Der „EU Chips Act“ konzentriert sich auf die falsche Kategorie an Mikrochips, kritisiert Digital-Experte Roman Afuss. „Das Projekt birgt die Gefahr in sich, aufgrund fehlender Nachfrage nach diesen KI-Chips in Europa dauerhaft subventioniert werden zu müssen. Und ich gehe davon aus, dass es nicht so klug ist, zu versuchen, China oder die USA mit höheren Subventionen für souveräne KI-Chips zu übertrumpfen“. Daher müsse man zuerst die europäische Nachfrage nach KI ankurbeln. Eine tatsächliche Unabhängigkeit im KI-Bereich hält er für unrealistisch: Es könne für Europa vorerst nur darum gehen, die kritischsten Hardware-Abhängigkeiten zu beseitigen.
Die Veröffentlichung des Pakets zur technologischen Souveränität Europas wurde dreimal verschoben. Am 3. Juni war es so weit. Wie ist Ihre Einschätzung zu dem Paket?
Roman Afuss: Das Paket spiegelt die wachsende Besorgnis in Brüssel wider, dass Europa bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz weiter ins Hintertreffen geraten könnte, da die Union dafür auf Halbleiterchips angewiesen ist, die in den USA entwickelt und dort oder in Taiwan und Südkorea hergestellt werden. Das formulierte Ziel ist der Aufbau lokaler Produktionskapazitäten, die Europa die Chance geben würden, einen größeren Teil der KI-Wertschöpfungskette zu kontrollieren und sich vor geopolitischen Schocks zu schützen.
Ein wichtiger Baustein in der aktuellen Diskussion ist die europäische Abhängigkeit im Cloud-Bereich. Findet dieser Punkt ausreichend Berücksichtigung?
Ich würde sagen, der „Cloud and AI Development Act“ (CADA) führt einen nützlichen Rahmen für die Bewertung von Souveränität ein. Vier Stufen, die auf Kriterien basieren, die mit der Kontrolle über die Lieferkette, der Verarbeitung von KI-Inferenzdaten, dem Standort der Infrastruktur und dem Niveau der Cybersicherheit zusammenhängen. Die Mitgliedstaaten sollen dazu verpflichtet werden, nationale Cloud- und KI-Strategien zu verabschieden, die auf diese Ziele abgestimmt sind. Konkret sollen sie prüfen, welche ihrer Systeme im öffentlichen Sektor von ausländischen Cloud-Diensten abhängig sind, diese nach diesen Souveränitätsstufen klassifizieren und ihre Beschaffungen entsprechend ausrichten. Größere Autonomie über den Cloud-Stack ist das Ziel.
CADA zielt aber auch darauf ab, die Kapazität der Rechenzentren in der EU in den nächsten fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen und sicherzustellen, dass die Union bis 2035 über alle erforderlichen Kapazitäten verfügt. Dafür sind Investitionen von 200 Mrd. Euro vorgesehen.
Sie hatten bereits zum Chips Act 1.0 vom Jahr 2023 einige kritische Anmerkungen gemacht. Was halten Sie von der aktuell vorgeschlagenen Version 2.0?
Im Rahmen des „Chips Act“ von 2023 wurden öffentliche und private Investitionen in Höhe von rund 52 Mrd. Euro bereitgestellt, um das damals festgelegte Ziel zu erreichen, den weltweiten Marktanteil Europas im Halbleiterbereich bis 2030 auf 20 % zu verdoppeln. Der Anteil der EU liegt weiterhin unter 10 %. Was mich nicht sonderlich überrascht. Der „Chips Act 2.0“ geht teilweise auf dieses Problem ein, doch der Aufbau wettbewerbsfähiger Fertigungskapazitäten dauert mindestens ein Jahrzehnt. Aufbauend auf der Fassung von 2023 verlagert der „Chips Act 2.0“ den Schwerpunkt von der Forschung nun auf die Kommerzialisierung. Das neue Gesetz sieht die erste offene EU-Foundry für die Fertigung im Sub-3-Nanometer-Bereich vor, wobei die Pilotproduktion für den Zeitraum 2030–2033 geplant ist. Zu letzterem sollte man sich einige Fragen stellen.
Welche Fragen wären das?
Ganz sicher haben Sub-3-Nanometer Chips nur wenig mit der Souveränitätsdebatte zu tun. Ich halte das eher für ein politisches Prestigeprojekt. Der „Chips Act 2.0“ priorisiert diese Foundry, obwohl die europäische Chipnachfrage in erster Linie aus dem Automobilsektor und aus industriellen Anwendungen kommt, die auf 28/22-Nanometer-Technologie setzen und nicht auf cutting-edge Chips. Die Nachfrage nach 2-Nanometer-KI-Chips kommt hauptsächlich aus den USA. Das Projekt birgt die Gefahr in sich, aufgrund fehlender Nachfrage nach diesen KI-Chips in Europa dauerhaft subventioniert werden zu müssen. Und ich gehe davon aus, dass es nicht so klug ist, zu versuchen, China oder die USA mit höheren Subventionen für souveräne KI-Chips zu übertrumpfen. Im Gegenteil, gerade dieses Segment sehe ich bei Europas Partnern in den USA, Taiwan und Südkorea relativ gut aufgehoben. Der globale Markt für hochmoderne Halbleiterfertigung ist ein Oligopol, das durch Größe, praktischer Erfahrung, enormen Kapitalbedarf und Prozess-Know-how geprägt ist. Man kann sich da nicht einfach den Weg hinein subventionieren, fürchte ich.
Was wäre Ihrer Meinung nach besser?
Ich denke, wenn man das Projekt umsetzt, was aktuell außer Zweifel steht, muss man als erstes die europäische Nachfrage nach KI ankurbeln. Ich muss hier dem CEO von ASML voll zustimmen. Der erste Schritt wäre den AI-Act der EU so abzuschwächen, dass europäische Unternehmen nicht mehr in der Entwicklung beeinträchtigt sind, bevor sie mit amerikanischen oder chinesischen Anbietern überhaupt in Wettbewerb treten können. Eine Kurskorrektur, die immerhin von Unternehmen wie Airbus, Ericsson, Mistral, Nokia, SAP und Siemens gefordert wird.
Zusätzlich würde eine kluge Strategie auf den bestehenden Stärken Europas aufbauen. Das in Belgien ansässige Imec ist das weltweit führende unabhängige Forschungs- und Entwicklungszentrum für Halbleitertechnologie. Europa verfügt über Upstream Hardware: ein weltweites Monopol im Bereich der Extrem-Ultraviolett-Lithografie durch ASML, unverzichtbare Linsen- und Optiksysteme von Zeiss Lasertechnologie von Trumpf und viele weitere Unternehmen. Mithilfe des öffentlichen Beschaffungswesens, von „KI-Gigafabriken“ und der Europäischen Investitionsbank könnte man über einen mittelfristigen Zeitraum eine besser gelenkte Nachfrage schaffen.
Gibt es eigentlich eine Definition von „Technologie-Souveränität“?
Ja, gute Frage. Bisher hat sich bei Diskussionen in Brüssel jeder etwas anderes drunter vorgestellt. Aber in einem Strategiedokument, das zusammen mit den Gesetzesvorschlägen veröffentlicht wurde, definierte die Kommission die „Technologie-Souveränität“ – also lassen Sie mich kurz nachdenken: „die Fähigkeit Europas, kritische Technologien, Infrastrukturen, Dienste und Daten zu entwickeln, zu kontrollieren und zu skalieren…“. Das Dokument betont weiter, dass Souveränität nicht „technologische Entkopplung“ oder „Isolation“ bedeutet, sondern auf fairem Marktwettbewerb beruhe.
Ist die Frage nach der „Souveränität“ die richtige Frage?
Die bessere Fragestellung für Europa würde lauten: Können wir den gesamten Stack besitzen? Die Antwort wäre mit ziemlicher Sicherheit: sicher nicht, auch nicht in absehbarer Zeit. Ein Blick nach Indien lohnt sich in dem Zusammenhang: Der „India Stack“ hat gezeigt, dass der Aufbau digitaler Infrastrukturen für öffentliche Zwecke machbar ist, aber die Kontrolle über den gesamten KI-Stack hingegen nicht. Daher kann es für Europa vorerst nur darum gehen, die kritischsten Hardware-Abhängigkeiten zu beseitigen. Und zwar schrittweise und in Bereichen, die besonders risikorelevant sind. Im Unterschied zum Energiesektor muss die „Build Before Break“-Regel beachtet werden, das heißt, es müssen realistische Lösungen vorhanden sein, bevor Marktteilnehmer zum Ausstieg aus bestehenden Lösungen gedrängt werden.
Ich glaube kein Strategiedenker des 19. und 20. Jahrhunderts hat empfohlen, die Großoffensive im Moment strategischer und taktischer Schwäche zu beginnen. Ich fürchte, dass Europa sich gerade dort befindet.