Der Staat als erster Kunde
Sylvia Schwaag Serger ist Präsidentin der Königlich Schwedischen Akademie der Ingenieurwissenschaften (IVA) . Die Expertin für China und Innovation war für die Europäische Kommission, die OECD, die Weltbank und als Technologierätin an der schwedischen Botschaft in Peking tätig. Von 2015 bis 2026 beriet sie im RFTE bzw. FORWIT die österreichische Bundesregierung zur FTI-Politik.
Öffentliche Aufträge machen fast ein Achtel der österreichischen Wirtschaft aus – beinahe 70 Milliarden Euro pro Jahr. Angesichts dieses Umfangs könnte die öffentliche Auftragsvergabe ein mächtiger Hebel und Treiber für technologische Entwicklung, Innovation und damit für Wachstum und strategische Autonomie in Österreich und Europa sein.
Im November 2025 präsentierte die Expertengruppe der Europäischen Kommission für Innovationsbeschaffung einen Abschlussbericht. Darin stellen sie fest, dass die Europäische Union Beschaffung in deutlich geringerem Maße als Innovationsmotor nutzt als andere führende Volkswirtschaften. Von allen öffentlichen Beschaffungsausgaben in der EU entfallen lediglich 10,5 Prozent auf Innovation. Die Expertengruppe argumentiert, dass die EU-Länder damit nur die Hälfte ihres Potenzials ausschöpfen – und mindestens 20 Prozent anstreben sollten.
Ein neuer Bericht der Kommission bestätigt nun, dass es in der Praxis schwer ist, die öffentliche Beschaffung wirksam als Innovationsmotor zu nutzen. Anhand nationaler Politiken, Investitionen und tatsächlicher Ergebnisse haben die Autoren die Innovationsorientierung der öffentlichen Beschaffung in den europäischen Ländern bewertet: mit einem Score von rund 70 Prozent führt Finnland die Liste mit großem Abstand an („starker Akteur“), Österreich erreicht mit 52 Prozent Platz drei und ist damit in der Gruppe der „moderaten Akteure“, die deutlich über dem europäischen Schnitt von 33 Prozent liegen.
Den guten (absoluten) Platz Österreichs führen die Autoren auf die Verknüpfung des nationalen Aktionsplans für Innovationsbeschaffung mit der nationalen FTI-Politik und beträchtliche Investitionen in den Kompetenzaufbau zurück. Es bleibt aber viel Potenzial ungenutzt, weil wirksame wie notwendige politische Maßnahmen zur Förderung der Innovationsbeschaffung noch nicht umgesetzt wurden, darunter ein höheres Wettbewerbsniveau, Ausgabenziele und effektivere Anreize für F&E-Beschaffung in Schlüsseltechnologien und sensiblen Sektoren.
Die Rolle des öffentlichen Sektors in der Innovationsbeschaffung besteht zum einen aus der Finanzierung von Forschung und Entwicklung, und hier ist Österreich seit Langem auch im internationalen Vergleich stark. Zum anderen besteht die Rolle darin, als erster Kunde für Start-ups, innovative junge Unternehmen und KMU zu agieren.
Laut OECD sind solche Unternehmen besonders innovationsgetrieben, und ihr größter Bedarf ist genau das: der erste Vertrag – ein erster Kunde. Diese Rolle erfüllen die öffentlichen Hände europäischer Länder aber noch nicht im notwendigen Ausmaß. Ich glaube, das könnte teilweise kulturell bedingt sein: die Angst vor Fehlern. Beamte werden von Vorgesetzten, Rechnungsprüfern und Medien genau unter die Lupe genommen. Wenn ein verantwortlicher Beamter eine neue, unerprobte Lösung wählt, die dann scheitert, führt dies zu Kritik – mit möglicherweise schweren Konsequenzen für den Entscheidungsträger.
Dieser Umstand führt dazu, was der Bericht der Kommission als „konservative Beschaffer“ bezeichnet. Ich finde allerdings, das ist eine unfaire Beschreibung. Der einzelne Beschaffer ist nicht das Problem. Das eigentliche Problem liegt in einer risikoaversen, strafenden Kultur und starren regulatorischen Rahmenbedingungen.
Wie können wir also Beschaffungsstellen ermutigen, durch ihre Beschaffungen den technologischen Fortschritt voranzutreiben – und die darin liegenden Chancen zu erkennen? Der Staat könnte eine Schlüsselrolle als Ankerkunde für KMU und junge, innovative Unternehmen spielen und sie zum Wachstum ermutigen. Das schafft Wertschöpfung und Arbeitsplätze am Standort, ermöglicht das Skalieren schnellwachsender Unternehmen im Land und stärkt die strategische Autonomie.
Dass das funktionieren und langfristig wirken kann, zeigen zwei Beispiele aus Schweden: Die Entwicklungspartnerschaft zwischen ASEA und Vattenfall legte den Grundstein für das moderne schwedische Stromnetz und den Export von Stromtechnologie, während Ericsson und Televerket zusammen das digitale Vermittlungssystem AXE entwickelten – die grundlegende Architektur für Telekommunikationssysteme weltweit.
Ich glaube, die EU-Länder müssen die Schnittstelle in der Innovationskette, bei der der öffentliche Sektor als erster Kunde auftritt bzw. auftreten kann, priorisieren und systematisieren. In einem Land mit relativ hohem öffentlichen Konsum wie Österreich wäre das ein besonders bedeutender wie wirksamer Schritt in Richtung Zukunft.
Dass die innovationsorientierte öffentliche Beschaffung ganz konkret ein Instrument der neuen Industriestrategie Österreich darstellen soll, stimmt zuversichtlich und zeigt, dass der politische Konsens ihr beträchtliches Wirkungspotenzial erkannt hat und nutzen will.