In Österreich ist die Zahl klinischer Studien in 3 Jahren um 30 % eingebrochen. Das ist nicht nur für Patienten bitter, weil es den frühen Zugang zu innovativen Medikamenten einschränkt, erklärt Alexander Mülhaupt, General Manager von Roche Österreich: „Das bedeutet auch höhere Kosten für das Gesundheitssystem“. Österreich hätte sehr gute Voraussetzungen als Innovationsstandort, sei aber zu langsam und zu kompliziert. Die Folge: Investitionen wandern in die USA und nach China ab: „Was ich in Europa und Österreich derzeit sehe, ist ein play not to lose: Man versucht, das Bestehende zu erhalten, ohne aggressiv voranzugehen“. Zur Kritik an hohen Medikamentenpreisen meint er: „Die Preisstruktur in Europa ist im internationalen Vergleich tatsächlich sehr niedrig, aber das wird selten transparent gemacht“.
Klinische Studien sind in Österreich rückläufig. Wo liegen die Gründe dafür, und wie steht Österreich im europäischen Vergleich da?
Alexander Mülhaupt: Das ist eine sehr spannende Frage, und die Situation ist sowohl für Österreich als auch für Europa kritisch. In Österreich haben wir über die letzten drei Jahre fast 30 Prozent Rückgang bei klinischen Studien gesehen, in Europa insgesamt fast die Hälfte in den letzten 10 Jahren. Man kann also durchaus von einem Einbruch sprechen. Besonders besorgniserregend ist, dass wir gerade in den frühen Phasen – Phase 1 und 2 – weniger Studien sehen. Das sind jene Phasen, in denen neue Moleküle hinsichtlich Sicherheit und Wirksamkeit untersucht werden. Sie ermöglichen Patienten sehr frühen Zugang zu innovativen Medikamenten und geben dem ärztlichen Personal die Möglichkeit, frühzeitig Erfahrung damit zu sammeln.
Dazu kommt ein oft übersehener wirtschaftlicher Aspekt: Die Kosten für klinische Studien – Medikamente, Diagnostika, Personal, Aufwand – werden vollständig von uns übernommen. Wenn diese Studien wegfallen, fallen auch diese Kostenübernahmen weg, obwohl die Patienten weiterhin behandelt werden müssen. Das bedeutet höhere Kosten für das Gesundheitssystem.
Wo liegen die Gründe für diese Rückgänge?
Das ist multifaktoriell, es gibt nicht einen einzelnen Grund. In Österreich ist die Komplexität unseres fragmentierten, föderalistischen Systems ein wesentliches Hindernis. Im globalen Wettbewerb geht es darum, klinische Studien so schnell wie möglich durchzuführen, um rasch den Mehrwert einer Innovation beurteilen und die Kosten reduzieren zu können. Bürokratie, uneinheitliche Vertragsgestaltung zwischen Krankenhäusern und verschiedenen Trägern, unterschiedliche Ansätze bei der Patientenrekrutierung – all das benachteiligt uns.
Dabei hätten wir eigentlich erhebliche Vorteile: Spitzenzentren wie das AKH Wien, die Unikliniken in Innsbruck und Graz, hervorragende Medizinerinnen und Wissenschaftler. Wir haben auch eine gewisse digitale Infrastruktur – ELGA und ID Austria bieten reale Vorteile. Aber diese Stärken kommen nicht zur Geltung, weil das System zu bürokratisch, fragmentiert und föderalistisch aufgestellt ist.
Was müsste bei den Verträgen passieren, damit das einfacher wird?
Wir haben gesehen, was möglich ist: Spanien ist ein gutes Beispiel. Dort wurden Vertragserstellung, zentrale Ansprechpartner und die Initiierung von Studienzentren harmonisiert und zentralisiert, ebenso die Patientenrekrutierung. Das schafft einen enormen Vorteil bei der Geschwindigkeit. Bei uns kann es – je nach Anzahl der beteiligten Studienzentren – drei bis zwölf verschiedene Verträge geben, und der Aufbau kann sechs Monate oder länger dauern, bevor eine Studie überhaupt starten kann.
Dazu kommt die Digital-Health-Strategie: Wie generieren und nutzen wir Daten? Auch hier könnten wir uns einen echten Wettbewerbsvorteil erarbeiten, wenn wir es wirklich umsetzen würden. Spanien hat das als strategisches Element begriffen – nicht nur für das Gesundheitssystem, sondern für den Wirtschaftsstandort insgesamt.
Welche Standortfaktoren entscheiden darüber, ob eine Studie nach Österreich vergeben wird oder in ein anderes Land?
Es gibt drei wesentliche Faktoren. Erstens die Geschwindigkeit: Wir haben mit einem Patent einen definierten Lebenszyklus, in dem wir ein neues Medikament so schnell wie möglich entwickeln müssen, um Patienten neue Behandlungsansätze anbieten zu können. Zweitens die wissenschaftliche Exzellenz: Wir arbeiten nur mit Zentren zusammen, bei denen wir wissen, dass die Expertise und Infrastruktur vorhanden sind und da würde ich Österreich im globalen Vergleich ein klares Plus geben.
Der dritte Faktor wird oft vergessen: der Marktzugang. Es ist für uns essentiell, dass Patienten nach Abschluss einer Studie auch tatsächlich Zugang zum Medikament erhalten. Wenn ein Land zusätzliche bürokratische Hürden einführt, dann stellen wir uns natürlich die Frage, ob es sinnvoll ist, dort Studien durchzuführen, wenn der schnelle Patientenzugang danach nicht gesichert ist. Forschung und Marktzugang müssen einheitlich gedacht werden.
Wie entwickeln sich die Roche-Investitionen in klinische Forschung in Österreich?
Roche investiert weltweit jährlich rund 13 bis 14 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. Das ist zentral für uns als Unternehmen, das lebensbedrohliche Krankheiten behandeln will. In Österreich investieren wir jährlich rund 15 Millionen Euro und führen derzeit knapp 60 klinische Studien durch. Im Gesamtkontext ist das ein eher kleineres Investment, das aber die Marktattraktivität und die Dynamik widerspiegelt, die wir derzeit erleben: Investitionen wandern zunehmend in andere Länder ab, vor allem in Richtung USA und China. Das ist besorgniserregend, weil wir sicherstellen wollen, dass Patienten hier weiterhin Zugang zu den bestmöglichen Therapien haben.
Wo wäre das Problem, wenn Medikamente hauptsächlich in den USA und in China entwickelt würden und wir sie dann kaufen würden?
Das Kernproblem ist die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft: Länder, in denen geforscht wird, erhalten frühzeitig Zugang zu innovativen Therapien, im Vergleich zu anderen Ländern. Das ist nicht nur eine Frage für Patienten, sondern auch für die Wirtschaftsproduktivität und die langfristige Tragfähigkeit unserer Sozialsysteme. Eine gesunde Bevölkerung ist eine Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.
Wir sehen, dass die USA und China bewusst entschieden haben, in diesem Bereich führend zu sein, durch Investitionen in Forschung, Produktion und Arbeitsplätze, aber auch durch eine strategische Unabhängigkeit von anderen Ländern. Das ist ein play to win. Was ich in Europa und Österreich derzeit eher sehe, ist ein play not to lose: Man versucht, das Bestehende zu erhalten, ohne aggressiv voranzugehen. Wir haben aber die Möglichkeit, das zu ändern – genau dafür steht die Life-Sciences-Strategie.
Bevor wir zur Life-Sciences-Strategie kommen: Die Forschungsprämie wird als großes Standortasset gelobt, aber viele große Unternehmen ohne Sitz in Österreich können sie nicht in Anspruch nehmen. Wie stark schränkt sie das ein?
Generell gilt: Alles, was einen Standort attraktiver macht, hilft dabei, langfristige Investitionen zu sichern. Für uns ist die Forschungsprämie nicht die zentrale Lösung. Was ich aber branchenweit wahrnehme, ist, dass die geplante Erhöhung der Deckungsobergrenze von einer Million auf fünf Millionen Euro als echter Mehrwert gesehen wird und tatsächlich Anreize schafft. Insgesamt ist es wichtig, verschiedene Maßnahmen kontinuierlich weiterzuentwickeln, um den Standort attraktiv zu halten und gleichzeitig kurzfristige Kostensignale zu vermeiden, die die Industrie abschrecken.
Jetzt zur Life-Sciences-Strategie. Was müsste in einer österreichischen Strategie stehen?
Wir haben bereits eine Life-Sciences-Strategie, allerdings eine ältere. Was uns sehr gefreut hat: In der neuen Industriestrategie der Bundesregierung gibt es ein klares Bekenntnis zum Life-Sciences-Sektor – das ist ein wichtiges Signal. Jetzt geht es darum, zu definieren, wo wir in zehn Jahren stehen wollen.
Was uns dabei besonders wichtig ist: ganzheitliches Denken. Forschung, Produktion und Marktzugang müssen zusammen gedacht werden – von der regulatorischen Zulassung bis zur Erstattung. Ein Produkt, das in Österreich erforscht wird, muss auch tatsächlich bei den Patienten ankommen. Aus unserer Sicht ist es jetzt entscheidend, so rasch wie möglich mit der Definition und Umsetzung der Life-Sciences-Strategie zu beginnen.
Deutschland hat eine eigene Pharma-Strategie. Kann sie Vorbild sein?
Österreich macht vieles richtig, und es gibt durchaus etwas, das man sich von Deutschland abschauen kann – aber auch Dinge, bei denen Österreich seinen eigenen Weg finden muss. Was mich hier beschäftigt, ist, dass wir uns manchmal in unseren eigenen Silos verlieren: Das föderalistische Setup hilft uns nicht immer, und Verantwortlichkeiten werden zwischen Ministerien hin- und hergeschoben.
Was in Deutschland weniger glatt gelaufen ist, war die Gesundheitskassenvertragsreform, nach der große Pharmaunternehmen geplante Investitionen abgesagt haben. Sehen Sie die Gefahr auch in Österreich?
Ja, und das betrifft uns ganz direkt: Die Entwicklung eines neuen Medikaments dauert zehn bis fünfzehn Jahre, und nur rund 8 Prozent unserer Investitionen führen überhaupt zu einem vermarktbaren Produkt. Planungssicherheit und Stabilität sind für uns keine angenehmen Extras, sondern existenzielle Voraussetzungen.
Was wir in Deutschland gesehen haben, ist dieses kurzfristige, kostenorientierte Denken, das dazu führt, dass Investitionen nicht in die richtigen Kanäle fließen und der echte Wert von Innovation nicht anerkannt wird. Genau das wollen wir in Österreich vermeiden. Wenn wir unser Humankapital ernst nehmen und gezielt in Life Sciences investieren – in Forschungszentren, in klinische Studien, in Kapazitäten –, können wir in diesem Bereich wirklich führend sein. Kurzfristiges Budgetdenken steht dem entgegen.
Kürzlich hat die ÖGK besonders hohe Medikamentenpreise beklagt. Können Sie das nachvollziehen?
Das Bild ist verzerrt. Die globale Forschung und Entwicklung neuer Medikamente wird zum Großteil durch die USA finanziert und dadurch werden die niedrigen Preise in Europa quersubventioniert. Die Preisstruktur in Europa ist im internationalen Vergleich tatsächlich sehr niedrig, aber das wird selten transparent gemacht. Was in Berichten wie dem Heilmittelbericht zudem fehlt: die gesamten Rabatte und Rückerstattungen, die verhandelt werden. Ohne diese Faktoren entsteht ein rein kostenorientiertes Bild, das den tatsächlichen Mehrwert von Innovation – für Patienten, für das Gesundheitssystem, für den Wirtschaftsstandort – nicht erfasst.
Sollten in den USA die Preise gesenkt werden – Stichwort Most Favoured Nation –, könnten dann die Preise bei uns steigen?
Die meisten Gesundheitssysteme stehen unter enormem Druck: alternde Bevölkerungen, Menschen, die länger leben, aber nicht länger gesund. Das erzeugt steigende Kosten. Gleichzeitig verschiebt sich, wo Forschung, Entwicklung und Produktion stattfinden. Und die aktuelle US-Regierung stellt klar, dass Europa einen größeren Anteil an den Entwicklungskosten neuer Medikamente tragen soll. Das ist keine reine US-Taktik, sondern eine gesellschaftliche Frage, der wir uns stellen müssen: Wie viel sind wir bereit, für Innovation auszugeben? Und wie bekennen wir uns als Gesellschaft dazu, dass der Zugang zu Innovation langfristig gesichert wird?
Abschließend zum Budget: Die Körperschaftsteuererhöhung von 23 auf 24 Prozent für Gewinne über eine Million Euro soll ab 2027/28 kommen. Wie bewerten Sie dieses Signal?
Jede zusätzliche Steuer, jedes kurzfristige Budgetdenken macht Österreich im internationalen Wettbewerb unattraktiver. Das sind die kleinen Hebel, die in der Summe das Gesamtbild des Standorts trüben, gerade wenn man sich als führender Life-Sciences-Standort positionieren möchte. Was wir brauchen, ist das Gegenteil: ein klares Bekenntnis zu Investitionen in den Sektor, eine ambitionierte Life-Sciences-Strategie.