Guten Morgen Österreich!
Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing am Wochenende! Heute zusammengestellt und editiert von Sara Grasel, Stephan Frank, Maximilian Kern und Yannic Haimeder – wir melden uns aus Wien.
Editor’s Note: Der eigentliche Gewinner des neuen Strompreisdeckels
von Sara Grasel
Für den Herbst hat sich die Regierung offenbar vorgenommen, den Staat als Retter zu stärken, ohne den wir alle hoffnungslos verloren wären. Egal, ob es das Risiko von Ernteausfällen durch Extremwetterereignisse ist oder geopolitische Verwerfungen, die die Gaspreise steigen lassen – staatliche Eingriffe sollen es wieder richten. Hoher Verwaltungsaufwand, verzerrte Preissignale, Geld aus der Gießkanne? Papperlapapp.
Der Energiekrisenmechanismus ist ein wunderbares Beispiel. Die Energiepreise im Großhandel ziehen gerade an. Also will man als Helikopter-Sozialist reagieren, bevor daraus eine handfeste Krise werden kann und ebnet jetzt den Weg für staatliche Eingriffe im Fall der Fälle. Man will ja bereit sein, wenn der Markt mal wieder funktioniert wie er sollte. Der Krisenmechanismus Österreichs definiert daher sicherheitshalber Energiekrisen anders als die EU – bei uns reichen Großhandelspreise, die drei Monate lang über 165 Euro pro Megawattstunde liegen. Die EU findet, dass es erst ab sechs Monaten mit Preisen über 180 Euro pro MWh eine Krise ist. 2022 lagen die Preise übrigens teilweise über 300 Euro mit Spitzen von bis zu 1000 Euro.
Wenn diese „Krise“ die Haushaltskundenpreise erreicht, werden letztere gedeckelt und zwar gießkannenartig für alle. Die Preise werden dadurch natürlich nicht wirklich niedriger – sie werden nur zum Teil mit dem Geld von wem anderen bezahlt und zwar in dem Fall von den Energieversorgern. Der Krisenmechanismus verschiebt also die Kosten und ist keine strukturelle Lösung für die Ursachen der hohen Energiepreise. Er schwächt Marktsignale – höherer Preis, niedrigerer Verbrauch –, und er schwächt den Wettbewerb. Müßig zu sagen, dass eine gezielte Hilfe für einkommensschwache Haushalte treffsicherer wäre, ohne den Markt antasten zu müssen.
Die SPÖ will es offenbar nicht wahrhaben, aber auch politisch sind diese Markteingriffe wirklich schwierig. Die bisherigen Markteingriffe haben den Roten keine zusätzlichen Wählerstimmen gebracht, wie die Umfragen zeigen. Warum? Weil sie bei allen Nachteilen, die sie mit sich bringen, noch dazu kaum spürbare Entlastung bringen – das gilt für die Margenbegrenzung bei den Spritpreisen genauso wie für die Mehrwertsteuersenkung. Auch bei den Strompreisen ist das zu erwarten, denn sie machen nur rund zwei Prozent des Gesamtwarenkorbs aus. Gleichzeitig werden sich die Großhandelspreise vielleicht erst in einem Jahr auf die Haushaltspreise durchschlagen und wehe der SPÖ, wenn der Mechanismus dann vielleicht knapp nicht auslöst.
Der Energiekrisenmechanismus wird der SPÖ also keine Lorbeeren bringen und das Problem hoher Energiepreise strukturell nicht lösen. Einen Gewinner gibt es trotzdem: Dank der dafür notwendigen Zweidrittelmehrheit haben die Grünen als Schatten-Koalitionspartner wahrscheinlich wieder einen Wunsch frei.
Schreiben Sie mir: sara.grasel@selektiv.at
News – was Sie seit dieser Woche wissen müssen:
🇦🇹 🌐 Energiepreis-Update – Woche der Rekorde. Der richtungsweisende Gas-Terminkontrakt (TTF) für Lieferung im Oktober stieg am Montag auf 83,75 Euro je MWh, den höchsten Stand seit Ende 2022. Seitdem ist der Preis jedoch um 6 % auf 78,52 Euro gesunken. Weiterhin auf Rekordniveau ist der Dieselpreis – gestern kostete ein Liter Diesel in Österreich 2,279 Euro und damit so viel wie noch nie zuvor. Der Benzinpreis lag mit 1,949 Euro 15 Cent unter seinem Höchstwert von 2,099 Euro im Juni 2022. Der Ölpreis ist im Wochenverlauf leicht gesunken, bleibt mit 103,3 US-Dollar pro Barrel aber weiterhin über der 100-Dollar-Marke. Angesichts steigender Treibstoffpreise fordert die WKÖ-Bundessparte Transport und Verkehr Entlastungsmaßnahmen, auch Bus- und Taxibranche sehen sich „massiv unter Druck“. Beim EU-Treffen der Finanzminister in Dublin gab es am Freitag eine Absage für eine „Übergewinnsteuer“, für die sich auch Finanzminister Markus Marterbauer einsetzte. Die Krone erfuhr aus dem Finanzministerium aber, dass die aktuelle Steuerrückvergütung im Zuge der Spritpreisbremse im Oktober von derzeit 1,9 Cent pro Liter erhöht werden könnte. In Deutschland hat sich die Regierung auf die Rückkehr des Tankrabatts – eine Steuersenkung – von 17 Cent pro Liter geeinigt, der vielleicht schon ab Oktober gelten soll und auf einen Spritpreisdeckel als temporäres Kriseninstrument ab 2027. [Quellen: Spritpreise, Ölpreis, Gaspreis, ÖAMTC, Ecofin | Reaktionen: WKÖ/Bundessparte, WKÖ/Bus, WKÖ/Taxi, WK Steiermark | Grafik: Dieselpreis auf Rekordhoch]
🇦🇹 Klimagesetz in Begutachtung, 2040er-Ziel reines Bekenntnis. Das Umweltministerium hat das nationale Klimagesetz am Freitag in die Begutachtung geschickt. Umweltminister Norbert Totschnig (ÖVP) bezeichnete es als „Governance Gesetz“, das einen langfristigen gesetzlichen Rahmen vorgibt. Der Klimafahrplan, der die tatsächlichen Maßnahmen bis zur Klimaneutralität 2040 und indikativen Reduktionsziele vorgibt, soll bis Ende 2027 ausgearbeitet werden. Weiters wird ein Korrekturmechanismus etabliert, falls von den jährlichen Zwischenzielen abgewichen wird. Dafür werden jährliche Höchst-Emissionsgrenzen bis ins Jahr 2030 festgelegt, die weiteren Ziele bis 2040 werden später definiert, so SPÖ-Umweltsprecherin Julia Herr. Neos-Umweltsprecher Michael Bernhard stellte bei der Präsentation des Gesetzes nochmals klar, dass für Industrie- und Energieunternehmen, die bereits vom europäischen Emissionshandelssystem (ETS I) erfasst sind, weiterhin das minus-90-%-Ziel bis 2040 gilt. Für alle Bereiche außerhalb des ETS-I-Regimes gilt minus 100 % bis 2040. „Die Industrie ist gar nicht von diesem Gesetz erfasst“, so Bernhard. Auch Warnungen vor der Verteuerung von Energieproduktion würden nicht zutreffen, da diese nicht vom nationalen Klimagesetz betroffen sei. Die Klimaneutralität 2040, die auch in anderen Gesetzen wie im EABG festgehalten ist, habe im Klimagesetz rein „deklaratorischen Charakter“ und sei nicht subjektiv einklagbar, so Umweltminister Norbert Totschnig. In der ZIB2 bekräftigte er, dass es sich um ein reines Bekenntnis handle. [Quelle: BMLUK – Pressekonferenz, Aussendung,| Reaktionen: ÖVP, FPÖ/Spalt, FPÖ/Hammerl, Die Grünen, IV, WKÖ/Danninger, WKÖ/Menz, WB]
💡 Österreichs Industrie bleibt pessimistisch. Das Geschäftsklima der Industrie in Österreich liegt weiterhin deutlich im negativen Bereich. Der Indikator der Europäischen Kommission steht im August 2026 bei −8,7 Punkten, gegenüber −6,0 im EU-27-Durchschnitt. Damit liegt Österreich im hinteren Drittel der erfassten Länder, nur Deutschland, Luxemburg, Slowakei, Polen, Belgien und Dänemark schneiden noch schlechter ab. Spitzenreiter ist Irland mit +9,9 Punkten. Immerhin: Gegenüber Juli (−9,4) hat sich die Stimmung bereits den zweiten Monat in Folge leicht aufgehellt. Der Index misst den Saldo aus positiven und negativen Antworten von Unternehmen zu Produktion, Auftragsbestand und Lagerbeständen. [Quelle: Eurostat | Grafik von Stanislaus Ruhaltinger]

Alle Grafiken von Selektiv 📈
Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.
Der Link wechselt jeden Freitag.
🇦🇹 Gesetzesvorschläge für Industriestrompreis und SAG+ in Begutachtung. Ab dem 1. Jänner 2027 sollen der Industriestrompreis und das Standortabsicherungsgesetz + (SAG+) die Stromkosten energieintensiver Betriebe senken. Dafür sind zwischen 2027 und 2029 insgesamt 750 Mio. Euro an Subventionen vorgesehen, 250 Mio. pro Jahr. Der Industriestrompreis umfasst jährlich 75 Mio. Euro und kann von Unternehmen mit einem Stromverbrauch von über 1 Gigawattstunde pro Jahr beantragt werden. Rund 400 energieintensive Betriebe kommen dafür potenziell infrage. Für bis zu 50 % ihres Stromverbrauchs können diese ihre Kosten auf bis zu 5 Cent pro kWh reduzieren. Das SAG+ erweitert die Rückvergütung von EU-Emissionshandelskosten von rund 60 auf in Zukunft rund 120 Betriebe. Zusammen sollen beide Instrumente über 500 Unternehmen erreichen. Beide Förderungen sind an Bedingungen geknüpft: 50 % der Subvention muss in Energieeffizienz oder Dekarbonisierung reinvestiert werden, zudem gilt ein „Made in Europe“-Bekenntnis. Betriebe mit einem Fördervolumen ab 2 Mio. Euro jährlich müssen 90 % ihres Personalstandes halten, andernfalls wird die Förderung anteilig gekürzt. [Quellen: Ministerrat – Pressefoyer, Übersicht, BMWET, Gesetzesentwurf| Reaktionen: ÖVP, SPÖ, FPÖ, IV, WKÖ, ÖGB, AK]
💡 Strompreisbremse kehrt als „Energiepreis-Krisenmechanismus“ zurück. Die Bundesregierung hat das Gesetz zum bereits Ende Mai verkündeten Energiepreis-Krisenmechanismus in Begutachtung geschickt. Liegt der Großhandelspreis im Sechsmonatsdurchschnitt drei Monate in Folge über 165 Euro/MWh und der durchschnittliche Netto-Energiepreis für Haushalte über 16,5 ct/kWh, wird der Strompreis für Haushalte auf 10 ct/kWh gedeckelt (bis 2.900 kWh Jahresverbrauch). Der Großhandelspreis für September liegt bei 147,17 Euro/MWh, der durchschnittliche Endkundenpreis für Haushalte bei 13,88 Cent/kWh – beide Werte befinden somit noch unter der Krisenschwelle. Mit 23,79 ct/kWh erreichte der Strompreis im Frühjahr 2023 seinen bisherigen Höchststand, seit Jahresbeginn 2026 stagniert der Endkundenpreis bei rund 14 ct/kWh, wie Selektiv exklusiv vorliegende Daten der E-Control zeigen. Der Verband der E-Wirtschaft sieht den Mechanismus kritisch, rechnet aber auch nicht damit, dass er im kommenden Winter zur Anwendung kommt. Man werde sich den Gesetzesentwurf für den Krisenmechanismus genau ansehen und sich einbringen, sagte Generalsekretärin Barbara Schmidt gestern am Energiekongress. Der Markt funktioniere, betonte sie – bei Eingriffen sei immer Vorsicht geboten. „Ich rechne nicht damit, dass die Endkundenpreise im heurigen Winter großflächig die Krisenschwelle erreichen werden“, erklärte Michael Baminger, Präsident von Oesterreichs Energie, im Selektiv-Interview. [Quellen: Pressefoyer nach Ministerrat, BKA, E-Control auf Selektiv-Anfrage, Baminger zu Selektiv | Grafik von Stephan Frank]

🇦🇹 Lohntransparenzrichtlinie laut WKÖ-Chefin „nicht durchführbar“. Die in Österreich umzusetzende EU-Lohntransparenzrichtlinie ist aus Sicht von WKÖ-Präsidentin Martha Schultz „so gut wie nicht durchführbar“. Das Schließen der Lohnlücke zwischen Männern und Frauen solle über die Kollektivverträge geregelt werden. Der Gesetzesentwurf von Sozialministerin Korinna Schumann wurde vor über 100 Tagen vorgelegt, laut APA sollen die Sozialpartner die Verhandlungen dazu wieder aufgenommen haben. Die Industriellenvereinigung pochte erneut auf ein „Stop-the-Clock“-Verfahren und eine Überarbeitung auf EU-Ebene. Das dürfte schwierig werden, obwohl nur 3 Länder die Richtlinie fristgerecht umgesetzt haben. Eine Änderung auf EU-Ebene wäre laut dem EU-Experten Paul Schmidt „kein leichtes Unterfangen“. Der Druck auf die EU-Kommission müsste von einer größeren Gruppe an EU-Ländern kommen. Neben einer Initiative der EU-Kommission bräuchte es zudem Mehrheiten im Rat sowie im EU-Parlament. Die Kommission zeigt sich bisher ablehnend. Die zuständige EU-Kommissarin Hadja Lahbib hatte den „Stop-the-Clock“-Mechanismus im Mai ausgeschlossen. [Quellen: APA via Medienberichte, Ö1 Journal zu Gast, IV, Schmidt auf Selektiv-Anfrage, EU-Kommission | Grafik: Lohntransparenz – Gut gemeint ist nicht gut gemacht]
🇦🇹 Wifo wird Konjunkturprognose senken. Wifo-Chef Gabriel Felbermayr kündigte in der ORF-Pressestunde an, dass das Wifo seine Wachstumsprognose für 2026 (zuletzt 0,9 %) im Oktober voraussichtlich leicht senken wird, da sich die erwartete Belebung im 3. und 4. Quartal nicht einstelle. Die OeNB-Prognose von 0,5 % hält er allerdings für „zu pessimistisch“, da die Frühindikatoren, wie u. a. das Industriewachstum oder der Einkaufsmanagerindex, nicht schlecht aussehen würden. Das Kernproblem sei das geringe Produktivitätswachstum, eine Strukturreform werde „langsam dringend“. Bei der Inflation rechnet Felbermayr mit einer Jahresinflation von über 3,2 % und hält die OeNB-Erwartung von 3 % für „zu vorsichtig“. Demnach würde auch die jüngste EZB-Zinserhöhung nicht reichen, höhere Zinsen seien leider notwendig. [Quelle: ORF-Pressestunde | Reaktion: ÖGB | Interview: Felbermayr – „Die Trendwende bahnt sich an“]
🇦🇹 Netzgebührenbefreiung für Stromspeicher am Prüfstand. Die E-Control arbeitet derzeit an einer neuen Grundsatzverordnung für die Systemnutzungsentgelte, die ab Jänner 2027 die Gebühren für die Nutzung von Stromnetzen neu regeln soll. Die Begutachtung dafür lief bis 24. Juli, am Montag gibt es wieder einen Abstimmungstermin der E-Control u. a. mit Energieversorgern und dem Ministerium. Dabei sind die geplanten Regeln für Stromspeicher ein strittiger Punkt. Sie sollen nur dann von den Gebühren befreit sein, wenn sie netzdienlich sind und dafür sind die Kriterien eng gesteckt. Barbara Schmidt, die Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, bezeichnete den Entwurf am Oesterreichs Energie Kongress als „nicht optimal“. Es sei kein Anreiz da, Speicher zu errichten. „Wir brauchen hier bessere Rahmenbedingungen und sind sehr zuversichtlich, dass die E-Control uns hört“, so Schmidt. Im Entwurf gäbe es bereits 8 bis 9 Säulen für den systemdienlichen Betrieb, wo Speicher berücksichtigt sind – u. a. eine tarifmäßige Reduktion von 75 % für integrierte Speicher, erklärte E-Control-Vorstand Alfons Haber ebenfalls am Energiekongress. „Es gibt sehr wohl viele Anreize, hier zu investieren“, so Haber. Dass mit dem derzeitigen Entwurf Speicher verhindert würden, stimme nicht. Würde man Batteriespeicher für 20 Jahre gänzlich von Netzkosten befreien, müssten Haushalte und Industriekunden diese Kosten tragen und somit die Gesamtenergiekosten steigen, so Haber. [Quelle: Selektiv | Info: Energiekongress-Briefing | Service: Begutachtungsentwurf, Stellungnahmen]
🇦🇹 Studie identifiziert Steuersystem als Grund für sinkende Wettbewerbsfähigkeit. Drei Viertel der österreichischen Führungskräfte bewerten das heimische Steuersystem im europäischen Vergleich als herausfordernd und sehen darin den Hauptgrund für den Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit. Das zeigt eine Studie von Deloitte, für die rund 300 Führungskräfte befragt wurden. Strukturelle Nachteile wie hohe Steuern, Abgaben und Bürokratie werden dabei kritischer bewertet als aktuelle globale Entwicklungen. Drei Viertel empfinden die steuerlichen Regelungen als zu komplex, 62 % nennen Lohnabgaben als Problem, mehr als die Hälfte sieht die Planbarkeit durch häufige Gesetzesänderungen und Diskussionen über neue Steuern beeinträchtigt. Gefordert wird eine allgemeine Steuerentlastung, niedrigere Lohnabgaben und investitionsfreundlichere Rahmenbedingungen. [Quellen: Deloitte – Aussendung, Studie | Grafik: Österreich verliert an Wettbewerbsfähigkeit | Interview: IMD-Präsident – „Wir haben nach der Eurokrise wichtige Chancen verpasst“]
🇪🇺 🇨🇦 Kanada soll das erste „assoziierte EU-Mitglied“ werden. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat Kanada eingeladen, das erste assoziierte Mitglied der EU zu werden. Der Status der assoziierten Mitgliedschaft ist bisher nicht definiert, die Details somit noch offen. Der kanadische Premier Mark Carney strebt jedoch keinen vollen Beitritt zur EU an. Von der Leyen sprach von einer Weiterentwicklung des Handelsabkommens CETA hin zu einer vertieften Zusammenarbeit. Carney schlägt eine engere Zusammenarbeit u. a. bei kritischen Mineralien, digitalem Handel, Verteidigungsindustrie, KI und Rechenleistung, Energiesicherheit, Raumfahrt sowie Finanzdienstleistungen vor. Zudem sprach er sich für eine kanadische Beteiligung an den Programmen „Erasmus+“ und „Horizon Europe“ aus. Bundeskanzler Christian Stocker sieht die potenzielle assoziierte Mitgliedschaft als „interessanten Vorschlag, über den man reden kann“. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer forderte in diesem Zusammenhang einen „Binnenmarkt +“: Mit „engen strategischen Partnern“ solle es weniger Marktzugangshürden, eine engere Zusammenarbeit bei Rohstoffen, Energie und Technologie sowie mehr gemeinsame Investitionen geben. [Quellen: SOTEU von der Leyen, BMWET, Carneys Rede, APA via Medienberichte | Reaktionen: WKÖ, Donald Trump]
🇪🇺 Von der Leyens Rede zur Lage der Union. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte in ihrer Rede neben der Annäherung an Kanada ein umfassendes Social-Media-Verbot für unter 13-Jährige an und forderte, das gemeinsame Vorhaben des Bürokratieabbaus voranzutreiben. Es brauche „einen Pakt gegen Gold-Plating“, so die EU-Kommissionspräsidentin. Dieser Pakt könnte bereits am kommenden Montag Formen annehmen. Auf Initiative von Entbürokratisierungs-Staatssekretär Sepp Schellhorn und seiner italienischen Amtskollegin treffen sich Vertreter der EU-Mitgliedstaaten in Brüssel. Ziel ist eine Allianz, über die sich Entbürokratisierungsreformen künftig grenzüberschreitend abstimmen und dadurch schneller umsetzen lassen, indem die Staaten voneinander lernen und bewährte Beispiele übernehmen. Bei den Maßnahmen gegen Social-Media-Plattformen soll der „EU KIDS Act“ Unter-13-Jährigen den Zugang gänzlich verbieten. Zwischen 13 und 15 Jahren soll über „Mini“-Accounts ein maximal einstündiger Zugriff pro Tag möglich sein. Erst ab 15 Jahren können dann eigene Konten eröffnet werden – bis 18 sind aber Funktionen mit Suchtpotential wie endloses Scrollen weiterhin verboten, auch müssen KI-Chatbots standardmäßig deaktiviert sein. [Quellen: EU-Kommission – SOTEU, Aussendung, Gesetzesentwurf KIDS Act; BMEIA | Reaktionen: ÖVP, SPÖ, Neos, FPÖ, IV, WKÖ, ÖGB, Land&Forst Betriebe]
🇪🇺 EU-Zollreform inklusive neuer Paketgebühr final beschlossen. Mit der Zustimmung des EU-Parlaments wurde am Mittwoch die Reform des EU-Zollrechts final beschlossen. Die Reform führt eine neue Bearbeitungsgebühr auf Pakete ein, die direkt aus Nicht-EU-Ländern an Verbraucher in der EU geliefert werden. Die Gebühr soll spätestens ab 1. November 2026 von den Mitgliedstaaten erhoben werden, die genaue Höhe legt die EU-Kommission noch fest. Außerdem werden E-Commerce-Plattformen, die Waren aus Drittstaaten direkt an EU-Konsumenten liefern, künftig als Importeure behandelt und haften damit für Zollformalitäten und die Einhaltung von EU-Standards. Neu geschaffen wird zudem eine EU-Zollbehörde mit Sitz in Lille sowie eine einheitliche Datenplattform für die Zollabwicklung. [Quelle: EU-Parlament | Reaktionen: ÖVP, Handelsverband]
Neue Daten und Fakten:
🇦🇹 Österreichische Investmentfonds verwalten im 2. Quartal ein Vermögen von 260,1 Mrd. Euro, so viel wie noch nie.
🇦🇹 Seit dem Start der Antragsmöglichkeit im Juni hat das AMS bis Ende August mehr als 1.000 Anträge auf die neue Weiterbildungszeit genehmigt, 700 wurden abgelehnt.
🇦🇹 In den ersten 3 Quartalen 2026 gab es 5.139 Unternehmensinsolvenzen, 0,4 % mehr als im Vorjahr.
🇦🇹 Der Immobilienmarkt ist im 1. Halbjahr 2026 mit 66.591 verbücherten Immobilien gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 22,3 % gewachsen.
🇦🇹 Im August sind die Baukosten über alle Sparten hinweg gestiegen. Im Wohnhaus- und Siedlungsbau lagen die Kosten im Vergleich zum Vorjahresmonat um 5,3 % höher, im Straßenbau um 8,2 %, Im Brückenbau wurde ein Anstieg um 6,6 % verzeichnet und im Siedlungswasserbau um 7,1 % bzw. 0,5 %.
🇦🇹 In Österreich lag die Inflationsrate nach dem harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) im August bei 2,9 % und damit unter dem Eurozonen-Schnitt, nach nationaler Gewichtung lag die Inflation (VPI) bei 3,2 %.
🇦🇹 🇪🇺 Im 2. Quartal 2026 stieg die EU-Beschäftigungsquote gegenüber dem 1. Quartal um 0,1 Prozentpunkt auf 76,4 %. Österreich verzeichnete dagegen mit minus 0,4 Prozentpunkten den größten Rückgang aller Mitgliedstaaten.
🇦🇹 🇪🇺 Gegenüber dem Vorjahresquartal sind die Lohnnebenkosten in Österreich im 2. Quartal pro Arbeitsstunde um 4 % gestiegen, der EU- und Eurozonen-Schnitt liegt bei 3,2 %.
🇦🇹 🇪🇺 Im 2. Quartal 2026 beträgt der Anteil offener Stellen in Österreich 2,9 %. Der Durchschnitt in der Eurozone liegt bei 2,1 %, in der EU bei 2 %. Gleichzeitig sank die österreichische Beschäftigungsquote im 2. Quartal um 0,4 Prozentpunkte, der stärkste Rückgang der EU.
🇪🇺 Im Euroraum stieg die Inflation (HVPI) im August auf 3,2 %, nach 2,9 % im Juli. In der EU lag die jährliche Inflationsrate im August ebenfalls bei 3,2 %, nach 3,0 % im Juli.
🇷🇺 Die russische Wirtschaft wird laut Schätzungen des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche (Wiiw) heuer um 0,6 % wachsen.
🌐 🇨🇳 Batterieelektrische Lkw haben im Vorjahr rund 8 % Marktanteil erreicht, wobei auf China 95 % des Volumens entfallen.
🇺🇸 Die US-Notenbank Fed hat die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte auf 3,75 % erhöht.
Wochenendprogramm:
Meistgelesener Kommentar der Woche. Rainer Nowak: Der Kultureuro oder: Schade um eine schöne Idee [Hier lesen]
Meistgelesenes Interview der Woche. Michael Baminger: „Abgesang auf Wasserkraft wäre völlig verfehlt“ [Hier lesen]
Long Read I. Diese Woche diskutierten am Energiekongress in der Hofburg Politik, Wirtschaft und Wissenschaft über die Zukunft der Energiesysteme – Selektiv hat die wichtigsten Erkenntnisse der Podiumsdiskussionen und Keynotes zusammengefasst [Hier lesen]
Long Read II. OeNB Policy Brief – „Wie wirken sich Rekordtemperaturen und
Trockenheit auf die Inflation aus?“ [Hier lesen]
Long Read III. Andreas Treichl für den Pragamaticus: „Wie Österreich seine Altersvorsorge retten kann“ [Hier lesen]
Journal zu Gast. Mit Dagmar Gromann, KI-Expertin [Samstag, 12:00 Uhr, Ö1]
Pressestunde. Mit Wolfgang Katzian, Präsident Österreichischer Gewerkschaftsbund [Sonntag, 11.05 Uhr, ORF 2]
Hohes Haus. Über das Ziel „Klimaneutral 2040“ – wie verbindlich wird der Weg dorthin? u. a. mit Umweltminister Norbert Totschnig [Sonntag, 12:00 Uhr, ORF 2]
Das Gespräch. Zum Thema „Gefährliche Intelligenz: Bedroht die KI die Menschheit?“ u. a. mit Gernot Blümel [Sonntag, 22:00 Uhr, ORF 2]
Nächste Woche auf der Agenda:
Politik Österreich. Am Montag endet die Begutachtungsfrist zum Social-Media-Verbot für Unter-14-Jährige und die E-Control führt Gespräche zur neuen Netztarif-Verordnung. Am Dienstag kommt der Ministerrat zusammen, bevor am Mittwoch der Nationalrat tagt. Auf der Agenda u. a. Aktivpension und der erleichterte Zugang zur betrieblichen Altersvorsorge. Am Donnerstag liefert die Metalltechnische Industrie Details zu jenem Teil des zweijährigen Kollektivvertragsabschlusses, der Anfang November in Kraft tritt und schon vergangenes Jahr beschlossen wurde.
Politik international. Ab Dienstag treffen sich die Staats- und Regierungschefs der 193 UNO-Mitgliedsländer zur einwöchigen Generaldebatte der Vereinten Nationen in New York. Aus Österreich nehmen Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzler Christian Stocker und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger teil. Am Donnerstag wird Meinl-Reisinger die österreichische Rede vor der UNO-Generalversammlung halten. In Brüssel treffen sich am Dienstag die EU-Europaminister zum nächsten mehrjährigen EU-Budget – Europaministerin Claudia Bauer nimmt teil.
Daten und Fakten. Die Statistik Austria veröffentlicht am Dienstag Halbjahreszahlen zu den Urlaubs- und Geschäftsreisen. Am Donnerstag veröffentlichen die Unesco ihren Weltbildungsbericht und die Statistik Austria ihre Untersuchung zu Studierenden in Österreich. Außerdem bringt die Nationalbank (OeNB) Daten zur Entwicklung der Wohn- und Gewerbeimmobilien seit dem Jahr 2000. In Deutschland legen die großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute ihre gemeinsame Konjunkturprognose vor. Der europäische Branchenverband ACEA veröffentlicht Zahlen zu den Pkw-Zulassungen im August. Am Freitag veröffentlicht die Statistik Austria Daten zu den Tourismuszahlen im August.
Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️
Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.
Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.
Selektives Networking:
Aufsteiger und Umsteiger der Woche. Jürgen Margetich, bisheriger Politischer Direktor von UNOS, übernimmt zusätzlich die Funktion des Bundesgeschäftsführers. Kristina Hammer hat ihren Vertrag als Präsidentin der Salzburger Festspiele für 5 Jahre verlängert. Thomas Arnoldner wurde zum neuen ÖBAG-Chef bestellt. Andreas Rouschal hat die Geschäftsführung der ÖAMTC Fahrtechnik GmbH übernommen. Viktor Sigl wird ab dem 1. Dezember der neue Finanzvorstand der Umdasch Group.Steffi Grötz ist die neue Bundesvorsitzende der Jungen Generation in der SPÖ. Jens Stoltenberg und Helga Schmid übernehmen gemeinsam den Vorsitz der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC). David Feichter wird Co-CEO von fiskaly. Mark Kaslatter ist der neue CEO von Celum. Bitpanda-CEO Lukas Enzersdorfer-Konrad wechselt zur Erste Group, wo er ab dem 1. Quartal 2027 die gruppenweite Verantwortung für die integrierte Steuerung des Asset Management und Digital Investing übernimmt. Die Leitung der Erste Asset Management wird ab 1. Dezember Robert Kubin übernehmen. Alexander Kirchner übernimmt den Vorsitz der Geschäftsführung von Wien Energie.
Am Programm. Heute um 8:30 Uhr startet die Wirtschaftswanderung 2026 in Seefeld. [Info] Am Sonntag feiert das Leopold Museum sein 25-jähriges Bestehen mit einem Tag der offenen Tür. [Info]