Energie-Experte Walter Boltz erwartet nicht, dass Österreich bis 2040 klimaneutral werden kann. Denn „Österreich schafft es nicht einmal, das Zubetonieren von Flächen zu verlangsamen oder die Renaturierungsverordnung durchzusetzen“, kritisiert Boltz. Es handle sich um ein „österreichisches Spezifikum, Dinge zu versprechen, die ohnehin nicht erreicht werden können“. Für das Weltklima sei es außerdem egal, ob Österreich nun 2040 oder 2050 klimaneutral ist. Der ehemalige Leiter der E-Control fordert stattdessen eine stärkere Fokussierung auf Klimawandelanpassungs-Maßnahmen und ein Klimaanpassungs-Gesetz. „Von der Priorisierung der ohnehin knappen Geldmittel her wäre es wichtiger, das Geld für die Klimawandelanpassung zu verwenden anstatt für eine vorgezogene Klimaneutralität 2040“, so Boltz.
Die Koalitionsparteien haben sich auf ein neues Klimagesetz geeinigt. Größter Streitpunkt war der Zeitpunkt der angestrebten Klimaneutralität, ob nun 2040 oder 2050. Wie viel Unterschied macht es für das Weltklima, ob Österreich 10 Jahre früher oder später CO2-neutral ist?
Walter Boltz: Europa hat historisch einen sehr hohen Anteil an CO2-Emissionen beigetragen, daher ist es nachvollziehbar und richtig, dass Europa sich als wesentlicher Teil des Problems sieht und sich auch besonders anstrengt, die CO2-Emissionen zu reduzieren. Aber aktuell macht der CO2-Ausstoß Europas nur mehr rund zehn Prozent der globalen Emissionen aus.
Global gesehen schreitet der Klimawandel voran und was auch immer Österreich und Europa tut, hat maximal Beispielcharakter, wird den Klimawandel aber nicht wesentlich bremsen. In der globalen Klimabilanz werden Sanktionen, die wir bei Verfehlen der selbstgesteckten Klimaziele gegen eine österreichische Chemie- oder Zementfabrik erlassen oder nicht erlassen, keinen erkennbaren Unterschied machen.
Ich würde also dafür plädieren, dass wir die Klimaneutralität für 2050 anpeilen. Das Geld, das dadurch frei wird – denn eine raschere Klimaneutralität verursacht natürlich höhere Kosten – sollten wir für dringend benötigte Klimawandelanpassungs-Maßnahmen verwenden. In der aktuellen Debatte wird der Eindruck erweckt, dass wenn wir rascher klimaneutral werden, alles gut wird und es nicht mehr so heiß wird oder die Böden in der Landwirtschaft nicht mehr vertrocknen. Das ist natürlich absoluter Blödsinn.
Industrievertreter weisen auch darauf hin, dass die frühere Klimaneutralität Österreichs lediglich anderen Staaten mehr Spielraum einräumt, das EU-weite Ziel von 2050 aber nicht beschleunigt. Stimmt diese Sicht der Dinge?
Global gesehen stimmt das, weil dann Österreich zehn Jahre lang nichts emittieren würde und für Europa aber das europäische Emissionsziel von 2050 gilt. Die viel zitierte Beispielwirkung darf man aber auch nicht ganz unterschätzen. Österreich hat beispielsweise bereits jetzt sehr gute Voraussetzungen, aufgrund des hohen Wasserkraftanteils seine Erneuerbaren-Ziele im Stromsektor zu erreichen und dementsprechend auch eine gewisse Vorbildwirkung für anderen EU-Staaten. Den Rest der Welt wird das aber nicht sonderlich beeindrucken.
Wir werden die Klimaneutralität 2040 sicher nicht erreichen.
Walter Boltz
Wie realistisch sind die Klimaziele Österreichs und der EU generell?
Die realistische Annahme ist, dass wir weder 2040 noch 2050 vollständig klimaneutral sein werden. Österreich schafft es nicht einmal, das Zubetonieren von Flächen zu verlangsamen oder die Renaturierungsverordnung durchzusetzen. Ich halte es daher für praktisch unmöglich, dass wir die Klimaneutralität 2040 erreichen.
Ich erinnere nur an das 78,1-Prozent-Ziel, mit dem sich Österreich im Jahr 2001 europarechtlich dazu verpflichtet hatte, seinen Stromverbrauch bis zum Jahr 2010 zu 78,1 Prozent aus erneuerbaren Quellen zu decken. Trotz des damals schon hohen Erneuerbaren-Anteils wurde das Ziel aufgrund des steigenden Stromverbrauchs kolossal verfehlt, auch das war absehbar.
Es ist ein österreichisches Spezifikum, Dinge zu versprechen, die ohnehin nicht erreicht werden können. Ähnlich wie das Versprechen von SPÖ-Chef Andreas Babler, dass jeder binnen 14 Tagen einen Facharzttermin bekommt. Österreich neigt dazu, sich extrem ehrgeizige Ziele zu setzen, die meist nur für eine Legislaturperiode Gültigkeit haben. Danach wird der Mantel des Schweigens darüber gelegt und keiner spricht mehr darüber. In dem Moment, wo solche Vorhaben aber auf EU-Ebene verrechtlicht werden, entsteht jedoch ein Problem. Weil es dann Konsequenzen, Mahnungen und Vertragsverletzungsverfahren gibt.
In Summe wird es aber für das Weltklima egal sein, ob Österreich nun 2040 oder 2050 klimaneutral sein wird. Wir werden die Klimaneutralität 2040 sicher nicht erreichen. Ich gehe auch davon aus, dass auch Europa im Jahr 2050 nicht komplett klimaneutral sein wird. Aus der Gesamtperspektive ist es aber vernachlässigbar, ob Europa im Jahr 2050 nun einen Anteil von null, fünf oder acht Prozent an den jährlichen globalen CO2-Emissionen hat.
Wir werden einen wesentlich größeren Schwerpunkt darauf legen müssen, was wir tun und wie wir uns in einer Welt verhalten, in der die Temperatur in Europa 2,5 Grad höher ist als heute.
Österreich braucht eine umfassende Klimaanpassungs-Strategie.
Walter Boltz
Die nächsten Sommer werden – mit oder ohne Klimagesetz – nicht zwingend kühler werden, welche Anpassungsmaßnahmen wären aus Ihrer Sicht also nötig?
Wir brauchen eine Klimawandelanpassungs-Strategie. Es gibt meines Wissens nach einige punktuelle Pläne im Landwirtschaftsministerium, aber Österreich braucht eine umfassende Klimaanpassungs-Strategie und auch ein Klimaanpassungs-Gesetz. Das fehlt Österreich bisher komplett. In Deutschland gibt es so etwas. Die „Deutsche Anpassungsstrategie“ listet auf 120 Seiten auf, in welchen Sektoren es zu Problemen kommen könnte und welche Anpassungsmaßnahmen nötig wären. So einen Plan würde auch Österreich brauchen. Man müsste auch gesetzlich festhalten, dass keine Schule oder kein öffentliches Spital mehr gebaut oder renoviert werden darf, ohne dass es vollklimatisiert wird. Warum die Klinik Nord in Floridsdorf keine voll funktionsfähige Klimaanlage hat, aber für esoterische Beratung Geld da war, erschließt sich mir nicht.
Entsprechend der in der Strategie identifizierten Wichtigkeit müssten auch die finanziellen Mittel der Klimawandelanpassungs-Maßnahmen zugewiesen werden. Denn wir haben schlichtweg nicht genug Geld, um alle Schulen oder alle Spitäler gleichzeitig mit Klimaanlagen auszustatten. Wir werden also die nächsten 20 oder 30 Jahre mit einer partiellen Anpassung an den Klimawandel leben lernen müssen. Von der Priorisierung der ohnehin knappen Geldmittel her wäre es wichtiger, das Geld für die Klimawandelanpassung zu verwenden anstatt für eine vorgezogene Klimaneutralität 2040. Das Zieljahr 2050 wird uns sowieso schwer genug fallen.
Neben der Einigung auf Dürrehilfen und das Klimagesetz wurde auch verkündet, dass das Verbot der CO2-Abscheidung und -Speicherung (Carbon-Capture-and-Storage, CCS) aufgehoben werden soll. Welche Potentiale orten Sie in dieser Technologie?
Für einige Industrien ist CCS überlebenswichtig. In der Zement- oder Metallverarbeitungsindustrie entsteht prozessbedingt CO2 und wenn wir CCS nicht erlauben, dann werden diese Industrien Österreich schlicht und einfach verlassen.
CCS zu verwenden, um CO2 aus der Atmosphäre zu entnehmen, ist zwar technisch kein Problem, aber extrem teuer und energieintensiv. In diesem Bereich erachte ich das Potenzial nicht für wahnsinnig groß.
Wer Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel fordert oder Technologien wie CCS hervorhebt, wird in der politischen Debatte oft in eine Reihe mit Klimawandeln-Leugnern gestellt. Ist die Debatte zwischen Klimawandelanpassung und Klimaneutralität etwas verunglückt?
Wir müssen uns bemühen, klimaneutral zu werden, aber gleichzeitig anerkennen, dass wir die Welt alleine nicht retten werden – weder in Europa noch in Österreich. Es ist also kein entweder-oder.
Personen, die den Klimawandel als ihr politisches Mantra vor sich hertragen, fürchten, dass meine Aussagen der Bevölkerung den Mut nehmen könnten und dann in Fragen der Klimaneutralität überhaupt nichts mehr weitergeht. Den Leuten aber vorzuspielen, dass mit der Klimaneutralität Österreichs alles wieder gut wird, ist aber auch nicht richtig und eigentlich eine Täuschung des Bürgers.
Wenn man nur das hört und sieht, was im Fernsehen oder in diversen Statements von sich gegeben wird, könnte man das Gefühl bekommen, es gäbe keine Hitzewellen mehr, sobald wir uns 2040 als Zieljahr der Klimaneutralität vornehmen. Es wird aber trotzdem heiß werden und man muss auch irgendwann einmal die Wahrheit sagen und auch genug Geld reservieren für die Klimaanpassung. Weil die Anpassung wird notwendig sein – wir können nicht zuschauen, wie 80-jährige Patienten in den Pflegeheimen den Hitzetod sterben.