Wir stecken in einer Bildungskrise

22. September 2026Lesezeit: 4 Min.
Kommentar von Georg Renner

Georg Renner ist freier Journalist in Niederösterreich und Wien mit Fokus auf Sachpolitik. Er betreibt den Politik-Podcast „Ist das wichtig?“ und publiziert unter anderem für „Datum“ und „WZ“. Zuvor war er nach Stationen bei der „Presse“, „NZZ.at“ und „Addendum“ Innenpolitikchef der „Kleine Zeitung“.

Wir haben da eine massive Bildungskrise. Eine, die für unsere Gesellschaft und unseren Wohlstand ziemlich sicher wichtiger ist als die Diskussion um ein paar hundert kopftuchtragende Mädchen, die so gut wie alles ist, was der Boulevard seit Schulbeginn auf und ab schreibt.

Die Rede ist von dem verheerenden PISA-Zeugnis, das die OECD Österreichs Jugendlichen vergangene Woche ausgestellt hat: Wie in weiten Teilen der westlichen Welt sind die Leistungen der getesteten 15- bis 16-Jährigen im Lesen und Rechnen drastisch zurückgegangen. 467 Punkte im Lesen, 13 weniger als 2022. Zwanzig Punkte entsprechen bei dem standardisierten Test etwa einem Lernjahr; unsere Fünfzehnjährigen lesen also um mehr als ein halbes Schuljahr schlechter als ihre Vorgänger vor drei Jahren, und die waren schon kein Ruhmesblatt. Mathematik: minus 10 Punkte. Mehr als ein Viertel eines Jahrgangs zählt in Lesen und Mathematik zur Risikogruppe – junge Menschen, die am Ende der Pflichtschule einfache Texte nicht sinnerfassend lesen können. Und der Anteil jener, die schnell, aber ungenau lesen, hat sich seit 2018 fast verdoppelt.

Vergegenwärtigen wir uns kurz, was das für ein Land bedeutet, dessen nennenswertester Rohstoff zwischen den Ohren seiner Bewohner lagert. Ein Viertel eines Jahrgangs, das zügig keine Bedienungsanleitung, keinen Lehrvertrag, keine geschriebenen Nachrichten versteht, wird keine Fachkräftelücke schließen, keine Produktivitätswende tragen und keine Beiträge in jenes Pensionssystem einzahlen, über dessen Reform wir uns so beharrlich nicht trauen.

Dieses Viertel wird dafür überproportional in den Sozialsystemen landen – und nebenbei ein gefundenes Fressen für jeden sein, der mit einfachen Parolen komplexe Realitäten übertönt. Der Verfall zweier zentraler Kulturtechniken ist unumwunden ein Desaster auf vielen Ebenen.

Die Ursachen für diesen Verfall sind sehr wahrscheinlich mannigfaltig: Ja, durch die Pandemie sind wertvolle Grundlagen verloren gegangen. Und ja, die Migration hat ein ohnehin bereits belastetes Bildungssystem noch weiter angespannt (Migrantenkinder für den Verfall unmittelbar verantwortlich zu machen, geht sich mit den PISA-Daten aber nicht aus – ihre Leistungen haben sich deutlich weniger verschlechtert als jene einheimischer Kinder). Aber ein zentraler Faktor dürfte die Durchdringung jugendlicher Alltage mit Digitalisierung sein.

Die Bildungspolitik hat dabei, auch in Österreich, kräftig mitgeholfen. Als Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache 2018 den „Masterplan Digitalisierung in der Bildung“ ausriefen – verpflichtende Tablets und Laptops für alle Schüler –, galt jede Skepsis als rückständig. Ob ein Zehnjähriger, der noch nicht flüssig liest, vom Tablet profitiert, hat damals niemand gefragt. Die Folgen sehen wir jetzt in den PISA-Ergebnissen: Wer zu früh zu lange am Bildschirm hängt, lernt vor allem scrollen, komplexere Texte versteht er schlechter. Sogar die schöne neue KI hilft nur bedingt: Jugendliche, die sich ihre Texte von Chatbots zusammenfassen lassen, schneiden (no-na) schlechter ab als jene, die es nicht tun.

Dass es anders geht, zeigt England. Dort hat man seit den 2010er-Jahren auf ein Schulsystem gesetzt, das in weiten Teilen Kontinentaleuropas als „old school“ gelten würde: systematische Lautlese-Tests („Phonics Check“) schon in der Volksschule, ein wissensorientierter Lehrplan statt „Kompetenz“-Fantasien, flächendeckende standardisierte Testungen, deren Ergebnisse (auch für die betroffenen Schulen) echte Konsequenzen haben. Resultat: England hat sich in den internationalen Lese- und Mathematikvergleichen ins Spitzenfeld der westlichen Länder geschoben, während ringsum alles abrutschte.

Dass Bildungsminister Christoph Wiederkehr, dessen Neos die Digitalisierung der Schulen jahrelang gar nicht schnell genug gehen konnte, vergangene Woche ein Umdenken angekündigt hat – Digitalisierung „später und besser“ – ist erfreulich. Jetzt müssen der Ankündigung Taten folgen, in Form abermals überarbeiteter Lehrpläne, verbindlichen Lese-Screenings, mehr Zeit für Lesen, (Hand-)Schreiben und Rechnen im Stundenplan – und endlich auch der Einführung vergleichbarer Standards, deren Ergebnisse aggregiert veröffentlicht werden und Folgen haben.

Es wäre lohnender, sich damit zu beschäftigen, was Schüler am Ende der Schule im Kopf haben als damit, was sie währenddessen aufhaben.

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