Holger Bonin ist Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS) ©IHS / Matphoto / Carl Anders Nilsson / Montage: Selektiv
Holger Bonin ist Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS) ©IHS / Matphoto / Carl Anders Nilsson / Montage: Selektiv
Interview

Bonin: „Produktivitätsfortschritte durch KI fließen in kürzere Arbeitszeiten“

Österreich blickt auch mittelfristig einem sehr verhaltenen Wirtschaftswachtum entgegen. Schuld daran ist einerseits die Demografie, erklärt IHS-Direktor Holger Bonin. Aber auch die geringeren Produktivitätszuwächse. Dass Digitalisierung und KI das Ruder herumreissen könnten, bezweifelt der Ökonom: „Wenn jemand dank KI drei Stunden weniger arbeitet, steigt seine persönliche Wohlfahrt, aber in den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätskennzahlen sehe ich davon nichts“. Bonin erklärt außerdem, warum er die Lohnnebenkostensenkung kritisch sieht und fragt sich, was die Regierung mit der Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel erreichen will: „Ob die Leute spüren, dass der Einkauf 50 Cent günstiger ist – ich zweifle daran.“

Fiskalrat und Budgetdienst sind sich einig, dass das Defizitziel von 3 % bis 2028 mit den bisherigen Maßnahmen nicht erreicht wird. Der Fiskalrat sieht einen zusätzlichen Konsolidierungsbedarf von 5,7 Milliarden Euro. Wie viel von diesem Delta könnte durch eine bessere Konjunkturentwicklung wettgemacht werden?

Holger Bonin: Die konjunkturelle Entwicklung hat sich gar nicht so stark verbessert, wie es manchmal klingt. Dass wir unsere Prognose von 0,5 auf 0,8 Prozent nach oben revidiert haben, ist zu 0,2 Prozentpunkten der Tatsache geschuldet, dass die Statistik Austria die Zahlen für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Österreichs im Jahr 2025 korrigiert hat. Es gibt also keinen großartigen Aufschwung. Der Rest ist nichts fundamental Neues seit dem Frühjahr. In der Frühjahrsprognose sind wir auch schon von einem schnellen Abklingen des Iran-Kriegs ausgegangen, und das ist jetzt sogar noch etwas schneller eingetreten als erwartet.

Mehr Wachstum hilft prinzipiell, weil ein größeres BIP das Defizit als Anteil daran optisch verringert. Aber die Wahrscheinlichkeit zusätzlichen Wachstums ist nicht sehr groß. Wir reden über einen Zeitraum von zwei Jahren, und ich sehe keinen Impuls, der das Wachstum kurzfristig deutlich über die erwarteten 1,1 Prozent im nächsten Jahr heben würde.

Das Produktionspotenzialwachstum, also die Wachstumsrate bei mittlerer Kapazitätsauslastung, liegt in Österreich laut unserer Mittelfristprognose vom Vorjahr bei nur 0,8 Prozent. Wir machen gerade die neue Mittelfristprognose, ich weiß noch nicht, wo sie liegt. In Deutschland liegt das Potenzial zum Vergleich bei nur 0,5 Prozent. Das heißt: Mit 1,1 Prozent Wachstum sind wir schon in einer überdurchschnittlich guten Situation. Auf zwei Prozent Wachstum zu hoffen, wird nicht funktionieren – ich wüsste nicht, wo der Impuls dafür herkommen sollte.

Heißt das mittelfristig, dass die wirtschaftliche Flaute der vergangenen Jahre keine Ausnahme war, sondern zur Normalsituation wird?

Man muss zwischen Konjunktur und Wachstumspotenzial unterscheiden. Die lange Rezession der letzten Jahre war eine konjunkturelle Geschichte, die sich nun auflöst. Aber langfristig müssen wir uns darauf einstellen, dass Wachstumsraten von über einem Prozent eher die Ausnahme als die Regel sind. Je weiter das mittlere Niveau sinkt, desto leichter kommt man in die Nähe der Null oder sogar ins Negative.

Der wichtigste Faktor dahinter ist die Demografie. Die Dynamik der Erwerbsbevölkerung flacht schlicht ab. Österreich profitiert noch davon, dass es die Anhebung des Frauenpensionsalters später vorgenommen hat als Deutschland, dadurch wächst das Erwerbspersonenpotenzial noch leicht. In Deutschland ist dieser Effekt nicht mehr erzielbar. Aber das dämpft den Rückgang nur etwas.

Welche Rolle spielen dabei die schwachen Produktivitätszuwächse?

Das ist der zweite zentrale Faktor. Wir sehen in allen Ländern – ob USA oder Europa – einen deutlichen Rückgang des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstums. Obwohl uns Produktivitätsfortschritte, etwa durch Digitalisierung oder KI, versprochen werden, fließt ein Teil davon nicht in messbares Wachstum, sondern in kürzere Arbeitszeiten. Wenn jemand dank KI drei Stunden weniger arbeitet, steigt seine persönliche Wohlfahrt, aber in den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätskennzahlen sehe ich davon nichts. Das ist wichtig, weil bestimmte gesellschaftliche Ausgaben, etwa im Sozialsystem, von Produktivitätsfortschritten abhängen, gerade wenn die Demografie gleichzeitig nach unten drückt.

Ist das ein gesellschaftliches Phänomen, dass Effizienzgewinne nicht mehr in Produktivitätszuwachs fließen, sondern ins private Glück?

Das ist kein neues Phänomen. Im 18. Jahrhundert haben die Menschen 60 Stunden gearbeitet, Anfang des 20. Jahrhunderts noch 48. Der Wunsch nach mehr Freizeit ist tief in der menschlichen Natur verankert, und wenn man es sich leisten kann, lebt man ihn aus. Das muss man nicht belächeln.

Was mir dabei Sorgen macht, ist die Verteilungsfrage. Wenn ein Teil der Gesellschaft die Viertagewoche realisiert, braucht er jemanden, der am fünften Tag die Dienstleistungen erbringt. Da steckt ein Verteilungskonflikt drin, der meiner Meinung nach zu wenig beachtet wird.

Zurück zum Budget. Sie sehen die Lohnnebenkostensenkung etwas kritischer als andere Ökonomen. Warum und welche Offensivmaßnahme wäre aus Ihrer Sicht sinnvoller gewesen?

Die Lohnnebenkostensenkung ist eine sehr breit streuende und dadurch teure Maßnahme. Sie kann über zwei Kanäle wirken: Entweder schlägt sie sich in höheren Unternehmensgewinnen und damit mehr Investitionen nieder oder die Ersparnisse wandern in Lohnerhöhungen, weil ein verhandlungsfähiger Beschäftigter darauf besteht, dass seine Arbeitsleistung, die unverändert 10.000 Euro wert ist, auch weiterhin 10.000 Euro bekommt, obwohl die Kosten für den Arbeitgeber auf 9.900 Euro gesunken sind. In engen Arbeitsmärkten passiert genau das.

Und wenn die Lohnsteigerungen in den Konsum fließen?

Dann ist der Wachstumseffekt deutlich geringer als bei Investitionen und wenn die Menschen ihr Geld gerade ohnehin zusammenhalten und viel sparen, landet ein guter Teil davon auch noch auf dem Sparkonto. Die Maßnahme ist also nicht sehr zielgenau. 

Dazu kommt: Man muss die Maßnahme gegenfinanzieren, und das kostet ebenfalls. Nach Gegenfinanzierung fließen noch 1,6 Milliarden netto in die Lohnnebenkostensenkung. Dieses Geld hätte man auch gezielter einsetzen können, etwa in den massiven Ausbau der Kindertagesbetreuung. Die Empirie zeigt, dass das die Erwerbsbeteiligung von Frauen stark erhöht und damit Fachkräfteengpässe entlastet. Das ist ein direkterer Weg, Wachstumshemmnisse aufzulösen, als eine breit gestreute Abgabensenkung.

Welche weiteren Maßnahmen hätten Sie sich vorgestellt?

Steuerentlastungen, aber gezielt auf der Arbeitnehmerseite, insbesondere um den Übergang von Teilzeit in Vollzeit attraktiver zu machen. Das ist ein wesentlicher Hebel. 

Die Frühjahrslohnrunde war in den meisten Bereichen deutlich zurückhaltender als in den Jahren davor. Reicht das, um den preislichen Wettbewerbsnachteil, den die Wirtschaft aufgebaut hat, zu einem Teil auszugleichen?

Es trägt zumindest dazu bei. Was wir beobachten, ist, dass exportierende Industrieunternehmen schrumpfende Margen haben. Sie fangen die Kostensteigerungen derzeit durch geringere Profitabilität auf. Das ist kein nachhaltiges Modell. Irgendwann rechnet es sich nicht mehr. Ob die Lohnzurückhaltung schon ausreicht, lässt sich kaum pauschal sagen, weil Unternehmen sehr unterschiedlich aufgestellt sind.

Die Lohnzurückhaltung ist eine Reflexion der Verhandelnden, die viel besser wissen als Ökonomen, was in ihrem konkreten Umfeld zählt. Wenn Beschäftigungssicherheit auf dem Spiel steht, finden verantwortliche Sozialpartner pragmatische Lösungen, unabhängig davon, was die Benya-Formel vorschreibt. Die österreichischen Sozialpartner haben das in Krisen wiederholt bewiesen.

Eine Nebenwirkung gibt es allerdings: Wer im Jänner abgeschlossen hat, konnte den späteren Inflationsschock durch den Iran-Krieg nicht einpreisen. Die Beschäftigten tragen damit einen Realeinkommensverlust, der zunächst nicht kompensiert wird. Das ist nicht vermeidbar, wenn es sich um einen echten, nicht antizipierbaren Schock handelt. Das wird auch nachträglich wohl kaum vollständig ausgeglichen werden – die Verteilungsspielräume sind enger geworden. Die Profitquote der Unternehmen ist nach unten gegangen, die Staatsdefizite sind gestiegen, und jetzt kommt der Anpassungsdruck auch bei den Haushalten an.

Kommende Woche tritt die Mehrwertsteuersenkung auf einige Grundnahrungsmittel in Kraft. Es gab massive Kritik – vom Handel, von Bäckern. Wird sich diese Maßnahme auszahlen?

Da bin ich skeptisch. Die entscheidende Frage ist: Was will man damit erreichen? Wenn das Ziel ist, Menschen zu helfen, die sich ihren Warenkorb nicht mehr leisten können, dann muss ich genau diese Zielgruppe erreichen und nicht auch jeden IHS-Direktor. Das ist eine sehr ungenaue Maßnahme. Dazu kommt, dass die entgangenen Einnahmen gegenfinanziert werden müssen, was ebenfalls einen Preis hat.

Der zweite Aspekt ist die administrative Komplexität. Gespaltene Mehrwertsteuertarife machen grundsätzlich Sinn, aber die Abgrenzung ist oft absurd – man denke an das deutsche Beispiel, wo frisches Basilikum anders besteuert wird als getrocknetes. Wenn man wirklich etwas bei der Konsumbesteuerung verbessern wollte, müsste man die große Lösung angehen: den ermäßigten Steuersatz für alle Grundbedürfnisse senken und durch einen höheren Normalsatz von vielleicht 27 Prozent gegenfinanzieren. Das hätte auch eine sinnvolle Verteilungskomponente. Aber davon ist man jetzt weit entfernt.

Was jetzt gemacht wird, hat kosmetische Effekte, die so diffus wahrgenommen werden, dass sie kaum Wirkung entfalten. Ob die Leute spüren, dass der Einkauf 50 Cent günstiger ist – ich zweifle daran. Wenn man wenig Geld hat, sollte man sich auf zielgenaue Maßnahmen konzentrieren, die bei den wirklich Betroffenen spürbar ankommen, statt bei allen eine Veränderung zu bewirken, die so klein ist, dass sie nichts bewegt.

Deutschland hat vergangene Woche mit einem umfassenden Rentenreformplan aufhorchen lassen. Ist das etwas, von dem sich Österreich etwas abschauen kann?

Ich will gar nicht mit den Inhalten anfangen, sondern mit der Art und Weise, wie das gemacht wurde. In Deutschland hat man Experten und Sozialpartner – Gewerkschaften, Ministerien, Interessenverbände – gemeinsam in Kommissionen gesetzt und ihnen quasi vorab zugesagt: Wenn ihr euch einigt, setzen wir das um. Das ist ein kluger Ansatz, weil man damit einerseits politisch nicht machbare Idealreformen vom Reißbrett verhindert und andererseits die politischen Tabus bricht, die sonst immer im Weg stehen.

Was sind die inhaltlichen Punkte, die für Österreich relevant wären?

Drei Punkte stechen hervor. Erstens die weitere Anhebung des Pensionsantrittsalters, gekoppelt an die Lebenserwartung, was langfristig zu einer „Rente mit 70“ führen würde, freilich erst im Jahr 2090. Das klingt abstrakt, ist aber eine wichtige langfristige Weichenstellung. Österreich ist zunehmend eine Ausnahmeinsel: Andere Länder haben sich den demografischen Realitäten schon gestellt. Eine 70-jährige Person im Jahr 2090 ist etwas ganz anderes als heute.

Zweitens die kapitalgedeckte Ergänzung des Pensionssystems nach schwedischem Vorbild – nicht als Ersatz, sondern als Flanke. Das bedeutet zunächst höhere Beiträge und steigende Lohnnebenkosten. Aber die Alternative wäre ein noch stärkerer Anstieg der Beitragssätze im reinen Umlageverfahren, weil die Rendite dort bei bestenfalls einem Prozent liegt, während konservative Kapitalmarktanlagen langfristig rund drei Prozent bringen. Kapitalgedeckte Säulen entwickeln außerdem den Kapitalmarkt und stellen Mittel bereit, die man etwa für die Energiewende bräuchte.

Und der dritte Punkt: Die Einschränkung der Frühverrentungskanäle. In Deutschland ist das die „Rente mit 63“ für besonders langjährig Versicherte. Die wird jetzt massiv eingeschränkt – und das ist der richtige Ansatz. Denn in der Praxis nutzen diese Frühverrentungsmöglichkeiten vor allem gut qualifizierte Fachkräfte, die man händeringend im Arbeitsmarkt halten möchte. Die Geringqualifizierten mit gesundheitlichen Problemen, die man schützen will, nutzen sie ohnehin nicht, weil sie es sich finanziell nicht leisten können.

Ein negativer Anreiz – also die Möglichkeit schlicht nicht mehr anzubieten – ist dabei viel effizienter als jeder positive Anreiz. Man muss allerdings aufpassen: Wenn Frühverrentungskanäle zu stark geschlossen werden, sucht sich das Wasser seinen Weg, etwa über den Gesundheitskanal. Das muss genau beobachtet werden. Grundsätzlich spricht das aber nicht dagegen, es zu tun.

Deutschland hat die Zuverdienstmöglichkeiten während der Pension komplett liberalisiert. Ist das nicht ein Widerspruch?

Das ist tatsächlich etwas absurd. Ich sehe in meinem Umfeld gerade, wie eine Führungskraft gleichzeitig die volle Rente und das volle Gehalt bezieht, weil sie zwar mit 63 in Pension geht, aber unverändert weiterarbeitet. Das hat  wird ermöglicht, weil man dachte, dass diese Menschen sonst einfach ganz aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Aber wenn es die Möglichkeit zur Frühverrentung nicht gäbe – also erst ab 65 – würde sich die Frage gar nicht stellen. Die Leute werden nicht zwei Jahre Privatier sein, das ist zu teuer.

Das zeigt: Positive Anreize sind oft sehr teuer und wenig effizient. Der direktere Weg, also die Frühverrentungskanäle zu schließen, ist wirksamer. Deutschland packt das jetzt indirekt an, indem das Rentenzugangsalter angehoben und die Frühverrentung eingeschränkt wird. Österreich denkt in diesen Fragen immer noch zu sehr über positive Anreize nach. Dabei könnten wir uns in Anführungszeichen auch „negative Anreize“ leisten: nicht bestrafen, sondern einfach Dinge nicht mehr ermöglichen, die wir uns nicht leisten können, weil sie das Pensionssystem überfordern, dem Arbeitsmarkt beschäftigungsfähige Menschen entziehen und soziale Ungleichheiten verstärken, weil die Falschen davon profitieren.

Und das hat auch direkte Budgetwirkung…

Genau. Um die Budgetdynamiken langfristig zu brechen, muss man über solche harten Strukturreformen nachdenken. Nicht nur über das Pensionssystem, sondern auch über das Gesundheitswesen, das in Österreich der eigentliche Budgettreiber ist. Wenn die Deutschen das jetzt wirklich schaffen, was sie angekündigt haben, dann ist das viel wichtiger als die Frage, ob das Budgetdefizit 2028 bei 2,9 oder 3,1 Prozent liegt. Denn ohne große Strukturreformen bleibt der Druck bestehen: Die Defizite werden aufgrund der demografischen Dynamik immer wieder in Richtung 4 oder 5 Prozent tendieren. Die Demografiewelle kommt in Österreich bis 2035, wenn die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge in Pension gehen. Das ist keine ferne Zukunft mehr.