Philipp Mayer, Vorstandsmitglied der Pensions- und Vorsorgekasse Valida, bewertet die im April angekündigte Pensionsreform als „Schritt in die richtige Richtung“ – aber als zu zaghaften. Das Opt-in-Modell werde mittelfristig „vielleicht 10 % der Bevölkerung“ erreichen, ein Opt-out-Standard wäre der wirksamere Hebel gewesen. Die von der Regierung geplante Absenkung der Verwaltungskostengrenze für Vorsorgekassen von 0,8 auf 0,6 % hält er für einen unnötigen Eingriff: „Kein einziges Unternehmen am Markt hat diese 0,8 % verlangt – das ist ein Zeichen, dass der Markt funktioniert.“
Langfristig plädiert Mayer für ein Mischsystem aus 70 % Umlageverfahren und 30 % Kapitaldeckung. Dass Österreich das dänische Niveau von 206 % des BIP in Pensionskassen je erreicht, sei realistisch, aber nur über einen Horizont von Jahrzehnten. Österreich stehe derzeit bei rund 7 % des BIP. Die Lücke zu schließen sei Generationenaufgabe, keine Legislaturperiode.
Wie schätzen Sie die aktuelle Lage des österreichischen Pensionssystems ein?
Philipp Mayer: Das österreichische Pensionssystem leistet viel für die derzeitigen Pensionisten. Die Absicherung im Alter funktioniert, auch im Vergleich zu anderen Staaten sind die Leistungen, die Österreich erbringt, ausreichend.
Pensionen müssen jedoch langfristig betrachtet werden. Bis eine Reform anfängt zu wirken, dauert es mindestens zehn Jahre. Man darf sich also nicht nur um den Status quo Gedanken machen, sondern muss in die Zukunft blicken.
Im österreichischen System liegt nahezu die gesamte Last im Umlageverfahren, es finanziert sich im Wesentlichen durch das Lohnaufkommen. Jetzt kann man sich fragen, ob das für die Zukunft eine gute Aufstellung ist und ob es genug Risikodiversifikation bringt. Ich habe selbst zwei Kinder und ein Interesse daran, dass auch sie noch ein stabiles Pensionssystem vorfinden. Was ist, wenn die Demografie noch stärker zuschlägt? Was, wenn das Lohnvolumen nicht so wächst wie in den letzten Jahrzehnten?
Wofür ich plädiere: Schauen wir uns an, wie wir diese Risiken managen können. Ich bin der festen Überzeugung, dass es Vorteile brächte, eine Kapitalmarkttangente mitzunehmen, um eine Risikodiversifikation zu haben. Da sehe ich in Österreich noch Potenzial.
Bisher basiert das österreichische Pensionssystem fast ausschließlich auf der gesetzlichen Pension. Nun hat die Regierung im April eine Reform der betrieblichen Vorsorge angekündigt. Wie schätzen Sie diese ein?
Die Reform ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber wir bewegen uns zu langsam. Die zweite Säule ist aus meiner Sicht das ideale Instrument, um die Risiken des Pensionssystems breiter zu streuen. Warum? Weil sie kollektiv ist, effizient und gute Standards für die Österreicherinnen und Österreicher anbietet.
Ich bin der Regierung dankbar, dass sie das Thema angegriffen hat, da es sehr lange brachlag. Die Herausforderung wird nun sein, die Reform so zu nutzen, dass die zweite Säule tatsächlich in die Breite wirkt. Alles, was beschlossen wurde, basiert auf Freiwilligkeit und auf einem sogenannten Opt-in-Verfahren. Aus internationalen Studien wissen wir, dass ein solches Verfahren mittelfristig vielleicht 10 % der Bevölkerung erreichen kann.
Ich hätte mir ein Opt-out-Modell gewünscht, also dass man automatisch in den Genuss der besseren Veranlagung in der neu zu schaffenden Vorsorge-Veranlagungsgemeinschaft kommt. Das wäre ein wirklich guter erster Schritt gewesen. Es liegt nun an uns, den Menschen, die sich für das neue Opt-in-Modell entscheiden, zu zeigen, dass diese neue Veranlagung bis zur Pension tatsächlich einen Mehrwert liefert.
Im Detail betrachtet beinhaltet die Reform zahlreiche sinnvolle Maßnahmen: Die Steuerfreiheit von Eigenbeiträgen in die Pensionskasse sehe ich positiv, die Einführung der Vorsorge-Veranlagungsgemeinschaft in der Vorsorgekasse ist ein wichtiger Schritt, um die zweite Säule in die Breite zu bringen. Man darf sich aber nicht erwarten, dass die zweite Säule dadurch rasant wächst und das Pensionssystem maßgeblich stärkt.
Innerhalb der zweiten Säule gibt es bereits die Abfertigung Neu und die Pensionskassen. Nun kommt mit dem Opt-in für risikoreichere Veranlagung ein weiterer Baustein hinzu. Wird das System damit nicht noch komplexer?
Es gibt bereits zwei verschiedene Systeme: Die Vorsorgekassen administrieren die Abfertigung Neu – ein Produkt, das im Prinzip jedem erwerbstätigen Österreicher offensteht. Sie ist aus der Abfertigung Alt herangewachsen, die in der ursprünglichen Form eigentlich keine Pensionsvorsorge war, sondern eher eine Absicherung im Falle von Arbeitslosigkeit. Die Pensionskassen hingegen sind freiwillig und können nur vom Betrieb eingerichtet werden. Leider haben nur rund 25 % der Österreicher diese Form von Pensionsvorsorge.
Mit dieser Reform versucht man nun, diese beiden Systeme näher aneinanderzuführen. In der Abfertigung gibt es künftig die Möglichkeit, in die Vorsorge-VG zu wechseln, wo man Geld bis zur Pension ansparen und danach mittels Generalpensionskassenvertrag in einer Pensionskasse verrenten kann. Im Härtefall, also bei längerer Arbeitslosigkeit, wird eine vorzeitige Auszahlung auch in der Vorsorge-VG möglich sein.
Die Komplexität und der Erklärungsbedarf steigen – aber auch die Möglichkeiten für unsere Kunden.
Sehen Sie die Gefahr, dass bestehende Ungleichheiten durch das Opt-in-Modell verstärkt werden, weil jene, die sich ohnehin schon mit dem Thema auseinandersetzen, es eher in Anspruch nehmen werden?
Das ist leider zu befürchten. Im Opt-in-Modell müssen unsere Kunden eine aktive Entscheidung für die Vorsorge-Veranlagungsgemeinschaft treffen. Dies werden vorwiegend jene Menschen tun, die sich mit dem Thema Finanzen, Kapitalmarkt und Geldanlage auseinandersetzen.
Das finde ich schade, weil die Stärke der Abfertigung Neu ja darin liegt, dass sie Menschen aller Einkommensschichten offensteht.
Sie haben vor vorzeitigen Kapitalentnahmen gewarnt. Es ist unbestritten, dass ein längerer Anlagehorizont sinnvoll ist. Ist es nicht dennoch paternalistisch vom Staat zu sagen, man hat erst dann Zugriff auf sein Geld, wenn man in Pension geht?
Das ist eine valide Frage. Wenn Sie Ihr ASVG-Konto anschauen, sehen Sie dort eingezahltes Geld – und der Staat gibt es Ihnen trotzdem erst zur Pension. Man kann das paternalistisch nennen, oder man kann sagen: Es ist halt Altersvorsorge.
Wenn wir die zweite Säule als echte, tragende Säule unseres Pensionssystems sehen wollen, dann wird man nicht umhinkommen zu sagen, dass dieses Geld für die Altersvorsorge vorgesehen ist.
Im Zuge der Reform soll ja auch der Kostendeckel für die Vorsorgekassen von 0,8 % auf 0,6 % sinken. Wie stark betrifft das Unternehmen wie die Valida?
Das betrifft die ganze Branche. Wir müssen unsere Kostenmodelle anpassen. Je weiter man den Deckel nach unten setzt, desto weniger Differenzierung wird es zwischen den Anbietern geben, weil alle dann ein ähnliches Produkt anbieten werden.
Mir ist unklar, warum man hier so stark eingreift. Vorher hatten wir einen Deckel von 0,8 % – und kein einziges Unternehmen am Markt hat diese 0,8 % verlangt. Das ist eigentlich ein Zeichen, dass der Markt funktioniert. Deswegen habe ich die Notwendigkeit für diesen Eingriff nicht gesehen.
Im Zuge solcher Reformen drängt sich immer die Frage auf, wie groß das Eigeninteresse von Unternehmen wie der Valida ist, die schon lange eine Stärkung der zweiten Säule fordern. Wie ordnen Sie das ein?
Diese Reform wird den Vorsorge- und Pensionskassen Kosten verursachen, da wir komplexere neue Regulatorien umsetzen müssen und unser Angebotsportfolio erweitern. Gleichzeitig gibt es eine Kostensenkung, die unsere Einnahmen reduziert. Kurzfristig ist diese Reform wirtschaftlich für die Branche kein Gewinn.
Mein Interesse liegt nicht notwendigerweise nur an der Stärkung der wirtschaftlichen Kennzahlen der Unternehmen, sondern am Ausbau der Kapitaldeckung des österreichischen Pensionssystems. Ob das bei den Pensionskassen, den Vorsorgekassen, den Versicherungen oder den Fonds passiert, kann man diskutieren. Ich würde diese allgemeine Diskussion führen wollen, unabhängig davon, wo ich arbeite.
In Österreich spielen bei Pensionsreformen die Sozialpartner für gewöhnlich eine große Rolle. Die AK und der ÖGB sind in der Vergangenheit aber eher damit aufgefallen, dass sie beim Ausbau der zweiten Säule vorsichtig waren. Wie haben Sie die Sozialpartnerschaft dabei erlebt?
Was ich wahrnehme, ist, dass diese Diskussion besser wird und dass man Möglichkeiten gefunden hat, sich auf Basis von Zahlen, Daten und Fakten auszutauschen.
Ich bin selbst kein Ideologe. Ich sage nicht, der Kapitalmarkt löst jedes Problem des Umlagesystems. Sondern ich glaube daran, dass die Mischung aus beiden Systemen das Richtige ist.
Was die Arbeiterkammer und den ÖGB betrifft: Wo das Ziel uns eint, ist, dass wir alle ein starkes österreichisches Pensionssystem und eine gute Absicherung unserer Kinder und Enkelkinder wollen. Ich bin von meiner Ausbildung her Mathematiker, ich versuche Systeme analytisch, pragmatisch und möglichst ohne Ideologie zu betrachten. Da nehme ich schon auch Bewegungen und eine gute Gesprächsbasis seitens der Sozialpartner wahr.
Denn das Ziel – ein sozial abgesichertes Pensionssystem ohne Altersarmut – ist bei der Arbeiterkammer, beim ÖGB und bei uns dasselbe. Aber ich kann natürlich nicht für AK und ÖGB sprechen.
In der Debatte wird ja häufig Dänemark als Vorbild herangezogen. Dort sind rund 206 % des BIP in Pensionskassen investiert, in Österreich etwa 7 %. Allerdings gehören in Dänemark die Pensionsfonds quasi den Versicherten selbst, es sind keine gewinnorientierten Kassen wie in Österreich. Welche Rolle spielt das?
Das eine Thema ist, wem ein Unternehmen gehört. Das andere Thema ist die Governance, also wie Entscheidungen getroffen werden. Bei der wirtschaftlichen Eigentümerschaft bin ich mir nicht zu 100 % sicher, ob das der entscheidende Hebel ist, der in Dänemark dazu geführt hat, dass das System so gut funktioniert.
Woran ich aber schon glaube, ist, dass die Governance gut sein muss. Die Begünstigten müssen in irgendeiner Art und Weise eingebunden sein – und das ist in Österreich ja auch der Fall. Wir haben sowohl in der Pensionskasse als auch in der Vorsorgekasse in den Aufsichtsräten Vertreter der Anwartschafts- und Leistungsberechtigten bzw. der Arbeitnehmer. Das finde ich entscheidend, und das unterscheidet auch die zweite von der dritten Säule. Weil es kollektiv ist, muss man das Kollektiv der Arbeitnehmer in die Governance mit aufnehmen.
Ist es realistisch, dass Österreich in der zweiten Säule auf das Niveau Dänemarks kommt, und über welchen Zeithorizont würden wir da reden?
Der Realismus steht und fällt mit der Zeitperiode. Dänemark hat Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre angefangen. Der Chefanalyst von ATP (Anm.: größter gesetzlicher dänischer Pensionsfonds) meinte letztens, ihr System sei erst ab 2070 wirklich stabil. Das sind die Zeiträume, von denen wir reden.
Ein Pensionssystem ist nichts, das man über Nacht reformiert. Man kann nicht von heute auf morgen den Wert von 7 % auf 200 % des BIP steigern. Das ist wie ein Marathon oder sogar ein Ultramarathon – aber kein Sprint. Trotzdem ist es unsere Verantwortung, jetzt darüber nachzudenken und zu handeln.
Ich halte ein Mischsystem, das zu 70 % aus dem Umlageverfahren und zu 30 % aus Kapitaldeckung finanziert wird, für sinnvoll und realistisch. Ich hoffe, dass wir dort sein werden, wenn meine Kinder in Pension gehen.
Was würde es denn strukturell als Nächstes brauchen, damit wir Reformen haben, die mehr als nur Symbolpolitik sind?
Die Idee, die Abfertigung Neu als Alterssicherungsinstrument zu nutzen, ist gut. Das ist der richtige Ansatz, und wir haben einen guten ersten Schritt gemacht.
Der nächste wäre, die renditeorientierte Veranlagung bis zum Pensionsantritt in der Vorsorgekasse zum Standard zu machen – mit einer Opt-out-Möglichkeit. Danach könnte man sich überlegen, ob man das angesparte Geld zum Pensionsantritt standardmäßig in einer Pensionskasse verrentet. Mit dem Generalpensionskassenvertrag wird das laut neuem Gesetz demnächst möglich sein. Man könnte auch hier eine Opt-out-Variante einführen: Automatisch wird verrentet, wer es nicht möchte, entscheidet sich aktiv dagegen. Zudem sollte man in der Vorsorgekasse anbieten, dass Unternehmen die Beitragshöhen über die derzeit verpflichtenden 1,53 % hinaus freiwillig erhöhen können.
Langfristig kann man darüber nachdenken, ob man die 1,53 % generell anhebt und dafür im Gegenzug das Umlagesystem entlastet. Da muss man die Diskussion führen, wie man das klug angeht, sodass die Absicherung im Alter auf jeden Fall gegeben ist.