Das Wachstum ist zurück, der Rückstand bleibt
Matthias Reith blickt auf 15 Jahre Erfahrung bei Raiffeisen Research zurück. Als Senior Ökonom analysiert und kommentiert er Österreichs Volkswirtschaft sowie den heimischen Immobilienmarkt. Ferner befasst sich Matthias Reith mit anderen Euroländern sowie der gesamten Eurozone und betrachtet dabei neben der Konjunktur insbesondere fiskalpolitische Fragestellungen.
Österreich ist im Mittelmaß angekommen. Was gemeinhin nicht als sonderlich schmeichelhafte Umschreibung gilt, ist für die heimische Konjunktur gegeben unserer jüngeren konjunkturellen Vergangenheit fast schon ein Erfolgsausweis. Die Rezession ist längst vorbei, die Zeit, in der Österreichs Wirtschaft – anders als die Eurozone – nicht wächst, sondern schrumpft, damit auch. Seit Ende 2024 wird hierzulande wieder mehr produziert – und das im europäischen Gleichschritt. Der Irankrieg dürfte kurzzeitig für eine Vollbremsung sorgen (im zweiten Quartal ist mit einer stagnierenden Wirtschaftsleistung zu rechnen). Im Gesamtjahr 2026 sollte Österreichs Wirtschaft dennoch ähnlich weit kommen wie 2025. Immerhin konnte die Konjunktur etwas Schwung aus dem Vorjahr mitnehmen.
Zu Jahresbeginn war die rot-weiß-rote Wirtschaftsleistung in realer Rechnung 1,7 % höher als im dritten Quartal 2024. In der Eurozone ist die Konjunktur kaum schneller gewachsen. Das ist erfreulich, ändert aber nichts am Umstand, dass die Langzeitrezession der Jahre 2023 und 2024 kein europäisches Phänomen war, sondern ein österreichisches Problem. Die Konjunktur mag wieder im selben Tempo unterwegs sein wie das Feld der europäischen Mitstreiter. Dass wir fast zwei Jahre lang in die falsche Richtung gelaufen sind und uns dadurch immer weiter vom Rest Europas entfernt haben, macht das freilich nicht ungeschehen. Das Wachstum ist wieder da, der Rückstand bleibt – und ist auch nach der Rückkehr auf den Wachstumspfad nicht kleiner geworden, weil selbiger eben nur ein schmaler war und ist. 3 % weniger Wachstum als in der Währungsunion verglichen mit dem Zeitpunkt, als sich die konjunkturellen Wege getrennt haben: So lautete Ende 2024 die „Schadensbilanz“ der österreichischen Rekordrezession – und so lautet sie auch heute. Weniger Wachstum bedeutet weniger Wohlstand: Österreichs BIP pro Kopf ist seit 2019 anders als in 16 von 21 Euroländern nicht gestiegen, sondern gesunken (Deutschland, Luxemburg, Estland und Finnland gehören ebenfalls diesem elitären Club an). Zwar haben die Haushalte davon im Börserl nichts gespürt, die Kaufkraft (reale Netto-Haushaltseinkommen pro Kopf) ist seit Corona um zweieinhalb Prozent gestiegen. Allerdings nur, weil andere (Unternehmen und Staat) die Rechnung übernommen haben.
Dass es die Konjunktur vom Pannenstreifen auf die rechte Fahrspur geschafft hat, ist der Industrie zu verdanken. In Österreichs Werkshallen laufen die Fließbänder wieder. Es wird wieder produziert, exportiert und investiert. Die heimische Industrie ist während der Langzeitrezession stärker unter die Räder gekommen als die Konkurrenz im europäischen Ausland, dafür ging es seit Anfang 2025 aber auch schneller bergauf. In heimischen Fabrikshallen wurde zu Jahresbeginn um 5 % mehr erwirtschaftet als Ende 2024, in der Eurozone (ohne Irland) lag das Plus „nur“ bei gut 2 %. Ein ähnliches Bild bei den Güterexporten. Um 5 % mehr österreichische Güter haben die Landesgrenzen in alle Welt verlassen, das Exportplus war damit größer als in der Währungsunion (+3,3 % ohne Irland).
Österreichs Industrie ist auf den Weltmärkten zu Hause. Es verwundert daher nicht, dass die „Wiederauferstehung“ der Industrie von einem kräftigen Exportplus im Güterhandel begleitet (bzw. sogar davon ausgelöst) war. Innerhalb der Eurozone haben zuletzt nur Finnland und Zypern noch fleißiger exportiert. Wie ist das möglich, nachdem die heimischen Unternehmen in Sachen preislicher Wettbewerbsfähigkeit doch so deutlich gegenüber der ausländischen Konkurrenz ins Hintertreffen geraten sind? Die Löhne in Österreichs Industrie sind seit Corona um 29 % gestiegen. Im Euro-Vergleich ist das viel (Eurozone: +20 %), für österreichische Verhältnisse waren das aber geradezu moderate Lohnanstiege. Ein österreichischer Industriebetrieb ist dem knallharten globalen Wettbewerb ausgesetzt, ein österreichischer Friseur ist es nicht. Das hat in der Industrie die Lohnanastiege geringer ausfallen lassen als in vielen Dienstleistungsbranchen, die (nur) scheinbar auf derartiges keine Rücksicht nehmen mussten. Den Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit der Industrie hat das nicht verhindert, dass die Konkurrenzfähigkeit nicht noch stärker gelitten hat, jedoch schon.
Dass die österreichische Arbeitsstunde nicht noch schneller teurer geworden ist als bei der Konkurrenz, ist für die Unternehmen aber nur ein schwacher Trost. Wie hat Österreichs Industrie darauf reagiert? Die Unternehmen hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder (noch mehr) Marktanteile verlieren, oder die (Lohn-)Kostenanstiege auf die eigene Kappe nehmen und nicht an die Endabnehmer im Ausland weitereichen. Man hat sich für Letzteres entschieden: Die Lohnkosten sind der Euro-Konkurrenz vorausgeeilt, die Exportpreise (Güterexporte, Deflator) waren im Gleichschritt unterwegs. Das ging natürlich zu Lasten der Gewinne. Jahrelang waren österreichische (Industrie-)Unternehmen profitabler als im Euro-Schnitt, die nicht weitergereichten Lohnkostenanstiege haben aber Gewinne und Profitabilität dahinschmelzen lassen wie das Eis in der Sommerhitze. Die Industrieunternehmen haben sich ihren Aufschwung gewissermaßen „selbst bezahlt“. Zwar wurde die Gewinnerosion gestoppt, die „Wiederauferstehung“ der Industrie lässt auch die Gewinne wieder steigen. Das „Profitabilitätsgefälle“ bleibt aber beträchtlich und ist mittelfristig eine Investitionsbremse, auch wenn nach Jahren des Investitionsstaus im Vorjahr wieder fleißig investiert worden ist. Die Profitabilität der Industriebetriebe ist also immer noch schwer gezeichnet von der Lohnpolitik der letzten Jahre (Kaufkrafterhalt um jeden Preis). Und natürlich sind die strukturellen Herausforderungen nicht über Nacht verschwunden, haben den zyklischen Industrieaufschwung aber nicht verhindert.
Die Industrie hat nach langer Finsternis also wieder Licht am Ende des Tunnels gesehen, die Bauwirtschaft tappt dagegen weiterhin in tiefster Finsternis – und war bis zuletzt (Q1 26) eine Wachstumsbremse. Denn am Bau herrscht nach wie vor gespenstische Ruhe. Die Bauwirtschaft (Wohnbau und sonstiger Bau) befindet sich inmitten einer „Marathon-Rezession“, das Jahr 2026 wird für die Branche wohl zum 8.(!) Rezessionsjahr – ob mit oder ohne Irankrieg. Zumindest seit den 1970er-Jahren (und wohl auch davor), gab es keine Branche, die eine längere Durststrecke durchleben musste. Auch die Dienstleistungsbranchen haben den leichten Höhengewinn der Konjunktur nach der Rekordrezession nur von der Seitenlinie aus verfolgt, das gilt insbesondere für konsumnahe Dienstleistungen wie Handel, Hotels und Gastronomie. Die Hotels, Gastgärten und Kassen in der Tourismuswirtschaft (bzw. Hotels/Gastro) mögen voll sein. Zieht man aber Inflation und Kosten ab, bleibt immer noch deutlich weniger übrig als vor Corona (reale Wertschöpfung seit Q4 19: -9 %). Bau und Dienstleistungen sind also die „Sorgenkinder“ der österreichischen Konjunktur.
Österreichs Dienstleistungen scheinen in der Stagnation gefangen zu sein. Anfang 2026 wurde dort nur um 0,2 % mehr erwirtschaftet als ein Jahr zuvor. Es geht auch anders: In der Eurozone kann von Schwäche keine Rede sein (+1,8 % seit Q1 25). Bis Herbst 2022 noch im Gleichlauf unterwegs, hat sich Österreich seitdem von der europäischen Entwicklung entkoppelt. Die Erzählung vom „Wachstumssorgenkind Österreich“ der letzten Jahre ist nicht ohne Bilder von Fabrikshallen und Baukränen auskommen. Allerdings haben nicht nur stillstehende Fließbänder und Baukräne Österreichs Wirtschaft gegenüber der Eurozone zurückgeworfen. Handel, Hotels und Gastronomie (sowie andere Dienstleistungsbrachen) waren fast die Hauptverantwortlichen. Und das kann auch als Nebenwirkung der hierzulande besonders hohen Inflation der letzten Jahre gesehen werden – und des sehr österreichischen Umgangs damit. Denn es zeigt sich: Inflation kostet Wachstum. Je stärker in einer Branche an der Preisschraube gedreht worden ist bzw. gedreht werden musste (Stichwort Lohnerhöhungen), desto schwächer hat sich die entsprechende Branche in den letzten Jahren entwickelt. Exemplarisch dafür steht die Hotellerie und Gastronomie. Das ist jene Branche, in der die Preise seit der Pandemie (Q4 19) um 64 % und damit am stärksten gestiegen sind. Das ist gleichzeitig aber auch jene Branche, die in Sachen Wertschöpfung der Vor Corona Normalität nach der rezessionsgebeutelten Bauwirtschaft am weitesten hinterherläuft. Unser Umgang mit dem Inflationsschock der letzten Jahre wirkt also nach und zeigt sich in der Dienstleistungsschwache.
Haben wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt? Steigende Preise von Strom und Gas waren damals lediglich ein Schneeball, der vom Berggipfel heruntergerollt worden ist. Dass bei uns im Tal aber eine Inflationslawine angekommen ist, lag an unserem Umgang mit dem ursprünglichen Inflationsimpuls. Daran, dass wir die Inflation insbesondere bei den Löhnen einmal ungehindert haben „durchrauschen“ lassen. Werden die Fehler der Vergangenheit diesmal wiederholt? Zumindest die letzten Monate lassen hoffen, dass in der Lohnpolitik Kaufkrafterhalt um jeden Preis diesmal nicht die alleinige Richtschnur ist. Seit Ende letzten Jahres sind die Kollektivvertragsabschlüsse im Schnitt ein halbes Prozent unterhalb der rollierenden Inflation geblieben. Das ist auch zwingend notwendig. Denn die Unternehmen haben keinen Spielraum mehr, Arbeitnehmer:innen für etwas zu kompensieren, das sie – die Unternehmen – nicht selbst verursacht haben (der seit März gesehene Inflationsanstieg ist zum größeren Teil ein „importierter“). Die jüngsten Abschlüsse waren also ein Schritt in die richtige Richtung – auf den aber viele weitere dieser Art folgen müssen. Denn auch wenn sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit derzeit nicht weiter verschlechtert: Daran, dass wir in den letzten Jahren (preisliche) Konkurrenzfähigkeit verloren haben, ändert das nichts. Am Umstand, dass nicht nur einige Monate, sondern Jahre die Inflation nicht die Untergrenze, sondern die absolute Obergrenze in den Lohnverhandlungen sein muss, auch nichts.