FMA-Vorständin Mariana Kühnel © FMA / Montage: Selektiv
FMA-Vorständin Mariana Kühnel © FMA / Montage: Selektiv
Interview

Kühnel: „Die Wettbewerbsfähigkeit unseres Finanzplatzes ist hervorragend“

Höhere Systemrisikopuffer und die Empfehlung, die KIM-Verordnung weiterhin zu leben: Die Banken kritisieren, dass die Finanzmarktaufsicht damit die Immobilienfinanzierung ungerechtfertigt bremst. „Wir können diese Behauptung anhand der Fakten, die uns vorliegen, nicht nachvollziehen“, sagt FMA-Chefin Mariana Kühnel zur Puffer-Erhöhung. Diese sei notwendig, weil „gewerbliche Immobilienfinanzierungen mit Abstand die größte Quelle notleidender Kredite sind und die Ausfallquoten in Österreich in die Höhe treiben. Sie sind der Grund, warum wir in Europa ein negativer Ausreißer sind.“ Ende 2027 soll der Puffer wieder evaluiert werden. An die KIM-Verordnung müsse sich keine Bank halten, sagt Kühnel außerdem. „Eine Verordnung ist eine Verpflichtung – aber diese Verordnung ist ausgelaufen, alles andere ist ein Mythos.“

Österreich hat mittlerweile elf Lizenzen für Krypto-Unternehmen vergeben, darunter an zwei der globalen Top 10-Börsen. Was unterscheidet Österreich von anderen EU-Standorten, dass Unternehmen gerade hier ihre MiCAR-Lizenz lösen?

Mariana Kühnel: Aus unserer Perspektive gibt es zwei Gründe. Zum einen gab es mit Bitpanda sehr früh einen Anbieter in Wien. Zum anderen war die FMA durch die Regulatory Sandbox schon früh mit innovativen Geschäftsmodellen im Austausch. Dadurch waren wir sehr nah am Thema dran: zunächst bei Blockchain und Krypto, und mittlerweile zunehmend auch bei Finanzmarkt-KI-Anwendungen.

In der Szene hat sich herumgesprochen, dass wir im Haus hohe Kompetenz haben: Unsere Mitarbeiter sind schon lange im Thema und kommen vielfach aus der Branche. Sie wissen, wovon sie sprechen, und können auch die richtigen Fragen stellen.

Wir sehen auch, dass unsere Klarheit und Berechenbarkeit am Markt geschätzt wird. Wir wollen Anbieter, die Compliance nicht als lästige Pflicht, sondern als strategischen Erfolgsfaktor verstehen. Diese Erwartungshaltung machen wir mit einem ausführlichen schriftlichen Fragebogen schon vor dem eigentlichen Verfahren klar. Daraus resultiert, dass viele die Zulassung als Qualitätssiegel wahrnehmen.

Die MiCAR-Übergangsfrist ist am 1. Juli ausgelaufen: Wie fällt die Bilanz aus – wie viele Anträge laufen noch, und wie viele wurden abgewiesen?

Die Übergangsfristen waren von Land zu Land unterschiedlich. Bei uns ist sie bereits zum 31.12.2025 ausgelaufen, in anderen Ländern erst jetzt. 

Unsere Bilanz ist grundsätzlich positiv. Der Markt hat sich professionalisiert, die Anforderungen wurden deutlich erhöht. Vor der MiCAR gab es einen Fleckerlteppich – jedes Land hat eigene Zulassungen vergeben. Jetzt haben wir einen europäischen Standard, was auch Sinn ergibt: Ein digitales Geschäftsmodell kennt ja auch keine Landesgrenzen, deshalb braucht es einheitliche Spielregeln. Das haben wir jetzt mit der MiCAR und das ist auch nötig, da große globale Player nach Österreich und Europa kommen.

War der Andrang der Kryptoanbieter nach Österreich eine Überraschung, oder war das erwartet?

Durch den Frühstart mit einem relevanten Player ist in Wien ein ganzes Ökosystem entstanden. Wir haben Beratungs- und Anwaltsfirmen, die auf das Thema spezialisiert sind, das Thema ist in den Universitäten präsent und es gibt Startup-Accelerator, die sich darauf fokussieren. Und mit der Regulatory Sandbox hatten wir die Möglichkeit, den Anbietern unsere Erwartungshaltung zu kommunizieren. Das heißt, sie wissen, worauf sie sich einlassen, und können sich bewusst für Österreich entscheiden.

Welche Herausforderungen gab es bei der Etablierung der MiCAR und in der laufenden Aufsicht?

Wir haben es mit neuen Jurisdiktionen zu tun, weil einige der weltweit größten Anbieter kommen, um von Wien aus ganz Europa zu bespielen. Normalerweise haben wir eher mit Europa zu tun, nicht so sehr mit Asien und den USA. Wir achten vor allem auf echte Eigenständigkeit der europäischen Tochter vom Gesamtsystem und darauf, dass sie die entsprechende Resilienz mitbringt. Das System muss von Anfang an skalierbar sein, und diese Skalierung muss auch risiko- und IT-seitig halten.

Die zweite Herausforderung betrifft das Level Playing Field in Europa. Die größten CASPs – also Kryptowerte-Dienstleister – sollen künftig zentral bei der Wertpapier- und Marktaufsicht ESMA beaufsichtigt werden, ähnlich wie die großen Banken von der EZB. Dafür haben wir uns schon vor einem Jahr gemeinsam mit Frankreich und Italien eingesetzt, um sicherzustellen, dass für die großen Anbieter tatsächlich einheitliche Anforderungen gelten.

Eine Schwierigkeit ist, dass es bei den CASPs in Europa unterschiedliche Modelle gibt: Manche Anbieter kommen über eine Banklizenz und ergänzen diese um Krypto, andere sind Wertpapierfirmen und ergänzen ihre Lizenz um Krypto. Unser Ansatz in Österreich ist eine eigenständige Tochter mit Kryptolizenz, auf deren Basis dann weitere Dienstleistungen aufgebaut werden. Das muss man bei der geplanten ESMA-Aufsicht über große CASPs berücksichtigen: Ist ein Anbieter ein reiner CASP, oder eine Bank mit einem Krypto-Geschäftsteil? Wo zieht man da die Grenze? 

Generell gilt: Die traditionellen Finanzmarktteilnehmer kennen die Regulatorik und wissen, was Compliance bedeutet. Für Startups und Töchter internationaler Börsen steht oft die Expansion im Vordergrund – Themen wie Markttransparenz und Geldwäscheprävention sind für sie oft neu. Genau darauf müssen wir achten: dass die Systeme auch bei wachsendem Geschäft so aufgestellt sind, dass etwa bei Geldwäscheverdacht sofort reagiert werden kann.

Sind das die „jungen Wilden“, denen man besonders auf die Finger schauen muss – auch wenn ihnen die neue Regulierungskultur sicher nicht immer gefällt?

Das Bemerkenswerte für uns ist, dass sie trotz dieser Herausforderungen nach Wien kommen. Sie wissen, worauf sie sich einlassen, und sie wollen es. Das sehe ich als ein gutes Zeichen.

Zu den Banken: Der Systemrisikopuffer wurde angehoben. Die Banken argumentieren mit einer Wifo-Studie und behaupten, dass dies Kredite tendenziell verteuert und wegen der stagnierenden Kreditausfälle nicht notwendig sei. Warum braucht es diesen Systemrisikopuffer noch? 

Vorab: Was die Auswirkungen des Puffers angeht, zeigen die Meldedaten der OeNB, dass die Gewerbeimmobilienkredite derzeit weder teurer werden noch weniger vergeben werden. Wir können diese Behauptung anhand der Fakten, die uns vorliegen, nicht nachvollziehen.

Die Sicht der FMA deckt sich mit jener der OeNB und dem Konsens des gesamten Finanzmarktstabilitätsgremiums, dass dieser Puffer notwendig ist. Der Puffer ist vor allem ein Airbag, der vor einem größeren, zukünftigen Risiko schützen soll. Wir sehen jetzt schon, dass gewerbliche Immobilienfinanzierungen mit Abstand die größte Quelle notleidender Kredite sind und die Ausfallquoten in Österreich in die Höhe treiben. Sie sind der Grund, warum wir in Europa ein negativer Ausreißer sind. Und sie betreffen vor allem kleine Banken – mittlerweile haben 61 Banken eine NPL-Quote von über 5 Prozent. Und 61 Prozent aller notleidenden Kredite kommen aus dem Gewerbeimmobilienbereich. Das ist also leider derzeit das risikoreichste Kreditgeschäft, das wir sehen. Und ob der Peak schon erreicht ist, wissen wir noch nicht. Das Niveau ist aktuell stabil, ja, aber es ist immer noch Potenzial da.

Die Banken schlagen gezielte Einzelprüfungen von Problembanken vor, statt strenger Vorgaben für alle. Warum braucht es die Vorgabe trotzdem für alle Banken?

Man muss da schon ein bisschen differenzieren: Zwar sind alle Banken erfasst, aber nur für die gewerblichen Immobilienfinanzierungen muss man den Puffer halten. Rechnet man ihn auf das gesamte Kreditportfolio durch, dann macht diese Anhebung des Kapitalerfordernisses nur noch 0,4% aus. Es muss keine Bank dafür neues Kapital beschaffen. Wer keine Gewerbeimmobilienkredite vergeben hat, den betrifft der Puffer gar nicht. Dort, wo wir keine NPLs sehen – im gemeinnützigen Wohnbau –, gibt es ebenfalls keinen Puffer. Aus unserer Sicht ist das sehr zielgerichtet. 

Hinzu kommt, dass für ein Systemrisiko wie diesem nicht nur einzelnen Banken ein Puffer vorgeschrieben werden darf. Das Risiko, für das wir den Airbag einführen, würde ja alle Banken betreffen. Und wie gesagt, der Puffer hat gewerbliche Immobilienfinanzierungen weder teurer gemacht, noch werden weniger vergeben.

Unter welchen Umständen könnte der Puffer wieder gelockert werden?

Die Puffer werden mindestens alle zwei Jahre evaluiert und berechnet. Aktuell sehen wir diese Entspannung aber noch nicht.

Der Puffer bleibt also vorerst für zwei Jahre bestehen. 

Der Puffer wurde zum 1.7. 2025 mit einem Prozent eingeführt, mit 1.7.2026 auf zwei Prozent angehoben, und er wird mit 1.7.2027 auf dreieinhalb Prozent steigen. Ich gehe davon aus, dass wir uns das bis Ende 2027 im FMSG wieder anschauen

Der Puffer betrifft ganz spezifisch das Gewerbeimmobiliensegment. Wie unterscheidet sich die Lage bei privaten Wohnbaukrediten?

Fakt ist: Private Wohnbaukredite wachsen. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres liegen wir bei plus 13 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres – verglichen mit 2024 sind plus 81 Prozent. Das beweist, dass eine wachsende Neukreditvergabe mit nachhaltigen Vergabestandards möglich ist. Wenn man darauf achtet, dass die Kredite der individuellen Leistbarkeit entsprechen und die Kreditnehmer sie auch zurückzahlen können, sehen wir aktuell kein Risiko.

Deshalb ist die KIM-Verordnung auch ausgelaufen. Wir beobachten die Zahlen weiter, sehen aber aktuell keinen Anlass für neue Maßnahmen. 

Danach gab es ja das bekannte Rundschreiben nach dem Auslaufen der KIM-Verordnung. Die Banken sagen, die KIM-Verordnung lebe dadurch in Wahrheit weiter. Müssen sie sich weiter daran halten?

Eine Verordnung ist eine Verpflichtung – aber diese Verordnung ist ausgelaufen, alles andere ist ein Mythos. Die Banken können auch eigene Kreditvergabekriterien für die Neuvergabe definieren.

Wir lassen uns regelmäßig berichten, wie das private Kreditportfolio aussieht. Solange wir keine Auffälligkeiten sehen, liegt das in der Risikomanagement-Verantwortung der Banken.

Es ist also die eigene Entscheidung der Banken, dass die KIM-Verordnung noch gelebt wird?

Ich bereise ganz Österreich, und das ist das erste Thema, das mir dabei immer begegnet – sowohl auf Industrie- als auch auf Politikseite. Man muss bei der KIM-Verordnung immer im Blick haben, dass ihre Einführung mit mehreren Entwicklungen zusammenfiel: Vorangegangen war ein Jahrzehnt, in dem die Preise ungleich stärker als die Einkommen gewachsen sind. Das hat auch mit veränderten Ansprüchen zu tun: Man will etwa mehr Quadratmeter, weil man mehr im Homeoffice sitzt. Auch die Bauvorschriften – alles, was Nachhaltigkeit und Ähnliches betrifft – haben die Preise verteuert.

Dann kam die Verordnung genau zu dem Zeitpunkt, als die EZB anfing, die Zinsen anzuheben, was in ganz Europa zu einem massiven Einbruch der Kreditvergabe geführt hat. Die KIM-Verordnung kann ein Puzzlestein gewesen sein, aber sie war sicher nicht allein verantwortlich für die geringere Kreditvergabe.

Generell kommt der Wohnbau nur schleppend in Gang. Fragt man in der Branche nach den Gründen, ist die Finanzierung meist das erste Thema, das genannt wird. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Gründe?

Es gibt mehrere Puzzlesteine. Österreich befindet sich derzeit nicht in einer Wachstumsphase, sondern in einer wirtschaftlich angespannten Situation – das wirkt sich auf die Perspektive aus. Die Wohnbauförderungen sind in den letzten Jahren nicht zwingend gestiegen – seit 2001 sind sie im Verhältnis zum BIP um rund die Hälfte gefallen. 

Es gibt viele, zum Teil prominente Fälle, in denen Immobilienentwickler in Schwierigkeiten geraten sind. Dadurch ist zum einen ein Teil der Bauaktivität einfach weggefallen. Zum anderen sind die Banken angehalten, ihr Risikomanagement gut im Griff zu haben. Wenn es in einem Bereich so viele notleidende Kredite gibt, dann fließt das in das Risikomanagement ein.

Wir sehen auch, dass es bei den Gewerbeimmobilien vor allem Regionalbanken sind, die jetzt Probleme haben. Kleinere Institute aus den Bundesländern, die nicht in ihrer Region investiert haben, sondern Kredite an Immobilienprojekte in z.B. Wien vergeben haben.

Das Regionalitätsprinzip bedeutet: Ich habe als Bank Expertise in meiner Region, und finanziere dort die Bevölkerung und die Wirtschaft, wo ich das Risiko gut einschätzen kann. Die Banken, die jetzt Probleme haben, sind von diesem Prinzip recht großzügig abgewichen. In unserer Analyse sehen wir zudem ein Ost-West-Gefälle bei den faulen Krediten. Tirol und Vorarlberg liegen dabei auf einem ganz anderen Niveau als andere Bundesländer.

Die FMA nennt Osteuropa seit Jahren einen Stabilitätsfaktor für die Banken. Bleibt es dabei?

Ja. Wir sehen Osteuropa nicht mehr nur als Wachstumsmotor, sondern auch als Stabilitätsfaktor. Bis 2022 gab es in Osteuropa mehr faule Kredite als in Österreich, seitdem hat sich das Blatt gewendet. Aktuell sehen wir zudem eine sehr aktive Rolle österreichischer Marktteilnehmer bei grenzüberschreitenden Expansionen. Sie wollen weiter in der Region investieren – ob Raiffeisen in Rumänien oder die Erste in Polen. 

Übrigens expandieren die heimischen Institute ja nicht nur in Osteuropa – die Vienna Insurance hat zuletzt in Deutschland zugekauft, die Bawag plant das in Irland. Was das unter anderem zeigt: Die Wettbewerbsfähigkeit unseres Finanzplatzes ist hervorragend. In der gerade erschienenen Studie der Europäischen Kommission zur Wettbewerbsfähigkeit der Bankenlandschaft heißt es ja: Das größte Hemmnis für die Wettbewerbsfähigkeit ist eigentlich die Fragmentierung des Binnenmarktes im Finanzbereich. Die österreichischen Institute zeigen, dass man profitiert, wenn man diese Fragmentierung überwindet.

Ich möchte noch kurz über den Kapitalmarkt sprechen – nicht zuletzt, weil er zuletzt wieder medial präsent war. Die FMA begrüßt den Listing Act der EU-Kommission. Was wird dieser bringen? Führt er wirklich dazu, dass mehr österreichische KMU an die Börse gehen?

Der Listing Act ist aus unserer Sicht ein wichtiger Schritt in Richtung Vereinfachung und weniger Bürokratie und macht damit hoffentlich mehr Lust auf den Kapitalmarkt.

Das allein reicht aber nicht aus. In Österreich ist die Mentalität der Familienunternehmer meist nicht: „Ich will unbedingt an den Kapitalmarkt“, sondern eher: „Ich möchte mein Geschäft gut selbst unter Kontrolle behalten.“ Das ist, glaube ich, ein wesentlicher Faktor.

Trotzdem hat der Listing Act einen guten, ermutigenden Anfang genommen. Wir haben im ersten Halbjahr bereits zwei Beispiele von KMU mit Wachstumsambitionen, die diesen Weg gegangen sind. Biogena ist ein Beispiel, die EPH Group als Hotelentwickler ein weiteres. Wir sehen eine starke Nachfrage der Unternehmen, die die erleichterte Prospektpflicht als zusätzliche Motivation empfinden, sich dem Kapitalmarkt zu öffnen.

Gibt es noch Potenzial, weitere Bürokratie abzubauen, die den Kapitalmarktstandort bremst?

Ich glaube, das eine betrifft die SIU auf europäischer Ebene: Es ist kein rein österreichisches, sondern ein europäisches Thema. Im Optimalfall brauchen wir einen einheitlichen Kapitalmarkt – aktuell hat fast jedes Land noch seine eigene Börse, dabei bräuchten wir gerade hier Skalierungsmöglichkeiten. 

Es mangelt auch nicht am verfügbaren Kapital. In Österreich haben wir nach wie vor riesige Spareinlagen. Es liegen rund 330 Milliarden Euro an österreichischem Geldvermögen in Einlagen. In der EU liegt der Anteil bei etwa einem Drittel, in den USA dagegen nur bei 10 bis 14 Prozent. Das zeigt die Schieflage: Viel zu viel Vermögen liegt in Einlagen statt am Kapitalmarkt. Dieses Kapital gilt es stärker zu mobilisieren. Positiv ist, dass wir bereits Wachstum bei den Investitionen in Wertpapiere sehen. Es tut sich also etwas, aber es muss noch deutlich mehr passieren, ebenso beim Verhältnis von Bankkrediten zu Kapitalmarktfinanzierung.

Der zweite Punkt betrifft die Altersvorsorge und die Pensions- und Vorsorgekassen. Aktuell liegen 53 Milliarden Euro in den Pensions- und Vorsorgekassen. Aus den Vorsorgekassen fließen 1,1 Milliarden Euro pro Jahr ab, die durch die Reform der Bundesregierung im System behalten werden könnte. Je mehr davon in eine Pensionskasse oder Vorsorge-Veranlagungsgemeinschaft übertragen wird, statt ausgezahlt zu werden, umso mehr steht Jahr für Jahr zusätzlich für den Kapitalmarkt zur Verfügung.

Das bedeutet natürlich auch die Notwendigkeit von mehr Finanzbildung: Wenn wir wollen, dass mehr Sparerinnen und Sparern in den Kapitalmarkt investieren, dann müssen sie sich auch der Risiken bewusst sein. Und ein europäischer Kapitalmarkt schafft auch mehr Bewusstsein dafür, worin man eigentlich investiert. Bei weltweiten Fonds fließen oft 70 Prozent nach Amerika, und ich glaube nicht, dass sich jeder Anleger bewusst ist, wie überproportional er dadurch in den USA statt in Europa investiert. 

Die Frage ist, wie man Anreize schafft, damit Anleger stärker in Europa investieren und am europäischen Erfolg teilhaben wollen. Ich war vorletzte Woche in Kroatien: Dort gibt es einen Investment-Account, über den bis zu 200.000 Euro bei fünfjähriger Behaltefrist steuerfrei angelegt werden können – vergleichbar mit einem Vorsorge-Depot. Wir könnten uns also auch bei unseren Nachbarn umsehen und uns inspirieren lassen.