Österreich verliert an Wettbewerbsfähigkeit, obwohl die Grundlagen da sind, um wieder erfolgreicher zu werden. Das liegt laut IMD-Präsident David Bach auch daran, dass es in Österreich noch immer zu schwierig ist, Dinge umzusetzen. „Die Bereitschaft der Bevölkerung, die Bereitschaft der Politik, aber auch der Unternehmen, zu sagen, wir müssen jetzt die Ärmel hochkrempeln, denn die anderen bewegen sich immer schneller, die ist immer noch nicht ausreichend da.“ Im Selektiv-Interview am Rande des Salzburg Summits erklärt er, was die Schweiz besser macht – und warum die Lösung für ihn nicht nur in Wien, sondern vor allem in Brüssel liegt.
Was ist in diesen Zeiten entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes?
David Bach: Die Möglichkeit, sich ständig neu zu erfinden, das Hinterfragen des bestehenden Erfolgs und das Suchen nach Möglichkeiten, besser zu werden. Niemand kann sich auf dem Erreichten ausruhen. Selbst die, die im Moment erfolgreich sind, können sich darauf nicht ausruhen. Und wir sehen das ganz klar: Die Wirtschaften in Asien, im Mittleren Osten, die immer wettbewerbsfähiger werden, sprechen schon jetzt darüber, was sie anders und besser machen können, um noch erfolgreicher zu sein.
Wie bewertet das IMD die Wettbewerbsfähigkeit der Länder? Welche Faktoren werden einbezogen und wie werden sie gewichtet?
Das IMD World Competitiveness Ranking ist eine Mischung aus Daten über Investitionen in Infrastruktur, in die Stärke des Bildungssystems, in Investitionen im Allgemeinen, in Wirtschaftswachstum und so weiter. Dazu kommt, was wichtig ist, auch eine Umfrage unter Wirtschaftsleuten in jedem Land, die bewerten, wie die Dinge im Land laufen, wie bürokratisch bestimmte Prozesse sind. Es ist diese Mischung aus harten Daten und Umfrageergebnissen, 60 Variablen, die in vier Kategorien fallen, die zusammenkommen, um das Ranking zu erstellen.
Österreichs Wettbewerbsfähigkeit hat sich in dem Ranking über die Jahre verschlechtert: 2007 war das Land noch auf Platz 11, 2020 auf Platz 16, dieses Jahr von Platz 26 auf 29 gerutscht. Was ist in den letzten zwei Jahrzehnten in Österreich passiert, dass es in diese Richtung geht?
Es gibt immer noch viele Bereiche, in denen Österreich auch in unseren Daten weltführend ist – das betrifft die Lebensqualität, das Gesundheitssystem, die Infrastruktur. Aber was die Effizienz der Wirtschaft und die Effizienz der öffentlichen Hand angeht, hat Österreich im Vergleich zu anderen Ländern verloren. Es ist in Österreich nach wie vor zu schwierig, Dinge umzusetzen, sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich.
Im DACH-Vergleich zeigt sich: Die Schweiz ist zwar von Platz 1 auf 3 gerutscht, hält sich aber seit 2020 durchgehend in den Top 3. Österreich ist, wie besprochen, abgerutscht. Deutschland hat sich um 6 Plätze auf Platz 23 verschlechtert. Wie erklären Sie sich das bei drei geografisch so nahen, eng verbundenen Ländern?
Da gibt es entscheidende Unterschiede. Die Schweiz ist ein Land, das es über viele Jahrzehnte verstanden hat, wettbewerbsfähig zu sein, indem es sich mit dem Rest der Welt verbindet, Freihandel anstrebt, viel investiert und die niedrige Zinspolitik nutzt. Dadurch wird ständig neu investiert. Das ist ein riesiger Unterschied zu Deutschland, wo sowohl die öffentlichen als auch die privaten Investitionen viel geringer sind. Dazu hat die Schweiz ein Einwanderungssystem, das tatsächlich Talente aus der ganzen Welt anzieht und darauf ausgerichtet ist. Die Schweiz zieht dadurch auch globale Unternehmen an, die dort ihre neue Heimat haben.
Was die Schweiz außerdem auszeichnet, ist ein politisches System, das es schafft, auf der einen Seite Konsens zu finden und auf der anderen Seite trotzdem Reformen anzugehen. In Deutschland hat man ein bisschen das Gefühl, vielleicht sage ich das etwas überspitzt, aber man geht einen Schritt nach vorne und dann wieder zwei zurück. In Österreich geht man oft überhaupt nicht. In der Schweiz geht es vielleicht auch langsam voran, nur wenn es vorangeht, dann geht das ganze Land voran.

Geht Österreich tatsächlich „gar nicht“ voran, geht es zurück, oder verbessern sich andere Länder einfach schneller, während Österreich nur langsam vorankommt?
Der Rest der Welt schläft nicht. Ich glaube, in bestimmten Teilen Europas – Österreich ist da nicht das einzige Land, man kann dasselbe über Deutschland oder Frankreich behaupten – glauben wir immer noch, ein Recht darauf zu haben, in bestimmten Industrien führend zu sein, mit unserem politischen System, mit unserem Wirtschaftssystem. Wir haben uns zu lange vorgemacht: Im Golf geht es nur um Öl und Gas, da passiert sonst nichts. Oder in Asien wird immer nur billig produziert, da gibt es keine Innovation. Das stimmt nicht. Wahrscheinlich war es nur bequem, sich das einzureden.
Wenn Sie sich die Innovationen anschauen, die aus Asien kommen – nicht nur aus China, sondern auch aus Korea, aus Thailand, aus Singapur, zum Teil auch wieder aus Japan – und wenn Sie sich ansehen, wie stark in Digitalisierung und künstliche Intelligenz investiert wird, in Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, wie Regierungen dort Technologien einsetzen, dann kommen mir als Europäer schon mal die Tränen. Wir sind da ein bisschen zu bequem gewesen. Die Bereitschaft der Bevölkerung, die Bereitschaft der Politik, aber auch der Unternehmen, zu sagen, wir müssen jetzt die Ärmel hochkrempeln, denn die anderen bewegen sich immer schneller, die ist immer noch nicht ausreichend da.
Im Competitiveness Landscape mit seinen vier Kategorien performen wirtschaftliche Leistung und Regierungseffizienz in Österreich unterdurchschnittlich, während die Infrastruktur vergleichsweise gut abschneidet. Die unternehmerische Effizienz hat sich 2026 verschlechtert. Wie hängen diese Entwicklungen zusammen?
Es ist so, dass die Faktoren miteinander interagieren. Das Assessment, also sowohl die Daten als auch die Umfragewerte, helfen dabei, eine Einschätzung zu bekommen, wie sich die Regierungseffizienz verändert. Wenn sie sich verschlechtert, heißt das, dass es dementsprechend schwerer ist, Reformpolitik zu machen, Investitionen zu kanalisieren, und das wirkt sich dann über die Zeit auf andere Teile des Wettbewerbsfähigkeit-Rankings aus.
Wann war aus Ihrer Sicht in Mitteleuropa, in Deutschland oder Österreich, der Punkt, den man verpasst hat, um etwas anzustoßen, als es noch „einfacher“ gewesen wäre?
5 der Top 10 in unserem Ranking sind europäische Wirtschaften: Schweiz, Dänemark, Irland, die Niederlande und Schweden. Das heißt, die kleineren, weltoffenen Länder sind sehr erfolgreich. Die nordischen Länder sind beispielhaft, was Wettbewerbsfähigkeit angeht. Es gibt in Europa jede Menge Beispiele sehr erfolgreicher und sehr wettbewerbsfähiger Wirtschaften. Das Interessante an Österreich ist, dass es von der Größe her eigentlich in die Kategorie von Schweiz, Niederlande, Dänemark und Irland passen würde.
Wir haben die letzten 15 Jahre nach der Eurokrise wichtige Chancen verpasst, gerade was Investitionen in die Infrastruktur angeht. Bis vor Kurzem waren die Zinsen mehr oder weniger null, das wäre die Zeit für Investitionen gewesen. Doch wir müssen jetzt in die Energiewende, in die Schiene, in die Digitalisierung investieren, und zwar zu viel höheren Zinsen. Der richtige Zeitpunkt ist da verpasst worden, sowohl von der öffentlichen Hand als auch im privaten Bereich. Wir haben unsere Bildungssysteme nicht ausreichend erneuert, und wir haben keine Kapitalmarktunion geschaffen. Deutschland hat immerhin die Rentenreform auf den Weg gebracht. Aber wäre das schon vor 10, 15 Jahren passiert, dann wären wir in einer ganz anderen Situation.
In der Steuerpolitik ist Österreich auf Platz 65 von 70 gerankt, bei den öffentlichen Finanzen und Haushalten auf Platz 55. Das Land befindet sich zudem in einem EU-Defizitverfahren: Die Regierung rechnet damit, mit dem neuen Doppelbudget bis 2028 daraus herauszukommen, Wirtschaftsforschungsinstitute sind skeptischer. Wie erklären Sie sich, dass sich die Regierungseffizienz über verschiedene Regierungen hinweg nicht verbessert hat?
In einer Phase der Polarisierung, in der die Mitte schwächer wird, ist es natürlich schwierig, Reformen auf den Weg zu bringen, gleichzeitig zu investieren und den Haushalt in Ordnung zu halten. Dann kommt immer wieder eine neue Regierung, die Versprechen gemacht hat, um gewählt zu werden, und diese Versprechen einlösen möchte. Das macht die Sache noch schwieriger.
Letztendlich ist Wachstum das Wichtigste. Ab dem Moment, wo Wachstum vorhanden ist, kann man sowohl die Sanierung vornehmen als auch weiter investieren. Es geht um die Unternehmen, dass sie in Forschung und Innovation, in Weiterbildung und Ausbildung investieren, damit sie international wettbewerbsfähig sind.
Wie nehmen Sie nach zwei Tagen mit zahlreichen österreichischen Unternehmensvertretern die Stimmung wahr, gibt es die Bereitschaft, die Sie und auch Sven Smit hier eingefordert haben?
Das denke ich schon. Aber man hat ein bisschen das Gefühl, dass es doch immer auf andere ankommt. Was Justin Trudeau in seiner Rede gemacht hat, ist, die Unternehmer offensiv daran zu erinnern, dass sie nicht nur Verantwortung für ihre Angestellten, für ihre Kunden und für ihre Aktionäre, sondern Verantwortung für das Land, für die Wirtschaft, für Europa, für die Welt haben. Ich habe mit vielen Unternehmen beim Salzburg Summit gesprochen und sie gefragt, ob sie mit Unternehmen in anderen Teilen Europas zusammenarbeiten, wenn es darum geht, Reformen anzutreiben und Politikern in verschiedenen Teilen Europas zu helfen, diesen Reformstau zu überwinden. Und da gab es doch einige, die gesagt haben, wir könnten mehr machen.
Im Bereich Unternehmenseffizienz wurde das Kriterium „Einstellung und Werte“ auf Platz 60 gerankt. Was ist damit genau gemeint, und wieso sind Einstellungen und Werte in der Unternehmenswelt in Österreich so schlecht platziert?
Wenn ich mit Unternehmern spreche, höre ich, dass sie das Gefühl haben, die Leistungsbereitschaft der Angestellten sei nicht voll da. Sie haben es vielleicht mitbekommen, in Deutschland zum Beispiel muss jetzt ab dem ersten Krankheitstag eine ärztliche Krankschreibung vorliegen. Aber man muss sich schon auch als Unternehmen fragen, ob man tatsächlich alle Möglichkeiten schafft, damit die Angestellten ausreichend motiviert sind. Wir wissen alle, Gehalt und Arbeitsplatzsicherung sind vielleicht für 30 Prozent der Performance verantwortlich. Der Rest kommt von Motivation, von den Möglichkeiten, die man hat, und davon, wirklich Interessantes und Wichtiges zu tun. Es ist also nicht damit getan, sich nur darüber zu beschweren, dass Angestellte oder junge Leute sich nicht genug reinhängen.
Als eine der Herausforderungen für Österreich nennt der IMD-Bericht die Senkung der Lohnnebenkosten in Österreich. Das Doppelbudget sieht dazu eine Senkung um einen Prozentpunkt vor, die ab 2028 zwei Milliarden Euro pro Jahr einsparen soll. Wie schätzen Sie diese Umsetzung ein?
Sehr hohe Lohnnebenkosten sind ein Problem in vielen Teilen Europas. Auf der einen Seite ist unser Sozialstaat eine herausragende Errungenschaft, auf der anderen Seite muss er natürlich finanzierbar sein. Sie haben selbst Ihre Daten zusammengestellt (Selektiv-Grafikheft), wie wenig Menschen in Österreich über 60 und über 65 Jahre im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Dänemark noch erwerbstätig sind. In Deutschland soll jetzt das Rentenalter ansteigen. Das sind auch Dinge, die man schon vor 10 oder 15 Jahren hätte angehen müssen, was aber nicht besonders populär ist. Jean-Claude Juncker, damals Premierminister von Luxemburg, hat einmal gesagt: „We all know what we have to do, we just don’t know how to get re-elected once we’ve done it.“ Deswegen müssen wir, um diesen Sozialstaat zu sichern, ihn finanzierbar machen. Das heißt auch, sich ein paar Leistungen viel genauer anzusehen.
Eine andere Herausforderung des Berichts fordert, Verteilungsmaßnahmen zu verbessern, die im Widerspruch zu angebotsorientierten Maßnahmen stehen. Im Doppelbudget wurden die Lohnnebenkosten gesenkt, gleichzeitig wird das Budget aber überwiegend einnahmenseitig konsolidiert. Wie lässt sich dieser Zielkonflikt lösen?
Dazu kenne ich die österreichische Politik zu wenig, aber es gibt mehrere Beispiele in Europa, wo sich Länder in eine solche Situation hineinmanövriert haben. Das beste Beispiel ist Großbritannien: Andy Burnham hat jetzt als neuer Premierminister eine Situation vorgefunden, in der sein Hauptziel ist, die Wirtschaft anzukurbeln, während der fiskalische Spielraum unglaublich eng ist, weil die Verschuldung so hoch ist, dass keine großen Defizite mehr möglich sind. Das hat seine Vorgängerin Liz Truss versucht, und das hat ihre Regierung zu Fall gebracht. Deswegen: Man will investieren, man will Steuern senken, und man kann das Ganze gleichzeitig nicht mehr auf Pump machen. Das müssen dann Babyschritte in die richtige Richtung sein. Man schafft sich immer ein bisschen mehr Spielraum, generiert dadurch etwas mehr Wachstum und nutzt dieses Wachstum wieder, um weitere Steuererleichterungen zu schaffen oder Investitionen zu fördern, sodass sich dieser Kreislauf auch in die andere Richtung nutzen lässt. Darum geht es, aber das wird nicht über Nacht passieren.

Österreich hat eine gute Basis, um wettbewerbsfähiger zu werden. Was muss kurzfristig, in den nächsten zwei, drei Jahren, mittelfristig und langfristig passieren, damit sich das tatsächlich zeigt?
Die Frage ist eigentlich nicht, was in Österreich passieren muss und kann, sondern was in Europa passieren muss und kann. Im Endeffekt ist die Zukunft Österreichs, der österreichischen Wirtschaft, so eng mit der europäischen Wirtschaft verknüpft, mit dem, was in Deutschland passiert, in Italien, in Frankreich, jetzt in Ungarn, in Polen. Und deswegen ist die große Frage: Was muss Europa machen?
Da bleibe ich optimistisch. Warum? Weil wir die zwei wichtigsten Dinge für Erfolg haben: Talente und Kapital. Das sind eigentlich die Dinge, die häufig am knappsten sind. Wir haben viel von beidem, wir müssen sie nur zusammenbringen.
Dann kommen noch ein paar andere Faktoren dazu. Wir müssen mit Sicherheit unsere Energiekosten senken und gleichzeitig, und das ist das Gute daran, unabhängiger werden, was die Energie angeht. Wir sind mittlerweile in der Situation, dass Solarenergie billiger ist als alles andere. Im letzten Jahr waren 75 Prozent aller neuen Kraftwerke, die weltweit ans Netz gegangen sind, entweder Solar oder Wind betrieben. Indem wir in erneuerbare Energien investieren, schaffen wir Souveränität im Energiebereich. Wir sind weniger anfällig dafür, was am Golf oder sonst wo in der Welt passiert. Es ist billiger, und dazu ist es auch noch sauberer und somit besser für die Umwelt.
Das heißt: Wenn wir die Energiewende weiter vorantreiben und gleichzeitig die Kapitalmärkte zusammenbringen, kann es sein, dass Unternehmen nach Wien kommen oder in andere Teile Österreichs. Die Kapitalmärkte sind dabei unglaublich wichtig, weil sie den Wettbewerb in ganz Europa fördern, und der Wettbewerb selbst führt dann häufig dazu, dass die nächsten Reformen passieren.
Also: Energie, Talent, Kapital, das zu lösen und zusammenzubringen, ist absolut möglich. Europa ist, meiner Meinung nach, und damit meine ich ganz Europa, vom Süden Spaniens bis zum Norden Finnlands, immer noch der beste Kontinent, um zu leben – in seiner Vielfalt, in seiner Sicherheit. Wir haben alles, was wir brauchen, um unsere Wirtschaft wieder so stark zu machen, dass wir in der Welt eine größere Rolle spielen können. Aber das Fenster wird kleiner und kleiner, und es geht darum, jetzt wirklich in die Gänge zu kommen.