AMS-Chef Johannes Kopf erwartet positive Effekte auf Beschäftigung und internationale Wettbewerbsfähigkeit durch die Lohnnebenkostensenkung im Zuge des Doppelbudget 2027/28. Ohne vorliegende Gesetzestexte sei eine genaue Bewertung jedoch verfrüht. Die Anpassung der Arbeitslosengeld-Beiträge für Niedrigverdiener behebt eine Systemwidrigkeit, es wäre jedoch „eine gute Idee gewesen, diese Beträge seinerzeit gar nicht zu senken.“ Dass der geringfügige Zuverdiensts mit Jahresanfang eingeschränkt wurde, hat sich bereits bewährt und zu mehr direkten Arbeitsaufnahmen geführt. Kopf warnt vor einem demografiebedingten Fachkräftemangel und fordert eine bessere Verteilung von Geflüchteten in Österreich durch die Einführung einer Residenzpflicht für zumindest zwei Jahre. Derzeit seien „acht Bundesländer froh, dass die Geflüchteten alle nach Wien fahren.“
Interview von Stephan Frank und Christoph Hofer
Im Rahmen des neuen Doppelbudgets soll die langersehnte Lohnnebenkostensenkung umgesetzt werden. Das Wirtschaftsforschungsinstitut EcoAustria erwartet dadurch 10.000 bis 12.000 neue Jobs. Welchen Arbeitsmarkteffekt erwarten Sie?
Johannes Kopf: Eine sinkende Belastung des Faktors Arbeit hat jedenfalls positive Effekte auf die Beschäftigung. Mir erscheint eine seriöse Beurteilung der Pläne der Bundesregierung derzeit aber noch nicht möglich. Um die Maßnahme gesamthaft beurteilen zu können, benötige ich die entsprechenden Gesetzestexte. EcoAustria hat aber aufgrund von Modellrechnungen diesen Zuwachs der Beschäftigung errechnet. Lohnnebenkostensenkungen haben daneben aber auch andere positive Effekte – auf Preise, auf Beschäftigungssicherung, auf Überstunden, auf verfügbares Einkommen sowie auf Gewinne und Steuereinnahmen. Das ist ein ganzes Bündel an Effekten, das die Gesamtwirtschaft im internationalen Wettbewerb stärkt. Der Gesamteffekt wird dann aber auch von der konjunkturellen Entwicklung abhängen.
Die Senkung der Arbeitslosengeld-Beiträge für Niedriglohnbezieher war ein Fehler.
Johannes Kopf
Als Teil des Gesamtpakets sollen Arbeitslosengeld-Beiträge bei niedrigen Einkommen angehoben werden. Teilzeitarbeit würde dadurch gegenüber Vollzeitarbeit etwas weniger bevorteilt. Ist das somit eine gute Maßnahme?
Es wäre eine gute Idee gewesen, diese Beträge seinerzeit für Niedriglohnbezieher gar nicht zu senken. Das war aus meiner Sicht eine Systemwidrigkeit, die man aufgrund der hohen Inflation populistisch vor einer Wahl versprochen hat. Das war ein Fehler.
Unser Sozialversicherungssystem basiert auf Prozentsätzen und nicht auf Fixbeträgen, somit zahlen Personen, die weniger verdienen, ohnehin weniger. Dieses Prinzip hat man damals ausgehebelt und es hat dazu geführt, dass auch Teilzeitbeschäftigte, die in Wirklichkeit ein hohes Familieneinkommen haben, davon profitieren. Damit hat man Teilzeit attraktiviert. Das hätte man verhindern können, wenn es Arbeitszeitmeldungen der Betriebe gäbe, wie ich schon lange gefordert habe. Dann könnte man Lohnnebenkostensenkungen oder auch Steuerlast auf Stundenlöhne abstellen und nicht auf Monatslöhne. So könnte man zwischen Niedrig-Entlohnten bzw. Niedrig-Qualifizierten und bloß Teilzeitarbeitenden differenzieren.
Die Maßnahme jetzt zurückzunehmen war politisch sicher keine leichte Entscheidung. Daher wäre es gescheit gewesen, man hätte sie gar nicht erst eingeführt.
Mit dem Doppelbudget will die Regierung auch weitere Mittel für die aktive Arbeitsmarktpolitik mobilisieren. Wenn man sich die verschiedenen Maßnahmen ansieht, die das Arbeitsmarktservice zur Arbeitsaufnahme einsetzt, wo ist der Euro am besten investiert?
Ich bin befangen, aber ich glaube an die Effektivität der Arbeitsmarktpolitik. Es gibt keinen Politikbereich, der so gut evaluiert ist wie die Arbeitsmarktpolitik. Trotzdem ist diese Frage nicht einfach zu beantworten. Trotzdem wir eine exzellente Datenlage haben.
Es gibt Kurse, die bringen 80 % der Teilnehmer in Beschäftigung und es gibt Kurse, die nur 20 % schaffen. Je nach Teilnehmenden und Maßnahmentyp könnten die 20 % aber besser sein als die 80 %, weil die Zielgruppen und Problemstellungen so unterschiedlich sind. Wir messen auch Erfolg nicht nur durch Arbeitsaufnahmen, sondern zum Beispiel auch durch Veränderung der Einkommenssituation. Wenn es also durch die Arbeitsaufnahme zwischen geförderter und ungeförderter Beschäftigung Gehaltssteigerungen gibt, dann gibt es einen positiven Effekt, den man nicht an den Arbeitsaufnahmen ablesen kann.
Bei den Arbeitsmarktförderungen gibt es auch den sogenannten „Lock-in-Effekt“. Während einer Ausbildung beim AMS suchen Personen nicht gleichzeitig nach Jobs, sondern machen sinnvollerweise ihre Ausbildung fertig. Je nachdem, wie man den Nachbetrachtungszeitraum ansetzt, hat man durch diesen „Lock-in-Effekt“ sogar ein negatives Ergebnis. Weil die AMS-Klienten in Schulungen keine Arbeit aufnehmen, aber jene, die nicht gefördert werden, teils schon. Erst bei längeren Beobachtungszeiträumen drehen die AMS-Schulungen ins Positive, weil dann z. B. die Pflegeausbildung abgeschlossen ist und das Spital eine neue Pflegekraft bekommt, die sie ohne Förderung nicht bekommen hätte.
Es gibt Kaffeehäuser, die sieben Tage die Woche offen sind und nur vier geringfügig angestellte Arbeitskräfte beschäftigen.
Johannes Kopf
Seit 1. Jänner ist der geringfügige Zuverdienst zum Arbeitslosengeldbezug bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr möglich. Hat sich diese Einschränkung bewährt?
Es gab sehr lange Diskussionen zur Frage, ob geringfügiger Zuverdienst ein erster Schritt in eine vollversicherte Beschäftigung ist oder ob er eher ein Hemmnis dafür ist, weil die Leute durch Arbeitslosengeld plus 550 Euro zu wenig Anreiz haben, rasch eine reguläre Arbeit aufzunehmen. Eine Wifo-Evaluierung hat ergeben, dass der geringfügige Zuverdienst zum Arbeitslosengeldbezug – also bei Menschen, die noch nicht sehr lange arbeitslos sind – in der Gesamtwirkung einen hemmenden Effekt auf die Arbeitsaufnahme hat. Bei Menschen, die länger arbeitslos sind, gibt es jedoch keinen signifikanten Zusammenhang mehr, daher gibt es hier auch eine Ausnahmeregelung.
Unser Erhebungsdienst hat auch viele Fälle ausfindig gemacht, bei denen geringfügig angestellte Personen tatsächlich mehr als zulässig gearbeitet haben. Es gibt Kaffeehäuser, die sieben Tage die Woche offen sind und nur vier geringfügig angestellte Arbeitskräfte beschäftigen. Das heißt aber noch lange nicht, dass jeder, der geringfügig zum Arbeitslosengeld dazu verdient, ein Missbrauchsfall war.
Für die Beantwortung der Frage, ob die Reform nun die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit gesenkt hat, braucht es noch einige Monate, wir haben bei der Reform auch einen sofortigen Arbeitsaufnahmeeffekt von Personen, die geringfügig zum Arbeitslosengeldbezug dazuverdient haben, beobachten können. Zum Jahreswechsel 2025/2026, wo die Reform in Kraft getreten ist, gab es rund 1.700 mehr Arbeitsaufnahmen solcher Personen als im Vorjahreszeitraum – davon 1.000 beim gleichen Arbeitgeber. Das ist eine erfreuliche Entwicklung.
Österreich hat einen im internationalen Vergleich sehr hohen ALG-Beitrag, doppelt so hoch wie in Deutschland, fast dreimal so hoch wie in der Schweiz. Hätte man den Entfall der teuren Bildungskarenz zu einer Beitragssenkung nutzen sollen?
Der Hauptunterschied zu den von Ihnen genannten Ländern ist die Notstandshilfe, eine vergleichbare Leistung bei längerer Arbeitslosigkeit wird etwa in Deutschland aus Steuermitteln finanziert. Österreich ist mittlerweile das einzige EU-Land, das noch eine Dauerleistung aus der Arbeitslosenversicherung finanziert. Es werden vom AMS auch eine ganze Reihe von Dingen finanziert, die eigentlich dem Gedanken einer Versicherung fremd und trotzdem richtig sind: die Ausbildungsgarantie, Deutschkurse oder Vorbereitungskurse für Hauptschulabschlüsse. Von der Systematik her sollten diese Dinge nicht aus der Arbeitslosenversicherung finanziert werden. Pensionisten, Bauern, Selbstständige und Beamte zahlen bei uns nämlich nicht ein. Im Sinne der Fairness müssten solche Maßnahmen aus Steuermitteln und nicht aus Beitragsmitteln finanziert werden. Weil das den Faktor Arbeit zusätzlich belastet.

Die Arbeitslosenversicherung ist dennoch die einzige Sozialversicherung der großen Systeme, die 2024 im Plus abgeschlossen hat. Der ALG-Beitrag hat sich in dieser Hinsicht ausgezahlt, wir haben 2024 einen Überschuss erwirtschaftet. Im Jahr 2025 ist uns das nicht mehr gelungen, da die Regierung einen Betrag von 200 Mio. Euro zugunsten der Krankenkassen umgeschichtet hat. Jetzt läuft gerade eine Begutachtung, bei der man 200 Mio. Euro der Arbeitslosenversicherung zugunsten der Pensionsversicherung umschichten will. So kommen wir zu keinem Überschuss. Deswegen gibt es keinen Spielraum, die Beiträge zu senken.
Lassen sich diese Umschichtungen sachlich argumentieren?
Nein.
Sie haben zuletzt davon gesprochen, dass die Trendwende am Arbeitsmarkt abgesagt ist. Wie schätzen Sie die weiteren Auswirkungen des Irankriegs auf den österreichischen Arbeitsmarkt ein?
Im Jänner habe ich noch die gewagte Prognose gemacht, dass die Arbeitslosigkeit Ende März sinken wird – ab Ausbruch des Irankriegs war aber klar, dass sich das nicht mehr ausgeht. Der Grund dafür ist nicht, dass Betriebe sofort mit Kriegsausbruch Personal abbauen, sondern sie halten sich bei den Neueinstellungen zurück. Sie warten ab, was passiert.
Der Arbeitsmarkt ist ununterbrochen in Bewegung, es gibt einen stetigen Zu- und Abgang von Arbeitslosen. Derzeit können aber weniger Personen einen Job annehmen, der Abgang aus Arbeitslosigkeit wird also weniger, während der Zugang weiterhin läuft. Dadurch sind die Arbeitslosenzahlen gestiegen. Was mit der Straße von Hormus passieren wird, kann ich nicht prognostizieren. Im Gesamtjahr werden wir wohl einen Anstieg der Arbeitslosigkeit sehen, während wir vor Kriegsausbruch noch einen Rückgang prognostiziert haben.
Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern steigt seit Monaten im zweistelligen Bereich. Wie erklärt sich das, sind das bereits erste Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz?
Die Hauptursache ist das ununterbrochen stark steigende Potenzial an Akademikerinnen und Akademikern. Es gibt schlicht viel mehr Akademiker in unserem Land – wenn ich viel mehr Menschen mit Studienabschluss habe, habe ich auch mehr Arbeitslose, die einen Studienabschluss haben. Der Hauptgrund von Arbeitslosigkeit ist nämlich Jobwechsel-Arbeitslosigkeit. Ungefähr 60 % entfallen auf sogenannte friktionelle Arbeitslosigkeit, wenn Menschen zwischen zwei Jobs vorübergehend arbeitslos gemeldet sind.
Es gibt jedoch tatsächlich eine minimale Verschlechterung der Situation. Das könnte schon etwas mit Künstlicher Intelligenz zu tun haben. Unternehmen stellen in einigen Bereichen derzeit weniger qualifizierte Jobanfänger ein, weil sie zögern, ob diese Aufgaben nicht automatisiert werden könnten. Darüber wird derzeit viel diskutiert.
Ich nehme diese Entwicklungen aber noch nicht zu dramatisch, da die Arbeitslosenquote von Akademikern im Jahr 2025 bei 3,4 % lag. Bei Personen mit einem Lehrabschluss lag sie bei 6,4 % und bei Personen mit maximal Pflichtschulabschluss bei 22 %. Selbst wenn sich also die Arbeitslosenquote von Akademikern aufgrund von KI verdoppeln sollte, wäre sie immer noch niedriger als jene von Menschen mit Lehrabschluss.
Wir beobachten die Situation jedenfalls und planen auch ein Forschungsprojekt zur Frage, ob wir einen massiven Rückgang von Einstiegsstellen für Gutqualifizierte wie in den USA auch bei uns erwarten sollten. Der Vergleich ist inmitten einer Rezession aber schwierig, da Arbeitslosigkeit in einer Rezession deutlich stärker die Leute trifft, die noch nicht am Arbeitsmarkt sind – also Migranten und Junge. Darum ist auch die Frage, ob Einstiegsjobs aufgrund von KI verschwinden, schwer zu beantworten, da das aktuell von anderen Effekten überlagert werden könnte.
Stichwort Migranten und Junge. Die Erwerbsbevölkerung schrumpft seit 2024, die Bevölkerung wird in den nächsten Jahrzehnten stark altern. Der Fachkräftemangel ist jetzt schon ein Problem – wie sehr wird er sich bis 2050 verschärfen? Wie groß wird die Lücke sein?
Nach Prognosen der Statistik Austria fehlen bis zum Jahr 2050 österreichweit 120.000 Menschen zwischen 15 und 65, also im erwerbsfähigen Alter. Diese Zahl klingt nicht so dramatisch, aber man muss beachten, dass die Entwicklung im Bundesgebiet höchst unterschiedlich ist. Während die Erwerbsbevölkerung in Wien um 160.000 Personen anwachsen wird, schrumpft sie in den acht Bundesländern um 280.000 Personen. Das ergibt das österreichweite Minus von 120.000. Diese Prognose zeigt, dass es in den Bundesländern einen massiven Handlungsdruck gibt.
Die steigenden Beschäftigungsquoten von Frauen, Älteren und Migranten werden den Rückgang nicht ausgleichen können. Beispielsweise wird die Bevölkerung Kärntens um 17 % abnehmen, die Erwerbsbevölkerung aber immer noch um 12 %. In Wien steigt die Bevölkerung um 10 % und die Erwerbsbevölkerung um 15 %. Das ist eine schlechte Nachricht für ganz Österreich, selbst für Wien. Denn in Wien sind die Arbeitslosenraten derzeit mehr als doppelt so hoch wie in Oberösterreich, Salzburg oder Tirol. Wir haben in Wien schon jetzt zu wenige Arbeitsplätze.
Wenn jemand nicht Deutsch kann, kann man ihn praktisch nicht vermitteln.
Johannes Kopf
Wird diese „demografische Bombe“, um Christoph Badelt zu zitieren, von der Politik ernst genug genommen?
Nein, aber es gibt eine logische Erklärung dafür. Auch ich habe schon im Gymnasium von einer demografischen Bombe gelernt, die uns treffen wird, wenn die Baby-Boomer in den Nullerjahren in Pension gehen werden. Diese Bombe ist aber nicht explodiert, da in der Zwischenzeit durch die EU-Ostöffnung fast 400.000 gut qualifizierte junge Arbeitskräfte gekommen sind, die den Abgang kompensieren konnten. Es ist aber wohl nicht damit zu rechnen, dass wir noch einmal 13 EU-Länder in unmittelbarer Nachbarschaft aufnehmen.
Statistik Austria erwartet trotz einer jährlichen Netto-Zuwanderung von 30.000 Personen, dass es sich jetzt nicht mehr ausgehen wird und dass sich das Verhältnis von Personen im erwerbsfähigen Alter zu Personen im Pensionsalter von derzeit über 3:1 auf 2:1 verschlechtern wird. Die Politik beschäftigt sich ganz gern in diesem Zusammenhang mit der Rot-Weiß-Rot-Karte, das ist gut und hier muss man Verfahren beschleunigen und Dinge verbessern. Diese Lösung allein ist aber viel zu wenig stark, selbst wenn man die Rot-Weiß-Rot-Karte ausbaut. So viele Leute, wie wir bräuchten, um diese Entwicklung zu kompensieren, werden nie kommen. Dafür haben wir einfach zu viele Standortnachteile, alleine aufgrund der Tatsache, dass man bei uns im Job nicht Englisch redet. Das ist ein Nachteil gegenüber den USA, Irland oder auch gegenüber den nordischen Staaten. Dort gibt es tatsächlich Jobs, wo man mit Englisch ohne weiteres durchkommt. Bei uns behaupten die Firmen das zwar immer, es ist aber nicht wahr. Wenn jemand nicht Deutsch kann, kann man ihn praktisch nicht vermitteln.
Deswegen müssen wir alle anderen Potenziale nützen, die es gibt.
Die Erhöhung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters der Frauen führte zu einer Verdoppelung der Zahl der erwerbstätigen 60- bis 64-jährigen Frauen von 40.000 auf ca. 80.000. Wäre das ein solches Potenzial?
90 von 100 der durch die Anhebung des Frauenpensionsalters zusätzlichen Frauen am Arbeitsmarkt sind in Beschäftigung, 10 sind arbeitslos – und das in der längsten Rezession der Zweiten Republik. Das ist tatsächlich ein Beweis dafür, dass das, was wir prognostiziert haben – dass die Frauen länger in ihren Arbeitsplätzen bleiben – funktioniert. Dass durch das Anheben des Pensionsantrittsalters aber auch die Frauenarbeitslosigkeit über 60 steigt, ist völlig logisch, denn vorher gab es praktisch keine arbeitslose Frau über 60. Trotzdem muss man sich um die, die es trifft jetzt besser kümmern und darum brauchen wir aktive Arbeitsmarktpolitik für Ältere, denn es ist nicht leicht, für eine 60-jährige arbeitslose Frau einen Job zu finden.

Würde das auch für eine baldige Anhebung des allgemeinen Pensionsantrittsalters sprechen?
Ja, das wäre schon lange sinnvoll gewesen und es ist weiterhin sinnvoll.
Laut einer kürzlich präsentierten ÖIF-Studie lag die Erwerbsquote von Flüchtlingen in Wien nach 10 Jahren bei rund 60 %. In anderen Regionen lag sie jedoch bei rund 80 %. Auch erzielten Flüchtlinge in Wien im Durchschnitt „deutlich niedrigere Einkommen“ als in anderen Regionen Österreichs. Wie erklären Sie das?
Ich habe in Wien nicht genug Arbeitsplätze. In Wien ist jede vierte arbeitslose Person ein Geflüchteter. In Wien gibt es 32.000 arbeitslose Geflüchtete – in Salzburg gibt es weniger als 1.000, auch in Kärnten weniger als 1.000 und in Oberösterreich und der Steiermark jeweils gut 2.000. Wir haben jedenfalls ab Anerkennung des Asylstatus eine ganz ungünstige Verteilung der Geflüchteten. Davor ist es noch ein wenig besser, da sie regional untergebracht werden und das Bundesland nicht verlassen dürfen. An dem Tag, an dem sie Asyl gewährt bekommen, fliegen sie aus ihren Unterkünften und fahren alle nach Wien – das ist schlecht.
Deshalb habe ich bereits im Herbst 2016 erstmals eine Residenzpflicht für zumindest zwei Jahre gefordert. In diesen zwei Jahren sollte im Bundesland versucht werden, die Leute auf den Arbeitsmarkt zu bekommen. Dann werden auch einige von ihnen dort bleiben, weil sie einen Job gefunden haben. Aber acht Bundesländer sind froh, dass die Geflüchteten alle nach Wien fahren. Acht Bundesländer sind gegen eine Residenzpflicht, nur eines dafür.