ZeitGeschichten von Gerhard Jelinek

Politik im Weinkeller – nicht immer schlecht

21. August 2026Lesezeit: 5 Min.
Kommentar von Gerhard Jelinek

Gerhard Jelinek ist ein österreichischer Journalist, Fernsehmoderator und Buchautor. Der Jurist und erfahrene Journalist gestaltete rund 70 politische und zeitgeschichtliche Dokumentationen und Porträts.

„Im Wein liegt die Wahrheit“ – manchmal liegt sie auch im Weinkeller.

Wenn sich vier Herren, zwei Schwarze und zwei Rote, höchst privat treffen, dann wird ungeschminkt übers politische Geschäft geplaudert. Dann hören wir den Herren (Frauen wurden leider als eher störend empfunden) im Weinkeller zu, wenn sie reden, „wie ihnen der Schnabel gewachsen ist“ (auch so ein altes Sprichwort). Wer davon überrascht wird, oder sich gar empört zeigt, beweist ein gehöriges Maß an Naivität und historischen Defiziten.

Wirkliche Politik wurde in Österreich (und überall sonst auch) oft in privatem Umfeld (sei es im Weinkeller, im Jagdstüberl oder auch mal im „Chambre Separee“) gemacht. Schlecht? Nicht immer.

Der legendäre Bundeskammer-Chef Rudolf Sallinger und der nicht minder legendäre Gewerkschaftsboss Anton Benya sollen einander des öfteren beim Grinzinger Heurigen Hengl getroffen haben, um ernsthafte Dinge abseits des öffentlichen Zanks zu regeln. „Im Parlament haben die Roten und die Schwarzen gestritten. Am Abend haben sie bei mir gemeinsam Lieder gesungen“, erinnerte sich der Heurigenwirt. (Gesangsproben haben uns die Herren Ruck und der weit über die Wiener Donaustadt bekannte Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy zumindest erspart.) 

Tatsächlich haben Wirtschaftskammer-Chef Rudolf Sallinger und ÖGB-Boss Anton Benya nicht nur im Grinziger Heurigen, sondern im privaten Weinkeller des Baumeisters in der Wiedner Nikolsdorfergasse etwa 1972 das „Benya-Sallinger-Stabilisierungsabkommen“ verhandelt, um die Inflationserwartungen zu brechen. Bruno Kreisky führte damals zwar eine SPÖ-Alleinregierung, aber die De-facto-Sozialpartnerregierung blieb intakt. Was die beiden Präsidenten sonst noch ausgemacht haben, können wir uns nur vorstellen. Übrigens hatte auch die SPÖ einen unterirdischen Ort, in dem man sich zu ernsthaften Gesprächen traf: den „Konsum-Weinkeller“. 

Auch Leopold Figl versammelte in der legendären Stube seines Bauernhauses in Rust immer wieder Parteifreunde, wenn es um wirklich ernsthafte Fragen ging. Auch die Zustimmung der Bauern zum EU-Beitritt wurde in einer gemütlichen Weinstube verhandelt. So mancher Wirtschaftsboss und Nobelanwalt lud regelmäßig in seinen Jagdkeller, um dort mal mit seinen Gästen Tacheles zu reden. Die Geweihe an der Wand waren stumme Zeugen.

Bruno Kreisky traf sich regelmäßig und höchst diskret mit ÖVP-Oppositionsführer Josef Taus in einem Separee des Hotel Sacher. Der großbürgerliche Kreisky und der Banker Taus schätzten das noble Ambiente. Mobiltelefone waren damals noch nicht erfunden, daher konnten auch keine Gesprächsprotokolle an die Medien „geleakt“ werden. Wäre aber spannend gewesen. Was Kreisky über Hannes Androsch dachte und sagte (und vice versa) war eh bekannt, aber halt nicht dokumentiert. Androsch bevorzugte das „Bristol“ für gehaltvolle Gespräche, schon allein um Kreisky nicht zu treffen. Und selbst Jörg Haider schätzte die Diskretion von Nobelhotels für wirklich wichtige Kontakte. Von den Gesprächen in Wiens fast fünfzig Logen der Freimauer im Sinne von „Liberalität, Demokratie, Solidarität, Toleranz und Humanität“ erfährt die Öffentlichkeit statutengemäß nichts. Und was auf den „Buden“ diverser – einst mächtiger – CV-Verbindungen vereinbart und schlussendlich besungen wurde und wird, auch nur wenig. 

Seit dem (von wem auch immer fabrizierten) Ibiza-Video, das eine Regierung stürzte (rechtlich ist trotz aller damaliger Empörung nichts hängen geblieben), sind solche Abhörmethoden salonfähig und ein Mittel der politischen Intrige geworden. Das freut die Medien, schürt mit einer richtigen „Einrahmung“ die Empörung der Menschen, die privat auch nicht nur druckreif reden, und lässt die Opposition erstarken.

Dafür geben die illegal aufgenommenen Gespräche Einblicke in das echte Machtgefüge und manchmal auch in höchst private Verwirrungen mächtiger Herren, die dann von „Compliance-Kommissionen“ zum Rücktritt gezwungen werden. Den Weinkeller als Synonym für einen „Safe Space“ – im Sinne einer Umgebung, in der man geschützt und damit offen miteinander reden, Konflikte planieren und zu sachgerechten Lösungen abseits der tagespolitischen Inszenierungen kommen, und ja, auch diverse Personalentscheidungen paktieren („auspackeln“) kann – gibt es in Zeiten wie diesen nicht mehr.

Dabei war so manche Einschätzung der schwarz-roten Hintermänner im Ruck’schen Keller nicht so falsch. Dass etwa SPÖ-Chef Andreas Babler von vielen in seiner eigenen Partei das Zeug zum Vizekanzler abgesprochen wird, sagt ja der Burgenländer Hans Peter Doskozil in regelmäßigen Abständen laut. Die Donaustädter SPÖ-Größe Nevrivy mit ebenso deftigen Worten, die nicht einmal zitierfähig sind. Dass die Regierung in der Pensionsfrage mehr Mut bräuchte, dass diverse Reformen überfällig wären: Da lagen Ruck und Nevrivy gar nicht falsch. Aber weil wir alle so sensibel geworden sind, diskutieren wir nicht über die angesprochenen Inhalte, sondern über die prahlerische Wortwahl. Dabei wäre Klartext angesagt. Die Angst vor einem patscherten Satz („Kindererziehung ist keine Arbeit“) führt zu leeren Formulierungen, zu Standard-Phrasen, die kaum noch jemand hören will, zu geheuchelter Empörung. Die Reaktion: Nur keinen Fehler machen. Die Menschen spüren, dass die Sprechblasen mit ihrer Wirklichkeit nichts zu tun haben.

Wenn sich die grauen Eminenzen von Rot und Schwarz großspurig rühmen, durch beste Kontakte zu den wirklich Mächtigen Bauvorhaben, Umwidmungen etc. rascher umsetzen zu können, dann mag das manchmal vielleicht sogar der Sache dienen. Allein, es wäre fein, würde die alles durchdringende Bürokratie auch für den normalen Bürger schnell und präzise arbeiten, ohne Anrufe vom „Michi“ oder sonst wem. Und wenn ganze Institutionen von Insidern als unfähig beschrieben werden, dann wäre es folgerichtig, durchzugreifen und nicht nur im Keller darüber zu räsonieren.

„Im Wein liegt Wahrheit“, das Originalzitat wurde vom griechischen Lyriker Alkäus ein halbes Jahrhundert vor Christus auf der Insel Lesbos geschrieben. Der Mann hatte offenbar Erfahrung. Alkohol löst die Zunge. Allerdings führte der Grieche seinen Satz fort: „Im Wasser liegt die Gesundheit“. Es sind (er)nüchternde Zeiten für uns alle.

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