Die Diskussion über das österreichische Gesundheitssystem einmal anders

21. Juli 2026Lesezeit: 3 Min.
Kommentar von Markus Hengstschläger

Der Genetiker Markus Hengstschläger ist Leiter des Instituts für Medizinische Genetik und Organisationseinheitsleiter des Zentrums für Pathobiochemie und Genetik an der Medizinischen Universität Wien und u.a. auch stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, Aufsichtsratsvorsitzender der Gesellschaft für Forschungsförderung Niederösterreich, Kuratoriumsmitglied des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds und Gründer und Leiter des Symposiums „Impact Lech“.

Aktuell vergeht kaum ein Tag an dem das österreichische Gesundheitssystem nicht Schlagzeilen macht, manchmal gelobt, oft aber angeprangert oder sogar grundsätzlich in Frage gestellt wird. Es ist zu teuer, zu wenig effizient und am Ende sind die Österreicherinnen und Österreicher gar nicht so (lange) gesund – so der kolportierte „Befund.“

Was es jetzt braucht ist einerseits eine evidenzbasierte Bestandsaufnahme des Istzustandes und andererseits, wo geboten, umsetzbare Lösungsvorschläge. Das Buch „Die Kraft des Miteinander. So stärken Kooperationen Gesellschaft und Gesundheitssystem“ von Dr. Michael Heinisch erschienen im Carl Ueberreuter Verlag bietet beides. Hier schreibt ganz offensichtlich jemand, der weiß wovon er spricht. Dr. Heinisch ist seit einem Vierteljahrhundert Vorsitzender der Geschäftsführung der Vinzenz Gruppe, einem der größten privaten Träger von gemeinnützigen Gesundheitseinrichtungen in unserem Land. Und er ist ein Manager, der sein Wissen weitergibt – als Professor an der Universität Graz, der Health Care Management zusätzlich auch an der Donau-Universität Krems und an der WU Wien unterrichtet. 

Was man bei der Lektüre des Buches über den Istzustand erfährt ist erhellend und so umfangreich, dass an dieser Stelle maximal angedeutet werden kann: Etwa 3,5 Millionen Menschen leben in Österreich mit einzigartigen Kombinationen von Diagnosen, wovon eine Million mehr als sieben gleichzeitig bestehende Erkrankungen hat. Es gibt in unserem Land etwa 250 Krankenhäuser mit rund 60.000 Betten. Mit 5,5 Ärztinnen und Ärzten pro 1000 Einwohner erreichte Österreich im Jahr 2023 einen der höchsten Werte unter den EU-Ländern (EU-Durchschnitt = 4,3). In Österreich gibt es ungefähr 52.000 Ärztinnen und Ärzte und 170.000 Pflegekräfte. Die Gesundheitsausgaben pro Kopf lagen 2023 mit 4.901 Euro um 28 Prozent über dem EU-Durchschnitt und unser Land verzeichnete die zweithöchsten Pro-Kopf-Ausgaben in der EU. Das Ergebnis, das damit erzielt wird, nennt Heinisch aber ambivalent: So ist zwar die Sterblichkeit aufgrund behandelbarer Ursachen, nach Schlaganfall oder Herzinfarkt niedrig und die Überlebensraten bei bestimmten Krebsformen liegen hoch. Aber betreffend gesunde Lebensjahre oder vermeidbare Krankheiten liegt Österreich bestenfalls im Mittelfeld. Manches liegt dabei auch an dem immer noch hohen Konsum an Nikotin und Alkohol und der relativ hohen Adipositas-Rate in unserem Land. Ein Befund, der mich besonders beschäftigt, weil richtig angewendete genetische Analysen hierbei vielleicht einen positiven Effekt haben könnten: 96 % der öffentlichen Gesundheitsausgaben werden in Österreich für die Behandlung von Krankheiten eingesetzt, und nur etwa 4 % fließen in die Krankheitsvermeidung!

Umso erfreulicher ist es, dass der Autor eine Vielzahl von oft sehr konkreten Lösungsvorschlägen macht: Das Gesundheitssystem muss übersichtlicher, weniger föderal organisiert und weniger fragmentiert werden. Es bedarf einer integrierten Versorgung in Gesundheitsnetzwerken, in denen Patientinnen von Gesundheitslotsen oder Navigatoren geführt und von Ethik-Koordinatorinnen begleitet werden. Die notwendige Transformation kann, so der Autor, nur gelingen, wenn Maßnahmen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung gesetzt werden und die aktuellsten Entwicklungen in den Bereichen KI, digitale Netzwerke oder Telemedizin entsprechend zum Wohle aller eingesetzt werden können. „Geschätzt rund 30 Prozent der Arbeitszeit von Ärztinnen und Ärzten und Pflegepersonen fließt heute in bürokratische Prozesse.“

Der Grundtenor des Buches ist, dass das österreichische Gesundheitssystem nicht kooperationsorientiert angelegt ist. Die Strukturen, Zuständigkeiten und Finanzierungsmechanismen müssen Kooperation begünstigen und Abschottung, Parallelstrukturen und sektorales Denken verhindern. Und die große Bedeutung der Kooperation wird anhand des evolutionstheoretischen Modells der Multilevel-Selektion erläutert: Weil Individuen von egoistischem Verhalten kurzfristige Vorteile haben, stehen sie tendenziell in Konkurrenz zueinander. Zwischen Gruppen sind allerdings jene langfristig erfolgreicher, innerhalb derer viel kooperiert wird. Konsequenterweise erörtert Michael Heinisch in seinem lesenswerten Buch auch die Frage: Liegt uns das Kooperieren (nicht) in den Genen?

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