Geldpolitik: Wer früh genug bremst, bremst billig
Heike Lehner ist freiberufliche Ökonomin und Generalsekretärin der Aktion Generationengerechtigkeit. Ihre Spezialgebiete liegen im Bereich der Geldpolitik und Finanzwirtschaft, wozu sie aktuell ebenso promoviert.
Die Inflation ist zurück. Kaum war etwas Ruhe eingekehrt und die Teuerungsrate wieder auf einem guten Pfad, ist sie nun wieder offiziell zurückgekehrt. Mit Preissteigerungen in der Höhe von über drei Prozent in der Eurozone und auch in Österreich selbst ist Vorsicht angesagt. Vergangene Woche hat die Europäische Zentralbank deshalb zum ersten Mal seit dem Jahr 2023 die Zinsen wieder angehoben. Auch die Bank of Japan hat diese Woche die Zinsen erhöht. Und die US-amerikanische Notenbank Federal Reserve hat die Zinsen zumindest nicht gesenkt, die Bank of England soll es ihr heute gleichtun. Sobald die Debatte um die nächsten Schritte beginnt, kommt der Einwand so sicher wie das Amen im Gebet: Jetzt werde die Wirtschaftsleistung durch die steigenden Zinsen wieder abgewürgt. Die geopolitischen Unsicherheiten seien nicht genug, jetzt trügen auch die Notenbanken das Ihre dazu bei. Doch wie stark die Wirtschaft unter höheren Zinsen tatsächlich leidet, ist keine feste Größe. Wer rechtzeitig bremst, bremst billig. Den Fehler, zu spät anzuziehen, wie ihn viele Zentralbanken in der Hochinflationsphase 2022 gemacht haben, gilt es nicht zu wiederholen.
Dass sich die Welt geändert hat, ist nichts Neues. Wir sind noch immer gebrandmarkt von der letzten Inflationswelle, sind aufmerksam bei jeder neuen Inflationszahl, die durch die Medien geistert. Auch Unternehmen passen in diesen Zeiten häufiger ihre Preise an. Das hat nichts mit Gierflation zu tun, sondern mit Unsicherheit. Wer nicht weiß, wo die Kosten morgen stehen, korrigiert die Preise lieber öfter. Ein Teufelskreis, denn dadurch werden auch Haushalte noch aufmerksamer und ihnen fallen die Preissteigerungen noch intensiver auf. Wenn die Preise also sowieso in Bewegung sind und ständig neu gesetzt werden, schlägt auch die Geldpolitik schneller durch. Erhöhte Zinsen werden so schneller weitergegeben, auch die Preissteigerungen werden schneller gedämpft. Ein Zinsschritt wirkt also jetzt kräftiger und drückt die Inflation stärker und schneller als in ruhigen Zeiten. All das hat zur Folge, dass diese veränderten Zinsen auch das Wachstum gesamt gesehen nicht so stark bremsen.
Eine entschlossene Zinsantwort sorgt zudem dafür, dass die Zweitrundeneffekte kleiner ausfallen. Löhne werden nicht so stark erhöht, Unternehmen geben gestiegene Kosten nicht ungebremst weiter. So verhindert eine Zentralbank, dass aus einem einmaligen Preisschock eine dauerhafte Inflationsspirale wird. Die Basis dafür ist Vertrauen. Glauben Haushalte und Unternehmen, dass die Zentralbank die Inflation einfängt, handeln sie danach. Und genau dadurch fängt sie sie ein. Die Zinserhöhungen wirken also zweimal.
Daraus folgt auch unter anderem, wieso Zentralbanken rückblickend in der Hochinflationsphase die Zinsen früher und aggressiver erhöhen hätten sollen. In einer Zeit, wo die Inflation in aller Munde ist, gelten andere Regeln. Zaudern ist keine Option. Gerade, nachdem die Inflation bereits auf über drei Prozent angestiegen ist und die Geopolitik die Preise nur noch weiter in die Höhe steigen lässt, ist dieser Schritt umso wichtiger. In der Eurozone ist diese Logik bekannt, in den USA ist die Lage etwas brenzliger. Mit Kevin Warsh sitzt neuerdings ein neuer Mann an der Spitze der Fed. Er wurde von einem Präsidenten nominiert, der lautstark niedrigere Zinsen verlangt. Auch wenn es aktuell nicht danach aussieht, kann er das Vertrauen in die Fed leicht verspielen. Und verspieltes Vertrauen baut man nur langsam wieder auf
Doch dieselbe Logik gilt in beide Richtungen. Sinkt die Inflation wieder und wir kommen irgendwann wieder zurück in ein Niedriginflationsumfeld, dreht sich das Verhältnis um. Dann verteuert sich jeder Zinsschritt. Der Moment der Entschlossenheit ist also genau jetzt. Wer das Momentum jetzt nutzt, kann eine zähe Dauerinflation vermeiden. Jetzt greifen die Zinserhöhungen noch kräftig und kosten vergleichsweise wenig. Zwar nicht so kräftig wie im Jahr 2022, aber doch genug. Es bleibt zu hoffen, dass diese Herangehensweise auch so bleibt. Geldpolitik ist nicht fein und präzise steuerbar, aber der richtige Zeitpunkt ist die halbe Miete. Und der ist genau jetzt. Wer früh genug bremst, bremst billig. Wer wartet, muss irgendwann trotzdem bremsen. Aber das wird teuer.