Matthias Unger, CEO der Unger Steel Group © Christa Strobl / Montage: Selektiv
Matthias Unger, CEO der Unger Steel Group © Christa Strobl / Montage: Selektiv
Interview

Unger-CEO: „Müssen den Mittelstand zum Investieren bewegen“

Die Wachstumsprognosen von knapp 1 % für 2026 sind für Matthias Unger, CEO der Unger Steel Group, „eine Seitwärtsbewegung mit besserer Stimmung“. Wichtig sei es, dass die Investitionstätigkeit steigt, vor allem der Mittelstand müsse durch gezielte Förderungen und Investitionsanreize wieder zum Investieren bewegt werden. „Wir müssen den Mittelstand wieder entfachen“, so Unger. Außerdem geht es u. a. um die bisherigen Schritte der Regierung die Wettbewerbsfähigkeit wieder zu erhöhen, das Regierungsziel der Klimaneutralität bis 2040, die Vorteile des Standorts Österreichs, Fachkräfte und die Bedeutung von Familienunternehmen für das Land.

Nach zwei Jahren mit rückläufiger Wirtschaftsleistung wuchs Österreichs BIP 2025 laut Statistik Austria um 0,8 %. WIFO und IHS prognostizieren für 2026 weiteres Wachstum (0,8 bzw. 0,9 %). Spüren Sie das bei Unger Steel?

Matthias Unger: Wir sind gut bis sehr gut ausgelastet, unter anderem weil wir einige große und viele kleine Unternehmen bedienen. Was ich als Problem sehe: Der Mittelstand fehlt uns in der Kundenstruktur. In der Vergangenheit hatten wir noch viele Kunden aus dem Mittelstand. Die gibt es heute nicht mehr. Wir brauchen einen Mittelstand, der investiert – und den müsste man mit Förderungen und Investitionsanreizen viel stärker unterstützen. Wir müssen den Mittelstand wieder entfachen. 

Ein Wachstum von knapp einem Prozent ist eine Seitwärtsbewegung mit besserer Stimmung. Für mich ist nicht die Zahl entscheidend, sondern die Investitionstätigkeit. Wenn ich sehe, dass investiert wird, auch gefühlt, dann kann man wirklich von einem Aufschwung sprechen. Diese Stimmung müssen wir jetzt nutzen, um gerade den Mittelstand zum Investieren zu bewegen.

Österreich hat im IMD-Wettbewerbsfähigkeitsranking in den vergangenen Jahren Plätze verloren. Die Regierung hat u. a. mit einer Lohnnebenkostensenkung, dem Industriestrombonus und dem vorgesehenen Industriestrompreis ab 2027 reagiert. Reichen diese Maßnahmen? Setzt die Regierung die richtigen Schritte?

Bei den Lohnnebenkosten stimmt die Richtung, aber das Tempo nicht. Es müsste da viel mehr passieren. Vor allem ist es eine Entlastung, die sich wieder aushebelt: Es gibt eine Umverteilung innerhalb der Industrie, die Entlastung wird über eine Steuererhöhung gegenfinanziert und bezahlt sich damit selbst. All diese Maßnahmen der Regierung sind letztlich eine Gegenfinanzierung aus der eigenen Tasche.

Bei den Energiekosten sehe ich den größten Faktor im internationalen Wettbewerb. In den USA ist alles teurer, nur die Energie ist dort günstiger. Genau da müsste Europa nachziehen.

Der Industriestrompreis zielt in die richtige Richtung, aber wir sind davon nicht betroffen. Wir sind nicht so energieintensiv wie die Unternehmen, auf die er abzielt. Das heißt, ich zahle die hohen Energiekosten doppelt: an der eigenen Zähleruhr und beim Einkauf von Vormaterial, Trägern und Blechen.

Weder der Industriestrompreis noch der Stromkostenausgleich ist zielgerichtet genug für den Mittelstand. Wir sind zu groß für KMU-Förderungen und zu klein für die großen Maßnahmen. 

Was bräuchte es konkret, um Unternehmen wie Ihrem in dieser Größenordnung zu helfen?

Zielgerichtete Förderungen. Es gibt den Investitionsfreibetrag, an dem könnte man sich orientieren. Und bei all diesen Maßnahmen müsste man die Schwellenwerte so austarieren, dass sie auch für den Mittelstand greifen. Die Intention stimmt. 

Was generell beim Investieren fehlt, ist Planbarkeit. Die Verfahrensdauer bei Umweltverträglichkeitsprüfungen ist ein Thema. Wenn ich eine neue Investition mache, gibt es immer ein bestimmtes Zeitfenster. Jetzt ist der Zeitpunkt zu investieren, weil es am Markt gerade günstig ist. Aber dieses Zeitfenster schließt sich irgendwann wieder. Wenn ich dann eine lange Verfahrensdauer habe, ist am Ende des Verfahrens das Projekt vielleicht gar nicht mehr interessant, weil es sich am Markt nicht mehr unterbringen lässt. Man müsste diese Verfahrensdauer reduzieren, weil wir Planbarkeit brauchen.

Generell bin ich für so wenig staatliche Intervention wie möglich.

Matthias Unger

Wie lange braucht es aus Ihrer Sicht staatliche Förderinstrumente für die Industrie – und was muss sich ändern, damit sie nicht mehr nötig sind?

Generell wäre es wünschenswert, dass der Staat einen Impuls setzt und man dann eigenständig am Markt reüssieren kann. Wie lange Förderinstrumente wirksam sein sollen, ist je nach Branche unterschiedlich. Generell bin ich für so wenig staatliche Intervention wie möglich, nur dort, wo es nötig ist. Den Rest sollte man dem freien Markt überlassen.

Sehen Sie ein Risiko, dass Subventionen den Druck auf strukturelle Reformen nehmen?

Natürlich. Bei strukturellen Reformen hinken wir hinterher. Außerdem heizt man dadurch auch die Inflation an. 

Auf CO2-Neutralität zu setzen ist auch ein Alleinstellungsmerkmal im globalen Wettbewerb.

Matthias Unger

Die Bundesregierung hat sich Ende August auf ein Klimagesetz mit Klimaneutralität bis 2040 geeinigt – zehn Jahre vor der EU-Vorgabe, der Klimafahrplan kommt erst 2027. Was bedeutet das für die Industrie und für Unger Steel konkret?

Generell sehe ich es für die Industrie positiv, auf CO2-Neutralität zu setzen – auch als Alleinstellungsmerkmal im globalen Wettbewerb. Man muss aber technologieoffen bleiben. Dieser Umstieg braucht einen längeren Zeitraum und muss entsprechend unterstützt werden.

Aufs eigene Unternehmen umgelegt: Wir verwenden bereits Stahl mit einem um bis zu 70 Prozent reduzierten CO2-Fußabdruck. Wir sehen, dass das international nachgefragt wird – auch von Kunden außerhalb Europas, die so etwas bei sich nicht kennen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem wir international eine Führungsposition einnehmen können. Aber wir müssen aufpassen, uns bei diesem Umstieg nicht anderen Technologien zu verschließen.

Auch viele unserer Lieferanten steigen auf CO2-neutrale Produktion um. 

Glauben Sie, dass Österreich 2040 tatsächlich klimaneutral sein wird? 

Ich bin da vorsichtig kritisch. Ziele müssen ambitioniert gesetzt werden, auch mit einem Datum versehen. Aber man hängt sich damit etwas um, von dem man schon weiß, dass man es nicht erreichen kann. Wir wissen auch, wie lange eine Regierung im Amt ist. Da gibt es eine gewisse Diskrepanz zwischen Legislaturperiode und Datum des Ziels. Mit solchen Zahlen bin ich immer sehr vorsichtig.

Was hält Unger Steel am Standort Österreich – welche konkreten Vorteile sehen Sie in Österreich und im Burgenland?

Als Familienunternehmen denken wir nicht in Quartalen, wir denken in Generationen. Und wir sehen, dass wir mit einer gut ausgebildeten Mannschaft auch Erfolg haben können, gerade hier im Südburgenland.

Wir arbeiten sehr stark mit HTLs zusammen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal der österreichischen Bildungslandschaft: Mit 19 Jahren bekommt man einen fertig ausgebildeten Ingenieur, der dann natürlich noch im Job lernen muss. Aber genau das ist eine Stärke, die man noch weiter stärken sollte. Fachkräfte zu finden wird aber schwieriger – wir müssen sie zunehmend selbst ausbilden.

Wir versuchen unseren Mitarbeitern Freiräume zu geben, sich zu entwickeln und selbst aktiv zu sein. Und wir stehen auch in schwierigeren Phasen zu unseren Mitarbeitern. Wenn das wirklich gelebt wird, ist ein Familienunternehmen eigentlich die beste Form des Wirtschaftens.

Laut WKÖ-Fachkräfteradar fehlen österreichweit rund 155.000 Fachkräfte – 56 Prozent der Betriebe spüren den Mangel sehr stark bzw stark. Wie ist das bei Unger Steel?

Momentan spüren wir den Druck am Arbeitsmarkt nicht so stark. Es gab Zeiten, da haben wir es mehr gespürt. Wir haben auch einen guten Standort: Wir sind jeweils eine Stunde von Wien und Graz entfernt und einer der führenden Arbeitgeber in der Region.

Nichtsdestotrotz wird das Ausbilden eigener Fachkräfte bei uns immer wichtiger. Wir haben mehrere Lehrlinge, die wir selbst ausbilden. Man muss das Image der Lehre verbessern und diese Ausbildungsstufe stärker honorieren. Jeder will einen Titel haben, jeder will studieren. Ich glaube, gerade in Zeiten des KI-Booms wird das Handwerk wieder mehr wert werden. Es gibt verlässliche Studien, dass handwerkliche Tätigkeiten am schwierigsten durch KI zu ersetzen sind.

Qualifizierte Zuwanderung wird notwendig sein, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein.

Matthias Unger

Der demografische Wandel verschärft den Fachkräftemangel langfristig. Braucht es da mehr qualifizierte Zuwanderung aus Drittstaaten?

Ja, da sollten wir offen sein. Stichwort Rot-Weiß-Rot-Karte: Das ist momentan sehr bürokratisch. Wir haben auf der Montage zunehmend Personen aus Drittstaaten, auch anerkannte Flüchtlinge, die aktiv mitarbeiten. Davor dürfen wir uns nicht verschließen. Wir müssen ein Konzept ausarbeiten, das qualifizierte Zuwanderung erleichtert.

Wir brauchen Arbeitskräfte. Natürlich muss es ein guter Mix sein mit Ausbildung. Primär soll die Bildung in den eigenen Reihen passieren. Aber qualifizierte Zuwanderung wird notwendig sein, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein.

Die Lohnstückkosten in der österreichischen Industrie sind in den vergangenen Jahren stärker gestiegen als im EU-Schnitt. Sie haben Produktionsstätten in Österreich, Deutschland und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Spüren Sie das, und haben Sie vor, weitere Produktion ins Ausland zu verlagern?

Das mit den Lohnstückkosten stimmt, das sehe ich auch bei Mitbewerbern in der Industrielandschaft. Bei uns ist es aber so, dass unsere Werke weitgehend unabhängig voneinander agieren. Das Baugeschäft ist sehr stark lokal, mit eigenen Gesetzen und eigenen Baunormen. Wenngleich wir mit unserer Stahlbaufertigung über viele Kilometer hinweg konkurrenzfähig sind.

Beim Thema Lohnstückkosten sehe ich aber auch eine positive Entwicklung. Ich habe die osteuropäischen Länder in unserem Bereich im Hinterkopf. Ein konkretes Beispiel: Ein deutsches Unternehmen wollte in Polen etwas errichten, hat dort den Markt angefragt und gesehen, dass die Preise dort sehr hoch sind. Es hat dann bei uns angefragt und sich mit unserem Preisniveau sehr wohlgefühlt. Das heißt, wir sind auch für größere Industrieunternehmen im osteuropäischen Umfeld konkurrenzfähig.

Es gibt auch Anzeichen, dass wieder in Österreich und Deutschland investiert wird. Oft ist es eine Frage der Stimmung. Wenn der eine investiert, zieht der andere nach. Wir müssen eine Spirale nach oben entfachen.

Welche Verantwortung sehen Sie als Unternehmer mit 1.700 Beschäftigten, politische Reformen aktiv einzufordern – und selbst voranzutreiben? 

Ich glaube schon, dass wir eine Verantwortung haben, das zu zeigen, was wir leben und vorleben, und das auch in die breite Gesellschaft zu tragen. Als Unternehmer bekommt man das wirtschaftliche Leben sehr stark mit. Ich habe meine Kunden, meine Mitarbeiter, meine Lieferanten und bin stark im politischen Umfeld eingebettet. Diese vier Komponenten erlauben es mir, das wirtschaftliche Leben sehr direkt zu spüren.

Diese Erfahrungen möchte ich teilen. Ich bin auch in der Industriellenvereinigung im Burgenland aktiv und sehe mich in dieser Funktion als Sparringpartner für die Politik, beratend zur Seite zu stehen und Ideen einzubringen.

Ich sehe es auch als unsere Verantwortung, gerade wenn wir von Familienunternehmen sprechen, das nachhaltig aufzubauen, auch gegenüber der nächsten Generation.

Unger Steel ist in 43 Ländern aktiv, mit Standorten in den VAE und Deutschland. Wie sichern Sie Ihre Lieferketten ab – und was kann die Politik von Unternehmen in Sachen Diversifizierung lernen?

Bei uns ist es so: Obwohl wir über einen größeren Radius konkurrenzfähig sind, kaufen wir die Vorprodukte regional ein. Stahl, der in Europa verarbeitet wird, wird auch in Europa eingekauft. In den Emiraten ist es ebenso: Das Vorprodukt kommt aus der Region, wird lokal verarbeitet und lokal oder international verkauft. Insofern haben wir eine geschlossene Kreislaufwirtschaft.

Was den CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism) betrifft: Wir sind als Stahlverarbeiter davon weniger betroffen als Stahlhersteller. Der Schutz vor Rohstahl aus anderen Ländern ist als Europäer sicherlich eine Notwendigkeit. Gleichzeitig muss man technologieoffen bleiben und den eingeschlagenen Weg in Richtung grüner Stahlproduktion weiterverfolgen.

Wie wirken sich die neuen EU-Stahlschutzmaßnahmen auf Ihre Einkaufspreise aus?

Eigentlich gar nicht, weil wir komplett im europäischen Baumaterialmarkt einkaufen. Ich verstehe die großen Stahlhersteller, die sich gegenüber China abgrenzen möchten. Wir haben auch bei vielen Projekten von unseren Kunden die Auflage, keine chinesischen Produkte zu verwenden. Man sieht schon, dass sich die Welt hier aufteilt. 

Es werden gute Ansätze verkauft, aber den großen Mut zur Umsetzung vermisse ich.

Matthias Unger

Auf dem Selektiv-Summer-Opening haben sie gesagt, dass kleinere Korrekturen nicht mehr reichen und man die großen Dinge gleichzeitig angehen müsse. Welche strukturellen Reformen haben für Sie als Unternehmer oberste Priorität?

Wir haben ein Ausgabenproblem, kein Einnahmeproblem. Die größte Reform ist sicherlich das Pensionssystem. Der Staat muss jährlich 33 Milliarden zuschießen. Diese Zahl muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Es gibt zwar gut gemeinte Vorschläge, aber man schichtet die Dinge auf und um, ohne wirklich konkrete Maßnahmen zu setzen. Was ich mir wünsche, ist, das auch einmal transparent zu machen. Auf das Ausgabenproblem muss man dezidiert hinweisen.

Dazu kommt, den Staat in der Verwaltung schlanker aufzustellen. Und die Gesundheitsreform. Das sind die größten Hebel. Die Bildung darf man dabei nicht vernachlässigen, da muss man investieren. Damit Unternehmen investieren braucht es Infrastruktur und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Wenn man diese zwei Komponenten hat, ist eine gute Basis gelegt.

Glauben Sie, dass die aktuelle Regierung den politischen Mut für echte Pensionsreformen hat? 

Es werden gute Ansätze verkauft, aber den großen Mut zur Umsetzung vermisse ich.

Laut WKÖ stehen bis 2034 rund 52.500 österreichische KMU mit rund 705.000 Arbeitsplätzen vor der Nachfolgefrage – 23 Prozent aller Arbeitgeberbetriebe. 2025 war mit 8.202 Übernahmen ein Rekordjahr, aber der Anteil familieninterner Übergaben sinkt. Sie führen Unger Steel in dritter Generation. Wie gehen Sie mit der Frage der Nachfolge um – und was braucht es, damit Familienunternehmen wie Ihres die nächste Generation finden?

Die Zahl, die Sie erwähnt haben, ist eine große Chance für junge Menschen. Viele sind sich gar nicht bewusst, dass es diesen Weg gibt, ein Unternehmen zu übernehmen. Nicht jedes Unternehmen wird familienintern weitergeführt werden. Insofern gibt es viele Möglichkeiten für junge, ambitionierte Menschen, ein Familienunternehmen weiterzuführen. Bisher war der Trend, Start-ups zu gründen. Das ist eine Alternative, aber die Übernahme eines bestehenden Unternehmens ist ebenso eine große Chance.

Was braucht es dafür? Dass man Substanz nicht besteuert. Wenn man bereits besteuertes Familienkapital nochmals besteuert, erschwert das die Übergabe. Dann muss das Unternehmen verkauft werden. Und jedes verkaufte Familienunternehmen ist ein Investor weniger, der an den Standort gebunden ist. Ein externer Investor geht dorthin, wo es günstig ist. Eine Familie steht mehr zur Region, ist regional verwurzelt. Das ist der entscheidende Unterschied.