Wir sind schon wieder Schlusslicht
Sara Grasel ist Chefredakteurin von Selektiv. Sie ist seit fast 20 Jahren Wirtschaftsjournalistin mit Stationen bei „Die Presse“, Trending Topics und brutkasten. Zuletzt war sie Chefredakteurin der Magazine der Industriellenvereinigung.
In der Wirtschaft geht es erstaunlich oft um Stimmungen. Es reicht, dass es sich so anfühlt, als würde alles immer teurer werden, und schon geben die Menschen weniger Geld aus. Und natürlich investieren auch Unternehmen nicht, wenn die Stimmung schlecht ist. Und die Stimmung ist schon lange schlecht. Das ist auch kein Wunder: Daheim bringen wir keine substanziellen Entlastungen zu Wege – meist eher das Gegenteil oder unter dem Strich nix. Und jenseits der Grenzen sind Energiepreistreiber, Zollschranken-Aufsteller und Lieferketten-Störer auch nicht gerade hilfreich. Trotzdem gibt es sie, die Optimisten. „Die Zeichen stehen auf Aufschwung“, schreibt Finanzminister Markus Marterbauer euphorisch. Den Aufschwung braucht er dringend, damit das „auf Kante genähte“ Budget nicht schneller platzt, als man Bruttoinlandsprodukt sagen kann.
Die schlechte Nachricht: Es kommt hier kein Aufschwung, der das Defizit schmelzen lässt. Nicht mittelfristig, wie das Potenzialwachstum von unter einem Prozent erahnen lässt und auch nicht kurzfristig. Einen leichten Optimismus verspüren zwar im Juli auch Unternehmen, wie der Einkaufsmanagerindex der Bank Austria diese Woche zeigte, aber Signale, dass wir jetzt durchstarten, sehen anders aus. Es gab im Juli kaum neue Aufträge für die Industrie, vor allem die Aufträge aus dem Ausland sind weiterhin rückläufig. Die Produktionsleistung hat sich nur deshalb leicht erhöht, weil ältere Aufträge abgearbeitet werden, für die man nun vielleicht endlich die dafür notwendigen Materialien bekommen hat. Aus Sorge, dass die Lieferketten wieder schwächeln und die Preise steigen könnten, wurden die Lager vorsorglich mit Vormaterialien gefüllt. Die Unternehmen können die gestiegenen Preise zudem weiterhin nur bedingt weitergeben – Bank-Austria-Ökonom Walter Pudschedl rechnet damit, dass sich der Druck auf die Margen weiterhin erhöht. Sprich: Den Unternehmen bleibt immer weniger übrig, um zu investieren. Aus dieser Perspektive muss man ja fast davon ausgehen, dass es nur besser werden kann.
Grafik: Wachstumspotenzial fällt auf unter 1 Prozent
Das alles macht uns schon wieder zum Schlusslicht. Selbst in Deutschland sind die Neuaufträge für die Industrie im Juli gestiegen. Und wenn man auf das 2. Quartal blickt, also jenes, das vom Krieg im Nahen Osten geprägt ist, stellt man fest: Während sich das Wachstum in den Euro-Ländern im Vergleich zum 1. Quartal sogar leicht beschleunigt hat, steht hier für Österreich eine Null. Gemeinsam mit Belgien belegen wir den letzten Platz. Auch wenn die Wirtschaft im Jahresvergleich etwas gewachsen ist – um 0,8 %, aber halt von einem niedrigen Niveau ausgehend – kommen wir gerade ganz und gar nicht in die Gänge. Schweden, Tschechien, Ungarn und viele weitere sind seit dem 1. Quartal gewachsen – Schweden sogar recht kräftig –, Österreich nicht. Im Bau schaut es überhaupt schwierig aus, da zeichnet sich das 8. (!) Rezessionsjahr in Folge ab, wie Raiffeisen-Ökonom Matthias Reith betont. 8 Jahre, in denen die Wirtschaftsleistung in diesem Bereich geschrumpft ist.
Kommentar: Das Wachstum ist zurück, der Rückstand bleibt
Stocker: „Das eine Prozent Wachstum fällt nicht vom Himmel“
Wir haben hier keine kurzfristig durch den Irankrieg gebremste Boomphase. Es ist noch immer eine strukturelle Krise, die nicht von selbst weggeht. Der Staat hat über Jahre hinweg über seine Verhältnisse gelebt, finanziert durch Schulden und durch ein immer stärkeres Zulangen beim Geld anderer für den Aufbau eines beispiellosen Nannystaats, in dem Eigenverantwortung ein Fremdwort ist. Die Abgabenquote und die Schuldenquote sind explodiert, ohne dass etwas substanziell besser geworden ist: Bildung, Gesundheit, Pensionen – alles teure Baustellen. Auch wenn es in der Wirtschaft um die Stimmung geht – Optimismus alleine reicht leider nicht. Sich jetzt zurückzulehnen und zu sagen, die Zeichen stehen auf Aufschwung, das wird schon, ist falsch. Und sich ständig auf Trump und Kriege auszureden, durchschaubar – diese Probleme haben unsere Nachbarländer auch, die allesamt etwas besser vom Fleck kommen.