Koreas Chip-Offensive als Lehre für Europa

7. Juli 2026Lesezeit: 5 Min.
Sylvia Schwaag Serger
Kommentar von Sylvia Schwaag Serger

Sylvia Schwaag Serger ist Präsidentin der Königlich Schwedischen Akademie der Ingenieurwissenschaften (IVA) . Die Expertin für China und Innovation war für die Europäische Kommission, die OECD, die Weltbank und als Technologierätin an der schwedischen Botschaft in Peking tätig. Von 2015 bis 2026 beriet sie im RFTE bzw. FORWIT die österreichische Bundesregierung zur FTI-Politik.

520.000.000.000 Euro – so viel hat der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung zugesagt, um in den nächsten 20 Jahren in die heimische Halbleiter- und KI-Industrie zu investieren. Das Ziel: In Yongin den weltweit größten Halbleiter-Cluster zu schaffen und eine vollständig unabhängige KI-Infrastruktur und Technologiekette – von Chip bis Cloud – aufzubauen, ohne von ausländischer Technologie (sprich: den USA oder China) abhängig zu sein. Durch einen öffentlichen Investitionsfonds sollen lokale Material-, Bauteile- und Ausrüstungsunternehmen gefördert und eine Industriestruktur aufgebaut werden, die lokale Hochschulen stark einbindet und Fachkräften in der Region Arbeitsplätze bietet. 

Doch die Pläne gehen noch weiter: Südkorea will eine „dritte Alternative“ für Länder anbieten, die sich nicht zwischen den USA und China entscheiden oder von einem der beiden abhängig sein wollen. Zielmärkte sind Südostasien, der Nahen Osten, Nordafrika – und Europa. 

Das Land sieht die neue geopolitische Landschaft und ihre Herausforderungen also ganz klar auch als große Chance für seine eigene Zukunftsfähigkeit. Und wenn es ein Land gibt, das von dieser neuen Welt profitieren kann, dann ist es das agile Südkorea. Das hat es etwa gezeigt, als die USA ihre Technologieexporte nach Saudi-Arabien beschränkten und südkoreanische KI-Unternehmen rasch die Möglichkeit ergriffen, die freigewordene Nische zu besetzen. 

Ich hatte vor kurzem die Gelegenheit, mich mit südkoreanischen Vertretern aus Behörden, Industrie und Start-up-Szene auszutauschen. Sie alle machten eindrücklich klar, mit welcher Überzeugung die Regierung danach strebt, Südkorea zu einem selbstversorgenden, souveränen Weltmarktführer in der KI zu machen – und alles daran setzt, dieses Ziel zu erreichen. Dazu gehört die Festlegung strategischer Prioritäten der Regierung, um eine vollständig einheimische KI-Infrastruktur aufzubauen. Die Art und Weise, wie die Regierung weltweit führende Technologieunternehmen fördert und vorantreibt, hat wenig gemeinsam mit dem, was wir in Europa traditionell mit Staatsbeihilfen oder Industriepolitik verbinden. 

Zwar betreibt auch Südkorea eine Art Industriepolitik, aber sie konzentriert sich auf staatliche Prioritäten für ausgewählte strategische Technologiebereiche, statt auf die Rettung schwächer werdender Industrien. In Südkorea bedeutet „Picking Winners“ nicht, einzelne Unternehmen am Leben zu halten – dort herrscht die klare Erkenntnis, dass der Staat ein schlechter Richter für Geschäftsmodelle ist. Stattdessen geht es darum, Branchen und Technologiebereiche zu identifizieren, in denen das Land das Potenzial hat, weltweit führend zu werden. Vor dem Hintergrund der neuen geopolitischen Realität und der rasanten technologischen Entwicklung hat Seoul seinen Fokus nun auf Halbleiter, KI, Batterien, die grüne Wende, Energieeffizienz und technologische Souveränität gerichtet. 

Die Regierung traut sich, Prioritäten zu setzen. Sie nutzt einen Mix aus gezielter Forschungsförderung, Steueranreizen, Kreditunterstützung, öffentlicher Beschaffung, Regulierung und Cluster-Politik, um globale Spitzenreiter in den ausgewählten Technologiebereichen zu fördern. Das südkoreanische Modell sieht auch vor, dass der Staat einen harten Wettbewerb zwischen den Unternehmen fördert. Nehmen wir Rebellions und FuriosaAI, zwei südkoreanische KI-Start-ups, die ernsthafte Konkurrenten für Nvidia sind. Der Wettbewerb zwischen ihnen und anderen heimischen Technologieunternehmen ist gnadenlos. Das stellt sicher, dass staatliche Anreize und Unterstützung die Unternehmen nicht ineffizient oder träge machen, sondern sie auf Trab halten. Hinzu kommt, dass Südkorea über 5 Prozent seines BIP in Forschung und Entwicklung investiert (öffentliche und private Investitionen zusammen). Zum Vergleich: der europäische Durchschnitt beläuft sich auf etwa zwei Prozent, Österreich gehört mit seinen rund 3,3 Prozent F&E-Ausgaben zu den führenden europäischen Ländern. 

Ich glaube, wir hier in Europa – und insbesondere in forschungsstarken Ländern wie Österreich oder Schweden – können viel von Südkorea lernen. Als Wirtschaftshistorikerin habe ich eine gesunde Skepsis gegenüber Konzepten wie „aktive Industriepolitik“ und Staatsbeihilfen, erst recht, wenn sie strukturelle Veränderungen behindern, Marktkräfte untergraben oder Unternehmen dazu verleiten, sich auf die Sicherung von Staatsvorteilen statt auf die Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu konzentrieren. Doch ich glaube, wir müssen sowohl unsere alte Weltsicht als auch unsere Wirtschaftstheorien überdenken und über die Rolle des Staates bei der technologischen Entwicklung und industriellen Transformation nachdenken. 

In letzter Zeit beobachte ich eine nuanciertere und pragmatischere Argumentationslinie bei einigen Ökonomen und Institutionen. Die Weltbank hat kürzlich einen Bericht veröffentlicht, in dem sie ihre früher dogmatisch negative Haltung zu Staatsbeihilfen teilweise neu definiert und infrage stellt. Der Gouverneur der Belgischen Nationalbank, Pierre Wunsch, hinterfragte in der Financial Times den Freihandelsfundamentalismus, der insbesondere für Nordeuropa so charakteristisch ist: „Offenheit für Handel und strenge Beihilferegeln funktionieren in einer regelbasierten Welt. Diese Welt ist vorbei, und wenn man zu sehr an einer vergangenen Welt festhält, ist man einfach naiv.“ Wunsch argumentiert, dass diese dogmatische Haltung Europas Wettbewerbsfähigkeit in neuen Technologien behindert. Warum sollten wir auf ein „level playing field“ bestehen, wenn es niemand sonst tut? 

Im Gegensatz zu Südkorea ist Österreich ein kleiner Binnenmarkt und daher besonders abhängig davon, wie gut der EU-Binnenmarkt funktioniert. Österreich ist ein hinsichtlich Forschung starkes und angesehenes Land und als solches sollte es seine Position nutzen, um auf europäischer Ebene eine klare Rolle in der aktiven Priorisierung strategischer Kapazitäten einzunehmen.

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