Drill and Chill: Gute Gründe für Heimat-Gas
Christian Tesch ist Geschäftsführer von oecolution. Er war in vielen Aufgaben rund um politische Strategie und politisches Management tätig, zuletzt als selbstständiger Politikberater, davor als Direktor der Politischen Akademie der Volkspartei. oecolution ist die Klima-NGO der Wirtschaft. Sie setzt sich für eine nachhaltige Standortpolitik ein. Die Ziele der Klimawende sollen gemeinsam mit der Wirtschaft erreicht werden, marktwirtschaftliche Instrumente sollen die notwendige Transformation unterstützen und vorantreiben.
Im Winter: Kältewelle mit Dunkelflaute, Strom kommt teuer aus Gaskraftwerken, die Gasspeicher leeren sich. Jetzt: Krieg am Golf, Gas-Lieferungen sind blockiert, Preise steigen. Wir brauchen Gas und werden es noch länger brauchen. Nicht, um die Energiewende zu bremsen, sondern um sie zu schaffen. Vieles geht heute noch nicht ohne Gas – dem müssen wir uns stellen. Denn steckt der Kopf im Sand, ist Stillstand garantiert.
Dies klargestellt bleibt die Frage: Woher soll das Gas kommen? Früher per Pipeline günstig aus Russland. Heute per teurerem LNG-Schiff aus USA oder Katar. Jedenfalls: Abhängig vom Wohlwollen anderer Länder, schnell betroffen von Krisen und Kriegen.

Dabei haben wir Gasvorräte im eigenen Land. Ausreichend für zwanzig Jahre. Und zwar für den gesamten Gasverbrauch, Importe wären nicht mehr notwendig. Die Rede ist vom Schiefergasfeld im Weinviertel. Ein Schatz im eigenen Boden.
Die Montan-Uni Leoben hat längst ein Verfahren entwickelt, wie man Schiefergas ökologisch unbedenklich fördern kann. Mit Sand, Glas und Maisstärke statt mit giftigen Chemikalien. Derzeit importieren wir schmutzig gefördertes Gas, statt sauberes selbst zu produzieren.
Die Pipeline-Infrastruktur zur Verteilung im Land ist vorhanden. Die teuren LNG-Prozesse – verflüssigen, verschiffen, regasifizieren – fallen weg. Und die Abhängigkeiten von eigenwilligen Präsidenten oder geopolitischen Konflikten auch. Mit Gas aus der Heimat können wir entspannt bleiben. Drill and Chill also.
Übrigens sehen das auch die Österreicherinnen und Österreicher so, wie eine MARKET-Studie für die Klima-NGO oecolution zeigt: 89 Prozent der Österreicher sind für Gas aus Österreich. Auch Norwegen findet Zustimmung (84 Prozent), Gas aus den USA wird hingegen kritisch gesehen, 57 Prozent lehnen es ab.
Klar müssen wir langfristig weg vom Gas. Aber das Tempo muss sich an der technologischen und wirtschaftlichen Realität orientieren, nicht an der moralischen Utopie. In 24 Jahren ist vieles möglich, das Ziel der europäischen Klimaneutralität im Jahr 2050 ist ambitioniert, aber mit klugen Maßnahmen machbar. Ein verfrühter Gasausstieg wäre allerdings nicht hilfreich. Im Gegenteil: Er würde zu rascher Deindustrialisierung des Kontinents führen. Gaseinsatz und CO2-Ausstoss würde in andere Weltregionen verlagert, wo mehr CO2 emittiert wird. Dem Klima wäre nicht geholfen. Aber Europa würde an Wohlstand verlieren. Und zwar drastisch.
Traditionell denkt man bei Gas ans Heizen, an Raumwärme. Der Bereich, der vergleichsweise einfach auf Gas verzichten kann. Und es auch zunehmend tut. Mit Fern-und Nahwärme, Wärmepumpen, Geothermie, Pellets usw. stehen Alternativen zur Verfügung. Machbar und leistbar.
Ganz anders ist es bei industriellen Prozessen. Da reden wir nicht von angenehmen 22 Grad, sondern von richtig heißen 1.500 Grad und mehr. Da gibt es (noch) nicht viele Alternativen. Grüner Wasserstoff ist eine, aber da ist er noch nicht. Da scheitert die EU krachend an ihrem eigenen Ziel für 2030.
Ein zweiter Bereich, für den wir Gas noch brauchen: Stromproduktion in schwierigen Zeiten. Jedenfalls wenn man Atomkraft nicht will und Kohle schon gar nicht. Strom aus Sonne, Wind und Wasser hätten wir genug – aber nicht immer dann, wenn wir ihn brauchen. Saisonale Speicherung funktioniert noch nicht. Hinzu kommt: Der Gaspreis diktiert den Strompreis.
Zwei Wahrheiten sollten wir also offen aussprechen: Wir werden Gas noch brauchen. Und Gas aus Österreich bringt Sicherheit. Diesen Wahrheiten müssen wir uns stellen. Ohne der ideologisch übertriebenen Hoffnung, dass Arbeitsplätze und Wohlstand von selbst erhalten blieben. Es ist unvernünftig und verantwortungslos, der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, es ginge von heute auf morgen ohne Gas. Die Debatte braucht mehr Ehrlichkeit und Realismus, die Energiewende braucht einen gangbaren Weg. Sonst wird sie zum wirtschaftlichen und sozialen Desaster.