Sommerlicher Reformdrang an falscher Stelle

11. August 2026Lesezeit: 6 Min.
Kommentar von Carmen Treml

Carmen Treml ist Ökonomin beim wirtschaftsliberalen Thinktank Agenda Austria und externe Lektorin an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihre Kerngebiete sind Bildung, Arbeitsmarkt und Verteilung.

Die glühende Hitze der letzten Wochen ist scheinbar auch manchen Politikern zu Kopf gestiegen. Anders lässt sich die Absurdität der vor wenigen Wochen entbrannten Debatte, ob man nicht die Sommerferien der Schüler verlegen sollte, kaum erklären.

Was anfangs wie ein unüberlegt geäußerter Gedanke, ein Hirngespinst eines einsamen Politikers in einer der vielen heuer schon dokumentierten Tropennächte, wirkte, machte kurz darauf als „ehrlich zu diskutierender“ Vorschlag die Runde. Wie ein Lauffeuer breitete sich die bei gründlicherer Überlegung völlig absurde Idee vom Hitzehotspot Wien auch in den Bundesländern aus.

Beim kurzfristig einberufenen Hitzeschutzgipfel im Zuge der ersten großen Hitzewelle wurden Schulen und Lehrkräften dann lediglich neue Handlungsmöglichkeiten je nach Hitzewarnstufe eingeräumt. Eine Regelung zur Ferienverlegung gab es vorerst nicht.

So sollen ab einer gefühlten Temperatur von 30 Grad, oder auch Stufe 2, körperliche Tätigkeiten wie Sportunterricht ausgesetzt und schriftliche Leistungsfeststellungen verschoben werden können. Ab Stufe drei sollen Unterrichtsstunden bereits verkürzt, Pausen verlängert werden können oder sogar ein früherer Unterrichtsschluss möglich sein. Zusätzlich soll es Eltern ab einer gefühlten Temperatur von 35 Grad freigestellt sein, ob sie ihre Schützlinge nicht lieber zu Hause lassen. Ein gänzliches „Hitzefrei“ ist – wenn es auch manche immer wieder vehement fordern – weiter nicht vorgesehen.

Die räumlichen Bedingungen seien zu Hause oft nicht anders als in der Schule, so das Hauptargument des Bildungsministers Wiederkehr. Damit hat er zwar recht, die konkreten Ambitionen, zumindest die Schulen als öffentlichen Raum klimatisch zu adaptieren, sind aber – freundlich formuliert – bescheiden.

Und das, obwohl das eigentliche Problem seit Jahren bekannt ist. Niemand kann ernsthaft behaupten, die zunehmende Hitze komme überraschend. Seit Jahrzehnten steigen die Durchschnittstemperaturen, Hitzetage und Tropennächte nehmen zu. Gerade in Städten gehören Nächte mit mehr als 25 Grad längst zum Sommer. Auch dass im Juni die Tage am längsten und die Sonneneinstrahlung am stärksten ist, wissen wir nicht erst seit diesem Sommer.

Der Klimawandel wird zwar als Herausforderung anerkannt, nachhaltige Anpassungen bleiben bisher vielerorts aus. Viele Schulgebäude wurden beispielsweise in einer Zeit gebaut, als Glasfassaden modern waren. Geschmackssache. Den heutigen Anforderungen entsprechen sie jedenfalls nicht mehr.

Praktisch jedes moderne Bürogebäude verfügt heute über eine Klimaanlage oder zumindest leistungsfähige Lüftungs- und Kühlsysteme. In Schulen oder Kindergärten sucht man diese hingegen meist vergebens – ausgerechnet dort, wo Konzentration und eine angenehme Lernatmosphäre im Mittelpunkt stehen sollten. Die Ankündigung der Regierung, 50 Bundesschulen künftig besser kühlen zu wollen, ist angesichts von mehreren tausend öffentlichen Schulen nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Nun könnte man – wie manche es auch immer wieder pflegen zu tun – einwenden, dass Österreich als kleines Land ohnehin keinen klimapolitischen Einfluss habe. Zugegeben, unser Einfluss ist begrenzt. Umso entscheidender wäre es, mit gutem Beispiel voranzugehen und sich anzupassen, statt weiter von Sommern ohne etliche Tropennächte und Wintern mit von Naturschnee überhäuften Skipisten zu träumen. Das wird nicht passieren. Das werden auch die letzten Klimaleugner den Forschern zugestehen müssen.

In Deutschland ist die Akzeptanz übrigens kein bisschen höher. Die Stadt Köln hat erst kürzlich eindrücklich gezeigt, wie es NICHT geht. Wer nämlich davon ausgegangen ist, dass im Jahr 2026 eine neue Schule sicher nicht mehr ohne Klimaanlage gebaut werde, wird nicht schlecht staunen. Das neue 200-Millionen-Euro-Gymnasium in Köln-Nippes wird nicht mit einer Klimaanlage versehen. Zugegeben, ich hätte eine Wette darauf auch verloren. Die Stadt Köln rechtfertigt das mit ihren eigenen Energieleitlinien; zu hoch seien die CO₂-Emissionen und laufenden Betriebskosten. Man wünschte, es wäre ein Aprilscherz im falschen Monat, aber nein.

Aber zurück zu Österreichs Sommerferien. Eine Einigung bezüglich der Vorverlegung wurde vorerst also auf die lange Bank geschoben. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Vom Tisch ist die Idee nämlich keineswegs. Bildungsminister Christoph Wiederkehr hatte es bereits im Juli angekündigt und seine Parteikollegin und Bildungsstadträtin Bettina Emmerling bestätigte kürzlich, dass das Thema bei der Konferenz der Bildungslandesreferenten im September auf der Tagesordnung steht. Gemeinsam mit den anderen Bundesländern will man sich einigen.

Die Neos wollen die Verschiebung unbedingt; gerade im Ballungsraum Wien könnte das den Schulalltag erleichtern. Es müssten aber zuerst alle Bundesländer überzeugt werden, denn Ferien sind grundsätzlich bundesweit einheitlich geregelt. Einen Alleingang der Bundeshauptstadt lehnen trotz all der Euphorie für ihre eigene Idee auch die verantwortlichen Politiker ab. Etwas Restvernunft kann – bisher zumindest – noch bei den Bildungspolitikern der Hauptstadt verortet werden.

Allzu schwer dürfte das aber – dem Vernehmen erster Äußerungen nach – ohnehin nicht werden. Ganz angetan von der Idee war von Beginn an beispielsweise Kärntens roter Landeshauptmann Daniel Fellner. Er fragte: „Wer sagt, dass wir starr an einer Ferienregelung festhalten müssen, die vor 80 Jahren fixiert worden ist?“ Rhetorische Gegenfrage: Ist es zielführend, in jeder Ausnahmesituation grundlegende, grundsätzlich problemlos funktionierende Regelungen infrage zu stellen? Wäre im Sommer 2026 nicht an anderer Stelle etwas Reformdrang angebracht? Pensionen? Steuern? Zinsen? Gesundheit?

Bei wirklich drängenden Themen wie diesen herrscht bei der Regierung Reformunwilligkeit. Ausgerechnet beim Thema Sommerferien hat sie nun scheinbar der Reformgeist gepackt. Oder es handelt sich nur um den Versuch, mit einem emotionalen Thema verärgerte Eltern als Wähler zu gewinnen? Aber das ist natürlich reine Spekulation.

Unabhängig von den Motiven überrascht die entstandene Dringlichkeit. Und sie ist anstelle der Sommerferiendiskussion auch höchst unangebracht. Obendrein hat die Debatte neben großem, inhaltsleerem Symbolwert fatale Nebenwirkungen.

Eine Änderung des Ferienkalenders hätte weitreichende Folgen für Familien, Tourismus, Wirtschaft und Betreuungseinrichtungen, ohne die eigentliche Ursache zu beseitigen. Diese nachgelagerten Effekte haben bisher – wenn überhaupt – nur am Rande Erwähnung gefunden, betreffen aber wesentliche Treiber der heimischen Wirtschaft.

Statt die Ferien an das Klima anzupassen, sollte sich die Politik den längst bekannten Tatsachen stellen und Verantwortung übernehmen. Notwendig wären Investitionen in Außenbeschattung, Begrünung, moderne Lüftungs- und Kühlsysteme sowie thermische Sanierungen.

Natürlich kostet das Geld. Doch wer glaubt, mit einer Verschiebung der Sommerferien eine nachhaltige Lösung gefunden zu haben, verschiebt lediglich das Problem. Die Sommer werden dadurch nicht kühler, die Schulgebäude nicht besser und der Unterricht nicht angenehmer. Mit nachhaltigen infrastrukturellen Anpassungen könnte man auch den leidigen Diskussionen über geeignete Hitzemaßnahmen oder ein generelles „Hitzefrei“ ein Ende setzen und Schulen zu einem Ort machen, an dem zu hohe Temperaturen kein Argument sind, zu Hause zu bleiben.

Bleibt zu hoffen, dass mit den kühleren Temperaturen im September auch etwas mehr Vernunft und Realitätssinn in die Debatte zurückkehrt. Nicht, dass beim ersten Schneegestöber dann über eine Verlegung der Weihnachtsferien – passend zur Schneelage – philosophiert wird. Denn wo soll das sonst hinführen? Die Schulen, nicht die Ferien, müssen wir an den Klimawandel anpassen. Strukturreformen braucht es an anderer Stelle.

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