Die Lohnpolitik wird vorsichtiger, aber auch komplizierter
Gerald Loacker ist Jurist und geschäftsführender Gesellschafter bei der BWI Unternehmensberatung GmbH, die auf Vergütungssysteme und Gehaltsvergleiche spezialisiert ist. Außerdem arbeitet er als Sachverständiger für Berufskunde, Arbeitsorganisation und Betriebsorganisation. Bis Oktober 2024 war er als Abgeordneter zum Nationalrat in den Bereichen Arbeit, Soziales, Gesundheit und Wirtschaft sowie als stellvertretender Klubobmann der NEOS tätig.
Die Frühjahrslohnrunde 2026 steht unter anderen Vorzeichen als noch vor wenigen Monaten erwartet. Damals lasen wir Prognosen, nach denen die Inflation wieder näher an die Zwei-Prozent-Marke rücken sollte. Inzwischen ist klar: Das waren fromme Wünsche. Im Mai lag die Inflation laut Schnellschätzung bei 3,7 Prozent; auch die Jahresprognosen wurden nach oben revidiert. Das verändert die Einordnung der heurigen Abschlüsse erheblich.
Starke Reaktion in der Chemie
Die Verhandlungen selbst waren vielerorts zäh. Die IT-Angestellten erhielten ihren mit 1. Jänner fälligen Abschluss erst Mitte März und rutschten damit faktisch in die Frühjahrslohnrunde. Besonders zugespitzt ist die Lage in der chemischen Industrie. Dort treffen schwache Konjunktur, Energie- und Ölpreisschwankungen sowie die massiven KV-Erhöhungen der vergangenen Jahre auf die Erwartung, wenigstens einen Teil der Teuerung abzugelten. Acht Runden musste verhandelt werden und es gab Streiks. Solche Streiks trotz aufrechtem Kollektivvertrag und bereits vereinbarten, sehr zeitnahen Verhandlungsterminen hatten auch die Diskussion über die „Friedenspflicht“ wieder aufgewärmt. Schließlich ist eine Einigung auf ein Lohnplus von 1,8 %, aber um maximal 100 Euro, gelungen. Die Mindestlöhne steigen um 2 %.
Die meisten Abschlüsse sind damit unter Dach und Fach. Der zentrale Befund: Fast alle Branchen bleiben unter der rollierenden Inflation. Die Metaller haben also im vergangenen Herbst wieder einmal einen Trend gesetzt. Viele Abschlüsse landen in diesem Frühjahr bei grob 80 bis 90 Prozent der maßgeblichen Teuerung. Nur die Seilbahner scheinen mit ihren 3,57 % so etwas wie eine inflationäre Punktlandung zu versuchen.

Reallohnverluste
Zu beachten ist jedenfalls, dass viele Abschlüsse, wie zum Beispiel im Finance-Sektor, immer nur die KV-Mindestansätze erhöhen. Wer über dem KV verdient, muss in diesen Unternehmen mit dem Wertverlust seiner Überzahlung leben. Gerade bei Mittel- und Gutverdienern entwickelt sich das Gesamtgehalt dadurch mit deutlich unter 3 % nominell und damit spürbar unter der Inflationsrate.
Auch die Elektro- und Elektronikindustrie und die Papierindustrie, die bisher traditionell mit Ist-Erhöhungen gearbeitet haben, trennen heuer klar zwischen KV- und Ist-Bezügen, indem sie mit 1,85 % plus 22 EUR (Elektro) und 1,80 % plus 28 EUR (Papier) niedrigere Sätze für die Ist-Erhöhungen festlegen.
Pensionisten wieder als Erhöhungssieger
Der Vergleich mit den Pensionisten ist aufschlussreich: Die angekündigten 2,95 Prozent wirken dort auf die vollen Bezüge. Im Verhältnis zu den meisten KV-Abschlüssen sind Pensionisten damit besser bedient. Zum wiederholten Mal bekommen die Beitragszahler im Pensionssystem geringere Erhöhungen als die Leistungsbezieher. In einem Umlageverfahren führt das zum Ergebnis: Die großzügige Pensionspolitik reißt das Finanzierungsloch weiter auf.
Weniger mehrjährige Abschlüsse
Anders als in der Herbstlohnrunde, in der mehrere Branchen zwei- oder sogar dreijährige Abschlüsse akzeptierten, bleibt das Frühjahr überwiegend bei kurzen Laufzeiten. Die Privatkrankenanstalten bilden die Ausnahme. Sie haben für zwei Jahre abgeschlossen und für 2027 ausdrücklich vereinbart, dass Gehälter und Zulagen nur um 85 Prozent der rollierenden Inflation erhöht werden. Nicht die volle Inflationsabgeltung wird zur Formel, sondern der Abschlag davon.
Weitere Verflachung der Gehaltskurven
Auffällig breit eingesetzt wurden Staffelungen der Prozentsätze sowie Mindestbeträge und Sockel in absoluten Eurobeträgen. In der Elektronikindustrie, im Finance-Bereich, bei den Versicherungen im Innendienst und in den Privatkrankenanstalten werden niedrigere Einkommen relativ stärker angehoben. Sofern man Kollektivverträge für ein Instrument der Umverteilung hält, ist das nachvollziehbar. Arbeitsmarktpolitisch verlängert es aber einen Trend der letzten Jahre: Die Gehaltskurven werden flacher. Wer mehr Verantwortung übernimmt oder in höhere Verwendungsgruppen aufsteigt, spürt den Abstand zu den unteren Gruppen immer weniger. Auf Dauer macht das Fachkarrieren und Führungsverantwortung unattraktiver.
Pflegefreistellung wandert in den KV
Ein zweiter Rahmenrechtstrend betrifft die Pflegefreistellung. Finance, Erwachsenenbildung und – etwas vorsichtiger – die Elektro- und Elektronikindustrie dehnen Ansprüche aus. Damit wandert ein Thema in die Kollektivverträge, bei dem Personaljuristen bisher oft mit einem Blick ins Gesetz auskamen. Künftig wird man genauer in den jeweiligen KV schauen müssen. Die Branchen beginnen sich auch hier auseinanderzuentwickeln.
Die Inflationsrate ist keine Untergrenze mehr
Damit zeigt die Frühjahrslohnrunde 2026 ein anderes Bild als die Runden der Hochinflationsjahre. Die Automatik, die rollierende Inflation als Untergrenze abzugelten, ist gebrochen. Die Abschlüsse sichern Mindestgehälter, schieben niedrige Einkommen nach oben und bringen punktuelle Freizeit- oder Pflegeverbesserungen. Für breite Teile der Beschäftigten, vor allem oberhalb der KV-Ansätze, bedeutet diese Runde realen Druck auf die Kaufkraft. Die Lohnpolitik wird vorsichtiger, aber auch komplizierter.