Österreich fällt wirtschaftlich noch weiter zurück

11. September 2026Lesezeit: 9 Min.
Kommentar von Gunter Deuber & Matthias Reith

Gunter Deuber ist seit 2020 Leiter von Raiffeisen Research und Chefökonom der Raiffeisen Bank International und für den österreichischen Raiffeisensektor. Er blickt auf 20 Jahre Erfahrung in der praxisorientierten Finanzmarktanalyse zurück. Matthias Reith ist bereits seit 15 Jahren bei Raiffeisen Research tätig und analysiert und kommentiert als Senior Ökonom Österreichs Volkswirtschaft sowie den heimischen Immobilienmarkt.

Ökonomen haben es dieser Tage nicht leicht. Ob Corona, Krieg in der Ukraine, Zollchaos oder Irankrieg: Wirtschaftsprognosen war in den letzten Jahren mitunter nur eine sehr kurze Lebensdauer beschieden. Der Ausnahmezustand ist längst zur neuen Normalität geworden. Erschwert werden Prognosen aber nicht nur durch externe Schocks, sondern auch durch sich verändernde Grundzusammenhänge und mitunter deutliche Datenrevisionen – wie auch in Österreich. Teils führen Politikereignisse zu Vorzieheffekten (Zölle), teils überzeichnen Einbrüche bei Stimmungs- bzw. Vorlaufindikatoren (wie zu Beginn des Irankriegs) die reale Wirtschafslage. Umso wichtiger ist es, strukturelle Trends von der Nachrichtenflut und Schwankungen bei Stimmungsindikatoren zu unterscheiden. 

Nach einer langen Phase der Abkopplung vom breiteren europäischen Konjunkturbild sah es für 2026 so aus, als würde sich Österreich wieder in den europäischen Konjunkturzug einreihen. Dem ist gemäß aktuellen Indikationen aber leider nicht so. Immerhin ist nach der Rekordrezession und drastischen Anpassungen in der Industrie im Vorjahr der rot weiß rote Konjunkturmotor, vor allem im Bereich der Industrie und Investitionen, merklich angesprungen. Im Vergleich zu Deutschland war in Österreich 2025 mit 0,8 % gegenüber 0,2 % sogar ein moderat höheres Wirtschaftswachstum erkennbar, wenn auch unter dem Eurozonenschnitt von 1,2 %. Das konjunkturelle Drehbuch sah vor, dass Österreichs Wirtschaft heuer nochmals einen Gang höher schaltet und zumindest grob im Gleichklang mit der Eurozone und auch Deutschland wachsen wird. Es kam bekanntlich anders. Statt höherem Tempo hat die Konjunktur gemäß aktueller Datenlage im ersten Halbjahr in Österreich eine Vollbremsung hingelegt. Im zweiten Quartal könnte die heimische Wirtschaftsleistung sogar leicht geschrumpft sein, gegenüber einem Zuwachs von 0,6 % im Euroraum.

Nach heimischer Lesart ist der aktuelle Konjunkturabschwung zwar nicht erfreulich, aber scheint unausweichlich. Schließlich waren es gemäß der Nachrichtenlage gefühlt äußere Faktoren wie gestiegene Ölpreise, Zinsen und erhöhte Unsicherheit, die der heimischen Konjunktur im ersten Halbjahr zugesetzt haben. Nicht in Wien, sondern am Golf und damit jenseits der Landesgrenzen werde also derzeit über unser konjunkturelles Schicksal entschieden. Wer indes über den rot weiß roten Tellerrand schaut, erkennt schnell: Was hierzulande teils als unabänderlicher Kollateralschaden der Geopolitik verkauft wird, entpuppt sich selbst bei nicht allzu genauem Hinsehen als hausgemachte Konjunkturschwäche, inklusive Nachwirkungen der in Teilen selbstverschuldeten Teuerungskrise. 

Steigende Ölpreise, Zinsen und Unsicherheit treffen ganz Europa, gebremst wird die Konjunktur davon fast nirgends stärker als bei uns. Österreichs Wirtschaft ist im ersten Halbjahr nicht gewachsen, die Eurozone dagegen schon. Zudem nimmt der Konjunkturmotor in Deutschland erkennbar Fahrt auf und dies auch entlang der traditionell hohen Exportneigung und Außenhandelsoffenheit. In Bezug auf die tiefe industrielle Dauerkrise in Deutschland zeichnet sich eine Bodenbildung ab, Konjunktur- und Investitionspakete zeigen langsame Wirkung – auch wenn größere Effekte wohl eher 2027 als 2026 wirken sollten. Nur für Frankreichs Wirtschaft stand 2026 bisher unter einem noch ungünstigeren Stern als in Österreich. In Frankreich überlagern heimische Probleme (Strukturprobleme, mangelndes Zukunftsvertrauen) offenbar ebenso breitere europäische Konjunkturtrends. Nicht zu vergessen, dass Frankreich mit einer Kennzahl der Güterimporte und -exporte von 67 % des BIP tendenziell eine geringere Außenhandelsoffenheit aufweist als Deutschland mit knapp 80 %.

Kaum war sie also da, die Freude über die konjunkturelle „Mittelmäßigkeit“ (= Wachstum grob am Euro-Schnitt) hierzulande, ist sie der Ernüchterung gewichen. Wieder – nun gemeinsam mit Frankreich – zählt Österreich zu den konjunkturellen Schlusslichtern in Europa. Österreich fällt dadurch noch weiter zurück. Der der in den letzten Jahren entstandene Wachstumsrückstand gegenüber dem Euroraum ist mittlerweile auf über 4 % angestiegen (Wachstumsunterschied seit Q4 2019). Gemäß aktuellen Indikationen bzw. Aufwärtsrisiken für aktuelle Wachstumsprognosen könnte der Zuwachs an Wirtschaftsleistung in Deutschland heuer im Bereich von 1 bis 1,2 % liegen. Damit sollte die Wirtschaftsleistung beim „großen Nachbarn“ in realer Rechnung schon heuer ihr 2022er Niveau leicht übertreffen.

In Österreich sehen wir dagegen eher Abwärtsrisiken für aktuelle Konjunkturprognosen, ein Wachstum im Bereich von +/- 0,5 % für 2026 erscheint wahrscheinlich. Damit sollte das 2022er BIP-Niveau in Österreich erst 2027 erreicht werden. Bis dahin könnte sich der Wachstumsunterschied über diesen Zeitraum gerechnet auch zu Deutschland bereits auf ca. einen Prozentpunkt ausweiten. Sprich: Eine große und relativ handelsoffenen Ökonomie wie Deutschland scheint in Zeiten geoökonomischer Schocks schneller zu wachsen als eine kleine noch handelsoffenere Ökonomie wie Österreich (Exporte und Importe liegen hierzulande bei 107 % des BIP). Es sieht vordergründig wie eine verkehrte Welt aus, dass eine außenhandelsorientierte kleine Volkswirtschaft wie Österreich weniger von aktuellen Rahmenbedingungen profitieren kann als eine große und weniger handelsoffene Ökonomie wie Deutschland. Dieses Abschneiden kann auch als Hinweis auf zu Grunde liegenden heimischen Wachstumsbremsen dienen. 

Warum läuft die Konjunktur hierzulande der Eurozone schon wieder hinterher? Für viele Branchen mag 2026 anders verlaufen, als man es sich zu dessen Beginn erwartet hatte. Für die Baubranche ist das laufende Jahr hingegen „business as usual“, sprich ein weiteres und damit 8. Rezessionsjahr. In diesem Wirtschaftsbereich hat sich die heimische Wirtschaft substanziell von der europäischen Branchendynamik entkoppelt. Hoch- und Tiefbau entwickeln sich schwächer als im Rest Europas, die notwendige fiskalische Konsolidierung sollte auch das bisher noch stabilere Segment des Tiefbaus ausbremsen. Österreichs Industriemotor ist im Vorjahr angesprungen, hat aber im ersten Halbjahr die Drehzahl etwas verringert, die realen Güterexporte (nach VGR) sind sogar gesunken (-2,1 % Q2 26 ggü. Q4 25). Dass die deutsche Konjunktur im bisherigen Jahresverlauf ein für ihre Verhältnisse doch beachtliches Tempo an den Tag gelegt hat und deutsche Unternehmen munter in alle Welt exportiert haben (reale Güterexporte: +4,3 % Q2 26 ggü. Q4 25), hat Österreich also nur aus sicherer Entfernung mitverfolgt. Die Strategie der jüngeren konjunkturellen Vergangenheit, die kränkelnde deutsche Wirtschaft und Industrie mitverantwortlich für die eigenen konjunkturellen Wehwehchen zu machen, ist zuletzt also ins Leere gelaufen. Das zeigt auch: Die Hoffnung, dass im Windschatten der von staatlichen Milliardeninvestitionen angetriebenen deutschen Konjunktur auch Österreichs Wirtschaft Fahrt aufnehmen könnte, könnten enttäuscht werden. Vom Milliardenkuchen des deutschen Fiskus, der in den nächsten Jahren verteilt wird (Infrastruktur, Rüstung), dürften für Österreich und vor allem den industriellen Mittelstand nicht mehr als ein paar Krümel drin sein. 

Der Kern des österreichischen Konjunkturproblems ist und bleibt aber die ausgeprägte Dienstleistungsschwäche, wo heimische Standortbedingungen besonders ins Gewicht fallen. Auch hier hat sich die Wertschöpfungsentwicklung – wie in der Baubranche – vom breiteren europäischen Konjunkturtrend entkoppelt. Und das ist beileibe keine neue Entwicklung. Bis Herbst 2022 noch im Gleichlauf unterwegs, sind Österreichs Dienstleistungsbranchen seitdem hinterhergelaufen. Die Dienstleistungsschwäche und damit letztendlich der Umstand, dass Österreich gegenüber der Eurowirtschaft ins Hintertreffen geraten ist, kann dabei auch als Nebenwirkung der hierzulande besonders hohen Inflation der letzten Jahre gesehen werden – und des sehr österreichischen Umgangs damit. Inflation kostet Wachstum. Je stärker in einer Branche an der Preisschraube gedreht worden ist bzw. gedreht werden musste, desto schwächer hat sich die entsprechende Branche in den letzten Jahren in preisbereinigter Wirtschaftsrechnung mitunter entwickelt, siehe Hotellerie und Gastronomie. Unser Umgang mit dem Inflationsschock der letzten Jahre wirkt also nach und zeigt sich (auch) in der Dienstleistungsschwäche, der aktuellen Achillesferse der österreichischen Konjunktur.

Das Inflationsproblem der letzten Jahre haben wir uns dabei selbst zuzuschreiben. Steigende Preise von Strom und Gas waren damals lediglich ein Schneeball, der vom Berggipfel heruntergerollt worden ist. Dass bei uns im Tal aber eine Inflationslawine angekommen ist, lag an unserem Umgang mit dem ursprünglichen Inflationsimpuls. Daran, dass wir die Inflation insbesondere bei den Löhnen einmal ungehindert haben „durchrauschen“ lassen. Immerhin war die „hausgemachte“ Inflation (BIP-Deflator) der letzten Jahre zu 60 % eine „Lohnflation“ (Eurozone: 46 %), aber zu kaum mehr als 10 % getrieben von Unternehmensgewinnen (Eurozone: 38 %). Eine „Gierflation“ hat es also nicht gegeben. Sehr wohl kräftig zugelangt hat aber der Staat, auf dessen Konto ein Viertel des inländischen Preisdrucks geht (Eurozone: 16 %). Löhne und Steuern waren damit hierzulande weitaus größere Preistreiber als in der Eurozone.    

Natürlich kann die (jüngere) konjunkturelle Vergangenheit eine Datenrevision später in einem leicht freundlicheren Licht erscheinen, als es derzeit der Fall ist. Immerhin gilt es zu betonen, dass es in Österreich in den letzten Jahren eine besondere Häufung von Revisionen in der Wirtschaftsrechnung gab. Etwa wurde das Jahreswachstum 2024 ex-post auch von -1 % auf „nur“ noch -0,7 % angehoben. Dies hat aber nichts am gefühlten schon lange anhaltenden „Schlechterabschneiden“ im Vergleich zum Euroraum geändert, ein Zustand der durchaus als Investitions- und Konsumbremse wirkt. Ja, wir halten es für nicht unwahrscheinlich, dass das Fazit zum ersten Halbjahr mit der anstehenden Revision Ende des Monats etwas milder ausfällt. Am Grundzustand der erneuten Entkopplung zur Eurozone und den beschriebenen Branchentrends sollte sich indes nichts ändern.

Natürlich hat sich die Stimmungslage nach Rücksetzern zu Beginn des Irankriegs in den letzten Monaten gebessert. Das zweite Halbjahr sollte daher besser ausfallen als das erste. Am Umstand, dass Österreich heuer wieder ein Euro-Nachzügler ist und vergleichbare Länder schneller wachsen, dürften aber auch neue Daten und eine moderate Konjunkturbelebung in der zweiten Jahreshälfte wenig ändern. Und selbst wenn sich Österreichs Wirtschaft nach Revisionen und Konjunkturbeschleunigung im zweiten Halbjahr im Mittelfeld einreihen sollte, würde das die Jahre des Hinterherhinkens nicht ungeschehen machen. Dazu müsste Österreich eine Zeit lang vorauseilen und ein höheres Wachstum im Eurovergleich erzielen. Doch das zeichnet sich ohne das Lösen der Wachstumsbremsen und fühlbare Strukturreformen beim besten Willen nicht ab.

Zudem gilt: Man kann die strukturellen Herausforderungen Österreichs nicht „wegrevidieren“. Die bisherigen Lohnabschlüsse des Jahres 2026 lagen im Schnitt unter der rollierenden Inflation. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, auf den aber viele weitere folgen müssen. „Inflation als Obergrenze und nicht als Untergrenze“ wird noch einige Jahre lang die Richtschnur sein müssen, um den in den letzten Jahren erlittenen Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit rückgängig zu machen. Selbst unter der Annahme, dass die österreichischen Verbraucherpreise nicht schneller steigen als in der Eurozone, wären mehr als 10 Jahre der Lohnzurückhaltung notwendig, um in Sachen Wettbewerbsfähigkeit mit der Eurozone wieder gleichzuziehen (Lohnstückkostenanstieg seit 2019). In kurzer Zeit ist viel Porzellan zerschlagen worden. Das Zusammenkehren dauert umso länger. Natürlich kann man schneller teurer werden, solange man auch schneller besser wird. Je produktiver wir werden, desto weniger Lohnzurückhaltung ist notwendig. Allerdings setzten nachhaltige Produktivitätsgewinne abseits kurzfristiger Beschäftigungsoptimierungen und notwendigen Reformen auch substanzielle Investitionen voraus. Diese zeichnen sich derzeit vor allem in der Breite der kleinen und mittleren Unternehmen nicht ab. Denn nicht vergessen werden darf: Die Profitabilität heimischer Firmen ist durch die ungleiche Lastenverteilung der Inflationskosten der letzten Jahre deutlich gesunken. Das schränkt den Investitionsspielraum ein.

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