Pensionsreform von unten
Karl Fuchs ist seit vielen Jahren Experte für Finanzmarkt- und Wirtschaftspolitik und Geschäftsführer des Aktienforums. Seine berufliche Laufbahn der letzten 20 Jahre ist darüber hinaus auch durch nationale und internationale Stationen im energiepolitischen Umfeld gekennzeichnet.
Politische Persönlichkeiten werden dafür gewählt, voranzugehen und Dinge anzustoßen, die sich sonst niemand zutraut. In kaum einer politischen Antrittsrede fehlt der Hinweis, auch Unpopuläres zum langfristigen Wohl der Schutzbefohlenen angehen zu wollen. Blickt man auf die österreichische Realität, verkommt diese hehre Vorstellung freilich zu grauer Theorie. Stichwort „grau“: Eine überfällige Pensionsreform wird seit mittlerweile Jahrzehnten regierungsübergreifend vermieden. Die aktuelle Koalition verordnete dem auf den Eisberg zusteuernden Pensionstanker bloß eine kaum merkbare Kurskorrektur. Durchgerungen hat man sich zu einzelnen Verbesserungsmaßnahmen innerhalb der zweiten Pensionssäule, bei den betrieblichen Pensionskassen. Und selbst dieses zarte Eingreifen löste innerhalb mancher Regierungsfraktion Rumoren aus.
We, the People
Das einzig Tröstliche: Die von der Politik so gefürchtete Wählerschaft scheint in Sachen Pensionen das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Scheuen Parteien eine ernsthafte Diskussion über den Auf- und Ausbau einer zweiten und dritten Säule der Pensionsvorsorge, sind die Staatsbürger eindeutig handlungsschneller. Das zeigt das von Meinungsforscher Peter Hajek (im Auftrag von Wiener Börse, Aktienforum und Industriellenvereinigung) erhobene „Aktienbarometer“ sehr eindrücklich. Die diesjährige Sonderauswertung zur Pensionsvorsorge fördert nämlich Erstaunliches zutage: Während über die Gesamtbevölkerung gesehen nur mehr 39 Prozent „sehr“ oder „eher“ starkes Vertrauen in ein Ausreichen der staatlichen Pension haben, geben 58 Prozent der Befragten zu Protokoll, „eher wenig“ oder „überhaupt kein“ Vertrauen mehr zu haben.
Verlorenes Vertrauen
Blickt man dann noch auf die Alterskohorten, wird die Dringlichkeit der Handlungsaufforderung von unten noch deutlicher: Unter Pensionisten blickt mit 54 Prozent immerhin noch eine Mehrheit eher wohlwollend auf die Aufstellung der staatlichen Pension. Bei Berufstätigen ist es dagegen mit 31 Prozent nicht einmal mehr ein Drittel. Noch desaströser ist der Befund der in Ausbildung Befindlichen – sie weisen nur mehr zu 27 Prozent ein akzeptables Vertrauenslevel ins aktuelle Pensionssystem auf.
Beim Lamento über die bestehenden Verhältnisse bleibt es gerade bei den jüngeren Schichten allerdings nicht. Sie sind sich der Notwendigkeit, selbst aktiv zu werden, durchaus bewusst. Im Aktienbarometer wurde auch die Wichtigkeit von Wertpapieren für die Pensionsvorsorge erhoben. Und siehe da: Während wenig überraschend nur jeder fünfte aktuelle Pensionist (20 %) findet, dass Wertpapiere für die eigene Pension Relevanz haben, sind es bei den 30- bis 59-Jährigen schon mehr als doppelt so viele (42 %).
Die richtige Richtung
Unter den 16- bis 29-Jährigen erreicht die Zustimmung zur Wichtigkeit einer zusätzlichen Pensionsvorsorge dann eine absolute Mehrheit (55 %). Die Bevölkerung ist weiter als die Politik. Die politischen Rahmenbedingungen hierzulande sind im Vergleich etwa zu skandinavischen Ländern aber dramatisch unterentwickelt. Das muss sich ändern. Für Aktienforums-Präsidentin Angelika Sommer-Hemetsberger wäre der Ausbau der zweiten und dritten Säule eine doppelt gute Nachricht für den Staat: „Damit wird das System nicht nur tragfähiger und gewinnt wieder an Vertrauen. Der Staatshaushalt wird auch entlastet und kann sich stärker Zukunftsinvestitionen widmen.“
Maue Mythen
Generell ist der für österreichische Verhältnisse durchaus Boom zu nennende Trend zum Kapitalmarkt ungebrochen. Waren vor rund zehn Jahren nur rund 10 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher investiert, hat sich diese Zahl 2026 auf 31 Prozent mehr als verdreifacht. Das ist ein neuer Spitzenwert, fast jeder Dritte im Land hat bereits Wertpapiere.
Daneben werden auch andere seit Jahrzehnten immer gleiche, maue Mythen zum Kapitalmarkt durch Hajeks Studie enttarnt. Zum einen handelt es sich beim Thema Wertpapierbesitz längst nicht mehr um ein Elitenthema. Das unterstreicht auch ein Blick auf die Verteilung der Wertpapierbesitzer: Rund 1,5 Millionen Menschen sind am Kapitalmarkt investiert, obwohl sie ein Nettoeinkommen von weniger als 3.000 Euro pro Monat zur Verfügung haben.
Realität ist auch, dass die Klassenkampfthese des zockenden Aktienbesitzers in die Mottenkiste politischer Erzählungen gehört. Denn die Bevölkerung sieht Investments als Marathon, nicht als Sprint. Im Ranking der Motive führt der „langfristige Vermögensaufbau“, den 81 Prozent der Befragten anführen. Auf Platz 2 folgt das Argument des „Werterhalts“ angesichts der Inflationssituation mit 76 Prozent. Stark aufgeholt hat eben auch der Gedanke der „Pensionsvorsorge“ mit 62 Prozent.
Der Wermutstropfen
Eine Schieflage besteht mit den bekannten geschlechtsspezifischen Unterschieden freilich weiterhin. Während 38 Prozent der Männer am Kapitalmarkt unterwegs sind, haben diesen Weg bislang nur 24 Prozent der Frauen eingeschlagen. Luft nach oben ist für den heimischen Kapitalmarkt also durchaus noch vorhanden.