Die Bundesregierung will das nationale Verbot der geologischen Speicherung von Kohlenstoffdioxid aufheben, um Technologien wie Carbon Capture and Storage (CCS) zu ermöglichen. Für viele Industriesektoren, in denen prozessbedingt CO2 freigesetzt wird, ist das überlebenswichtig. Denn die Alternative zu CCS lautet Deindustrialisierung, erklärt Sebastian Spaun, der Geschäftsführer der Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie (VÖZ). Die bevorstehenden Milliardeninvestitionen in die dafür benötigten Abscheideanlagen, Pipeline-Netze und Kraftwerke könne die Industrie aber alleine nicht stemmen. Spaun fordert einen nationalen Transformationsfonds mit staatlichen Garantien und das politische Bekenntnis, die Produktion von Grundwerkstoffen im eigenen Land zu halten. Denn Österreich ist in diesem Bereich bereits jetzt Musterschüler: „Es gibt kein Land auf der Welt, wo Zement CO2-effizienter hergestellt wird als in Österreich“, so Spaun.
Seit 2011 ist die geologische Speicherung von CO2 in Österreich verboten. Das soll sich jetzt ändern und Technologien wie Carbon Capture and Storage (CCS) ermöglichen. Wofür braucht es CCS? Wie funktioniert CCS?
Sebastian Spaun: Bei der Erzeugung von Zement entsteht prozessbedingt CO2, somit ist die Dekarbonisierung der Zementherstellung schwierig. Selbst wenn wir elektrifizieren würden oder für unsere Öfen Wasserstoff als Brennstoff einsetzen würden, würde der Löwenanteil unserer Emissionen durch den Prozess der Zementherstellung weiterhin erhalten bleiben. Die Zementindustrie zählt daher zu den Wirtschaftssektoren, in denen sich Treibhausgasemissionen nur unter hohem Aufwand vermeiden lassen („hard-to-abate“).
Die meistverwendete Technologie für Carbon Capture ist die Aminwäsche. Hier wird das CO2 unter dem Einsatz von Aminen (Ammoniakverbindungen, Anm.) aus dem Abgas gewaschen. Danach muss das CO2 verflüssigt werden, um es abtransportieren zu können. Würde man den Abtransport per Bahn bewerkstelligen, bräuchte man für ein mittelgroßes Zementwerk zwei lange Güterzüge pro Tag. Das wäre also nicht die beste Lösung. Daher brauchen wir Pipelines, um den Kohlenstoff abtransportieren zu können. Der Bau von Pipelines stellt uns aber vor genehmigungstechnische Herausforderungen: Niemand will eine Pipeline vor der Tür haben. Es will ja schon kaum jemand ein Windrad sehen.
Ist die Technologie ausgereift?
Die Aminwäsche läuft seit knapp zwei Jahren erfolgreich in einem Zementwerk in Norwegen, in anderen Branchen ist die Technologie schon viel länger im Einsatz. Die Herausforderung beim Hochlauf der CCS-Technologie ist, dass eine Abscheideanlage am Zementwerk selbst nichts nützt, wenn das CO2 nicht abtransportiert werden kann. In Zukunft kann das abgeschiedene CO2 vielleicht direkt im Sinne der Kreislaufwirtschaft in neue Produkte verarbeitet werden, aber das ist derzeit nur eine Vision, weil es kostenmäßig noch nicht darstellbar ist.
Die gesetzlichen Voraussetzungen sollen sich jetzt eben ändern. Wie beurteilen Sie den vorliegenden Gesetzesentwurf?
Am Freitag endet die Begutachtungsphase der Aufhebung des gesetzlichen Verbots der Kohlenstoffspeicherung. Ich freue mich über das politische Bekenntnis, diese Technologie zu ermöglichen. Das Gesetz ist gut, ich darf ein Gesetz auch einmal loben. Wir haben sehnlichst auf dieses Gesetz gewartet.
Sind Ihnen durch das bisherige Verbot Wettbewerbsnachteile entstanden?
Wir sind bisher wiederholt bei europäischen Förderungen durchgefallen, weil der Abtransport von abgeschiedenem CO2 in Österreich nur sehr schwer möglich gewesen wäre. Daher sind Zementwerke etwa in Belgien zum Zug gekommen, da diese näher an den Häfen von Antwerpen und Rotterdam liegen und dort die Pipeline-Infrastruktur gegeben ist. Das ist industriepolitisch ein sehr kritischer Punkt: Wenn die Förderungen des EU-Transformationsfonds immer unter den Kriterien der allerhöchsten Effizienz vergeben werden, kommen Regionen wie Österreich – weit entfernt vom nächsten Meerzugang – zusehends ins Hintertreffen. Daher ist es so wichtig, dass dieses Speichergesetz kommt und es uns ermöglicht, in Pilotprojekten zeigen zu können, dass CCS auch regional funktioniert. Nur dann können wir auch Förderprojekte gewinnen. Ansonsten kommt es zu einem zusätzlichen Wettbewerb – aber innerhalb des Binnenmarkts, nicht außerhalb. Die österreichische Politik sollte ein Interesse daran haben, dass wir die Transformation in Österreich schaffen und nicht Produkte aus Belgien oder Dänemark importieren müssen, nur weil dort bessere infrastrukturelle Voraussetzungen herrschen.
Der Investitionsbedarf kommt einer industriellen Revolution gleich.
Sebastian Spaun
Das Umweltbundesamt geht von einem rund 1.000 Kilometer langen Pipelinenetz und akkumulierten Investitionskosten von 10,7 Milliarden Euro bis 2040 aus. Mit welchen Kosten rechnen Sie?
Der Investitionsbedarf in diese Transformation kommt einer industriellen Revolution gleich. Die vom Umweltbundesamt genannten 10,7 Mrd. teilen sich auf drei Bereiche auf: 4 Mrd. für die Pipeline-Netzkosten, 3,5 Mrd. für die Abscheideanlagen und 2,5 Mrd. für zusätzliche Kraftwerke, die den benötigten Strom für den sehr energieintensiven Abscheidungsprozess liefern.
Die Investitionskosten übersteigen alles bisher Dagewesene. Bisher wurden in ein Zementwerk über die Jahre zwischen 10 und 50 Mio. Euro investiert. Bei dem, was aber jetzt innerhalb unserer Werkszäune investiert werden muss, sind wir in der Größenordnung von 300 bis 600 Mio. Euro – also beim Faktor 10 bis 20 mal mehr.
Wie sollen in Zeiten knapper Budgets ausreichend Geldmittel für solche Großprojekte mobilisiert werden?
Dieses Projekt kann man mit dem Ausbau der Siedlungswasserwirtschaft vergleichen. Wir haben in den letzten 40 Jahren rund 70 Mrd. Euro in Kläranlagen und somit in saubere Seen und saubere Flüsse investiert. Vor 50 Jahren hat man im Wörthersee nicht wirklich Wasser trinken wollen, die Seen des Voralpenlandes hatten die Rotalge und in der Mur wollte schon überhaupt keiner schwimmen, das war damals einer der am stärksten verschmutzten Flüsse Europas.
Damals hätte keine Gemeinde das Geld für eine Kläranlage gehabt – das war eine Gemeinschaftsaufgabe: Staat, Länder, Bund, Finanzierungsbanken, Kommunalkredit haben die nötige Infrastruktur und die Kanalnetze vorfinanziert. Und das zahlen wir als Gebührenzahler alle über Jahrzehnte ab. Die ehrliche Antwort ist: So wird es auch für die Infrastruktur sein müssen, die der Industriestandort der Zukunft braucht. Denn es ist völlig illusorisch, dass diese Standortinvestitionen die es braucht, wenn man diese Industrien in Österreich halten will, die Industrie vorfinanzieren kann. Die Industrie kann das alleine nicht stemmen.
Durch die Milliardeninvestitionen in den Siedlungswasserbau haben wir heute saubere Seen, saubere Flüsse und saubere Luft. Wenn wir die Luft auch noch CO2-arm haben wollen, dann stehen wir jetzt wieder vor einer ähnlichen Herausforderung. Rechnen wir nämlich zum CCS-Investitionsbedarf noch die Kosten für den Stromnetzausbau und den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur hinzu, landet man wahrscheinlich auch bei einer Zahl rund um die 75 Mrd. Euro – diese Summe haben wir schon einmal geschafft.
Die Alternative lautet Deindustrialisierung.
Sebastian Spaun
Gibt es eine Alternative zu diesen Milliardeninvestitionen?
Die Alternative lautet Deindustrialisierung. Dann werden diese Güter aus anderen Ländern importiert. Wir haben in den letzten Jahren schmerzhaft feststellen müssen, dass wir bei Medikamenten, Medizinprodukten und Impfungen von asiatischen Produzenten abhängen. Ich hielte es bei Grundwerkstoffen wie Stahl und Zement also doch für sehr sinnvoll, die Produktion im eigenen Land zu halten. Es gibt kein Land auf der Welt, wo Zement CO2-effizienter hergestellt wird als in Österreich. Verlagert sich die Produktion in ein anderes Land, dann steigen die weltweiten Emissionen („Carbon Leakage“).
Wie steht Österreich bei geeigneten heimischen Lagerstätten da, etwa ausgeförderten Öl- und Erdgasfeldern? Warum braucht es eine Anbindung an die Nordsee?
In Österreich gibt es das Potenzial, zwischen 100 und 150 Mio. Tonnen CO2 im Untergrund einzuspeichern. Die Hard-to-abate-Emissionen in Österreich machen ungefähr 5 Mio. Tonnen pro Jahr aus. Hinzu kommen biogene Emissionen und möglicherweise negative Emissionen, wodurch insgesamt bis zu 10 Mio. Tonnen pro Jahr eingespeichert werden müssen. Nach einer leichten Division wird man feststellen: Ewig viel Platz gibt es in Österreich nicht.
Erstens versucht der Staat deshalb, die eingespeicherten Mengen sehr klein zu halten und CCS möglichst nur für die Hard-to-abate-Emissionen zu erlauben. Das erklärt auch die absolute nationale Mengenobergrenze, die derzeit im Gesetzesentwurf festgehalten ist. Zweitens wird es deshalb auch eine Anbindung an ein europaweites Pipeline-System brauchen. Ein solches aufzubauen wird eine große Herausforderung.
Wie lange wird der Hochlauf der europäischen bzw. österreichischen CCS-Infrastruktur dauern?
Das wird bis in die 2040er-Jahre brauchen. Erste Pilotprojekte werden schon früher starten können, aber bis die Zementindustrie großflächig CCS betreiben kann und ein Pipelinenetz aufgebaut wird, sind wir tief in den 2040er-Jahren.
Denn die durchschnittliche Umweltverträglichkeitsprüfung dauert drei Jahre, die erste Instanz dann noch ein Jahr – somit dauert alleine die Genehmigung vier Jahre. Dabei müssen die Trassen aber schon geplant sein, etwaige Grundstücksablösen durchgeführt sein, etc. Um dann eine Pipeline von 200 Kilometern Länge zu bauen, wird es insgesamt 7 bis 10 Jahre dauern. Zementunternehmen werden aber noch keine Abscheideanlagen bauen, solange eine Pipeline noch in der Genehmigung festhängt. Außerdem könnten die großen Abscheideanlagen dann wiederum UVP-pflichtig sein, was den Prozess erneut in die Länge zieht. 2040 klingt weit entfernt, es sind essentiell aber nur noch 13 Jahre.
Wenn das so bleibt, brennt der Hut lichterloh.
Sebastian Spaun
2040 soll Österreich aber schon klimaneutral sein bzw. die Industrie ihre Emissionen um 90 % reduziert haben.
Mein Zieljahr lautet nicht 2040 sondern 2034. Denn die kostenlose Zuteilung von CO2-Zertifikaten läuft bis ins Jahr 2034. Möglicherweise wird das auf das Jahr 2038 ausgedehnt, aber das Ende der Gratiszuteilung steht jedenfalls bald bevor. Ab dann müssen wir 300 Millionen Euro pro Jahr für CO2-Zertifikate ausgeben. Wenn das so bleibt, brennt der Hut lichterloh.
Mein Appell lautet daher: Bitte lasst dieses Geld in den Betrieben, um uns die nötigen Investitionen zu ermöglichen. Ansonsten wandern diese Summen an die EU und von dort wieder über Förderungen an die holländische, dänische oder schwedische Industrie. Wir müssen aufpassen, dass wir durch die CO2-Zertifikate nicht schleichend enteignet werden.
Was muss aus Ihrer Sicht der nächste Schritt sein, damit diese Transformation gelingen kann?
Ich wünsche mir, dass wir die Größe dieser Herausforderung anerkennen. Das sollte durch einen nationalen Transformationsfonds geschehen. Wir brauchen ein großes Finanzierungsinstrument, das privates Kapital, staatliches Kapital und Industriekapital mobilisieren kann. Bei knappen Kassen immer alles vom Staat zu verlangen ist unrealistisch. Aber die Übernahme von Risiken und Absicherungen kann ein Staat auch leisten, wenn er gerade kein Geld hat. Ich würde mir wünschen, dass es in Österreich ein politisches Bekenntnis dafür gibt.