Österreich kann plötzlich Startup – aber wer hält es am Laufen?

16. Juni 2026Lesezeit: 5 Min.
Kommentar von Laura Raggl

Laura Raggl ist Managing Partner von ROI Ventures, einer Angel-Investorengruppe, die sich auf Startups in der Frühphase fokussiert. Davor war sie Geschäftsführerin der Austrian Angel Investors Association (aaia). Nach dem Studium in Innsbruck war sie  bei dem Deep-Tech-VC-Fonds APEX Ventures tätig. Raggl ist außerdem Mitglied des Startup-Rats, der das Wirtschaftsministerium berät. 

Die Schlagzeilen der vergangenen Wochen klingen ungewohnt für diesen Standort. Tractive geht an Bending Spoons – der wohl größte Exit der österreichischen Startup-Geschichte. Mistral übernimmt Emmi AI und macht Linz zum offiziellen Standort neben Paris, London und München. Und mit fonio.ai schließt diese Woche ein Wiener KI-Startup eine Seed-Runde über 14,6 Millionen Euro ab – zu einer Bewertung von 120 Millionen.

Nach Jahren, in denen über den Standort fast nur im Konjunktiv gesprochen wurde, ist das eine willkommene Abwechslung. Allein im ersten Quartal 2026 floss mit rund einer Viertelmilliarde Euro fast so viel Risikokapital in heimische Startups wie im gesamten Jahr 2025. Doch das eigentlich Bemerkenswerte ist nicht die Höhe der Summen. Es ist das Tempo. Emmi AI wurde im Dezember 2024 gegründet und nach rund siebzehn Monaten verkauft. fonio.ai gibt es seit Herbst 2024. Beide Unternehmen sind keine zwei Jahre alt.

Das Können ist da, aber das System nicht

Genau das ist die gute Nachricht: Es ist in Österreich strukturell möglich, aus dem Nichts in kürzester Zeit Unternehmen von internationalem Rang zu bauen. Das Talent ist da, die Forschung ist da. Und es gibt zum Glück ein paar Gründerinnen und Gründer, die den Sprung wagen.

Aber diese Erfolge sind Einzelleistungen. Sie entstanden aus Eigenkraft, nicht als Ergebnis eines Systems, das sie planbar hervorbringt. Denn während wir die Exits und Finanzierungen von heute feiern, versiegt im Stillen der Nachschub. Die Zahl der Startup-Neugründungen stagniert auf niedrigem Niveau. Nach dem Höchststand von 387 Gründungen im Jahr 2021 ging es bergab: 277 im Jahr 2023, 233 im Jahr 2024. Einen erneuten Aufwärtstrend hält der aktuelle Austrian Startup Monitor 2025 schlicht für „nicht erkennbar“.

Viel staatliches Geld, falscher Zeitpunkt

Österreich gibt für die Frühphase überdurchschnittlich viel aus. Allein die FFG hat 2025 Startups, Scaleups und Spin-offs mit über 90 Millionen Euro unterstützt, dazu kommen die Programme der aws und der Bundesländer. Für die Gründungsphase selbst gibt es dagegen nur sehr limitierte Unterstützung.

Die wenigen Instrumente, die es gibt, sind zu eng dimensioniert. Das Spin-off Fellowship der FFG hat viel zu wenige Plätze, aws First ebenfalls. Das AMS-Programm für Gründungen ist für Studierende gar nicht zugänglich. Und bei der Wiener Wirtschaftsagentur ist die Zukunft des Gründungsstipendiums anscheinend unklar. Hinzu kommt, dass mit der Bildungskarenz ein Instrument wegfällt, das vielen als Anlauffinanzierung für den Gründungsschritt gedient hat – ersatzlos. Das Geld setzt einen Schritt zu spät an. Wichtiger wäre, eine höhere Zahl an Gründungen zum erklärten Ziel zu machen. Denn mit der Menge steigen zwangsläufig Qualität und Wettbewerb – und erst dann lassen sich all die nachgelagerten Mittel überhaupt sinnvoll verteilen.

Deutschland zeigt, dass es möglich ist

Dass sich daran etwas ändern lässt, führt der Nachbar gerade vor. In Deutschland wurden 2025 über 3.500 Startups neu gegründet – ein Plus von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr und mehr als im Boomjahr 2021. Und das, obwohl die deutsche Wirtschaft tiefer im Schlamassel steckt als die österreichische. 

Deutschland baut seit fast 30 Jahren den Gründungsmotor. EXIST. Das Stipendium setzt dort an, wo Österreich keine wirkliche Lösung hat – beim Lebensunterhalt. Zwölf Monate lang, gestaffelt nach Qualifikation bis zu 3.000 Euro im Monat, dazu Sachmittel und Coaching. Daneben EXIST-Forschungstransfer für die kapitalintensiven Fälle, EXIST-Women, eigene Länderprogramme. Für EXIST und den Wagniskapitalzuschuss INVEST nimmt der Bund rund 176 Millionen Euro pro Jahr in die Hand. Runtergerechnet auf die österreichische Einwohnerzahl (Faktor ~9) entspräche das etwa 19 bis 20 Mio. Euro pro Jahr – also eine durchaus überschaubare Summe für ein funktionierendes Gründungsinstrument.

Mit der Gießkanne hat das nichts zu tun, aber es gibt ausreichend Plätze: Rund die Hälfte der Anträge wird bewilligt. Interessant ist, wer überhaupt antragsberechtigt ist. Beim Bundes-EXIST sind das Hochschulen und Forschungseinrichtungen – die Länder gehen weiter. In Berlin können auch Gründerzentren und Acceleratoren als Träger auftreten und die Stipendien vergeben. 

Zum Report: Startup Gründungen in Deutschland

„Wer gründen will, gründet doch ohnehin“

An dieser Stelle kommt der naheliegende Einwand: Wer wirklich gründen will, tut das auch ohne staatliche Hilfe. Und wenn man es zu leicht macht, gründen am Ende auch jene, die es nicht ernst meinen.

Der Einwand klingt vernünftig, greift aber zu kurz. Es geht nicht darum, jedem den Weg zu ebnen. Es geht darum, Talent nicht an die Risikoscheu zu verlieren. Die vielversprechendsten Gründerinnen und Gründer sind oft genau jene, die eine sichere, gut bezahlte Alternative haben – Spitzenforscherinnen, Top-Absolventen. Für sie ist Gründen kein romantisches Abenteuer, sondern ein erhebliches finanzielles Risiko. Wer in dieser Phase auf Einkommen verzichten muss, entscheidet sich nicht aus Bequemlichkeit gegen die Gründung, sondern aus rationaler Abwägung.

Was jetzt zu tun ist

Österreich hat den Beweis – die Exits und Finanzierungen der letzten Wochen. Es hat mehr als genug Förderungen in der Frühphase. Und es hat das Talent. Was fehlt, ist die Engine am Anfang: ein echter Gründungsmotor nach dem Vorbild von EXIST. Genug Plätze, am Lebensunterhalt ansetzend, für Studierende wie für Forschende zugänglich. 

Sonst feiern wir die Erfolge von heute – und stellen in zehn Jahren fest, dass wir vergessen haben, die nächsten zu ermöglichen.

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