ZeitGeschichten von Gerhard Jelinek

Vor den „Ide(e)n des März“ sollte man sich in Acht nehmen

7. März 2026Lesezeit: 5 Min.
Kommentar von Gerhard Jelinek

Gerhard Jelinek ist ein österreichischer Journalist, Fernsehmoderator und Buchautor. Der Jurist und erfahrene Journalist gestaltete rund 70 politische und zeitgeschichtliche Dokumentationen und Porträts.

Die Iden des März – Was Julius Cäsar mit dem vergessenen Bundeskanzler Josef Klaus und dem kommunistischen Frauentag gemein hat. 

Der März ist ein Schicksalsmonat. Er ist nach dem römischen Kriegsgott Mars benannt. Wie passend. Im römischen Kalender war der März der erste Monat des Jahres. Und wie wir Angehörige der Boomer-Generation noch gelernt haben, soll man sich vor den „Iden des März“ eher in Acht nehmen. Der römische Feldherr und Diktatur Julius Caesar hat diesen Ratschlag in den Wind geschlagen. Er wurde am 15. März des Jahres 44 vor Christus erdolcht. Shakespeares hat darüber die Tragödie „Julius Caesar“ inklusive des geflügelten Wortes geschrieben.

Die „Iden des März“ für Österreich beginnen mit dem 12. März 1938, als etwa 80.000 Soldaten der Deutschen Wehrmacht nach Österreich einmarschieren und damit die Eigenständigkeit der Republik beenden. Die Folgen sind bekannt. 350.000 gefallene Soldaten, 75.000 ermordete jüdische Mitbürger, ein zerstörtes Land.

Vor ziemlich genau sechzig Jahren erlebt Österreich eine – heute weitgehend vergessene – politische Zäsur. Am 6. März 1966 erringt die ÖVP mit Spitzenkandidat Bundeskanzler Josef Klaus die absolute Mandatsmehrheit im Nationalrat mit 85 von damals noch 165 zu vergebenden Mandaten. 

Der Salzburger Politiker Josef Klaus galt damals als Reformer und Hoffnungsträger der bürgerlichen Reichshälfte. Bei der Nationalratswahl, die zwanzig Jahre „Große Koalition“ zwischen ÖVP und SPÖ beenden sollte, erringt die Volkspartei einen Stimmenanteil von 48,35 Prozent. Mehr wird es für die ÖVP in den nächsten sechs Jahrzehnten nicht werden.

Sogar in der Hochphase von Sebastian Kurz kommt die ÖVP nach der Ibiza-Erregung im Jahre 2019 auf 39 Prozent. Tempora mutantur, hätte Cäsar gesagt.

Josef Klaus profitierte von seinem Image als Erneuerer und von Fehlern der Sozialisten. Sie hatten eine Wahlempfehlung der Kommunisten nicht zurückgewiesen und das Antreten des aus der SPÖ ausgeschlossenen Gewerkschaftschefs und Ex-Innenministers Franz Olah mit einer eigenen Liste kostete den Sozialisten Zehntausende Stimmen. Die Wahlbeteiligung betrug 1966 erstaunliche 93,8 Prozent.

Ein wichtiges Signal des demokratiepolitischen Aufbruchs war das von den parteiunabhängigen Zeitungen – unter Führung des „Kurier“ – Chefredakteurs Hugo Portisch und  Fritz Csoklich von der Grazer „Kleinen Zeitung“  – getragene Rundfunkvolksbegehren gegen die Allmacht von Rot und Schwarz. Dieses erste Volksbegehren in der Geschichte Österreichs war 1964 mit 832.000 Unterschriften überaus erfolgreich gewesen. Josef Klaus gewann die Wahl, weil er versprach, das Volksbegehren umzusetzen. Er hielt seine Versprechen und ermöglichte so die Neugründung des ORF unter Gerd Bacher, der tatsächlich eine Informationsrevolution startete und kritische Radio- und Fernsehberichterstattung ermöglichte. 

Die Haltung von Josef Klaus war redlich, aber nicht erfolgreich. Der aus den Parteiklauen befreite ORF berichtete kritisch über die ÖVP-Alleinregierung, die ihn erst ermöglicht hatte. Bundeskanzler Josef Klaus wirkte auf dem Bildschirm eher linkisch, während sein SPÖ-Konkurrent Bruno Kreisky das Medium zu nützen wusste.

Der im Rückspiegel der Geschichte eher bieder wirkende Josef Klaus profitierte auch von einer tektonischen Verschiebung der Gesellschaft (in Europa und Amerika). 1966 war vor knapp vor 1968. Bob Dylan sang „The Times They Are a-Changin’“. Die Hymne zur Zeit. Die Folgen des Weltkriegs waren überwunden, der Wiederaufbau abgeschlossen. Das „Wirtschaftswunder“ erfreute viele. Eine neue – nach dem Krieg geborene – Generation wollte Veränderung, neue politische Dynamik – die Phase des erfolgreichen Wiederaufbaus inklusive Wiedererringung der nationalen Souveränität war abgeschlossen. Auch popkulturell begann eine neue Zeit. Die „Rolling Stones“ gingen auf eine Europatournee. Die Beatles veröffentlichten das Album „Revolver“, das als revolutionärer Meilenstein der Musikgeschichte gilt. Eine echte Kulturrevolution war im Gange (davon sollte vier Jahre später Bruno Kreisky profitieren, der den einstigen Hoffnungsträger Josef Klaus beerbte, weil er eine Verkürzung des Wehrdienstes von neun auf sechs Monate versprach. 

Tempora mutantur, hätte Cäsar gesagt.

In der zeithistorischen Betrachtung sind die sechs Jahre der Kanzlerschaft von Josef Klaus unterbelichtet. Er setzte in verschiedenen Bereichen echte Reformschritte, die aber erst unter seinem Nachfolger Kreisky spürbar wurden. Unter Finanzminister Stephan Koren wurde der Staatshaushalt saniert und ein solides Fundament gelegt. Mit Grete Rehor ernannte als erster Kanzler eine Frau zur Ministerin. Klaus war es auch der mutige Entscheidungen in Richtung Europa traf und den Bau eines Kernkraftwerks bei Zwentendorf in Auftrag gab. In seinem Kabinett umgab sich Klaus mit einem Dutzend junger Mitarbeiter, die später alle Karriere machen sollten: Josef Taus, Thomas Klestil, Heinrich Neisser und Alois Mock.

An das alles wird im März 2026 nicht erinnert. Dafür „feiert“ ein offizieller Teil der Republik am 8. März einen Beschluss der „Zweiten Kommunistischen Frauenkonferenz“. 1921 wurde in Moskau festgelegt, den 8. März als Internationalen Frauentag zu begehen. Die Sozialdemokratinnen im Österreich der Ersten Republik feierten ihren Frauentag (erstmals schon 1911) in bewusster Distanz zu den Kommunisten erst in der letzten März-Woche. Eine Zusammenlegung des Muttertags mit dem „Frauentag“ wurde in den 1950er-Jahren verhindert.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass auch der SPÖ-Parteitag heute in den März fällt. Ob der rhetorische Dolch, den die Genossen auf der Bühne wahrscheinlich zücken, so spitz ist, wie jener des Brutus, wird sich zeigen.

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