Morning in Brief ・ 29.07.2026

Morning in Brief, 29. Juli 2026

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Driss Schmid, Yannic Haimeder und Maximilian Kern – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 Insolvenz-Entgelt-Fonds: Finanzierungslücke sorgt für Debatte. Ausgelöst durch mehrere Großinsolvenzen sollen die Rücklagen des Insolvenz-Entgelt-Fonds wie berichtet bis Jahresende von 385 Mio. auf rund 30 Mio. Euro sinken. Für 2027 rechnet das Arbeitsministerium mit Auszahlungen von 350 Mio. Euro, denen 162 Mio. Euro an Einnahmen gegenüberstehen – Folge des 2022 von 0,2 auf 0,1 % halbierten Arbeitgeberbeitrags (IESG-Zuschlag). Angesichts der Lücke fordern AK und ÖGB eine Erhöhung des Zuschlags, der mit den Lohnnebenkosten eingehoben wird. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer lehnt eine Gegenfinanzierung über höhere Lohnnebenkosten hingegen ab: Der beste Insolvenzschutz sei eine wettbewerbsfähige Wirtschaft. Die IV warnt vor einem Schaden für die Wettbewerbsfähigkeit sowie negativen Folgen für die Beschäftigung. Die WKÖ schlägt vor, alternative Finanzierungsmodelle zu prüfen. [Quellen: ÖGB, AK, IV, WKÖ | Reaktion: ÖGK, FW]

Kommentar: Der Pleitefonds ist pleite – wer zahlt nun die Rechnung?
von Carmen Treml

Die Absurdität lässt sich kaum überbieten. Jene Einrichtung, die Arbeitnehmer vor den Folgen einer Unternehmensinsolvenz schützen soll, ist angesichts der anhaltenden Pleitewelle selbst nicht mehr ausreichend gerüstet. Bereits 2027 dürften rund 160 Millionen Euro fehlen. Der Fall zeigt lehrbuchmäßig, was passiert, wenn Sozialpolitik nach Kassasturz statt nach Systemlogik gemacht wird. Und er schürt Sorgen, dass die Lohnnebenkosten nun erst wieder steigen könnten. 

💡 Trotz mehr Aktien: Österreicher bleiben risikoavers. Die aktuelle Debatte um die Behaltefrist rückt auch die Frage ins Zentrum, wie Österreicher ihr Geld anlegen. Die Zusammensetzung des Geldvermögens der heimischen Haushalte hat sich zwischen 2019 und 2025 verschoben. Aktien und sonstige Beteiligungen stiegen von 25 % auf 30 % und sind damit 2025 die größte Einzelkategorie. Investmentfonds legten von 9 % auf 12 % zu, Schuldverschreibungen blieben bei 4 %. Trotzdem bleiben Bargeld und Sichteinlagen mit 24 % (2019: 26 %) sowie Einlagen mit vereinbarter Laufzeit mit 13 % (2019: 14 %) zusammen die größte Anlagekategorie des Geldvermögens, mit 37 % Anteil 2025. Damit liegt weiterhin deutlich mehr als ein Drittel des Geldvermögens in liquiden, gering verzinsten Einlagen statt in Wertpapieren. Laut OeNB bestätigt das einen weiterhin risikoaversen Anlagestil der heimischen Haushalte. Versicherungstechnische Rückstellungen gingen von 12 % auf 7 % zurück, betriebliche Altersvorsorge blieb bei 8 %, übriges Geldvermögen bei 2 % konstant. Die Werte beziehen sich ausschließlich auf das Geldvermögen der privaten Haushalte, Sachvermögen wie Immobilien ist darin nicht enthalten. [Quelle: OeNB | Grafik: Stanislaus Ruhaltinger]

Alle Grafiken von Selektiv 📈

Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.

Der Link wechselt jeden Freitag.

🇦🇹 SPÖ gegen Wiedereinführung der Behaltefrist. Die SPÖ spricht sich gegen eine Wiedereinführung der Behaltefrist für Aktien aus. Aus Sicht der Partei würden von einer Senkung oder Befreiung von der Kapitalertragsteuer in Höhe von 27,5 % beim Verkauf von Aktien „nur sehr wenige“ profitieren. Zudem würden dem Staat dadurch Einnahmen entgehen. „Das machen wir nicht“, erklärte ein Sprecher des SPÖ-Parlamentsklubs der APA. Den Vorschlag zur Wiedereinführung der Behaltefrist hatte Finanzstaatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl eingebracht, um die private Altersvorsorge sowie den Kapitalmarkt zu stärken. Auch Bundeskanzler Christian Stocker sprach sich im Selektiv-Interview für die Wiedereinführung der Behaltefrist aus. [Quellen: APA via Medienberichte, Stocker-Interview | Grafik: Geldanlage: Sparbuch schlägt Aktie | Kommentar: Die Behaltefrist in der Echokammer]

🇦🇹 Wehrpflichtreform noch nicht budgetiert. Die Mehrkosten des gewählten Wehrpflichtmodells sind im Budget noch nicht eingeplant und schlagen mit rund 200 bis 250 Mio. Euro zu Buche. Wie die Krone berichtet, könnten die Kosten auch viel höher liegen, von bis zu 400 Mio. Euro ist die Rede. Verteidigungsministerin Klaudia Tanner forderte gestern, dass diese Kosten nicht zulasten der Investitionen des Bundesheeres gehen dürfen. Tanner bezeichnet die Einigung auf die Reform der Wehrpflicht als „äußerst schwere Geburt“. Die Argumentation von SPÖ und Neos sei aus ihrer Sicht nicht sachlich, sondern ausschließlich parteipolitisch motiviert gewesen. Zwar sei nicht das von der ÖVP bevorzugte und von der Wehrdienstkommission empfohlene „8+2“-Modell umgesetzt worden, dennoch zeigt sich Tanner zufrieden, dass letztlich eine Lösung gefunden wurde, die sich an einem Vorschlag der Wehrdienstkommission orientiert. Auch der Vorsitzende der Wehrdienstkommission, Erwin Hameseder, zeigt sich mit dem erzielten Kompromiss „nicht ganz zufrieden“. Dennoch sei das Bundesheer damit „so weit wie noch nie“. Mit dem gewählten Modell seien die militärischen Ziele des Aufbauplans 2032+ zwar schwieriger, aber weiterhin erreichbar. Hameseder geht zudem davon aus, dass der Zivildienst künftig dauerhaft auf 11 Monate verlängert werde, da trotz neuer Anreize bei unveränderter Zivildienstdauer mit zu wenigen Grundwehrdienern zu rechnen sei. [Quellen: Krone, Ö1-Morgenjournal, APA via Medienberichte]

🇦🇹 Studie: Verteidigungsinvestitionen bergen Potenzial für 75.000 neue Jobs. Nicht nur Nato-Mitgliedsstaaten, sondern auch Nicht-Nato-Staaten wie Österreich werden ihre Verteidigungsausgaben in den kommenden Jahren erhöhen. Diese umfassen neben direkten Ausgaben für die Landesverteidigung auch Investitionen etwa in Verkehrsinfrastruktur sowie Cyber- und Netzwerksicherheit. Berechnungen von EY zufolge besteht in Österreich in den nächsten 10 Jahren ein jährlicher Investitionsbedarf von 7,5 Mrd. Euro. Diese Investitionen könnten den Produktionswert in Österreich um 17 Mrd. Euro erhöhen und 75.000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Für die europäischen Nato-Staaten werden im selben Zeitraum jährliche Investitionen von insgesamt 320 Mrd. Euro erwartet. Dadurch könnte die Produktion um 822 Mrd. Euro steigen und 4,4 Mio. zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Besonders wichtig seien dabei öffentlich-private Investitionsmodelle in den Bereichen Energie, Netze, Logistik und Kommunikation. [Quelle: EY]

🇦🇹 Mehr Mindestsicherungsbezieher 2025 – drei Viertel in Wien. 2025 bezogen in Österreich 221.600 Menschen die Mindestsicherung. Das sind 15.819 Bezieher mehr als 2024. 43 % davon waren laut Integrationsfonds Flüchtlinge oder subsidiär Schutzberechtigte. Drei Viertel der Mindestsicherungsbezieher bzw. 166.200 lebten in Wien. Im Burgenland leben mit rund 886 Beziehern die wenigsten Mindestsicherungsbezieher im Bundesländervergleich. Die Arbeitslosigkeit unter Flüchtlingen und subsidiär Schutzberechtigten sank bis Juni 2026 im Jahresabstand um rund 7.000 Personen auf rund 37.000. [Quellen: ÖIF, Statistik Austria]

🇦🇹 IT, Beratung und Buchhaltung wuchsen 2025 kräftig. Die Branchen Unternehmensberatung, Buchhaltung und IT (UBIT) haben 2025 in Österreich trotz schwacher Gesamtkonjunktur zugelegt. Der Umsatz stieg laut WKÖ um 7 % auf 58,07 Mrd. Euro, die Exporterlöse legten um 13,5 % auf 12,08 Mrd. Euro zu Den größten Anteil trug die Informationstechnologie mit 44,31 Mrd. Euro (+7,5 %), gefolgt von der Unternehmensberatung mit 9,8 Mrd. Euro (+5 %) und der Buchhaltung mit 3,96 Mrd. Euro (+6,2 %). Stark verbreitet ist der Einsatz Künstlicher Intelligenz, mit der sich rund 3 von 4 Unternehmen (76 %) aktiv befassen und knapp die Hälfte (47 %) bereits einsetzen. [Quelle: WKÖ]

🇦🇹 🇪🇺 Österreich beantragt letzte Tranche aus EU-Aufbaufonds. Österreich hat den letzten Zahlungsantrag im Rahmen der EU-Aufbau- und Resilienzfazilität eingereicht. Nach der Genehmigung der noch ausstehenden 300 Mio. Euro wird Österreich insgesamt rund 4 Mrd. Euro aus dem EU-Aufbaufonds erhalten haben. Nach Angaben des Finanzministeriums gehört Österreich zu den ersten EU-Mitgliedstaaten, die alle 171 Zielvorgaben erfüllt haben. Die Mittel flossen v. a. in Reformen und Investitionen in den Bereichen Nachhaltigkeit und Digitalisierung. EU-weit müssen die noch offenen Zielvorgaben bis Ende August 2026 umgesetzt und die letzten Zahlungsanträge bis Ende September eingereicht werden. Insgesamt umfasst die Aufbau- und Resilienzfazilität bis zu 672,5 Mrd. Euro an Zuschüssen und Darlehen. [Quelle: APA via Medienberichte | Service: Recovery and Resilience Scoreboard]

🇩🇪 Deutsche Exporterwartungen legten im Juli leicht zu. Die Exporterwartungen der deutschen Unternehmen haben sich im Juli leicht verbessert, bleiben jedoch negativ. Der entsprechende Ifo-Index stieg von -3,6 Punkten im Juni auf -3,3 Punkte. Die Unternehmen hofften auf stärkere Impulse aus den internationalen Märkten, erklärte Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen. Während die Hersteller elektrischer Ausrüstungen und Getränkeproduzenten zuversichtlich sind und auch im Maschinenbau sowie bei den Nahrungsmittelherstellern der Optimismus zurückkehrt, erwarten die Hersteller elektronischer und optischer Erzeugnisse sowie von Metallwaren rückläufige Exportumsätze. In der Autoindustrie blieben die Exporterwartungen trotz einer leichten Aufhellung im negativen Bereich. [Quelle: Ifo-Institut]

🇩🇪 Arbeitskräfte aus neuen EU-Ländern wandern ab. In Deutschland hat sich die Migration aus den neuen, überwiegend mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten umgekehrt. 2025 verließen 45.000 Menschen mehr das Land in Richtung dieser Staaten, als von dort zuzogen. Das zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Zusammen mit stark gesunkenen Asylzahlen fiel die Nettozuwanderung 2025 mit 235.000 Personen auf den niedrigsten Stand seit 2010. Als Warnsignal wertet das IW die steigende Abwanderung Deutscher, die seit 2023 um 30 % auf fast 100.000 Personen zugenommen hat. [Quelle: IW]

🇩🇪 Deutsche Bundesbank prognostiziert BIP-Wachstum im 2. Quartal. Die deutsche Zentralbank rechnet in ihrem Konjunkturbericht vom Juli mit einem leichten Anstieg des saisonbereinigten BIP im 2. Quartal. Ausschlaggebend dafür seien eine robuste Industriekonjunktur mit steigenden Exporten, stabile Konsumausgaben sowie eine stützende Fiskalpolitik. Temporäre Effekte wie schwächere Importe und höhere Exporte aufgrund von Lieferengpässen bei internationalen Wettbewerbern hätten die Entwicklung zusätzlich begünstigt. [Quelle: Deutsche Bundesbank]

🇺🇸 Heute entscheidet die Fed über ihren Leitzins. Die US-Notenbank veröffentlicht heute um 20 Uhr ihren Zinsentscheid. Um 20:30 Uhr folgt eine Pressekonferenz mit dem Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh. Die Leitzinsen der Fed wurden zuletzt im Juni unverändert in einer Spanne von 3,5 bis 3,75 % belassen. US-Präsident Donald Trump sprach sich am Montag für eine Zinssenkung aus. [Quellen: Fed – Zinsentscheid Juni, Reuters]

Selektive Agenda:

9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht die Konjunkturstatistik (Industrie und Bau) für April

9:30 Uhr, Wien: Zivildienstministerin Claudia Bauer veröffentlicht „Die neuesten Zahlen und aktuelle Entwicklungen im Zivildienst“

10:00 Uhr, Wien: Bundeskanzler Stocker empfängt Premierminister des Großherzogtums Luxemburg Frieden

10:00 Uhr, Wien: UniCredit Bank Austria veröffentlicht den Einkaufsmanagerindex für Juli

10:30 Uhr, Wien: Ärztekammer veröffentlicht die Ärztestatistik

20:00 Uhr, Washington, USA: Zinsbeschluss US-Notenbank Fed (Pressekonferenz um 20:30 Uhr)

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Philipp Rainer wird ab dem 1. Oktober Vorstand International von Swietelsky. 

Geburtstage: Wir gratulieren Hannes Gschwentner und Walter Rosenkranz zum Geburtstag.

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