende Erholung ist noch keine nachhaltige Erholung. Diesen Fehler habe ich im Juni selbst gemacht, als ich eine zwischenzeitliche Verbesserung zu optimistisch bewertete. Die aktuellen Entwicklungen zeigen, wie schnell sich die Situation wieder verschlechtern kann.

Warum steigen die Rohölpreise dann weiter, wenn der Durchfluss in den letzten Wochen wieder auf 80 Prozent des Vorkrisenniveaus gestiegen ist?

Der Konflikt dauert mittlerweile acht Monate lang an. In diesen acht Monaten waren wir zwischenzeitlich sehr weit weg von 80 Prozent. Das relativ hohe Niveau der letzten Wochen hat keinen großen Einfluss auf die Märkte und die Großhandelspreise, da die strategischen Reserven in den letzten Monaten stark beansprucht wurden und diese jetzt auch wieder aufgefüllt werden müssen. Hinzu kommen Engpässe in unterschiedlichen Bereichen wie bei Diesel, Kerosin oder Kunstdünger. Die 80 Prozent betreffen nur Rohöl – raffinierte Produkte sind weiterhin stark eingeschränkt, da teilweise auch Raffinerien und Gas-Terminals durch Kriegshandlungen beschädigt wurden.

Das eigentliche Risiko liegt im späteren Winter.

Marco Felsberger

Der europäische Gaspreis (DutchTTF) hat vergangene Woche die 100-Euro-Marke überschritten. Dieses Niveau hatte Goldman Sachs vor zwei Monaten bereits prognostiziert. Wie weit werden die Preise noch steigen?

Auch ich habe ähnliche Berechnungen angestellt, den Gaspreis dabei aber unterschätzt. Meine Prognose für Anfang November lag bei 86 Euro pro Megawattstunde, mit einem 80-Prozent-Intervall von 74 bis 100 Euro. Tatsächlich schloss der TTF-Frontmonat am 30. Oktober bei rund 104 Euro/MWh.

Deutschland startet mit einem Speicherfüllstand von rund 61 % in den November. Normal wären zu diesem Zeitpunkt etwa 89 %. Europa liegt bei ungefähr 75 % – dem niedrigsten Stand für diesen Zeitpunkt seit mindestens 2011. Mein aktuelles Modell erwartet, dass der Gaspreis im November bei ungefähr 100 Euro/MWh bleibt und Anfang Dezember bei rund 101 Euro/MWh liegt. Die Unsicherheit ist allerdings erheblich: In einem von zehn modellierten Fällen liegt der Preis über 130 Euro, in einem von zehn unter 80 Euro.

Entscheidend werden vor allem drei Faktoren sein: die weitere Entwicklung am Persischen Golf, das Wetter und die Geschwindigkeit, mit der sich die deutschen Gasspeicher leeren. Eine erneute Eskalation mit Schäden an Energieexportanlagen am Golf könnte den Gaspreis in Richtung 120 Euro treiben. Eine glaubwürdige und nachhaltige Öffnung von Hormus, einschließlich der Rückkehr der Schiffsversicherer, könnte ihn dagegen in Richtung 80 Euro drücken.

Für November geht mein Modell weiterhin von einer gesicherten Versorgung aus. Das eigentliche Risiko liegt im späteren Winter. Die modellierte Wahrscheinlichkeit, dass die verfügbare Gasversorgung in Deutschland an mindestens einem Tag bis Ende März 2027 nicht ausreicht, um die Nachfrage vollständig zu decken, liegt derzeit bei rund 20 %. Besonders kritisch wäre eine Kombination aus einem weiter angespannten LNG-Markt und einem kalten Februar.

Aus Sicht der Resilienz ist es ein Spiel mit dem Feuer, auf einen milden Winter zu hoffen.

Marco Felsberger

Wie bewerten Sie die österreichische Situation?

Die österreichischen Speicher sind zwar nicht so gut gefüllt wie in den letzten Jahren, aber wir könnten damit gut durchkommen. In Deutschland und anderen Industrienationen sieht es wesentlich schlechter aus. Die Sicherheitspuffer, die sie im Worst Case durch einen harten Winter bringen, sind dort kleiner. Hier müssen mehrere Fragen abgewogen werden – wird weiter befüllt oder nicht? Will man sich gegen einen strengen Winter absichern? Je stärker die Speicher jetzt noch befüllt werden, desto teurer wird es natürlich. Aus Sicht der Resilienz ist es ein Spiel mit dem Feuer, auf einen milden Winter zu hoffen.

Donald Trump hat unterschiedliche Angaben gemacht, wie es im Krieg mit dem Iran nach den Midterm-Wahlen weitergehen wird. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Hier würde ich gerne bei dem Titel meines Buches „Count the Tankers“ bleiben, denn auf die politischen Statements in den letzten Monaten konnte man sich nicht verlassen. Donald Trump hat wiederholt erklärt, dass der Konflikt vorbei ist, der Krieg gewonnen ist und der Iran kurz vor der Kapitulation steht. De facto war das nie der Fall. Daher muss man sich darauf konzentrieren, was tatsächlich messbar ist – wie viele Schiffe die Straße von Hormus passieren und welche Mengen an Öl, Gas und petrochemischen Produkten exportiert werden können. Der Konflikt wird bis auf weiteres in einem niederschwelligen Bereich weiterlaufen, da die Grundparameter nicht geklärt sind. Der Iran erhebt nun einen Anspruch auf Mautgebühren in der Straße von Hormus, die USA können sich also nicht einfach zurückziehen.

Es sich hier eine gewisse Torschlusspanik vor den Midterm-Wahlen beobachten.

Marco Felsberger

Außergewöhnlicherweise lassen sich derzeit auch Diesel-Tanker zählen, die auf dem Weg von Russland in die USA sind. Können russische Diesellieferungen zur Entspannung der amerikanischen Dieselpreise beitragen?

Ich schließe mich hier den Einschätzungen anderer Experten an, dass diese Mengen an Diesel – wenn überhaupt – den amerikanischen Dieselverbrauch nur für wenige Stunden bis Tage decken können. Somit werden diese Lieferungen auch keine großen Effekte auf die Preise an der Zapfsäule haben. Im Endeffekt lässt sich hier eine gewisse Torschlusspanik vor den Midterm-Wahlen beobachten, da sich Trump aufgrund der hohen Preise gezwungen sieht, irgendetwas zu unternehmen. Leider geht das zu Ungunsten der Ukraine, da Russland statt schärferen Sanktionen nun zusätzliche Finanzmittel kassiert.

Kritisch für Europa wird es, wenn die USA tatsächlich ein Diesel-Exportverbot verhängen. Wir haben in Europa aktuell nur ausreichend Diesel und Kerosin, weil wir sehr viel davon aus den USA importieren. Beschränken die USA den Export von Diesel, bekommt Europa ein Problem. Damit würde unsere Hauptbezugsquelle wegfallen und wir müssten auch wieder über ungünstige Lösungen nachdenken – und vielleicht russischen Diesel einkaufen, wenn Russland uns diesen überhaupt liefern würde.

Gibt es konkrete Anzeichen, dass die USA ein Diesel-Exportverbot vorbereiten?

Noch gibt es keine sich verdichtenden Anzeichen, aber wir haben in den letzten Jahren oft gesehen, wie schnell Trumps Drohgebärden in die Tat umgesetzt werden. Auch wenn viele seiner Entscheidungen im Nachhinein von den Gerichtshöfen gekippt werden, könnte uns das akut bedrohen. Ohne den amerikanischen Diesel und den entsprechenden Nachschub würden wir diesen Winter vor einem großen Problem stehen. 

Durch die Detente zwischen den USA und Russland bekommen auch europäische Stimmen Aufwind, die ein Ende der Russland-Sanktionen und den Bezug von russischer Energie fordern. Wie realistisch sind diese Forderungen?

Die Erfahrungswerte der vergangenen Krisen zeigen, dass es noch einige Zwischenschritte gibt, bevor es so weit kommen würde. Ein erster Schritt ist das Anzapfen der strategischen Reserven. Beim Rohöl wurde das zu Beginn der Krise koordiniert über die Internationale Energieagentur (IEA) organisiert. Der Zugriff auf die strategischen Dieselreserven vor einigen Wochen ist hingegen hauptsächlich auf Druck der USA zustande gekommen. Wenn sich dann ein Engpass abzeichnet, würden in einem zweiten Schritt beschränkende Maßnahmen gesetzt werden – etwa, dass es ein Limit gibt, wie viele Liter man täglich tanken darf. In einem dritten Schritt könnte es in der Energieversorgung und in der Industrie zu Mangelbewirtschaftung kommen. 

Ich würde mich aber nicht trauen, die Hand ins Feuer zu legen, dass wir bei gesellschaftlich und wirtschaftlich massiven Einschränkungen diese strenge Russland-Sanktionspolitik weiterführen können. Denn die Bevölkerung würde natürlich entsprechenden Druck auf die Politik ausüben. Irgendwann könnten uns die Alternativen ausgehen. 

Im Frühjahr hatte IEA-Chef Fatih Birol vor der größten Energiekrise aller Zeiten gewarnt. Diese hat sich so aber nicht manifestiert – war das eine Fehlprognose oder gewissermaßen ein Präventionsparadox?

Diese Frage habe ich auch sehr stark reflektiert und es gibt zwei Erklärungen. Erstens ist es natürlich zu einer extremen Nachfragezerstörung gekommen. Zwar waren die Supermarktregale nicht leer und es ist kein Chaos ausgebrochen, aber die wirtschaftlichen Schäden waren selbstverständlich enorm. Beispielsweise hat die Lufthansa 20.000 Flüge gestrichen. Die Wirtschaft hängt in vielen Bereichen in den Seilen – dadurch geht der Verbrauch von Öl, Gas und Diesel natürlich zurück. Zweitens tritt wie angesprochen ein gewisses Paradoxon ein, wenn man vor einer großen Krise warnt und sich dann entsprechend das Verhalten ändert. Unser System zeigt mittlerweile auch mehr Resilienz, als man glauben mag. Es konnten sehr schnell Ersatzlieferungen organisiert und alternative Quellen und Routen erschlossen werden – auch, wenn das oft zu weit höheren Preisen der Fall war. Das hat in Summe dazu beigetragen, dass in Europa nicht das Schlimmste eingetreten ist. In anderen Weltregionen hingegen gab es aufgrund der geografischen Abhängigkeit von der Straße von Hormus schon sehr starke Auswirkungen – etwa wurden in Bangladesch Schulen und Universitäten geschlossen, Strom und Treibstoff wurden rationiert. 

Das nächste Jahr wird sicherlich ein hartes.

Marco Felsberger

In und nach der Covid-Krise kam es durch die Lockdowns zu extremen Verzögerungen in den Lieferketten. Droht nach dem Ende des Irankriegs ein ähnlicher Effekt?

Das größte Problem in der Covid-Krise war das Unterbrechen des Containerschiffsverkehrs, der im Prinzip wie ein Uhrwerk läuft. Bis sich dieser Kreislauf wieder normalisiert hatte, hat es eine Weile gedauert. Erschwert wurde die Lieferketten-Problematik durch den sogenannten Bullwhip-Effekt: Alle Marktteilnehmer bestellen aufgrund der Engpässe mehr, um sich abzusichern. Dadurch werden aber die Engpässe noch größer.

In der Straße von Hormus spielt der Containerschiffsverkehr keine große Rolle, somit wird sich dieses Problem nicht wiederholen. Die Rückgänge bei Rohöl, Petrochemie oder Helium werden sich aber trotzdem noch länger bemerkbar machen. Es handelt sich dabei um physische Prozesse. Bei einem Ende des Konflikts kann man nicht einfach 200 Prozent liefern, um die Ausfälle wiedergutzumachen. Diese Krise wird also auch noch längere Kaskadenwirkung haben.

Europa versucht, sich militärisch von den USA zu emanzipieren und sich auch unabhängiger von fossilen Importen zu machen. Derzeit ist man in beiden Aspekten aber weiterhin abhängig – wie ernst ist die Lage?

Eine Rüstungsindustrie lässt sich nicht erst hochfahren, wenn der Krieg schon begonnen hat. Bei den Rohstoffen ist es ähnlich: Erkannt hat man das Problem um 2020, der „Critical Raw Materials Act“ (CRMA) wird sich aber erst 2030 voll entfalten. Solche Dinge brauchen einfach Zeit und man hat viel zu spät angefangen.

Das nächste Jahr wird sicherlich ein hartes, denn bei Energiesicherheit und Rohstoffen sehe ich keine kurzfristigen Lösungen. Hinzu kommt die hybride Kriegsführung: Je stärker die EU die Ukraine unterstützt, desto häufiger werden auch in Europa Kraftwerke angegriffen oder Strommasten gesprengt. Ich war selbst überrascht, wie resilient wir bisher waren. Aber die Puffer, die uns in den letzten Monaten getragen haben, sind weitgehend aufgebraucht. Jede weitere Krise könnte die Situation kippen lassen.