Barbara Teiber, Vorsitzende der Gewerkschaft GPA © Gewerkschaft GPA/Daniel Novotny / Montage: Selektiv
Barbara Teiber, Vorsitzende der Gewerkschaft GPA © Gewerkschaft GPA/Daniel Novotny / Montage: Selektiv
Interview

GPA-Vorsitzende: „Diesen Ruf nach Fachkräften kann ich nicht mehr hören“

– Interview von David Schima und Sara Grasel

Wenn in Österreich wieder mehr produziert wird, steigt auch die Nachfrage nach Fachkräften. Daran, dass es zu wenige davon gibt, sind die Unternehmen selbst schuld, findet die Vorsitzende der Gewerkschaft GPA, Barbara Teiber: „Wer keine Fachkräfte ausbildet, wird auch keine Fachkräfte bekommen“. Eine Chance, wieder mehr Aufträge nach Österreich zu bekommen, steckt in der Verteidigungsindustrie. Teiber spricht sich für bessere Rahmenbedingungen aus, um diese Chance wirklich nutzen zu können: „Wenn etwa Güter in den USA beschafft werden müssen und nicht in Österreich oder Europa, dann ist das nur bedingt sinnvoll“. Im Interview geht es außerdem um hohe Sozialausgaben und Lohnnebenkosten.

Österreich hat eine der höchsten Sozialquoten in der EU. Auf der anderen Seite leidet die Wirtschaft stark unter den hohen Lohnstückkosten und beklagt Rekord-Lohnnebenkosten. Wo sehen Sie als Gewerkschafterin Reformbedarf bei den Sozialausgaben, um einen Spielraum zu schaffen und den Faktor Arbeit stärker zu entlasten?

Barbara Teiber: Prinzipiell möchte ich sagen, dass wir als Gewerkschaftsbewegung generell eher skeptisch sind, wenn es um eine Senkung der Lohnnebenkosten geht. Mit dem aktuellen Paket können wir aber durchaus leben, weil bei der FLAF-Beitragssenkung, die die Lohnnebenkosten um einen ganzen Prozentpunkt senkt, auf die Gegenfinanzierung geachtet wurde: Die Banken werden zur Kasse gebeten und bei gewinnstärkeren Unternehmen wurde die Körperschaftssteuer wieder erhöht.

Hinter den Lohnnebenkosten stehen Leistungen – das wird in der Debatte oft vergessen. Wir haben zum einen ein gutes Pensionssystem, wodurch wir im Vergleich wenig Altersarmut haben. In anderen Ländern gehen Menschen, die 30 bis 40 Jahre gearbeitet haben, mit 70 noch Flaschen sammeln. Das wollen wir nicht.

Wir finanzieren damit auch unser Gesundheitssystem, das Arbeitslosengeld und die aktive Arbeitsmarktpolitik. Wir finanzieren viele Bildungsmaßnahmen und die Pflege – dahinter stecken also überall Leistungen.

Was wir nicht wollen, ist, dass dieser Sozialstaat – auf den wir stolz sein können und der auch ein positiver Standortfaktor ist, weil die Menschen gerne in Österreich leben und auch gut qualifizierte Menschen hierherkommen – reduziert wird. 

Ich glaube, wir können den Standort stärken, indem wir weiter und noch gezielter in Forschung und Entwicklung investieren, indem wir für alle Seiten planbare Energiepreise schaffen und weiter in Bildung investieren. 

Die Systeme, die Sie genannt haben – Bildung, Gesundheit, Pensionen –, sind im EU-Vergleich aber sehr teuer und ineffizient. Die Sozialquote ist mit 32,7 Prozent im Jahr 2024 vergleichsweise hoch. Sehen Sie da überhaupt keinen Sparbedarf?

Ich finde, da werden oft Äpfel mit Birnen verglichen. Sie sprechen von der EU – ich nehme aber die Schweiz als Beispiel: Dort muss ich als Arbeitnehmerin meine Pensionsvorsorge und teilweise auch die Absicherung im Krankheitsfall komplett aus meinem Nettoeinkommen zahlen. 

Dass es bei uns ein Versicherungssystem für all gibt, erhöht die Sozialquote automatisch. Davon profitieren letztlich auch Selbstständige – ein vergleichbares System zur Absicherung von Selbstständigen gibt es in anderen Ländern gar nicht. Deshalb ist immer die Frage, was man eigentlich vergleicht.

Die Bundesregierung ist hier in einigen Bereichen aktiv. Man muss aber schauen, ob es reicht, etwa bei der weiteren Erhöhung des faktischen Pensionsantrittsalters. Mehr Sorgen macht mir aktuell, dass die Arbeitslosigkeit bei Älteren weiter stark steigt. Wie gelingt es uns, ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die arbeitslos geworden sind, wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren? Das ist, glaube ich, auch für die Sozialpartner eine wichtige Frage.

Der Insolvenz-Entgeltfonds ist pleite. Sepp Schellhorn hat vorgeschlagen, die Lücke zumindest kurzfristig über die Rücklagen von Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer auszugleichen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Man braucht prinzipiell eine langfristige Lösung. Ich habe schon Anfang 2022, als die Arbeitgeberbeiträge durch Minister Kocher von 0,2 auf 0,1 Prozent gesenkt wurden, gesagt, dass diese Maßnahme sehr kurzfristig gedacht ist. Damals lagen die Insolvenzen aufgrund der großzügigen Cofag-Hilfen bei praktisch null. Für mich war aber klar: Wenn diese Hilfen auslaufen, wird es mehr Insolvenzen geben, auch von größeren Unternehmen, und der Insolvenzfonds wird leer sein.

Genau das ist jetzt leider eingetreten. Das Insolvenz-Entgelt-Gesetz ist hier eigentlich klar: Wenn der Fonds leer ist, müssen die Beiträge wieder angehoben werden oder man macht Schulden. Damit würden wir aber genau jenen Fehler wiederholen, der uns die aktuelle Budgetsituation überhaupt erst eingebrockt hat: nämlich Geld auszugeben, ohne, dass entsprechende Einnahmen gegenüberstehen. 

Gerade jetzt, wo das Budgetdefizit trotz aller Bemühungen wirklich horrend ist, sehe ich deshalb keinen anderen Weg, als die Beiträge geringfügig um 0,1 Prozentpunkte anzuheben. Das ist letztlich auch eine Art Versicherung für Arbeitgeber, falls sie in die Insolvenz gehen. 

Wir erleben da wirklich schlimme Schicksale von Kolleginnen und Kollegen, die trotz harter und guter Arbeit ein halbes Jahr lang keinen Lohn bekommen haben. Die kann man nicht im Regen stehen lassen. Das auf Pump zu finanzieren, wäre wirklich verantwortungslos, und auch ein Zugriff auf andere Systeme ist keine langfristige Lösung für das Problem, dass man die Beiträge zu stark abgesenkt hat. Insolvenzen wird es in einer Marktwirtschaft immer geben und dafür braucht es eben eine Absicherung.

Die Umsetzung der jüngsten Lohnnebenkostensenkung war ja ein ziemlicher Kraftakt. Würde eine Anhebung der Insolvenz-Entgelt-Fonds-Beiträge diesen Kraftakt nicht wieder konterkarieren? Und könnte man die Lohnnebenkosten, wenn man Ihrem Vorschlag folgt, dann an anderer Stelle senken?

Die Wirtschaft wird durch die Lohnnebenkostensenkung um 2 Milliarden Euro entlastet – das ist ein ganzer Prozentpunkt. Wir sprechen hier hingegen von 0,1 Prozentpunkten, also wesentlich weniger. Mir geht es dabei wieder um die Gegenfinanzierung: Das Defizit durch neue Maßnahmen noch größer zu machen, wäre für alle der falscheste Weg und auch kein guter Umgang mit der Zukunft und dem, was wir der nächsten Generation hinterlassen. Da stellt sich die Frage, welche anderen Einnahmen es geben könnte – und da wäre ich auf Vorschläge gespannt. Ich sehe aber bisher keine. 

Die Staatsausgabenquote ist ja mit 55,2 Prozent schon enorm hoch. Sehen Sie hier nicht das Potenzial, durch Einsparungen Spielräume zu schaffen und nicht noch höhere oder neue Einnahmen zu erzielen?

Viele Parteien sprechen davon, dass wir nur ein Ausgabenproblem hätten. Wenn es dann aber konkret darum geht, wo gespart werden soll, wird es schnell schwieriger. Ich mache viele Betriebsbesuche, und da wird mir zum Beispiel gesagt, dass die Forschungsförderung – die in Österreich ebenfalls hoch ist – entscheidend für Standortentscheidungen ist. Wir haben Lehrlingsförderungen, von denen auch die Privatwirtschaft profitiert, bis hin zur Förderungen oder Ausgaben für Pflege und Soziales. Kürzungen werden oft leichtfertig gefordert, aber man müsste konkret sagen, wo genau gespart werden soll.

Aktuell sind bei der GPA etwa Einsparungen beim Verein „Neustart“, der Bewährungshilfe, ein Thema – dabei geht es um Sicherheit. Viele der diskutierten Einsparungen klingen im ersten Moment effizient, sind im Endeffekt aber nicht sinnvoll, weil die Folgekosten durch fehlende Investitionen, etwa bei Bildung oder Forschung, uns langfristig viel teurer kommen. 

Europa rüstet auf, und vor allem die heimische Industrie sieht darin eine Chance auf mehr Wachstum. Sehen Sie die steigenden Verteidigungsausgaben auch als Motor für neue und sichere Arbeitsplätze?

Ich spreche weniger gern von der Rüstungsindustrie. Es ist aber durchaus sinnvoll, in unsere Sicherheit zu investieren und uns weniger abhängig zu machen von Playern außerhalb Europas, auch von den USA. Wir müssen uns ansehen, wo Österreich schon stark ist und wo wir noch stärker werden können.

Damit Österreich diese Chancen nutzen kann, braucht es regulatorische Anpassungen. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang der Paragraf 320 Strafgesetzbuch (StGB) diskutiert: Wer eine Kriegspartei beliefert, muss in Österreich mit bis zu fünf Jahren Haft rechnen. Das ist wiederum ein Risiko für die heimischen Banken, die solche Geschäfte oft nicht finanzieren wollen. Ist eine Überarbeitung dieses Paragrafen ein notwendiger – vielleicht schon längst überfälliger – Schritt?

Angesichts der veränderten geopolitischen Weltlage müssen wir diskutieren, welche Chancen wir nutzen können, um beim Thema Sicherheit nicht abgehängt zu werden. Wenn etwa Güter in den USA beschafft werden müssen und nicht in Österreich oder Europa, dann ist das nur bedingt sinnvoll. Man muss sich im Detail ansehen, welche Chancen wir hier als neutraler Staat, aber als Teil eines starken Europas haben. 

In der Rüstungsfrage ist man schnell bei den sogenannten Gegengeschäften, vor allem bei großen Beschaffungen des Bundesheeres – Stichwort Eurofighter. Diese waren oft auch mit langen Gerichtsverfahren und Untersuchungsausschüssen verbunden. Jetzt will man sie in Form „industrieller Kooperationen“ wieder ankurbeln, um Unternehmen Aufträge zu verschaffen. Sehen Sie das grundsätzlich positiv?

Klarerweise ist es sinnvoll, wenn die öffentliche Hand große Investitionen tätigt, auch zu schauen, wie die heimische Wirtschaft davon profitieren kann.

Sollte die Industrie in den kommenden Monaten wieder mehr Aufträge erhalten, wird auch der Fachkräftemangel wieder zum Thema. Diese Lücke wird laut Experten wahrscheinlich immer größer werden. Wie könnte man diesem Arbeitskräftemangel Ihrer Meinung nach entgegenwirken?

Die Klagen der Wirtschaft und Industrie konnte ich vor drei Jahren noch halbwegs nachvollziehen – da hatten wir tatsächlich einen Höchststand an offenen Stellen und geringe Arbeitslosigkeit. Aber ich habe langsam das Gefühl, dass alle die Augen zumachen: Wir haben heute den 1. August, und das ist bereits der 40. Monat in Folge, in dem die Arbeitslosigkeit gestiegen ist.

Wer keine Fachkräfte ausbildet, wird auch keine Fachkräfte bekommen. Wir haben aktuell eine Lehrlingslücke von über 4.500: Die Zahl der jungen Menschen, die eine Lehrstelle suchen, steigt, während das Angebot an Lehrstellen in fast allen Bereichen zurückgeht. Diesen Ruf nach Fachkräften kann ich nicht mehr hören, wenn gleichzeitig immer weniger Verantwortung übernommen wird. 

Trotz steigender Arbeitslosigkeit haben wir mehr Rot-Weiß-Rot-Karten, höhere Saisonkontingente und längere Mangelberufslisten. Ich denke, es liegt im Interesse aller in Österreich, den Menschen, die arbeitslos geworden sind, den Jungen und auch jenen, die hierhergekommen sind und hier eine neue Heimat gefunden haben, eine Chance zu geben. Dafür sind AMS und Politik gefordert, aber genauso die Wirtschaft: Es braucht Investitionen in Umschulung und Weiterqualifizierung sowie mehr Lehrstellenangebote. Denn angesichts des demografischen Wandels, der praktisch in ganz Europa und Nordamerika spürbar ist, werden wir nicht dauerhaft Fachkräfte weltweit „von der Stange“ bekommen. Wir müssen schon auch selbst etwas tun. Es sollte im allgemeinen Interesse sein, die Arbeitslosigkeit endlich wirklich zu reduzieren und zu schauen, wie man mit dem vorhandenen Arbeitskräftepotenzial umgeht. Den ständigen Ruf nach mehr Arbeitskräften aus Drittstaaten kann ich zunehmend nicht mehr hören.

Weil die heimischen Unternehmen auch zu wenig dafür tun?

Genau. Es werden weniger Lehrstellen angeboten. Auch das Ausmaß, in dem Unternehmen in die Aus- und Weiterbildung ihrer bestehenden Arbeitskräfte investieren, geht leider seit Langem zurück. Und dann soll wiederum der Staat einspringen, während gleichzeitig gespart werden soll – das geht sich für mich nicht aus.

Bleiben wir beim Arbeitsmarkt: Die Frühjahrslohnrunde war ja eher von Lohnzurückhaltung geprägt, verglichen mit früheren Lohnrunden. Insgesamt lagen die Abschlüsse laut einer Studie rund einen halben Prozentpunkt unter der Inflation. Sind Sie trotzdem zufrieden mit dieser Lohnrunde?

Zufrieden ist das falsche Wort. Es war wirklich eine sehr schwierige Frühjahrsrunde, auch unter schwierigen wirtschaftlichen Voraussetzungen. Die Abschlüsse lagen zum Teil tatsächlich unter der Inflation, was für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Kaufkraftverluste bedeutet. Wir hätten uns in einigen Bereichen durchaus mehr erwartet. Trotzdem ist es ein Beitrag zur Stabilisierung – aber es kann nicht so weitergehen.

Wir treten bei Kollektivvertragsverhandlungen natürlich an, um die Kaufkraft zu sichern und bestenfalls zu stärken. Aber man muss eingestehen: Im letzten Jahr lagen einige Abschlüsse unter der Inflation – das ist der schwierigen wirtschaftlichen Lage geschuldet.

Die Wirtschaftslage bleibt aber weiterhin schwierig – das Budget ist auf Kante genäht, vieles hängt auch vom Krieg im Iran ab. Bräuchte es im Herbst und vielleicht auch im nächsten Frühjahr nicht noch etwas mehr Zurückhaltung?

Zwei sehr große Lohn- beziehungsweise Gehaltsrunden sind bereits für zwei Jahre abgeschlossen: Wir verhandeln im Herbst weder den Metall-KV noch den Kollektivvertrag in der Sozialwirtschaft Österreich neu – das haben wir einmalig so gemacht, um den Unternehmen Planungssicherheit zu geben. Das kann aber natürlich kein Dauerzustand sein. Es ist auch für die österreichische Wirtschaft und den Handel wichtig, dass die Kaufkraft gesichert wird und die realen Einkommen nicht langfristig zurückgehen.

Die Kunst ist, eine Politik zu machen, die die Budgets konsolidiert, aber gleichzeitig die Wirtschaft stärkt. Es gibt ja durchaus einige positive Signale, etwa die jüngste Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung. Wir müssen gemeinsam hoffen, dass das – wenn auch geringe – Wirtschaftswachstum eintritt. Die Geopolitik haben wir nur mäßig bis gar nicht im Griff – wie sich etwa die Energiepreise weiterentwickeln, ist immer ein Damoklesschwert für alle.

Die Situation bleibt schwierig, aber die Antwort kann nicht sein, dass die Kaufkraft der Beschäftigten über mehrere Jahre sinkt – das wäre auch nicht gut für die Wirtschaft.

VW plant nun aber einen Stellenabbau im großen Stil, auch mögliche Werksschließungen stehen im Raum. In Österreich hatten wir mit Lenzing das prominente Beispiel eines Werks im Burgenland, das schließen muss – über 300 Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Würde es aus gewerkschaftlicher Sicht nicht auch Sinn machen, lieber ein, zwei niedrigere Abschlüsse zu haben – auch über die letzte Frühjahrslohnrunde hinaus –, statt Jobs ganz zu verlieren, die dann dauerhaft weg sind?

Wir sprechen ja ohnehin über die Abschlüsse im letzten Herbst und Frühjahr– da haben wir diese Krisenabschlüsse getätigt, um Beschäftigung abzusichern. Das kann aber kein grundsätzliches Konzept sein. Bei einigen Unternehmen, gerade in der Industrie, denen es schwierig geht – siehe KTM oder andere –, ist es durchaus auch um Managementfehler gegangen. Genau wie in der deutschen Automobilindustrie hat das Management teils versagt, das muss man so sagen. Bei meinen Betriebsbesuchen sehe ich: Geschäftsführungen, die auf Innovation setzen und gemeinsam mit ihren Beschäftigten produktiver werden, haben weniger Probleme als jene, die nur auf die Lohnkosten schauen und sich aufs Jammern beschränken. Das ist kein Konzept. Klar muss man die Lohnkosten im Blick haben, aber wir müssen auch gemeinsam schauen, wie man durch Innovation dauerhaft produktiver wird.

Wir sind ein Land mit hohen Lohnkosten, das waren wir und das werden wir auch bleiben. Die Alternative wäre sozusagen ein Niedriglohnland – das wollen, glaube ich, alle nicht. Also müssen wir innovative Produkte auf den Markt bringen, und da sind alle aufgefordert, ihren Beitrag zu leisten.

Welche konkrete Forderung nimmt die GPA jetzt in die kommende Herbstlohnrunde mit?

Eine ganz wichtige Runde, die auch im Zentrum des öffentlichen Interesses stehen wird, ist der Handel mit über 400.000 Beschäftigten. Den Verhandlern möchte ich da ehrlicherweise noch nichts vorwegnehmen – wir werden uns um einen guten Abschluss bemühen, auch wenn es im Handel nicht nur rosig ist. Gerade dort haben wir eine Beschäftigtengruppe, die nicht zu den Gutverdienern zählt: sehr viele Teilzeitbeschäftigte, sehr viele Frauen, bei denen es wirklich um jeden Euro geht.

Ich möchte noch einmal kurz zur Autoindustrie zurückkommen: Da wird ja viel debattiert, die EU-Staaten ringen um eine gemeinsame Linie zum Verbrennerverbot. Die EU-Kommission hat einen Vorschlag vorgelegt, das Verbrennerverbot zumindest zu einem – sehr geringen – Teil technologieoffen zu gestalten. Jetzt schlägt der Wirtschaftsminister vor, diesen Teil der Technologieoffenheit, Deutschland folgend, weiter auszuweiten, also das Verbrennerverbot noch etwas stärker zu lockern, um der Autoindustrie entgegenzukommen. Können Sie dem etwas abgewinnen?

Ich kann nur sagen: Bei den Gesprächen, die ich mit Vertretern der Autozulieferindustrie führe, höre ich immer wieder – und das kann ich auch nachvollziehen –, dass es in erster Linie Planungssicherheit braucht. Das gilt auch in anderen Bereichen, etwa der Verpackungs- oder der Papierindustrie: Viele Unternehmen, die innovativ sind und daran forschen, was das Produkt von morgen und übermorgen ist, wollen wissen, wohin die Reise geht. Sie wollen Planungssicherheit und keine kurzfristigen Kurswechsel, weil in den Unternehmen teilweise hunderte Millionen investiert werden – auf Basis der Annahme, dass es in eine bestimmte Richtung geht. Das ist es, was ich von den Unternehmen höre, die forschen, entwickeln und neue Produkte auf den Markt bringen wollen, um im Wettbewerb bestehen zu können: dass die Parameter nicht ständig geändert werden. Das kann ich gut nachvollziehen.

Deshalb geht es dabei aus meiner Sicht nicht um eine ideologische Frage. Ich glaube, Europa muss endlich klar sein, wohin die Reise geht. Man muss dabei alle mitnehmen – und dann sollte man auch dabei bleiben.

Soll diese Klarheit dadurch geschaffen werden, dass der Staat vorgibt, welche Technologie es in zehn Jahren genau sein soll? Oder wäre es nicht besser, den Unternehmen – wie vielfach gefordert – offen zu lassen, mit welcher Technologie sie diese Ziele erreichen?

Das ist wirklich eine schwierige Frage, denn ich erlebe auch Unternehmerinnen und Unternehmer, die sagen, solche Vorgaben seien durchaus sinnvoll. Wenn man nach China schaut – das Politikmodell ist natürlich völlig abzulehnen, wir können stolz auf unsere Demokratie sein und müssen sie immer verteidigen –, aber dort macht man Industriepolitik durchaus mit klaren Vorgaben und ist damit erfolgreich. Immer in alle Richtungen offen zu sein, bringt uns, glaube ich, auch nicht weiter.

Es wird seit Monaten spekuliert, dass Sie Wolfgang Katzian als ÖGB-Präsidentin nachfolgen könnten. Damit wären Sie die erste Frau an der Spitze des ÖGB. Wie reagieren Sie auf diese Gerüchte?

Das habe ich so noch nicht gehört. Es gab einen Profil-Artikel zur Nachfolge, in dem Wolfgang Katzian klargestellt hat, dass er bis zum Ende der Funktionsperiode weitermacht – und das sind noch fast zwei Jahre. In unserer kurzlebigen Zeit sind zwei Jahre eine ganz lange Zeit, da fließt auch bei der Hitze noch viel Wasser die Donau hinunter. Solche Spekulationen sind viel zu früh. Ich mache meinen Job als GPA-Vorsitzende wirklich sehr gerne, und das möchte ich auch weiterhin tun.

Ist es aus Ihrer Sicht überfällig, dass in zwei Jahren eine Frau an die Spitze kommt?

Die Gewerkschaftsbewegung ist, auch aufgrund ihrer Tradition im Arbeiterbereich, prinzipiell noch immer männerdominiert. Frauen tun jedem System gut. Wichtig ist, dass wir die richtige Person finden. Aber wie gesagt: Bis in zwei Jahren ist es noch lange hin. Ich mache mir darüber jetzt auch keine Gedanken.