Guten Morgen Österreich!
Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank, Yannic Haimeder und Maximilian Kern – wir melden uns aus Wien.
News – das müssen Sie heute wissen:
🇦🇹 Wirtschaft 2025 schwächer gewachsen als erwartet. Nachdem vorläufige Daten der Statistik Austria im Juni für 2025 noch auf ein BIP-Wachstum von 0,8 % hingedeutet hatten, wurde dieses nun auf 0,7 % revidiert. Für den ersten Anstieg der Wirtschaftsleistung nach 2 Jahren Rezession war v. a. der Dienstleistungsbereich verantwortlich (+1,6 %). Der produzierende Bereich entwickelte sich rückläufig (-1,8 %). Während die privaten Konsumausgaben um 0,4 % stiegen, nahm der öffentliche Konsum um 2 % und jener der Non-Profit-Organisationen um 1,1 % zu. Die Exporte stiegen um 1,3 %, die Importe um 2,8 %. Das Arbeitnehmerentgelt stieg nominell um 3,8 % und die geleisteten Arbeitsstunden nahmen um 0,6 % zu. [Quellen: Statistik Austria Aussendung – September, Juni | Reaktion: FPÖ | Grafik: Ohne Staatskonsum kein Wachstum seit 2019]
Kommentar: Österreich, das erstarrte Land
von Alexander Purger
Stellen Sie sich vor, Sie stecken bis zum Hals in einem Moor, und das einzige, was Sie noch bewegen können, sind Ihre Augenbrauen. Da führe ich aber kein sehr bewegtes Leben, werden Sie sich jetzt sagen. Ja, stimmt. Aber Sie sind nicht allein: Dem österreichischen Staat geht es genauso. Gegen Österreich ist ein Mafia-Opfer, das mit Betonpatscherln im Meer versenkt wird, das reinste Springinkerl. Geldnot und Reformunlust haben unserer Politik längst jeden Bewegungsspielraum geraubt.
💡 Österreich hat Aufholbedarf bei Wind- und Wasserkraft. Seit 2020 hat sich die installierte PV-Leistung in Österreich verfünffacht. Im Schnitt wurden pro Jahr knapp 1.600 Megawatt (MW) Photovoltaik zugebaut. Zur Erreichung des EAG-Ziels, den Stromverbrauch 2030 bilanziell zu 100 % aus Erneuerbaren zu decken, hätte ein jährlicher Zubau von 1.100 MW ausgereicht – der PV-Ausbau liegt somit über dem Zielpfad. Bei den übrigen Technologien hinkt der Ausbau jedoch hinter den Zielen nach: Im Schnitt wurden jährlich nur 212 MW an Windkraft zugebaut, nötig wären 400 MW gewesen. Um die EAG-Ziele noch zu erreichen, müssten jetzt rund 588 MW pro Jahr an zusätzlicher Windkraftleistung installiert werden. Auch bei Laufwasserkraft und Biomasse konnte der jährliche Ausbaupfad nicht eingehalten werden. Die E-Control ortet daher „weiterhin deutlichen Aufholbedarf für die Zielerreichung gemäß EAG bis 2030“. [Quelle: E-Control, eigene Berechnungen | Grafik von Stephan Frank]

Alle Grafiken von Selektiv 📈
Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.
Der Link wechselt jeden Freitag.
🇦🇹 🌐 Energiepreis-Update – ab heute greift die Spritpreisbremse. Ab heute soll die Spritpreisbremse die Treibstoffkosten um 12 Cent pro Liter senken. Sie setzt sich aus einer MÖSt-Senkung um 6,7 Cent und einer Margenbegrenzung von 3,5 Cent pro Liter zusammen, hinzu kommen geringere MwSt-Einnahmen. Die Maßnahme gilt bis Ende November. Von dem „reinen Kriseninstrument“ erwartet sich Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner „spürbare Entlastungen“ und v. a. eine „inflationsdämpfende Wirkung“. Die mittleren Treibstoffpreise lagen gestern bei 2,252 Euro für Diesel und 1,944 Euro für Benzin. [Quellen: Pressefoyer nach Ministerrat, Zehetner auf Linkedin, Spritpreise]
🇦🇹 Paketsteuer tritt in Kraft. Ab heute werden pro Paket bzw. pro Bestellung 2,40 Euro Paketsteuer inkl. Umsatzsteuer fällig, wenn der jeweilige Versandhändler im Vorjahr mehr als 100 Mio. Euro Umsatz gemacht hat. Steuerschuldner sind die Händler, diese werden die Steuer zumeist an die Kunden weiterreichen. „Wir führen die Steuer an den Staat ab, belasten aber diese Steuer als eigene Buchungszeile unseren Kunden. Wir werden die Paketsteuer also auf der Rechnung separat ausweisen“, erklärt Otto-CEO Harald Gutschi. Eine GAW-Studie erwartet durch die Paketsteuer Wertschöpfungsverluste von 238 Mio. Euro und Beschäftigungsverluste von knapp 1.900 Vollzeitstellen. Gutschi und weitere Versandhändler wollen die Paketsteuer rechtlich bekämpfen, dieser Prozess könnte bis zum Europäischen Gerichtshof führen und 4 Jahre dauern. [Quellen: BMF, Gutschi im Selektiv-Interview, GAW]
🇦🇹 Warnung vor „Klimasolo 2040“. Die Papier- und Zellstoffindustrie spricht sich gegen das auf 2040 vorgezogene österreichische Klimaziel aus, da dadurch höhere Kosten entstehen und der Standort weiter an Attraktivität verlieren würde. Es würde „nur bedingt“ zutreffen, dass große Industrieanlagen, die dem ETS-I-System unterliegen, nicht betroffen wären. „Eine Ausnahme auf dem Papier ist noch keine Entlastung. Solange Energie, Transporte und Vorleistungen teurer werden, trägt die Industrie die Kosten des nationalen Klimaziels“, so Austropapier-Geschäftsführerin Sigrid Reimer. Auch der Abteilungsleiter für Umwelt- und Energiepolitik in der WKÖ, Jürgen Streitner, sieht Österreich im Wettbewerb stark benachteiligt. „In Österreich liegt die effektive CO2-Bepreisung der produzierenden Wirtschaft rund 20-mal höher als in den USA und China“, so Streitner. Er spricht sich daher für die Verlängerung der Gratiszertifikate im ETS aus, denn ohne kostenlose Zuteilung wäre die CO2-Bepreisung sogar um „60- bis 70-mal höher“. [Quellen: Austropapier, Streitner auf Linkedin | Reaktion: FPÖ]
🇦🇹 Staatsschulden steigen weiter, Defizit gesunken. Die Staatsverschuldung ist im 1. Halbjahr 2026 gegenüber dem Jahresende 2025 um 20,5 Mrd. Euro auf 438,9 Mrd. Euro gestiegen. Die Schuldenquote stieg von 80,7 % auf 83,6 %. Gleichzeitig hat sich das öffentliche Defizit von 13,7 Mrd. Euro im 1. Halbjahr 2025 auf 11,1 Mrd. Euro verringert, liegt aber weiterhin bei 4,3 % des BIP. Die Staatseinnahmen stiegen um 4,2 % auf 129,7 Mrd. Euro, die Staatsausgaben um 1,9 % auf 140,9 Mrd. Euro. Die Zinsausgaben stiegen von 3,9 Mrd. Euro im 1. Halbjahr 2025 auf 4,3 Mrd. Euro im 1. Halbjahr 2026. [Quelle: Statistik Austria | Grafik: Sparpaket bremst Schuldenwachstum, stoppt es aber nicht]
🇦🇹 Volumen des European-Recovery-Program Fonds wird um 50 Mio. Euro erhöht. Das Jahresprogramm 2026 des European-Recovery-Program-Fonds (ERP) wird um 50 Mio. Euro auf 550 Mio. Euro erhöht. Zudem sinkt der Zinssatz für Unternehmen, die in eine der 9 Schlüsseltechnologien der Industriestrategie investieren, von 2,375 % auf 2,125 % pro Jahr. [Quellen: Pressefoyer nach Ministerrat, BKA, BMWET | Reaktionen: WKÖ]
🇦🇹 Preisauftrieb im produzierenden Bereich verstärkt sich „merklich“. Die Erzeugerpreise für das produzierende Gewerbe sind im August 2026 um 4,6 % gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen, nach 3,3 % im Juli und 3,1 % im Juni. Gegenüber Juli 2026 stiegen die Preise um 0,9 %. Statistik Austria spricht von „deutlichen Preisanstiegen“ bei Vorleistungsgütern und Energie (jeweils +7,2 %), der Preisauftrieb verstärke sich dadurch „merklich“. Gas und Gasversorgung verteuerten sich um 8,9 %. Nichteisenmetalle legten um 50,9 % zu. Investitionsgüter (+1,0 %) und Konsumgüter (+0,3 %) blieben weitgehend stabil. [Quelle: Statistik Austria]
🇦🇹 🇩🇪 Gas: Österreichs Versorgung „absolut gegeben“, Deutschland ordnet Einspeicherung an. Für den kommenden Winter sei die Gasversorgung in Österreich „absolut gegeben“, so Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner. Die Speicher sind derzeit zu rund 68 % (68 TWh) gefüllt, was laut Zehetner 84 % des durchschnittlichen Jahresverbrauchs entspricht. 2024 lag der Jahresverbrauch bei 74,4 TWh. In Deutschland hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche das verstaatlichte Energieunternehmen Sefe angewiesen, bis zum 15. Dezember 8 TWh Gas einzuspeichern. Zudem soll in Zukunft eine strategische Gasreserve eingerichtet werden. Hintergrund sind die vergleichsweise niedrigen Speicherstände: Anfang September lagen sie mit 53 % so niedrig wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnung vor 15 Jahren. Zum 29. September waren sie zu rund 58 % gefüllt. [Quellen: Pressefoyer nach Ministerrat, Gasverbrauch, AGSI, Reuters, INES]
🇩🇪 Deutsche Regierung beschließt Reform der Pflegeversicherung. Mit der Einigung des deutschen Kabinetts auf den Gesetzentwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes soll v. a. die Finanzierung des Systems der sozialen Pflegeversicherung stabilisiert werden. Das Gesetz soll die Pflegeversicherung im kommenden Jahr um 6,25 Mrd. Euro entlasten. Für 2027 wird dennoch ein Defizit von 7,6 Mrd. Euro erwartet. Deshalb soll der Gesetzentwurf nur der 1. Schritt sein, um das „finanziell massiv unter Druck stehende“ Pflegesystem zu reformieren, so der deutsche Gesundheitsminister Carsten Linnemann. In einem 2. Schritt soll nächste Woche eine Expertenkommission eingesetzt werden, die bis Ende Jänner 2027 weitere strukturelle Reformen für das Pflegesystem ausarbeiten soll. [Quellen: Dt. Gesundheitsministerium, Gesetzesentwurf, PK Linnemann | Grafik: Demografische Kosten steigen an]
🇩🇪 🇫🇷 Energiepreise treiben Inflation. Die voraussichtliche Inflationsrate für Deutschland im September beläuft sich auf 3,3 %, die Kerninflation auf 2,4 %. Die Energiepreise sind im Vergleich zum Vorjahresmonat um 14,9 % gestiegen. Laut Ifo-Institut planten deutsche Unternehmen im September häufiger Preiserhöhungen. Die Preiserwartungen stiegen auf 22,7 Punkte (August: 21,4). Das deute darauf hin, dass die gestiegenen Energiepreise zunehmend auf die Verkaufspreise überwälzt werden. Die Verbraucherpreise sind um 0,6 % im Vergleich zu August gestiegen. Auch in Frankreich treiben die Energiepreise (+21,2 % im Vorjahresmonatsvergleich) die Inflation (3,0 %) an. Im September 2025 waren die Energiepreise noch um 4,4 % gegenüber September 2024 gesunken. In Italien zeigt sich ein ähnliches Bild, dort beträgt die Inflation im September 4,2 %, die Energiepreise stiegen im Vorjahresvergleich um 22,3 %. Statistik Austria veröffentlicht die VPI-Schnellschätzung für September am Freitag. [Quellen: Destatis, Insee, Istat, Ifo-Institut]
🇺🇸 US-Wirtschaft wächst, Privateinkommen stagnieren. Die US-Wirtschaft ist im 2. Quartal 2026 auf das Gesamtjahr hochgerechnet um 2,2 % gewachsen, die letzte Schätzung von 1,5 % wurde somit um 0,7 Prozentpunkte nach oben revidiert. Auch das Wachstum im 1. Quartal wurde um 0,4 Prozentpunkte auf 2,5 % revidiert (ebenfalls annualisiert). Das US-Handelsdefizit weitete sich im August von 118,9 Mrd. Dollar auf 132,6 Mrd. Dollar aus, ein Anstieg um 11,5 %. Die Privatwirtschaft schuf im September 90.000 Stellen (August: 36.000), v. a. in Bildung und Gesundheit (+55.000) sowie Freizeit und Gastgewerbe (+22.000). Finanzdienstleister (-16.000) und unternehmensnahe Dienstleister (-11.000) bauten Stellen ab. Die privaten Einkommen stiegen im August um 0,2 %, die Konsumausgaben um 0,9 %. Die realen verfügbaren Einkommen stagnierten, die Sparquote lag bei 4,1 %. [Quelle: BEA – BIP, Einkommen; Census Bureau; ADP]
🌐 Golf-Ölexporte erreichen 80 % des Vorkriegsniveaus. Die Rohölexporte aus dem Nahen Osten stiegen im September laut Kpler auf rund 16,3 Mio. Barrel pro Tag. Das ist der höchste Wert seit Beginn des Irankriegs im Februar (19,5 Mio. Barrel pro Tag). Ausschlaggebend dafür ist, dass Saudi-Arabien seine Exporte auf 5,4 Mio. Barrel pro Tag mehr als verdoppelte. Im August waren es noch 2,45 Mio. Barrel. Durch die Straße von Hormus flossen am Samstag rund 10,6 Mio. Barrel. Vor dem Krieg waren es 17,1 Mio. Barrel pro Tag. Die Exporte von Raffinerieprodukten erholten sich langsamer. Sie lagen laut Kpler bei 19 % des Vorkriegsniveaus. [Quellen: APA via Medienberichte, Reuters]
Selektive Agenda:
Heute, Österreich: Inkrafttreten der Spritpreisbremse, der Paketsteuer und der erleichterten digitalen Belegerteilung
Heute, Dublin: Informelle Tagung der EU-Gesundheitsminister (letzter Tag) [Info]
Heute, Brüssel: EU-Ministerrat „Justiz und Inneres“ [Info]
Heute, Algier: Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer mit Wirtschaftsdelegation in Algerien
9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht „Konsumerhebung 2024/25 – Ausgewählte sozialstatistische Ergebnisse“ und „Kommerzielle Zivilluftfahrt – Personenverkehr und Luftfracht – Sommer 2026“
11:00 Uhr, Luxemburg: Eurostat veröffentlicht die EU-Arbeitsmarktdaten aus dem August
Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️
Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.
Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.
Selektives Networking:
Jobwechsel und Karriereschritte: Franz Föttinger ist der neue Sprecher der österreichischen Skiindustrie. Maria Scholl bleibt APA-Geschäftsführerin, Klemens Ganner ihr Stellvertreter. Katharina Schell übernimmt die Chefredaktion, Paul Schneidhofer wird neuer Prokurist. Susanne Schubert wurde als Frauenvorsitzende der FSG GÖD wiedergewählt. Mit 1. Oktober 2026 wird Handelsexperte Andreas Hämmerle Teil der Geschäftsführung von MPREIS. Leonhard Schitter wurde als Vorstandsvorsitzender der Energie AG wiederbestellt.
Geburtstage: Wir gratulieren Klara Motter und Kristina Inhof zum Geburtstag.
Sehen & gesehen werden:
9:30 Uhr, Wien: Handelstag 2026 der Bundessparte Handel der WKÖ in der Christoph-Leitl-Lounge u. a. mit Marion Walsmann, Johannes Hahn, Johannes Kopf und Rainer Trefelik
10:00 Uhr, Wien: Internet Summit Austria 2026 im Tech Gate Vienna u. a. mit Harald Kapper, Stefan Ebenberger und Frank Karlitschek [Info]
17:00 Uhr, Wien: Podiumsdiskussion zum Thema „Welche Wirtschaftspolitik als Alternative zur EU-Deregulierung?“ im Haus der EU u. a. mit Elisabeth Springler, Evelyn Regner, Sabine Jungwirth und Michael Bernhard