Teilpension und Altersteilzeit haben gemeinsam keine Zukunft
Carmen Treml ist Ökonomin beim wirtschaftsliberalen Thinktank Agenda Austria und externe Lektorin an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihre Kerngebiete sind Bildung, Arbeitsmarkt und Verteilung.
Österreich altert. Das ist keine waghalsige Prognose, sondern Realität. Seit Jahrzehnten wandelt sich die einstige Bevölkerungspyramide schleichend zur Bevölkerungsurne. Natürlich rücken junge Menschen nach. Doch ihre Zahl reicht längst nicht mehr aus, um die Abgänge auszugleichen. Die geburtenstarken Jahrgänge verlassen den Arbeitsmarkt in Scharen. Immer weniger Erwerbstätige finanzieren immer mehr Pensionisten. Gleichzeitig sinkt die Zahl jener, die überhaupt bereit sind, bis zum gesetzlichen Pensionsalter zu arbeiten. Unter diesen Voraussetzungen weiterhin großzügige Frühpensionsmodelle zu pflegen und notwendige Strukturreformen aufzuschieben, ist politischer Selbstbetrug.
Eigentlich müsste das Motto der österreichischen Pensionspolitik längst lauten: Das Schlimmste verhindern. Stattdessen vermittelt die Politik weiterhin den Eindruck, alles könne bleiben, wie es ist. Die Pensionen seien sicher, das gesetzliche Antrittsalter werde selbstverständlich nicht angehoben und mit ein paar neuen Modellen lasse sich die demografische Realität schon irgendwie austricksen. Doch die Realität lässt sich nicht verschieben – sie ist längst eingetreten.
Entsprechend groß waren die Erwartungen zu Beginn dieser Legislaturperiode. Unter dem Titel „Arbeit im Alter“ versprach die Regierung attraktivere Arbeitsbedingungen, steuerliche Anreize, Aus- und Weiterbildung sowie Maßnahmen, die längeres Arbeiten tatsächlich lohnender machen sollten. Nun kann man nicht behaupten, dass alles nur heiße Luft gewesen wäre. Die Abschaffung der Zuverdienstmöglichkeit während der Arbeitslosigkeit beispielsweise war ein richtiger Schritt und hat Tausende Menschen zurück in reguläre Beschäftigung gebracht.
Doch der große Wurf blieb aus. Statt einer klaren Strategie gab es einmal mehr viel Klein-Klein und Kompromisse, um nur ja niemandem wirklich wehzutun. Genau deshalb entfalten sie aber auch kaum Wirkung.
Der wohl größte Flop des Programms ist die mit 1. Jänner dieses Jahres eingeführte Teilpension. Wer das gesetzliche Pensionsalter erreicht oder Anspruch auf eine vorzeitige Alterspension hat, kann seine Arbeitszeit reduzieren, weiterhin Beiträge auf das Pensionskonto einzahlen und gleichzeitig bereits einen Teil der Pension beziehen. Das soll den Übergang in den Ruhestand erleichtern, Menschen länger im Erwerbsleben halten und gleichzeitig die öffentlichen Pensionsausgaben dämpfen.
Das klingt vernünftig. Und grundsätzlich ist es das auch. Wäre da nicht noch die Altersteilzeit. Mit der Entscheidung, diese deutlich attraktivere Form der Frühpensionierung beizubehalten, war absehbar, dass die Teilpension zu einer gut gemeinten, aber schlecht gemachten Alternative verkümmern würde.
Die Altersteilzeit ermöglicht eine Arbeitszeitreduktion von 40 bis 60 Prozent. Gleichzeitig werden die Pensionsbeiträge weiterhin auf Basis des ursprünglichen Vollzeitgehalts berechnet, der Einkommensverlust wird durch das Altersteilzeitgeld teilweise ausgeglichen und sämtliche Ansprüche auf Pension, Krankengeld, Abfertigung oder Arbeitslosenversicherung bleiben erhalten.
Für die Betroffenen ist das ein ausgezeichnetes Angebot. Für den Staat hingegen ist es ein teures Vergnügen. Rund 41.000 Menschen beziehen jährlich Altersteilzeitgeld. Allein 2025 beliefen sich die Kosten auf knapp 700 Millionen Euro – das entspricht in etwa dem gesamten österreichischen Fördervolumen aus dem europäischen NextGenerationEU-Programm für Klimaschutz, Digitalisierung und Gesundheit.
Bis 2029 wird die Altersteilzeit zwar schrittweise von maximal fünf auf maximal drei Jahre verkürzt und die Voraussetzungen werden etwas verschärft. Das wird die Ausgaben dämpfen. An ihrem grundsätzlichen Charakter als äußerst kostspieliges Modell ändert das jedoch wenig.
Gerade deshalb wurde die Teilpension geschaffen. Anders als die Altersteilzeit baut sie auf der Bereitschaft der Beschäftigten auf und verzichtet auf staatliche Ausgleichszahlungen. Die öffentlichen Mehrkosten gehen damit nahezu gegen null.
Doch genau hier zeigt sich die politische Widersprüchlichkeit. Wer gleichzeitig eine großzügig subventionierte Altersteilzeit und eine deutlich weniger attraktive Teilpension anbietet, braucht sich über das Ergebnis nicht zu wundern. Menschen handeln rational. Wenn zwei Wege offenstehen, entscheidet sich die überwiegende Mehrheit für den einfacheren und finanziell besseren. Das ist nichts anderes als gesunder Menschenverstand.
Die Doppelgleisigkeit endet dabei nicht bei unterschiedlichen finanziellen Anreizen. Sie setzt sich auch institutionell fort: Während die Teilpension von der Pensionsversicherung abgewickelt wird, fällt die Altersteilzeit in den Zuständigkeitsbereich des AMS. Zwei Behörden, zwei Verwaltungsstrukturen und zwei unterschiedliche Systeme, die letztlich dasselbe Ziel verfolgen: den gleitenden Übergang vom Erwerbsleben in die Pension. Effizienz sieht anders aus. Typisch österreichisch wurde nicht vereinfacht, sondern ein neues Modell neben das alte gestellt – mit zusätzlichem Verwaltungsaufwand, größerer Komplexität und kaum Mehrwert.
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Die Regierung rechnete mit rund 10.000 Teilpensionisten im ersten Jahr. Tatsächlich nutzen das Modell nach einem halben Jahr gerade einmal 245 Personen, davon 79 Frauen. Im März – dem ersten Monat mit verfügbaren Daten – entschieden sich 46 Menschen für die Teilpension, im April kamen 142 hinzu, im Mai weitere lächerliche 33. Zum Vergleich: Im Jahr 2025 gab es rund 41.000 Bezieher der Altersteilzeit, im Schnitt mehr als 3.400 pro Monat.
Das Sozialministerium verweist auf den noch geringen Bekanntheitsgrad des neuen Modells und kündigt verstärkte Informationskampagnen an. Doch fehlende Werbung ist kaum das Problem. Wer eine neue, günstigere und beschäftigungsfördernde Alternative einführt, gleichzeitig aber am wesentlich großzügigeren Konkurrenzmodell festhält, konstruiert dessen Scheitern gleich mit. Die Menschen müssen lediglich vergleichen. Das Scheitern der Teilpension ist daher kein Kommunikationsproblem, sondern politisch hausgemacht.
Dabei reicht die Debatte weit über Teilpension und Altersteilzeit hinaus. Österreich braucht endlich eine ehrliche Diskussion darüber, wie Arbeit im Alter künftig aussehen soll. Zwei parallel laufende Systeme mit unterschiedlichen Anreizen, unterschiedlichen Kosten und unterschiedlichen Zuständigkeiten helfen niemandem – weder den Beschäftigten noch den Unternehmen und schon gar nicht dem Budget.
Die Regierung sollte deshalb den Mut aufbringen, sich auf ein einziges, klar verständliches Modell zu einigen – eines, das längeres Arbeiten tatsächlich belohnt, ohne milliardenschwere Fehlanreize zu schaffen. Die Altersteilzeit in ihrer heutigen Form gehört deshalb abgeschafft.
Vor allem aber braucht es endlich den Mut zu strukturellen Reformen, die seit Jahren aufgeschoben werden. Das faktische Pensionsantrittsalter wird dauerhaft nicht steigen, solange das gesetzliche unangetastet bleibt. Ebenso wenig werden Menschen freiwillig länger arbeiten, wenn der Faktor Arbeit weiterhin stärker als in den meisten Ländern Europas besteuert wird. Diese Zusammenhänge sind seit Jahren bekannt. Trotzdem werden sie politisch konsequent ignoriert.
Statt unangenehme Entscheidungen zu treffen, sucht man ständig neue Übergangsmodelle und immer kreativere Ausnahmen. Das mag kurzfristig Wähler beruhigen. Langfristig verschärft es jedoch genau jenes Problem, das eigentlich gelöst werden müsste. Die demografische Entwicklung wartet nicht auf die nächste Legislaturperiode. Österreich kann es sich nicht länger leisten, zwischen teuren Auslaufmodellen und halbherzigen Reformen zu pendeln. Wer Arbeit im Alter stärken will, braucht keine Doppelgleisigkeit, sondern Klarheit – und Politiker, die endlich den Mut zu echten Strukturreformen aufbringen.