Wifo-Chef Gabriel Felbermayr sieht die Konjunktur trotz des BIP-Rückgangs im zweiten Quartal auf Erholungskurs, dieser sei aber noch „fragil“. Die steigende Arbeitslosigkeit sei kein Widerspruch, sondern folge der Konjunktur zeitverzögert; die Industrie habe zuletzt sogar erstmals seit Jahren wieder Personal aufgebaut. Ambitionierte Klimaziele verteidigt er grundsätzlich, kritisiert aber die nationale Fragmentierung innerhalb der EU und fordert einen funktionierenden CO2-Grenzausgleich. Beim globalen Handel sieht er trotz wachsendem Protektionismus keine Krise, sondern eine „Verschiebung der Strukturen“. Das Zollabkommen mit den USA bezeichnet er als „0:15-Niederlage der Europäer“, eine Folge sicherheitspolitischer Erpressbarkeit, die mit einem Ende des Ukraine-Kriegs wegfallen würde.
Aus der heimischen Wirtschaft kamen zuletzt gemischte Signale: Der Einkaufsmanagerindex zeigt die stärkste Erholung seit Jahren, das BIP war im zweiten Quartal aber rückläufig. Wie ordnen Sie die Lage aktuell ein?
Gabriel Felbermayr: Dass das zweite Quartal schwerer werden würde, war klar – wegen des Iran-Konflikts und der höheren Energiepreise. Die Erholung ist dadurch unterbrochen, aber sie geht weiter, wenn auch schwach. Man sieht das auch in Deutschland, wo die Wirtschaftsforschungsinstitute die Konjunkturprognose für 2026 gestern deutlich erhöht haben. Der Export läuft besser, auch in Österreich. Die Investitionen ziehen an, in Deutschland mehr als bei uns. Die fundamentalen Auftriebskräfte sind schwach, aber sie sind da – das Signal aus der Quartalsrechnung würde ich nicht zu dramatisch sehen. Ein erheblicher Teil des -0,1-%-Effekts geht zudem auf Lagerveränderungen zurück und die sind statistisch schwer zu erfassen. Es kann gut sein, dass das zweite Quartal nach der Revision besser aussieht.
Gleichzeitig steigt die Arbeitslosigkeit zum 41. Mal in Folge im Jahresabstand, obwohl die Stimmungsindikatoren besser sind. Was braucht es für eine Trendumkehr?
Der Arbeitsmarkt läuft der Konjunktur immer hinterher. Als Unternehmer muss man den strukturellen vom kurzfristigen Effekt trennen: Zunächst hält man an den Arbeitskräften fest, erst wenn sich zeigt, dass etwa im energieintensiven Bereich die Lage langfristig schlechter ist, kommt es zur Freisetzung. Die aktuelle Dynamik wundert mich also noch nicht. Was aber ins Bild passt: Im zweiten Quartal 2026 hat die Industrie erstmals seit vielen Quartalen wieder netto Arbeitsplätze geschaffen. Nicht viele, aber das Vorzeichen ist positiv – das war lange negativ. Die Trendwende bahnt sich also an, braucht aber noch etwas Zeit, bis sie sich in den aggregierten Zahlen zeigt. Das alles ist aber fragil, die Effekte sind noch klein.
Früher galt die Daumenregel, es brauche 2 % Wirtschaftswachstum, damit die Arbeitslosigkeit sinkt. Gilt das noch?
Die Regel war im historischen Durchschnitt durchaus richtig, aber der Zusammenhang zwischen Konjunktur und Arbeitsmarkt hat sich zuletzt abgeschwächt. Im Abschwung hielten viele Unternehmen an Beschäftigten fest, weil sie – nicht unberechtigt – auf eine Erholung hofften. Bei knappem Arbeitsmarkt ist man beim Freisetzen zurückhaltender und im Aufschwung will man aus demselben Grund früher wieder aufbauen: Ingenieure, Facharbeiter, Lagerpersonal sind strukturell knapper als früher. Das wird sich durch die demografische Entwicklung in den nächsten Jahren eher noch verschärfen.
Sind die in der Industrie verlorenen Arbeitsplätze für immer weg, oder lassen sie sich zurückholen?
Im Aggregat sehe ich Chancen auf ein Anwachsen der Beschäftigung, im zweiten Quartal gab es ja bereits einen leichten Aufbau. Der Branchenmix wird aber nachhaltig ein anderer sein – in Österreich, Deutschland und der EU insgesamt. Was 2022 bei den Energiepreisen passiert ist, ist leider dauerhaft. Wir kehren nicht zu den Gas- und Strompreisen von 2016 bis 2018 zurück. Im energieintensiven Bereich ist der Strukturwandel also nachhaltig, dort wird weniger Personal gebraucht. Andere Sektoren – Gesundheitstechnologie, grüne Technologien, Pharma – können hingegen Beschäftigung aufbauen, wenn auch die regulatorischen Rahmenbedingungen passen. Es kommt nichts von selbst, aber Chancen gibt es, nur nicht in allen Sektoren und nicht voraussetzungslos.
Die EU ist selbst kein Musterschüler.
Gabriel Felbermayr
Aus der Industrie kam scharfe Kritik an der Verankerung der Klimaneutralität 2040 im neuen Klimaschutzgesetz. Wie beurteilen Sie das?
Österreich sollte sich ambitionierte Ziele setzen – Ziele ohne Anstrengung bleiben auch ohne Wirkung, das kennt jeder aus dem eigenen Leben. Ziele müssen aber realistisch sein, sonst entfalten sie keine Motivationswirkung. Deshalb muss man über den Einwand der Industrie ernsthaft reden: Ist es in einem europäischen Binnenmarkt sinnvoll, in Österreich 10 Jahre und in Deutschland 5 Jahre vor der EU mit der Dekarbonisierung fertig zu sein? Die Vorgaben sind differenzierter, als es zunächst scheint: Der EU-Emissionshandel läuft ohnehin bis 2050, unabhängig von nationalen Zielen. Klar ist aber, dass es für einen Binnenmarkt, eine Zollunion, einen Kontinent mit gemeinsamer Klimapolitik einheitliche europäische Standards geben sollte. Fragmentierung mit unterschiedlichen nationalen Zeitplänen ist für einen Binnenmarkt keine gute Idee.
Sie sprechen sich gegen fragmentierte Lösungen aus. Was wären wirksame Hebel auf europäischer und globaler Ebene?
Global bräuchten wir einen Klimaklub, der möglichst alle großen Länder umfasst und sich auf einen gemeinsamen Emissionshandel verständigt: Jedes Jahr gibt es weniger Emissionsrechte, die aber handelbar sind, sodass dort die immer knapper werdenden Emissionsrechte eingesetzt werden, wo der wirtschaftliche Nutzen am höchsten ist. Das wäre effizient und würde die Transformationskosten niedrig halten. Davon sind wir aber weit entfernt. Es gibt zwar wachsende CO2-Bepreisung, oft in Anlehnung an das EU-Modell, aber meist mit niedrigen Preisen, in vielen Ländern gar keine.
Auf EU-Ebene wünsche ich mir zwei Dinge: erstens ein homogenes Vorgehen aller Mitgliedstaaten, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden, und eine Zusammenführung der unterschiedlichen Bepreisungssysteme für Industrie, Haushalte und Landwirtschaft. Eine Tonne CO2 sollte schließlich immer denselben Preis haben. Zweitens brauchen wir einen funktionierenden CO2-Grenzausgleich. Der aktuelle ist nicht gut genug: Exporte sind nicht abgedeckt, das Güterspektrum ist zu gering, die internationale Wettbewerbsfähigkeit auf Drittmärkten ist gefährdet. Gelingt die Nachschärfung nicht, wird das Grenzen setzen, wie ambitioniert die EU-CO2-Bepreisung künftig sein kann.
Bei Turnberry wurde die EU erpresst.
Gabriel Felbermayr
Täglich gibt es neue Zollmeldungen, gleichzeitig ist gerade das Mercosur-Abkommen in Kraft getreten. Wie ist es tatsächlich um den globalen Freihandel bestellt?
Das Bild ist gemischt. Preisbereinigt expandiert der Welthandel nach wie vor. Protektionistischer und unberechenbarer ist die Welt zweifellos geworden: Die USA schüren Unsicherheit, in Kanada eskaliert die Situation gerade neu, gegenüber Europa liegen wir bei rund 8 statt wie früher 1,5 % Importzöllen, und der US-China-Handel ist deutlich zurückgegangen. Aber anderswo wächst der Handel. Die EU schließt neue Abkommen: Mercosur haben Sie genannt, mit Indien kommt eines, mit den Philippinen ist eine Grundsatzeinigung in Sicht. Wir sehen also weniger eine Krise des Welthandels als eine Verschiebung der Strukturen, mit Risiken für exportorientierte Unternehmen auf der einen, neuen Chancen auf der anderen Seite. Man muss auch anerkennen, dass die EU selbst kein Musterschüler ist: Ihr CO2-Grenzausgleich wird im Ausland oft als „Klimazoll“ und protektionistische Maßnahme wahrgenommen. Wir sollten uns also selbst wieder vermehrt für Freihandel starkmachen. Bei den Abkommen gibt es gerade neue Dynamik, das ist zu begrüßen.
Aus den USA kommen protektionistische Töne. War Turnberry der richtige Weg, oder hätte die EU mehr Zähne zeigen müssen?
Bei Turnberry wurde die EU erpresst. „Zähne zeigen“ war keine triviale Option, weil im Raum stand, ob die USA Europa in der Nato weiter sicherheitspolitisch unterstützen. Das hängt konkret am Angriffskrieg Russlands und an der Bedrohung im Baltikum, in Polen, in Finnland. Turnberry war deshalb eine 0:15-Niederlage der Europäer: Die EU senkte ihre Zölle auf null, während die USA 15 % einführten. Das hatte sicherheitspolitische Gründe. Käme es bald zu Frieden in der Ukraine, wofür sich Europa stärker engagieren sollte, fiele diese offene Flanke weg, und man könnte robuster und aggressiver über Zollsenkungen mit den USA verhandeln, weil man weniger erpressbar wäre. Sicherheitspolitik und Handelspolitik hängen heute zusammen, das war früher nicht so. Paradoxerweise wäre ein Effekt eines Ukraine-Friedens also, dass wir mit den USA wieder besser verhandeln und Zölle etwa bei Stahl und Aluminium loswerden könnten.