Jiří Dvorjančanský ist seit September 2025 CEO von A1 © A1, Krisztian Juhasz, Del Missier | Montage: Selektiv
Jiří Dvorjančanský ist seit September 2025 CEO von A1 © A1, Krisztian Juhasz, Del Missier | Montage: Selektiv
Interview

A1-CEO: „Österreich bei Glasfaser-Ausbau noch deutlich schlechter als gedacht“

Österreich hinkt beim Glasfaser-Ausbau bekanntermaßen hinter vergleichbaren Ländern her. A1-CEO Jiří Dvorjančanský lässt im Selektiv-Interview aufhorchen: Österreich steht wohl noch viel schlechter da als gedacht. Durch die österreichische Erfassungsmethode würden mehrere Glasfaser-Anbieter doppelt gezählt werden. Würde man die Glasfaser-Verfügbarkeit auf Basis der einzelnen Adressen erheben, würden die bisherigen 58 Prozent „um 20 oder 25 Prozent niedriger ausfallen“, erklärt Dvorjančanský. Das EU-Ziel von 100 Prozent Glasfaser-Verfügbarkeit bis zum Jahr 2030 hält er für „schwer erreichbar“, da die Erschließung abgelegener Gebäude im ruralen Bereich 50.000 Euro und mehr kosten kann – „es gibt keinen Investor, aber auch keinen Kunden, der bereit wäre, solche Investitionskosten zu tragen“, so der A1-CEO.

Sie sind seit sieben Monaten CEO von A1 – wie präsentierte sich der österreichische Markt in dieser Zeit?

Jiří Dvorjančanský: Bevor ich CEO von A1 wurde, war ich in Tschechien, Deutschland, Kroatien und Mazedonien in der Telekommunikationsbranche tätig. Der Unterschied dieser Märkte zu Österreich liegt in der Intensität des Wettbewerbs. Sowohl im mobilen als auch im Festnetzbereich ist der Konkurrenzkampf in Österreich sicherlich am härtesten. Hierzulande gibt es mehrere durchaus große MVNOs (mobile virtual network operators), die kein eigenes Netz betrieben, aber mit den Mobilfunknetzbetreibern konkurrieren. Gleichzeitig ist das Preisniveau im Vergleich zu anderen Märkten wesentlich niedriger. Aufgrund des niedrigen Preisniveaus sinkt aber das Investitionsklima in Österreich und daran leidet im Endeffekt die gesamte Branche. Gleichzeitig ist Österreich im Vergleich zu anderen Ländern in Bezug auf die Kapitalrendite eher am unteren Ende der Skala zu finden – bei den Kosten für z. B. den Glasfaserausbau aber ganz oben. Österreich ist ein sehr wettbewerbsintensiver Markt, mit hohen Kosten für den Infrastrukturausbau und mangelhafter Rechtssicherheit. Diese Kombination ist Gift für private Kapitalinvestitionen.

Wird hier bald eine Grenze erreicht, an der die Preise wegen mangelnder Rentabilität einfach nicht mehr tiefer sinken können?

Die Situation ist derzeit sehr dynamisch. Es kommen neue Marken auf den Mobilfunkmarkt und der Wettbewerb nimmt derzeit nicht ab, sondern eher zu. Die Telekommunikationsbranche ist einer der wenigen Wirtschaftsbereiche, die in den letzten Jahren nicht zur allgemeinen Inflation beigetragen haben. Ganz im Gegenteil – die sinkenden Preise haben die Inflation gedrückt. Das niedrige Preisniveau erschwert jedoch die Finanzierung neuer Investitionen in den Glasfaserausbau, die Modernisierung mobiler Netze und den weiteren Ausbau von 5G.

Sowohl die österreichische Regierung als auch die EU-Kommission versprechen Deregulierung. Spüren Sie davon etwas, oder bleibt das weiterhin nur ein Versprechen?

Der Großteil bleibt im Bereich des Versprechens. Mit der Novelle des Telekommunikationsgesetzes könnte die Regierung aber zeigen, dass sie es mit der Deregulierung und Entbürokratisierung ernst meint.

Erstens muss im Bereich der Infrastrukturkosten etwas geschehen. Wir fordern seit Jahren einen Tiefbauatlas, damit Bauprojekte besser koordiniert und Grabungskosten zwischen Telekommunikations- und z. B. Energie- oder Abwasserunternehmen geteilt werden können. Die notwendigen Daten und Register existieren bereits, werden aber bislang nicht ausreichend geteilt. Mehr Transparenz und gemeinsame Nutzung von Infrastruktur könnten Kosten und Aufwand deutlich senken. Zwei Drittel der Kosten des Glasfaserausbaus entfallen auf Baukosten – ein gemeinsamer Tiefbauatlas könnte diese Kosten dramatisch reduzieren.

Zweitens müssen Genehmigungsverfahren digitalisiert und beschleunigt werden. Derzeit dauern manche Bewilligungen bis zu 24 Monate. Schnellere Verfahren und klar definierte Fristen würden den Ausbau erheblich erleichtern.

Drittens muss die Frage der Rechtsunsicherheit geklärt werden. Unser Markt ist extrem stark reguliert. Alle unsere Angebote werden von der Regulierungsbehörde RTR geprüft und freigegeben – und dennoch kommt es vor, dass diese Entscheidungen viele Jahre später in Frage gestellt und aufgehoben werden. Es muss ein Umfeld geschaffen werden, in dem Entscheidungen verbindlich sind und nicht Jahre im Nachhinein revidiert werden können. Glasfaserinvestitionen amortisieren sich oft erst nach 20 bis 25 Jahren. Deshalb brauchen Investoren die Sicherheit, dass regulatorische Rahmenbedingungen während dieses Zeitraums stabil bleiben.

Viertens schlagen wir vor, bestehende Mobilfunklizenzen länger laufen zu lassen, damit Investitionen in Mobilfunk- und Glasfasernetze besser aufeinander abgestimmt werden können. Ähnliche Modelle wurden bereits in Ländern wie Italien, Polen und Spanien umgesetzt.

Österreich steht wohl noch deutlich schlechter da als gedacht.

Jiří Dvorjančanský

Die Verfügbarkeit eines Glasfaser-Anschlusses ist in Österreich binnen zwei Jahren von knapp 50 auf 58 Prozent gestiegen, hinkt damit aber immer noch hinter vergleichbaren Ländern her – warum?

Diese Daten sind so sicherlich nicht korrekt, was gleichzeitig eine schlechte aber auch eine gute Nachricht ist. Die meisten Länder erfassen ihre Glasfaser-Verfügbarkeit auf Basis der einzelnen Adressen. In Österreich werden aber nur ganze Häuserblöcke erfasst. Somit kann nicht unterschieden werden, ob nicht etwa zwei oder drei verschiedene Glasfaser-Anbieter mehrfach gezählt werden. Ich schätze, dass die genannten 58 Prozent um 20 oder 25 Prozent niedriger ausfallen würden, wenn man die Glasfaser-Anschlüsse tatsächlich auf der Ebene der einzelnen Adressen zählen würde. Derzeit werden manche Anschlüsse dreimal gezählt, da z. B. Wien Energie, Magenta und A1 an einem Standort jeweils einen Glasfaser-Anschluss anbieten.

Das bedeutet aber, dass der Unterschied zwischen Verfügbarkeit und Nutzung nicht mehr so groß ist wie derzeit gedacht. Die Nutzungsrate ist eigentlich besser, weil wir unsere Verfügbarkeitsquote übertreiben. Wir haben dieses Problem auch schon mit der Regulierungsbehörde besprochen und eingefordert, dass die Anschlüsse auf der Ebene der Adresse gezählt werden sollten. Das würde deutlich zeigen, wo Österreich bei der Verfügbarkeit tatsächlich steht – und Österreich steht wohl noch deutlich schlechter da als gedacht.

Die Glasfaser-Verfügbarkeit ist jedenfalls im ländlichen Gebiet besser als im städtischen. Wie kommt das zustande und wie kann der urbane Raum aufholen?

Der Ausbau in ländlichen Regionen wurde stark durch Förderungen unterstützt, insbesondere in Gebieten, in denen der Infrastrukturaufbau sehr teuer ist. Dadurch gab es dort deutliche Fortschritte. In Städten ist die Situation anders: Glasfaser konkurriert hier mit bestehenden Kabelnetzen, die aktuell noch ausreichend Leistung bieten. Deshalb ist ein zusätzlicher Ausbau oft teuer und wirtschaftlich weniger attraktiv, da die Nachfrage bislang begrenzt ist. Gleichzeitig gibt es im Neubau bereits mehrere Glasfaser-Anbieter, was den Wettbewerb weiter erhöht.

Es gibt ein EU-Ziel von 100 Prozent Glasfaser-Verfügbarkeit bis zum Jahr 2030. Kann dieses Ziel erreicht werden?

Nein.

Nicht bis 2030 oder überhaupt nie?

Das 100-Prozent-Ziel kann schwer erreicht werden. Der Ausbau der Glasfaserinfrastruktur ergibt in den allermeisten Fällen wirtschaftlich Sinn. Aber vor allem im ruralen Bereich gibt es Dörfer mit einzelnen, weit abgelegenen Gebäuden. Ein einziger Anschluss dorthin kann mit der gesamten Bautätigkeit 50.000 Euro und mehr kosten. Es gibt keinen Investor, aber auch keinen Kunden, der bereit wäre, solche Investitionskosten zu tragen.

Glasfaser-Investitionen müssen in Jahrzehnten gemessen werden.

Jiří Dvorjančanský

Welche Nutzungsraten von Glasfaser halten Sie für realistisch?

Wir wissen aus Erfahrung, dass innerhalb des ersten Jahres durchschnittlich 15 Prozent Nutzungsrate erreicht werden können. Nach zwei Jahren sind es 20 bis 25 Prozent, danach flacht die Kurve ab. Je nach Gebiet liegt die langfristige Nutzungsrate zwischen 60 und 75 Prozent. Man muss hier an die Investitionshorizonte denken. Die Kupferkabelinfrastruktur wurde in den 1980er-Jahren errichtet und wird uns noch bis 2035 oder 2040 gute Dienste leisten. Das sind also fast 60 Jahre. Auch die Glasfaser-Investitionen müssen in Jahrzehnten gemessen werden.

Sie und auch andere Beobachter haben angemerkt, dass 5G-Mobilfunk derzeit für viele Privathaushalte noch ausreicht. Wann wird der Punkt kommen, wo das nicht mehr der Fall sein wird und auch Normalverbraucher auf Glasfaser wechseln werden?

Das ist nicht unbedingt eine Frage des „wann“, sondern eine Frage des „wie“. Für Einzelpersonen mit geringem Datenbedarf reicht oft mobiles Internet aus. In Familienhaushalten mit mehreren parallelen Anwendungen – etwa Streaming, Gaming und Homeoffice – stößt Mobilfunk als geteiltes Medium jedoch schneller an Grenzen. Zudem hängt die Qualität mobiler Netze stark von Standort, Gebäudestruktur und Netzabdeckung ab. Glasfaser bietet dagegen eine stabile und gleichmäßige Verbindung innerhalb des gesamten Gebäudes. Langfristig werden sich daher mobile Netze und Glasfaser eher ergänzen als gegenseitig ersetzen.

Welche Rolle spielen die hohen Lohn- und Arbeitskosten in Österreich bei Ihren Plänen, Personal abzubauen, aber auch neue Shops zu eröffnen?

Auch dieses Kostenelement ist in Österreich im Vergleich zu ähnlichen Märkten überproportional ausgeprägt. Wir werden heuer dennoch 10 eigene und 10 Partnershops eröffnen. Das hat hauptsächlich geographische Gründe – wir wollen unsere Präsenz und Erreichbarkeit im Bundesgebiet ausbauen. Wir müssen uns aber auch mit den Bereichen befassen, in denen wir ineffizient sind und wo wir Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung nutzen können.

Ist die Anwendung Künstlicher Intelligenz eine solche Möglichkeit, zum Beispiel im Kundenservice, in der IT- oder Datenabteilung?

Die Erwartungshaltung, was KI in gewissen Jobs leisten wird können, ist sehr groß. Aber noch ist KI in einer Frühphase der Anwendung. Wir nutzen KI in verschiedenen Bereichen, zum Beispiel mit Chatbots und automatisierter Beantwortung von Kundenanfragen. Wir sehen aber auch, dass KI eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Dienstleistungen für den Kunden spielen wird. Wir konzentrieren uns bei der KI-Nutzung nicht nur auf Effizienzsteigerungen und die Verbesserung der Kundenzufriedenheit, sondern auch auf die Differenzierung des Mobilfunknetzes und die Einführung eines neuen Dienstleistungsportfolios für unsere Kunden u. a. im Sicherheitsbereich.

KI treibt in den USA den Ausbau von Rechenzentren voran. Planen auch Sie weitere Daten- und Rechenzentren zu bauen?

Es gibt in dieser Frage einen Aspekt, der zu wenig Beachtung findet. Es geht um die Resilienz und Souveränität europäischer Daten innerhalb der EU und österreichischer Daten innerhalb Österreichs. Wir können unseren Kunden – darunter die österreichische Regierung aber auch Kunden im B2B-Segment – anbieten, sensible Daten tatsächlich in Österreich zu speichern. Damit schaffen wir eine gewisse Unabhängigkeit von den US-amerikanischen Unternehmen. Es gibt hier eine große Nachfrage, die Datenverarbeitung kontrolliert und sicher – unabhängig von der geopolitischen Lage – im eigenen Land durchführen zu können. Dieses Modell der „Sovereign Cloud“ wird auch von anderen europäischen Ländern verfolgt und wird immer stärker nachgefragt.

Was den Bau zusätzlicher Rechenzentren betrifft, befinden wir uns derzeit in Gesprächen mit der Regierung und lokalen Behörden. Die Projekte befinden sich noch in der Entwicklungsphase – noch ist es zu früh, um darüber zu sprechen.