Lohntransparenz: Besser gleich arm als unterschiedlich reich
Heike Lehner ist freiberufliche Ökonomin und Generalsekretärin der Aktion Generationengerechtigkeit. Ihre Spezialgebiete liegen im Bereich der Geldpolitik und Finanzwirtschaft, wozu sie aktuell ebenso promoviert.
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Dieses Mantra, den Gender Pay Gap zu schließen, ist nicht neu. Als neuestes Allheilmittel dafür gilt die EU-Entgelttransparenzrichtlinie, die bis Juni 2026 in jedem EU-Land umgesetzt sein muss. In Österreich wartet man noch darauf. Die Hoffnungen in die neue Richtlinie sind aber bereits groß. Frauen sollen endlich so viel wie ihre männlichen Pendants verdienen und der Gender Pay Gap weiter sinken. Im Vergleich zu den Jahren 2011 und 2012 ist die Lücke mittlerweile zwar über alle Altersgruppen hinweg gesunken, ausreichend ist das aber noch nicht. Doch wie auch sonst so oft bei derartigen bürokratischen Vorhaben, sieht die Faktenlage anders aus als erhofft. Man erkennt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Gleich arm als unterschiedlich reich, ist die Realität, die uns hier als Fortschritt verkauft wird.
In den letzten Jahren sind Lohntransparenz-Vorschriften in vielen Ländern auf den Weg gebracht worden, etwa in Großbritannien, Dänemark, Kanada und sogar in Österreich im Jahr 2011. Die Ausgestaltung ist unterschiedlich, dennoch lassen sich ein paar unbequeme Wahrheiten nicht abstreiten. In einigen Fällen wurde der Gender Pay Gap tatsächlich reduziert. Dies lag jedoch keineswegs an einem Einkommensboom bei den Frauen oder überdurchschnittlichen Gehaltssprüngen. Das lag vielmehr daran, dass die Einkommen der Männer weniger stark stiegen oder sogar stagnierten. In Österreich hat sich der Gender Pay Gap aufgrund der neuen Lohntransparenzregeln von 2011 übrigens nicht signifikant geändert. Da das Gesetz nicht sonderlich einschneidend und streng war, ist das wenig verwunderlich. In Dänemark haben sich am Ende der beobachteten Periode einer Studie die Gesamtlöhne reduziert – und mit ihr verständlicherweise auch die Arbeitsproduktivität. Österreichs Wettbewerbsfähigkeit schwächelt bereits. Sich jetzt noch eine weitere Richtlinie aufzubürden und die Gefahr eines ähnlichen Resultats zu erhöhen, ist eigentlich ein schlechter Scherz.
Löhne auf Basis reiner Gleichheit auszurichten, führt dazu, dass sich individuelle Exzellenz schlichtweg nicht mehr auszahlt.
Heike Lehner
Die Gründe für die geringeren Lohnsteigerungen der Männer sind vielfältig. Etwa weil Arbeitgeber den Forderungen nach mehr Gehalt von High-Performern nicht nachgeben. Denn im Sinne der Transparenz und Gleichstellung müsste dieser ja den anderen genauso viel zahlen. Da Männer oft aggressiver verhandeln und tendenziell die sind, die aufgrund ihres stärkeren Fokus auf Arbeit auch diese Mehrleistung erbringen, fungiert die Richtlinie primär als Gehaltsbremse für sie. Das Ergebnis ist eine kollektive Demotivation der Engagierten, egal ob Frau oder Mann. Die Lohntransparenz wirkt leistungsfeindlich. Dass in dem Zusammenhang variable, leistungsbezogene Vergütungen ebenso unter die Räder kommen werden, erklärt sich von selbst. Die Löhne auf Basis reiner Gleichheit auszurichten, führt dazu, dass sich individuelle Exzellenz schlichtweg nicht mehr auszahlt.
Ein Teil der EU-Richtlinie verpflichtet auch dazu, vor Einstellungen konkrete Informationen über das Anfangsgehalt zu geben, beispielsweise durch eine Angabe der Gehaltsspannen in Jobausschreibungen. Da Frauen tendenziell vor allem bei Erstverhandlungen zurückhaltender sind, könnte das tatsächlich hilfreich sein. Sie würden eine realistische Einschätzung dazu bekommen, wie viel ihre Arbeitskraft in dieser Position wert ist. Dies ist also der vernünftigste Teil der Richtlinie, wenn es auch fraglich ist, ob Frauen nicht generell ein besseres Verständnis für ihren Marktwert bekommen sollten, anstatt sie wiederum staatlich zu bevormunden.
Das Schlagwort Lohntransparenz hört sich nach Gerechtigkeit an. Wer möchte denn nicht mehr Transparenz? Da es sich um eine EU-Richtlinie handelt, führt an einer nationalen Umsetzung nichts vorbei. Doch große Sprünge und wirkliche Fortschritte dürfen wir von ihr nicht erwarten, denn sie setzt nicht an den echten, bekannten Gründen für den Gender Pay Gap an, wie der hohen Teilzeitquote und dem Fehlen von ausreichender Kinderbetreuung. Strukturell wird sich wenig ändern. Lohntransparenz hilft den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nicht wirklich. Es macht Frauen nicht wohlhabender. Und dieser zusätzliche Schlag gegen die Leistungsbereitschaft ist das Letzte, was unser schwächelnder Standort jetzt gebrauchen kann.