Österreich hinkt beim Glasfaserausbau hinterher und das wird zunehmend zum Problem: „Der Datenkonsum steigt jedes Jahr um mehr als zehn Prozent. Und die Anforderungen an digitale Infrastruktur steigen mit KI noch einmal dramatisch“, sagt Magenta-Telekom-CEO Thomas Kicker. Die Hürden seien hausgemacht: „Ein Glasfaseranschluss kostet in Österreich fünf- bis siebenmal so viel wie in anderen europäischen Ländern. Warum? Extrem fragmentierter Markt, sehr aufwändige Genehmigungsverfahren und hohe Regulierung beim Ausbau“. Die Breitbandmilliarde, die den Ausbau beschleunigen sollte, ist laut Kicker falsch gestaltet: „Hier lebt der Föderalismus auf und mit ihm die subventionierte Bauwirtschaft, die sich über die Breitbandförderung freut“.
Sie sind seit neun Monaten CEO von Magenta. Was waren die wichtigsten Themen, die Sie als erstes angegangen sind?
Thomas Kicker: Das Wichtigste ist immer, eine klare Richtung zu geben – dem Unternehmen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Etwas konkreter ist es aktuell das Thema KI in der gesamten Bandbreite: Rahmenbedingungen schaffen, Literacy aufbauen, die richtigen Tools bereitstellen und die Menschen in eine echte Ausprobierphase führen, die dann in eine wirklich wertschöpfende Nutzung übergeht.
Jene Unternehmen – in jeder Branche –, die Daten und im weitesten Sinne auch die Datenverarbeitung, zu der KI ja gehört, am besten und sichersten beherrschen, werden die Gewinner sein. Dem widme ich entsprechend viel Zeit.
Sie waren zuvor viele Jahre in den USA, auch im Silicon Valley bei Palantir. Was hat Sie zurück nach Wien geholt?
Technisch gesehen bin ich mit Palantir nach Europa gegangen. Aber ich hatte die Gelegenheit, in verschiedenen Teilen der westlichen Welt zu leben und es gibt wahnsinnig viele Dinge, die wir hier in Österreich sehr schätzen können. Die Verwurzelung, im positiven Sinne. Die Lebensqualität ist extrem hoch. Und ich glaube ehrlich gesagt, dass wir in Europa noch sehr viele Chancen haben und aufholen können und müssen. Es ist also eine Mischung aus einem vertrauten Umfeld, wo man die Kultur wirklich versteht, und dem Potenzial, hier etwas zu gestalten und beizutragen.
Chancen im Sinne von mehr Gestaltungsspielraum als in den USA?
Ja, auch das. Ich habe woanders viel gelernt, anderes gesehen, und jetzt versuche ich, das zusammenzubringen mit den Rahmenbedingungen und der Kultur, die man hier vorfindet. Ich möchte einen Beitrag leisten, damit wir in Europa und insbesondere in Österreich aufholen.
Aufholen hat viele Dimensionen. Wie fühlt sich Österreich an, wenn man nach so vielen Jahren in den USA zurückkommt – gerade in der Leistungsdebatte? Die Produktivität ist in den USA viel stärker gewachsen, bei uns geht sie eher zurück. Wir diskutieren über Teilzeit, über Überstunden. Was war Ihr Eindruck bei der Rückkehr?
Das ist ein sehr weites Feld, aber ein paar spontane Gedanken. Was auffällt: Österreich denkt sehr stark an Österreich. Der Fokus ist oft sehr klein. Die Wiener Institutionen vergleichen sich mit den Pendants in Salzburg, nicht mit Singapur. Sehr vieles ist sehr national gedacht.
Zweitens glaube ich, dass die Relation zwischen Leistung und Wohlstand oder Sicherheit als System nicht wirklich wertgeschätzt wird. Wir sind immens defensiv aufgestellt. Ich habe heute ein treffendes Zitat gelesen: Wir sind Regulierungsriesen, aber Budgetzwerge. Und ich glaube, wir sind teilweise auch Leistungszwerge geworden. Die Bereitschaft, sich wirklich einzusetzen, hat nachgelassen und das ist im globalen Wettbewerb aktuell zu wenig.
Deswegen muss man wieder vermitteln, dass Leistung keine schlechte Sache ist, sondern etwas, das man anstreben kann. Leistung schafft Sicherheit, wenn man schon nicht Wohlstand sagen möchte. Das müsste über alle Parteien hinweg resonieren. Den Dreiklang aus Investitionsbedingungen, Wertschöpfung und Wohlstand beziehungsweise Sicherheit muss jeder verstehen. Es gibt Kräfte, die das Pferd von hinten aufzäumen und sagen, erst machen wir Sicherheit, dann schauen wir weiter – das funktioniert nicht.
Was müsste passieren, damit wir als Gesellschaft wieder hungriger auf Leistung werden?
Es braucht positive Beispiele, damit man sieht: Es ist möglich, ich strebe das an. Wir müssen sehr aufpassen, dass die Allerbesten nicht in die USA abgezogen werden, und dass jene, die einfach performen wollen, nicht nach Dubai und Co. gehen, weil sich Einsatz dort mehr lohnt.
Wir brauchen positive Beispiele, die keinen Neid erzeugen, sondern zeigen: Wow, das ist möglich, das kann man in einem wunderschönen Umfeld wie Österreich machen. Die Lebensqualität ist sensationell. Aber es kann nicht sein, dass die Leute hierher nur zum Leben kommen oder nachdem sie anderswo Wertschöpfung betrieben haben. Wir müssen zeigen, dass Wertschöpfung aus Österreich und aus Europa möglich ist.
Was mich immer beeindruckt hat, war die Energie in San Francisco: abends ein Meetup, junge Leute pitchen ihre Ideen, alle mit diesem Hunger, noch etwas zu lernen, weiterzumachen – das war einfach ein ganz anderer Spirit. Der Threshold dafür, was man bereit ist zu leisten, was als normales Pensum gilt, ist bei uns deutlich gesunken. Und das ist kein österreichisches Spezifikum, das ist ein europäisches.
Kommen wir zu Glasfaser. Wer regelmäßig Standort-Rankings liest, dem fällt auf, dass Österreich bei der Glasfaser-Verfügbarkeit deutlich unter dem europäischen Schnitt liegt – rund 60 Prozent, während Spitzenreiter bei 100 Prozent sind. Wo liegen die grundsätzlichen Probleme?
Vielleicht zuerst: Warum ist das überhaupt so wichtig? Glasfaser ist definitiv die Technologie der Zukunft. Der Datenkonsum steigt jedes Jahr um mehr als zehn Prozent. Und die Anforderungen an digitale Infrastruktur steigen mit KI noch einmal dramatisch: Upload-Geschwindigkeit, Latenz, das alles spielt zunehmend eine Rolle. In all diesen technischen Dimensionen ist Glasfaser mit Abstand die Königsklasse. Ungeteiltes Medium, extremer Upstream und Downstream, minimale Latenz. Das ist der Standard, den ein moderner Haushalt und erst recht ein Unternehmen heute haben sollte.
Warum sind wir Schlusslicht? Schweden hat 88 Prozent Penetration, aber Schweden hat nur rund 300 Gemeinden, wir 2100 und ebenso viele Sonderregelungen. Wir machen es uns schwer. Ein Glasfaseranschluss kostet in Österreich fünf- bis siebenmal so viel wie in anderen europäischen Ländern. Warum? Extrem fragmentierter Markt, sehr aufwändige Genehmigungsverfahren und hohe Regulierung beim Ausbau. Ein Lieblingsbeispiel: Die Bauvorschriften für das Glasfaserlegen sind in Villach andere als in Graz. In manchen Gemeinden müssen wir bis zu 110 Zentimeter tief graben. In Ungarn darf Glasfaser oberirdisch entlang von Stromleitungen verlegt werden – das sind völlig andere Dimensionen.
Hier lebt der Föderalismus auf und mit ihm die subventionierte Bauwirtschaft, die sich über die Breitbandförderung freut. Aber darum geht es nicht. Es muss darum gehen, möglichst viele österreichische Haushalte und Betriebe effizient mit Glasfaser zu versorgen. Dafür brauchen wir massive Vereinfachung: einheitliche Bauvorschriften, schnellere Genehmigungsverfahren. Derzeit dauert jede Genehmigung länger als der eigentliche Bau. Und es braucht punktuelle Genehmigungsfiktionen: Wenn in einem Mehrparteienhaus eine Partei sich nicht meldet, steht das gesamte Haus. Das blockiert das ganze Land.
Griechenland ist ein Positivbeispiel: Nach der schweren Krise erlebt das Land eine beeindruckende wirtschaftliche Renaissance und dort subventioniert der Staat den Glasfaserausbau auf der Kundenseite, nicht auf der Bauseite. Das ist der zentrale Punkt. Bei uns hingegen fließt das Geld aus der Breitbandförderung direkt in regionale Betreiber, um dort die bestehenden Strukturen und die Bauwirtschaft zu stützen. Das ist nicht, was der Sinn des Ganzen sein sollte.
Die Breitbandmilliarde ist sehr viel Geld – und in Zeiten von Sparbudgets werden Förderungen auf ihre Sinnhaftigkeit durchleuchtet. Was ist Ihre Einschätzung?
Die Breitbandmilliarde wurde zum Teil durch uns mitfinanziert. Wir kaufen ja Frequenzen, und das zu relativ kurzen Laufzeiten im europäischen Vergleich. Wir hatten zuletzt wieder eine Frequenzauktion mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag. Der Staat verkauft hier Frequenzen und maximiert damit die Einnahmen, das Geld wird dann zur Hälfte zur Budgetkonsolidierung verwendet und zur anderen Hälfte, um Bauleistungen zu subventionieren. Das ist falsch. Es sollte eingesetzt werden, um den Zugang für Österreicherinnen und Österreicher zu ermöglichen. Deswegen: Lieber keine Förderungen als gut gemeinte, aber letztlich ineffektive Förderungen. Das ist kontraproduktiv. Von den letzten 120 Millionen haben wir keinen einzigen Euro bekommen.
Warum?
Das ist schlicht so allokiert. Es gibt föderale Strukturen, die diese Mittel entsprechend zuweisen. Und da entstehen dann teilweise absurde Situationen, wo ein einzelnes entlegenes Haus um 10.000 Euro angeschlossen wird. Selbstverständlich soll auch dieser Haushalt gute Konnektivität haben. Aber wenn ich die Wahl habe, mache ich lieber eine ganze Ortschaft, weil ich dort Skalierung habe.
Das Ziel muss sein, so schnell wie möglich so viele Menschen und Betriebe in Österreich mit Glasfaser zu versorgen. Dazu kommt: Wir haben guten Mobilfunk, und es ist meine Aufgabe zu erklären, warum man dennoch jetzt auf Glasfaser wechseln muss. Viele sagen: Der LTE-Router geht doch ganz gut. Ja, am Mittwochvormittag. Am Freitagnachmittag, wenn alle gleichzeitig Netflix schauen oder Fortnite spielen, wird es eng. Glasfaser ist die Infrastruktur der Zukunft, das schaltet man nicht einfach morgen an, man muss jetzt aufklären und investieren.
Wann ist der Moment erreicht, wo es wirklich nicht mehr geht und die Nachfrage nach Glasfaser von selbst kommt?
Das ist je nach Region sehr unterschiedlich. Die Mobilfunk-Luftschnittstelle ist ein geteiltes Medium, wie eine Autobahn. Manchmal reicht sie gut aus, aber mit zunehmendem Datenbedarf und KI-Nutzung wird sie zunehmend zur Tangente: irgendwann voll.
Wichtig ist aber auch: Der Glasfaserausbau muss langfristig profitabel sein. Dafür braucht man ausreichende Nutzung auf einer Trasse. Unsere Business Cases setzen darauf, dass – wie in anderen Ländern – irgendwann 70 bis 80 Prozent der erschlossenen Haushalte die Glasfaserverbindung auch nutzen. Das macht den Ausbau wirtschaftlich. Und das ist auch relevant, weil Kapital global mobil ist: Wenn ich einem Konzern erklären muss, warum er die nächsten 50 oder 100 Millionen nach Österreich investieren soll, und die Antwort ist fünfmal höhere Baukosten bei geringer Abnahme – dann wird das schwierig. Kurzfristig ist das ein Problem der Telekommunikationsbranche, langfristig ist es eine Standortfrage.
Wie gehen Sie mit Magenta den Ausbau konkret an? Sie wollen das Glasfasernetz 2026 verdoppeln. Wie legen Sie das strategisch an, und was kostet das?
Wir haben aktuell rund 70 Baustellen in Österreich. Wir schauen, wie effektiv wir bauen können, also wie viele Haushalte ich auf einen Kilometer Trasse erreiche, was die demografische Struktur im jeweiligen Gebiet ist, und wie die Kooperation mit der lokalen Gemeinde aussieht. Es macht einen enormen Unterschied, ob ein Bürgermeister den Glasfaserausbau aktiv unterstützt oder blockiert. Aus diesen Faktoren versuchen wir ein Optimum zu ermitteln.
Was wir gelernt haben: Wir dürfen nicht zu früh vermarkten. Wenn wir ankündigen, dass der Anschluss in eineinhalb Jahren kommt, dann die Genehmigung aber nicht erteilt wird und wir nicht bauen können, verbrennen wir Vertrauen. Wir müssen verlässlicher werden und klare Zusagen erst machen, wenn wir wirklich in drei Monaten anschließen können.
Zu den Kosten: Die Kosten unterscheiden sich stark zwischen urbanen und ruralen Bereichen. Im ländlichen Raum bieten wir Do-It-Yourself-Kits an. Wir legen die Trasse mit Anschlusspunkt bis vor das Grundstück, und der Kunde zieht die letzten zehn Meter durch seinen Garten selbst. Das wird in Österreich sehr gut angenommen, über 50 Prozent im ländlichen Bereich machen das so.
Insgesamt investiert unsere Branche für Fest- und Mobilfunknetze rund 900 Millionen Euro jährlich – Magenta macht davon mehr als ein Drittel. Der Anschluss eines Einfamilienhauses liegt dabei im mittleren vierstelligen Bereich, was uns im europäischen Mittelfeld positioniert.
Wie koordiniert gehen Sie mit anderen Anbietern, insbesondere A1, beim Netzausbau vor? Gibt es da Absprachen?
Das Feld ist insgesamt sehr fragmentiert, es gibt viele Landesenergieversorger und Einzelnetze, die historisch ohne übergeordnete Koordinierung entstanden sind. Grundsätzlich macht es Sinn, dass einer baut und das Netz dann für andere öffnet, damit die Infrastruktur mehrfach genutzt werden kann. Das passiert bereits in unterschiedlichem Ausmaß.
Eine gesamtösterreichische Koordinierung – etwa wie der Tiefbauatlas als Ansatz – wäre sinnvoll, braucht aber jemanden, der die politische Kompetenz hat, das durchzusetzen. Da tue ich mir im aktuellen ressortverankerten Gefüge ehrlich gesagt schwer. Ich glaube, das Ministerium könnte hier mehr Verantwortung übernehmen.
Nochmal zurück zur KI: Was bedeutet die gestiegene Nutzung für die Netze – wie daten- oder bandbreitenhungrig ist KI?
Extrem datenhungrig. Es wird sicher Effizienzschübe geben, irgendwann wird man auch in eine Token-Ökonomie einsteigen, wo Kosten stärker eine Rolle spielen. Aber aktuell sind viele dabei, KI maximal auszuprobieren und kennenzulernen und das spüren wir massiv in den Netzen.
Wenn man heute Cloud-Dienste oder große KI-Modelle nutzt, merkt man die Rechenleistungen: Anfragen werden in die Server geschickt und Antworten zurückgespielt. Das macht sich in der Netzlast deutlich bemerkbar. Zum Vergleich: Eine Stunde Streaming oder intensive Social-Media-Nutzung entspricht etwa einem Gigabyte – das ist schon eine sehr hohe Bandbreitenanforderung. KI liegt in ähnlichen Bereichen.
Was sich aber verändert: Wenn heute KI-Agenten im Einsatz sind, laufen die im Hintergrund oft die ganze Nacht. Früher war nachts kaum etwas los in den Netzen, jetzt sehen wir zunehmend Last auch in den Schlafenszeiten, weil Modelle weiterdenken, Token-Limits erreicht werden, Verbindungen neu aufgebaut werden. KI fordert die Bandbreite zunehmend in beide Richtungen.
Die TKG-Novelle kommt nur alle vier bis fünf Jahre. Heuer ist es wieder soweit. Was sind die dringendsten Wünsche?
Das erste und wichtigste Thema ist alles, was den effektiveren Glasfaserausbau ermöglicht: Vereinfachung der Genehmigungsverfahren, ein echter One-Stop-Shop, und die Frage, welche Entscheidungen auf welcher Ebene getroffen werden. Vieles, was heute auf Gemeindeebene entschieden wird, könnte auf Bezirksverwaltungsebene gehoben werden, das würde den Prozess massiv vereinfachen.
Das zweite große Thema ist Rechtssicherheit. Wir haben in Österreich eines der günstigsten Preisniveaus im Telekommarkt in Europa. Trotzdem stehen wir unter extremem Druck, und die Rechtssicherheit wird zunehmend in Frage gestellt. Ein konkretes Beispiel: Die sogenannte Servicepauschale war eine Pricing-Variante, die wir mit dem Regulator abgestimmt hatten und die dann 12 oder 13 Jahre später ex-post als unzulässig eingestuft wurde. Das ist ein Wahnsinn. Wenn ein internationaler Shareholder auf so etwas schaut, sagt er: Dem kann ich nicht vertrauen. Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, auf die wir uns tatsächlich stützen können.
Dann gibt es eine Reihe kleinerer, aber wichtiger Punkte: Genehmigungsfiktion, Vereinfachungen bei Mehrparteienhäusern – Regelungen, die es für andere Bereiche wie E-Ladestationen bereits gibt, bei uns aber fehlen. Elektronische Rechnungsstellung sollte endlich zum Standard werden. Und bei den Frequenzlaufzeiten sind wir im EU-Vergleich weit hinten, acht andere EU-Staaten haben die Laufzeiten bereits signifikant verlängert oder unbefristet gemacht. Das ist das Minimum, um Österreich als Investitionsstandort für digitale Infrastruktur attraktiv zu halten.
Wie stark treffen Sie die stark gestiegenen Energiekosten?
Extrem stark. Energie ist nach Personal der größte Kostenblock für uns. Wir betreiben knapp 7.000 Standorte, die alle Energie benötigen, das summiert sich auf einen sehr hohen zweistelligen Millionenbetrag jährlich.
Dazu kommt eine besondere Absurdität: Wir kommen nicht in den Genuss der Industriestrom-Vorteile – weil wir 7.000 Abnahmepunkte haben und nicht einen einzigen großen Standort. Das ist ein Beispiel dafür, wo man sich fragt: Wo ist das Verständnis für die Realität digitaler Infrastruktur in der Gesetzgebung? Das ist für uns ein sehr wichtiger Faktor.
Beim Energiekostenzuschuss stehen pro Jahr rund 75 Millionen Euro zur Verfügung – aber nicht für alle. 2027 soll der Industriestrompreis kommen. Wird das Linderung bringen?
Ich hoffe es, auch wenn mir die Details noch nicht vollständig bekannt sind. Jede Verbesserung in diese Richtung wird immens wichtig sein. Wir müssten aber erst einmal als Industriestromkunde anerkannt werden, erst dann kann ich mich auch wirklich darüber freuen.
Die EU will den Binnenmarkt stärken, um Europa im globalen Wettbewerb mehr Gewicht zu geben. Inwiefern würde das den Telekommarkt betreffen?
Ich glaube, wir müssen in Europa gezielt Kompetenzen aufbauen, entlang des gesamten Software- und KI-Stacks, von den Chips bis zu den Applikationen und Rechenzentren. Das geht nicht von heute auf morgen, aber wir müssen sukzessive anfangen und dürfen nicht alles auf einmal abdrehen wollen.
Wir als Deutsche Telekom – und Magenta als einziger großer Telekomanbieter in Österreich mit ausschließlich europäischen Eigentümern – sehen hier eine echte Chance. Wir haben eine souveräne Cloud-Instanz in Deutschland aufgebaut und gerade eine KI-Factory mit knapp 10.000 GPUs errichtet: von Europa, für Europa, in Europa. Digitale Souveränität ist für uns kein abstraktes politisches Ziel, sondern ein konkretes Geschäftsfeld. Ich glaube, der Telekommunikationsmarkt als Ganzes versteht: Wir brauchen eine resiliente europäische digitale Infrastruktur und das ist letztlich nichts anderes als Souveränität und Berechenbarkeit.
Wo liegen die größten Hürden bei der Erreichung dieser Ziele?
Europa hat einige Herausforderungen. Die wichtigste ist, die besten Software-Ingenieure, Physikerinnen und Physiker hier zu halten und anzuziehen. Dafür braucht es zwei Dinge: Erstens muss man es einfacher machen, hier ein Unternehmen aufzubauen – das ist die Bürokratiefrage. Und zweitens muss das Kapital folgen.
Wir sind Regulierungsriesen und Budgetzwerge, das ist eine Realität. Gerade für KI-Infrastruktur braucht man enorme Summen, um zu skalieren. Im Risikokapitalbereich haben wir in Europa weltweit einen schlechten Ruf und nicht zu Unrecht. Investoren wissen, dass es hier von null auf eine Milliarde Bewertung sehr schwierig ist. Wenn man sich dagegen Anthropic anschaut, 40 Milliarden ARR in zwei Jahren, das sind die Stories, die Kapital anziehen. Und Kapital ist global mobil.
Das müssen alle Seiten des politischen Spektrums verstehen: Investitionsbedingungen, Investitionen, Wertschöpfung, Sicherheit – das ist kein linkes oder rechtes Thema, das ist der Grundkreislauf.
Wie verkaufen Sie den Standort Österreich, wenn Sie mit internationalen Gesprächspartnern reden?
Ich bin wirklich ein digitaler Optimist. Die Chancen für jede und jeden sind heute größer als je zuvor. Man kann heute alleine oder mit einem kleinen Team Unternehmen bauen, Ressourcen vernetzen, Wert schaffen. Das ist eine riesige Chance.
Österreich punktet mit einem sicheren, sauberen und stabilen Lebensumfeld – das sollte man besser vermarkten. Talente haben ja auch ein Leben. Und wir haben, angefangen von der Forschung bis zu den Hidden Champions, trotz aller Widrigkeiten beeindruckende Erfolgsgeschichten geschrieben.
Ich glaube an die Grundsubstanz und den Grundspirit in Zentraleuropa. Aber es muss im Verbund gemacht werden – Föderalismus hin oder her. Wir brauchen Aggregation, gemeinsame europäische Nenner, einen funktionierenden Binnenmarkt als einheitliche Einheit. Das ist, glaube ich, die einzige Chance. Wenn jeder Bürgermeister sein eigenes Rechenzentrum bauen will, sind wir auf dem falschen Weg.