Guten Morgen Österreich!
Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank, Stanislaus Ruhaltinger und Sara Grasel – wir melden uns aus Wien.
News – das müssen Sie heute wissen:
🇦🇹 Schellhorns 2. Entbürokratisierungspaket abgesagt. Wie das Büro von Entbürokratisierungsstaatssekretär Sepp Schellhorn gegenüber Selektiv bestätigte, wird entgegen der ursprünglichen Ankündigung im morgigen Ministerrat kein 2. Entbürokratisierungspaket präsentiert werden. Es wird am 3. Juni „keinen einzelnen großen Präsentationstermin geben. Stattdessen werden die nächsten Schritte und Reformvorhaben laufend vorgestellt“, so ein Sprecher zu Selektiv. Morgen wird auch kein Teil des Pakets vorgestellt – wann es soweit sein könnte, ist noch offen. Der Entbürokratisierungsprozess würde jedoch auf Hochtouren weiterlaufen, der Fokus nun auf der „schrittweisen Umsetzung konkreter Vereinfachungen“ liegen. Einzelne Maßnahmen seien bereits in Koordinierung. Für Juni liege der Schwerpunkt des Entbürokratisierungsstaatssekretariats auf den Themen Digitalisierung und Reformpartnerschaft. Von den 113 im Dezember präsentierten Maßnahmen seien 14 bereits umgesetzt und weitere 88 in Umsetzung. Für die 2. Welle an Maßnahmen wurde bei EcoAustria eine Studie in Auftrag gegeben, um den Prozess wissenschaftlich zu begleiten. [Quelle: BMEIA auf Selektiv-Anfrage]
„Der Babyboom kam nicht von ungefähr“
Interview mit Stephan Marik-Lebeck
Österreich verzeichnete 2025 das sechste Jahr in Folge eine negative Geburtenbilanz. Dieser Trend wird sich laut dem Demografen Stephan Marik-Lebeck auch in den nächsten Jahrzehnten durchgehend so fortsetzen – „wenn sich an der Fertilität nicht radikal etwas ändert“. Denn bei der derzeitigen Fertilitätsrate von 1,29 Kindern pro Frau ist jede Kindergeneration um 40 Prozent kleiner als ihre Elterngeneration, erklärt der Bereichsleiter für Demographie und Gesundheit von Statistik Austria. Damit es in Österreich in Zukunft wieder mehr Geburten gibt, müsste es laut Marik-Lebeck zu einem „entsprechenden gesellschaftlichen Wandel“ kommen.
💡EcoAustria-Studie: Was Österreichs Klima-Alleingang kostet. Österreich hat sich Klimaneutralität 2040 zum Ziel gesetzt, 10 Jahre früher als die EU. EcoAustria hat im Auftrag der IV Oberösterreich berechnet, was dieser Alleingang gegenüber einer bloßen Erfüllung der EU-Ziele im Jahr 2040 kostet. Im Szenario mit internationalen Gutschriften führt das zu einem um 1,7 % niedrigeren BIP und einem Verlust von 31.000 Beschäftigten. Im strengeren Szenario ohne internationale Gutschriften verschärfen sich die Verluste auf minus 2,6 % des BIP und 45.000 Jobs. Die Effekte erreichen 2040 ihren Höhepunkt und gehen danach zurück. Zudem warnt die Studie vor einem Carbon-Leakage-Risiko. EcoAustria-Ökonom Johannes Berger: „Klimapolitik darf nicht dazu führen, dass Emissionen rechnerisch in Österreich sinken, die Produktion aber in Länder mit niedrigeren Standards abwandert. Dann verliert Österreich Wertschöpfung und Beschäftigung, ohne dass dem Klima im gleichen Ausmaß geholfen ist.“ Österreich verursacht 0,14 % der weltweiten Emissionen (Stand 2022). [Quelle: EcoAustria im Auftrag der IV Oberösterreich | Grafik von Stanislaus Ruhaltinger]

Alle Grafiken von Selektiv 📈
Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.
Der Link wechselt jeden Freitag.
🇦🇹 Arbeitslosigkeit steigt um 0,8 %. Die Zahl der arbeitslosen Personen und AMS-Schulungsteilnehmer ist im Mai um 0,8 % auf 378.278 angewachsen, die Arbeitslosenquote nach nationaler Berechnung liegt damit bei 7,1 %. Bei Männern ist die Arbeitslosigkeit um 2,2 % gesunken, während sie bei Frauen um 4,2 % gestiegen ist. „Branchen mit höherem Frauenanteil – Handel (+3,9 %) und Gesundheit (+14,2 %) sind vom Anstieg besonders betroffen“, so AMS-Vorständin Petra Draxl. Bei Über-50-Jährigen ist die Arbeitslosigkeit um 3,4 % gestiegen. Arbeitsministerin Korinna Schumann will daher „in Angebote für ältere Arbeitssuchende investieren“ und ruft Arbeitgeber dazu auf, den „Erfahrungsschatz älterer Arbeitnehmer gezielt zu nutzen“. Die Zahl der sofort verfügbaren offenen Stellen ist im Mai um 5,4 % gesunken, jene der nicht sofort verfügbaren Stellen ist um 20,1 % gestiegen. Bei den Lehrstellen sind sofort verfügbare um 11,1 % gesunken und nicht sofort verfügbare um 14,8 % gestiegen. [Quellen: AMS, BMASGPK | Reaktionen: FPÖ, SPÖ, IV, AK, ÖGB | Grafik: Was die Anhebung des Frauenpensionsalters bringt, Erstmals mehr Pensionisten als unter 20-Jährige]
🇦🇹 Industrie-Arbeitsmarkt stabilisiert sich. Mit Ende Mai 2026 waren um 0,3 % mehr ehemalige Industriebeschäftigte beim AMS arbeitslos gemeldet als im Vorjahresmonat. Die Arbeitslosenquote in der Industrie liegt mit 4,2 % aber „weiterhin deutlich unter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt“, so AMS-Vorstandsvorsitzender Johannes Kopf. Auch werden in der Industrie wieder mehr Stellen gesucht (+3,3 %), während der Trend in der Gesamtwirtschaft noch negativ ist (-5,4 %). „Die aktuell stagnierende Arbeitslosigkeit und der Stellenmarkt machen uns Hoffnung“, so Kopf. [Quelle: AMS Spezialthema]
🇦🇹 Onlinehandel um 9,5 % gewachsen. Im Vorjahr ist der B2C-Onlinehandel in Österreich um 9,5 % gewachsen und hat mit einem Bruttoumsatz von 11,5 Mrd. Euro ein neues Rekordniveau erreicht. Der Einzelhandel konnte im selben Zeitraum um 2,6 % zulegen. „Der Onlinehandel wächst wesentlich stärker als der Einzelhandel insgesamt und diese Dynamik geht keinesfalls nur auf österreichische Versand- und Internethändler zurück“, so WKÖ-Handelsobmann Rainer Trefelik. Er fordert Wettbewerbsgleichheit zwischen ausländischen Anbietern und dem österreichischen Einzelhandel, hierzu brauche es Maßnahmen auf europäischer Ebene und eine Vertiefung des Binnenmarkts. „Nationale Alleingänge wie bei der Paketabgabe sind hier kontraproduktiv“, so Trefelik. [Quelle: WKÖ | Interview: „Paketsteuer schickt Österreich in die digitale Steinzeit“]
🇦🇹 🌐 Energiepreis-Update. Die mittleren Treibstoffpreise lagen gestern bei 1,836 Euro für Diesel und 1,744 Euro für Benzin. Der Ölpreis für ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent zur Lieferung im August liegt heute bei 94,28 Dollar, ein Anstieg um 3,5 % im Tagesabstand. Der Gaspreis laut dem für die EU richtungsweisenden Terminkontrakt lag Dienstagfrüh bei 48,22 Euro pro MWh, ein Anstieg um 4,8%. [Quellen: Spritpreise, Ölpreis, Gaspreis]
🇦🇹 Streit ums „Zwischenparken“ beim AMS. Im Doppelbudget plant die Regierung Einsparungen von 200 Mio. Euro jährlich durch eine Reform des sogenannten „Zwischenparkens“, eines Modells, das Unternehmen bei Auftragsschwankungen erlaubt, Beschäftigte vorübergehend abzumelden und später wieder einzustellen. Künftig soll laut Kurier eine vierwöchige Wartefrist gelten: Der Arbeitgeber zahlt 2 Wochen weiter, für 2 Wochen bekommt der Arbeitnehmer nichts. Der Verband Österreichs Personaldienstleister (ÖPDL) warnt in einem offenen Brief vor höherer Arbeitslosigkeit und Standortschwächung. Laut Wifo kostet das Zwischenparken den Staat derzeit rund 700 Mio. Euro jährlich. Rund 72.000 Zeitarbeiter wären von den Änderungen betroffen. [Quelle: Kurier]
🇦🇹 Gewerkschaft kritisiert Stellenabbau im Finanzministerium. Laut der GÖD-Finanzgewerkschaft plant das Finanzressort den Abbau von 500 Planstellen bzw. 600 Mitarbeitern. Die Beschäftigten würden bereits jetzt „längst am Limit arbeiten”, durch die Kürzungen könnten auch bereits budgetierte Mehreinnahmen aus der Betrugsbekämpfung nicht gewährleistet werden. Auch Auszahlungen der Familienbeihilfe oder Arbeitnehmerveranlagung könnten laut GÖD dann mit Verzögerung erfolgen. Das Finanzministerium bestätigte die kolportierten Zahlen auf Nachfrage nicht. „Die Bundesregierung bekennt sich dazu, auch in der Verwaltung einzusparen, ohne dass es zu Lasten der Leistungen für die Bevölkerung geht“, lautet es im Statement des Finanzministeriums. Die Verwaltung soll durch KI und Digitalisierung, neuen Strukturen und besserer Ressourcennutzung „effizienter gestaltet“ werden. [Quellen: GÖD, BMF auf Selektiv-Anfrage]
🇦🇹 Gesundheitssystem: Doskozil gegen Finanzierung aus einer Hand. In einem offenen Brief an Bund, Länder und zuständige Entscheidungsträger präsentiert der burgenländische Landeshauptmann Hans Peter Doskozil einen Vorschlag für die künftige Organisation des Gesundheitssystems. Demnach sollen spezialisierte und komplexe Leistungen in einigen Universitätskliniken als „reine Bundesspitäler“ bereitgestellt werden, während die regionale Versorgung bei den Ländern verbleibt. Dieser Neuordnung entsprechend müssten der hochspezialisierte Bereich vom Bund und regionale Einrichtungen von den Ländern finanziert werden. Das Gesundheitswesen brauche weder vollständige Zentralisierung noch künstliche Zuständigkeitsgrenzen. An einer überregionalen Kooperation werde sich Doskozil nur beteiligen, „wo sie sinnvoll ist“. Etwa bei der Patientensteuerung oder im Einkauf. [Quelle: Offener Brief]
🇪🇺 Industrie in der Eurozone verliert an Schwung. Der Einkaufsmanagerindex von S&P Global ist im Mai um 0,6 Zähler auf 51,6 Punkte gesunken, liegt damit aber noch im Wachstumsbereich. „Obwohl die Industrieunternehmen im Euroraum im Mai den 4. Monat in Folge Wachstum verzeichneten, hatte der Sektor unter der zunehmenden Belastung durch steigende Preise und Lieferstörungen infolge des Krieges im Nahen Osten zu leiden“, so S&P-Chefökonom Chris Williamson. Die Einkaufspreise verzeichneten den stärksten Anstieg seit 4 Jahren, die Verkaufspreise stiegen so stark wie seit 3,5 Jahren nicht mehr. Der Einkaufsmanagerindex für Deutschland zeigt mit einem Indexstand von 50,1 „praktisch eine Stagnation“. [Quelle: S&P Global – Eurozone, Deutschland]
🇪🇺 Gefühlte Inflation gestiegen. Im April schätzten die Verbraucher der Eurozone die Inflation der vergangenen 12 Monate auf 4,0 % und damit um 0,5 Prozentpunkte höher als im März. Die Inflationserwartungen für die kommenden 12 Monate bleiben mit 4,0 % unverändert. Weiters erwarten die Verbraucher in den nächsten 12 Monaten langsamer wachsende Einkommen bei gleichzeitig stärker steigenden Ausgaben. [Quelle: EZB]
🇪🇺 Fast jedes zweite KMU in der EU findet keine geeigneten Fachkräfte. Laut einer neuen Eurobarometer-Erhebung kämpfen 46 % der europäischen Klein- und Mittelbetriebe mit Besetzungsproblemen. 14 % haben versucht, Personal aus Drittstaaten zu rekrutieren. Davon beschrieben 54 % den Prozess als schwierig. Größte Hürden: Bürokratie und Einwanderungsverfahren (31 %), gefolgt von der Kandidatensuche (25 %) und Sprachbarrieren (24 %). EU-Innenkommissar Magnus Brunner: „Wir müssen die Verfahren durch Digitalisierung, weniger Bürokratie und reibungslosere Übergänge vom Studium ins Berufsleben oder in die Selbstständigkeit vereinfachen und beschleunigen.“ [Quelle: EU-Kommission]
🇪🇺 🇦🇹 EU-Startup-Scoreboard: Österreich auf Platz 10 mit Abwärtstrend. Die EU-Kommission stuft Österreich im ersten European Startup and Scaleup Scoreboard als „High-performing“-Land ein, mit 113,8 % des EU-Schnitts auf Rang 10 unter den 27 Mitgliedstaaten. Österreich erreichte seinen Höchststand 2023 und ist seitdem rückläufig. Stärken liegen laut Scoreboard bei Infrastruktur und Netzwerken sowie beim Talentbereich; beim Indikator „Gründungskosten“ liegt Österreich deutlich unter dem EU-Schnitt. EU-weit führen Estland, Schweden, Finnland, die Niederlande und Dänemark das Ranking an. Als politische Konsequenz plant die Kommission u. a. den European Innovation Act und das EU-Inc.-Regime. [Quelle: EU-Kommission | Service: Zum Scoreboard]
🇷🇺 Russland verbietet Kerosin-Exporte. Russland verhängt bis 30. November ein vorübergehendes Exportverbot für Kerosin. Das soll „eine zuverlässige und unterbrechungsfreie Versorgung des heimischen Marktes mit Kraftstoffen sicherzustellen“. Ausländische Flugzeuge, die in Russland landen oder für den Weiterflug tanken wollen, sind von dem Verbot ausgenommen. [Quelle: Russische Regierung – Statement, Verordnung; Reuters]
🇨🇳 🌐 China führend bei Industriesubventionen. Die globalen staatlichen Subventionen für Industriebetriebe haben mit 108 Mrd. Dollar das zweithöchste Niveau seit dem bisherigen Höchststand nach der weltweiten Finanzkrise 2009 erreicht. Chinesische Unternehmen erhalten dabei im Schnitt 3 bis 8 Mal stärkere staatliche Unterstützung als Unternehmen in den OECD-Ländern. „Umfangreiche und anhaltende Industriesubventionen können globale Märkte verzerren, unfaire Wettbewerbsvorteile schaffen und auf der Angebotsseite zu Überkapazitäten beitragen“, so OECD-Generalsekretär Mathias Cormann. [Quelle: OECD – Aussendung, Report]
Selektive Agenda:
Heute, Nikosia, Zypern: Informeller Rat der EU-Kulturminister
Heute, Wien: 7. Runde der KV-Verhandlungen Chemische Industrie
9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht Schnellschätzung des Verbraucherpreisindex im Mai – 11:00 Uhr: EU-Daten von Eurostat
9:00 Uhr, Wien: Finanzmarktaufsicht veröffentlicht ihren Jahresbericht 2025
10:00 Uhr, Wien: Bank Austria veröffentlicht Bericht „Zwischen Dynamik und anhaltenden Problemfeldern – Wirtschaftsentwicklung in den Bundesländern 2025 und 2026“
Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️
Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.
Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.
Selektives Networking:
Jobwechsel und Karriereschritte: Marlies Steiner wird Head of Talent, Team & Culture bei CELUM. Martina Andexlinger übernimmt mit 1. Juni 2026 die Leitung des Bereichs Versicherungs-, Pensionskassen- und Vorsorgekassenaufsicht bei der österreichischen Finanzmarktaufsicht. Franz Stenitzer ist neuer Partner bei Deloitte. Stefan Pölzl wird Partner bei Pure Investments. Jürgen Partaj übernimmt Geschäftsführung von Basis.Kultur.Wien.
Geburtstage: Wir gratulieren Helga Rabl-Stadler und Andrea Reithmayer zum Geburtstag.
Sehen & gesehen werden:
18:00 Uhr, Wien: Sommerempfang des Wiener Erzbischofs Grünwidl für Vertreter aus Medien, Wirtschaft und Kultur im Erzbischöflichen Palais [invite only]
18:00 Uhr, Wien: Neos Lab lädt zum öffentlichen Hearing für Bewerber als ORF-Generaldirektor ins Funkhaus [Info]
18:00 Uhr, Wien: Kaiserschild Lectures der Uni Wien – Podiumsdiskussion zum Thema „Verurteilt zur Innovation? Wie ein Blick in die Geschichte als Kompass für eine überforderte Gegenwart dienen kann“ mit Philipp Blom, Florian Bettel, Lena Marie Glaser [Info]