Danny Güthlein ist Vorstand der Kärntner Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (KELAG) © KELAG | Montage: Selektiv
Danny Güthlein ist Vorstand der Kärntner Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (KELAG) © KELAG | Montage: Selektiv
Interview

KELAG-Vorstand: Neue Steuern auf E-Autos „kontraproduktiv“

KELAG-Vorstand Danny Güthlein kritisiert das geplante Ende der Sachbezugsbefreiung für privat genutzte Firmen-Elektroautos deutlich: „Diese Maßnahmen sind kontraproduktiv. Nachträglich einzugreifen, kostet viel Vertrauen.“ Er fordert daher ein „klares Bekenntnis zur Elektrifizierung“ ein, denn mehr Abnehmer ins Netz zu bekommen, wäre die effektivste Maßnahme, die Netzentgelte zu senken. Gelingt das, würde es schon bald „keine Diskussionen mehr über steigende Netzkosten geben“.

Steckt Europa seit 4 Jahren in einer Energiekrise, die irgendwann doch vorüberziehen wird, oder ist das bereits die neue Normalität?

Danny Güthlein: In Europa gehen wir oft davon aus, dass sich die Welt an unseren Vorstellungen orientiert. Doch globale Entwicklungen folgen ihrer eigenen Logik, und Europa sitzt dabei nicht immer am Steuer. Oder, um es zugespitzt zu formulieren: „If you’re not at the table, you’re on the menu.“ In vielen zentralen Fragen befindet sich Europa derzeit tatsächlich eher auf der Speisekarte.

Zum Vergleich: China importiert 26 % seiner Primärenergien, Indien 35 % und Europa aber mit 64 % fast zwei Drittel aus fossiler Energie. Keine andere bedeutende Wirtschaftsregion ist derzeit so importabhängig. Bereits 26 % bereiten China spürbar Sorgen und treiben das Land seit zwei Jahrzehnten dazu an, dieses Ausmaß zu reduzieren. Kein anderer Staat investiert so massiv in erneuerbare Energieinfrastruktur, mit dem klaren Ziel, in kritischen Momenten nicht erpressbar zu sein. Geopolitische Verwerfungen führen Europa regelmäßig und deutlich vor Augen, wie verwundbar wir in energiepolitischen Fragen sind. Allerdings gelingt es uns nicht immer, daraus dauerhaft die richtige Schlussfolgerung zu ziehen: nämlich unsere Energieunabhängigkeit.

Wie vergleichbar ist die Energiekrise 2026 mit der Energiekrise 2022?

2022 haben wir aus politischen Gründen bewusst darauf verzichtet, verfügbare Energie anzukaufen. Jetzt aber haben wir tatsächlich eine physische Verknappung, weil insbesondere im Raffineriebereich sehr viel Infrastruktur zerstört worden ist. Kurzfristig ist das nicht mehr aufzuholen und vor allem bei Kerosin wird es unangenehm eng.

Welche Preisentwicklung erwarten Sie in den kommenden Monaten, wann schlagen sich die Anstiege der Großhandelspreise bei den Endkunden nieder?

Die Großhandelspreisen steigen zwar gerade, aber für 2028 kann man derzeit Gas um 30 Euro pro Megawattstunde einkaufen, Strom um 80 Euro. Bei diesen Preisen bleibt man im Bereich der 10 Cent pro Kilowattstunde für Endkundinnen und Endkunden. Eine vergleichbare Preisdynamik wie 2022, mit den damaligen Preisausschlägen, zeichnet sich aktuell nicht ab.

Der österreichische Standort leidet stark unter hohen Energiekosten. Ist der Strom in Österreich trotz oder wegen des hohen Erneuerbaren-Anteils teuer?

Beim Ausbau der Erneuerbaren hat sich lange die Botschaft gehalten: „Grün ist zwar gut für unsere Enkelkinder und für die Moral, aber leider teuer.“ Diese Sicht ist überholt. Erneuerbare Energien sind heute in vielen Bereichen wettbewerbsfähig. Der durchschnittliche Zuschlag für Großflächen-PV in Deutschland lag im Vorjahr bei 48 Euro pro Megawattstunde, Windkraft bei 80 bis 90 Euro. Atomkraft am Beispiel des britischen Hinkley Point liegt bei über 150 Euro. Die Vorstellung, Atomkraft wäre billiger, gehört in den Bereich der Nostalgie.

In der Praxis zeigt sich allerdings: Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien sind in Österreich teilweise mit Auflagen verbunden, die die Kosten deutlich nach oben treiben.

Und die steigenden Kosten für den Netzausbau, der zum Großteil aufgrund des Erneuerbaren-Ausbaus nötig ist?

2022 haben wir eine Rekordsumme von 19 Mrd. Euro für Energieimporte bezahlt. Im Schnitt fließen jährlich 10 bis 12 Mrd. Euro für fossile Energie ins Ausland. Wenn wir weniger effiziente Technologien wie Verbrennungsmotoren und Gasheizungen durch viel effizientere wie Wärmepumpen und E-Autos ersetzen, steigt zwar der Strombedarf, aber der Gesamtenergiebedarf sinkt. Er ist in den letzten Jahren von 312 auf 287 Terawattstunden (TWh) gefallen. Mit jedem Jahr, in dem wir weniger fossile Energieträger importieren, sinken auch die Ausgaben. Diese Einsparungen durch geringere Abhängigkeit gehören ebenso zum Gesamtbild, was ist in der öffentlichen Diskussion kaum erwähnt wird. Dafür wird häufig vor allem auf den notwendigen Netzausbau und steigende Netzkosten verwiesen. Letztlich bedeutet das auch: Wertschöpfung, die bislang ins Ausland geflossen ist, stärkt künftig den eigenen Wirtschaftsstandort.

Wir haben das modellhaft auf einen Haushalt heruntergebrochen. In einem Einfamilienhaus mit fossiler Heizung und Verbrenner kommt man auf rund 6.300 Euro Energiekosten pro Jahr. Mit Wärmepumpe und E-Auto sind es etwa 3.100 Euro – eine Halbierung. Der Umstieg auf heimischen Strom ist heute bereits eine massive Kostenentscheidung.

Am effizientesten senken wir die Netzkosten, indem wir mehr Abnehmer finden.

Danny Güthlein

Wie sollte aus Ihrer Sicht künftig die Finanzierung der Netzinfrastruktur organisiert werden? Wäre ein Modell nach dem Vorbild einer „Netz-Asfinag“ denkbar?

Die Netzkosten entstehen ganz simpel: Gesamtkosten durch Menge. Am effizientesten senken wir die Netzkosten, indem wir mehr Abnehmer finden. Mehr Absatz ins Stromnetz zu bekommen wäre die wirkungsvollste Maßnahme. Wir müssen nicht über komplexe Modelle wie eine Netz-Asfinag diskutieren. Der größte Hebel liegt darin, die Basis zu vergrößern. Wenn die Elektrifizierung konsequent vorangetrieben wird und der Umstieg für die Bevölkerung so einfach wie möglich ist, werden auch die Netztarife günstiger.

Voraussetzung dafür ist allerdings ein klares Bekenntnis zur Elektrifizierung. Der weitere Ausbau von PV-Anlagen, die Forderung nach niedrigen Netztarifen und ein stockender Fortschritt bei der Elektrifizierung passen nicht zusammen. Es geht weniger um zusätzliche Förderungen als um eine bessere Auslastung des bestehenden und künftigen Systems. Gelingt das, dann wird es schon in einigen Jahren keine Diskussionen mehr über steigende Netzkosten geben.

Im Zuge der Budgetkonsolidierung soll die Sachbezugsbefreiung für E-Autos gestrichen werden. Im ersten Doppelbudget wurde bereits eine Form der motorbezogenen Versicherungssteuer für E-Autos eingeführt. Das klingt nach dem Gegenteil Ihrer Forderungen nach umfassender Elektrifizierung.

Diese Maßnahmen sind kontraproduktiv. Viele Betriebe haben – auch zu einer Zeit, als E-Autos noch deutlich teurer waren – in E-Mobilität und E-Autos investiert. Nachträglich einzugreifen, kostet viel Vertrauen. Der Bestandsschutz war für die EU und Österreich ein großer Wettbewerbsvorteil. Unsere großen Assets waren unsere Rechtsstaatlichkeit, unsere Planbarkeit und die Verlässlichkeit von politischen Entscheidungen. Dieser Eingriff schadet uns im internationalen Wettbewerb massiv.

Wer mehr Wettbewerb einfordert, kann den Marktteilnehmern nicht jeden Schritt vorschreiben.

Danny Güthlein

Wie beurteilen Sie weitere Markteingriffe wie den geplanten „Energiekrisenmechanismus Strom“ mit einem Preisdeckel von 10 Cent/kWh für Haushaltskunden? Wird dadurch die Marktliberalisierung zurückgedreht?

Wer mehr Wettbewerb am Strommarkt einfordert und sich dadurch sinkende Tarife erwartet, kann den Marktteilnehmern nicht jeden Schritt vorschreiben. Das ist dann kein liberalisierter Strommarkt, sondern ein regulierter. Das wird über kurz oder lang dazu führen, dass sich viele kleine Stromanbieter vom Markt zurückziehen werden. Somit wird der Wettbewerb geschwächt, anstatt dass er gestärkt wird. Die Kelag ist österreichweit als Anbieter aktiv. Der liberalisierte Strommarkt in Österreich funktioniert und ermöglicht seit 2001 vielfältige Angebote für unterschiedliche Kundengruppen. In gut funktionierende Märkte einzugreifen, sollte daher immer gut durchdacht werden.

Rund um die Satzungsänderung der Kelag erklärte ein Politiker, dass 100 Mio. Euro Gewinn für die Kelag „völlig ausreichend“ sind. Macht es Ihnen Sorgen, dass die Politik immer öfter vorgeben will, ab wann Gewinne zu „Übergewinnen“ werden oder wie viel Gewinn „ausreichend“ ist?

Die Kelag und die meisten anderen Energieversorger sind mit den Unternehmen, die sie noch vor fünf Jahren waren, kaum vergleichbar. Damals haben wir jährlich rund 150 Mio. Euro investiert, letztes Jahr waren es 415 Mio. Euro und für 2026 planen wir Investitionen von über 500 Mio. Euro. In den kommenden zehn Jahren werden wir vier Mrd. Euro investieren. Damit ist die Kelag einer der größten Auftraggeber in der Region und ein wahrer Konjunkturmotor. Unsere Investitionen in den vergangenen fünf Jahren müssen in diesen Diskussionen jedenfalls berücksichtigt werden. Wenn jetzt das Signal gesendet wird, hier einzugreifen, dann brauchen wir über Investorensicherheit gar nicht mehr reden.

Die Arbeitspreise bewegen sich derzeit rund um 10 Cent/kWh für Haushaltskunden. Ist für Sie in dieser Lage überhaupt eine Strompreiskrise gegeben, die einen Eingriff rechtfertigt?

Für die EU gibt es eine gemeinsame Definition, wann eine Krise ausgerufen wird. Die Diskussion gibt es in dieser Intensität momentan nur in Österreich. Mit unseren aktuellen Preisen von 9,9 Cent pro Kilowattstunde (kWh) und dem Kelag-Tarif „Strom Energiezukunft“ von 9,5 Cent pro Kilowattstunde ab 3.501 kWh bieten wir eine Preis- und Planungssicherheit für 12 Monate.

Könnte eine Wiederzusammenlegung der österreichischen und deutschen Strompreiszone für niedrigere Preise sorgen?

Ohne die Strompreiszonentrennung von Deutschland könnte Österreich 500 bis 700 Mio. Euro pro Jahr sparen. Dafür müsste man stärker in den Netzausbau investieren. Stattdessen will man hunderte Millionen für einen Industriestrompreis, einen Sozialtarif und den Energiekrisenmechanismus ausgeben. Wir beginnen die Diskussion leider immer von der falschen Seite. Wir müssen zuerst das physisch günstigste System bauen und danach können wir immer noch über Umverteilung reden.

Ein weiterer Sündenbock für hohe Strompreise ist die „Merit Order“, zu Recht?

Die Merit Order ist nichts, was extra für den Strommarkt erfunden worden wäre. Das ist ein natürliches Prinzip, wie man einen Markt räumt. Das gilt auch an tausend anderen Stellen genauso. Auch in der Forstwirtschaft ist man dem Merit Order Prinzip nahe. Wenn ein Überangebot da ist und nur die billigen Lagen in den Tälern bewirtschaftbar sind, dann wird das Holz aus den höheren, teureren Lagen in diesen Jahren nicht abgeholzt werden, weil die Grenzkosten zu hoch sind. Umgekehrt wird es bei einem hohen Marktpreis für Holz auch attraktiv, mit hohen Kosten abzuholzen – und dort wo die Grenzkosten niedriger sind, wird man in diesen Jahren einen höheren Ertrag erwirtschaften.

Über die Merit Order im Strommarkt wird viel diskutiert, aber bis heute wurde noch kein besserer Vorschlag präsentiert. Auch der Vorschlag des WIFO war nicht zu Ende gedacht. Die großen Massen am Strommarkt sind über Terminpreise abgesichert worden. Nur die Restpositionen werden am Spot-Markt gehandelt. Von diesem Restangebot auf 100 Prozent der Menge hochzurechnen ist nicht korrekt. Man müsste den gesamten Terminmarkt betrachten. Das hat das WIFO-Papier nicht berücksichtigt.

Was wäre Ihr Vorschlag, um die Preisausschläge zu dämpfen?

Wir haben immer wieder überlegt, auch Produkte mit längerer Bindung anzubieten, um schwankende Marktpreise etwas abzuschwächen. Im Sinne des Konsumentenschutzes muss ein Kunde nach einem Jahr wieder kündigen dürfen. Wir wünschen uns hier eine gesetzliche Änderung.