Guten Morgen Österreich!
Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank, Sara Grasel, Driss Schmid und Yannic Haimeder – wir melden uns aus Wien.
News – das müssen Sie heute wissen:
🇦🇹 Babler für Prikraf-Auflösung und gegen Pension mit 67. SPÖ-Bundesparteivorsitzender Andreas Babler will den Privatkrankenanstalten-Finanzierungsfonds (Prikraf) auflösen und mit den dadurch freiwerdenden 200 Mio. Euro „das öffentliche System stärken“. In den Privatkrankenanstalten würden die „Schönheits-OPs der Superreichen“ finanziert werden, die „Auswüchse der Zwei-Klassen-Medizin“ müssen daher bekämpft werden, so Babler. Weiters hat sich der Vizekanzler im ORF-Sommergespräch gegen eine Erhöhung des Pensionsantrittsalters auf 67 ausgesprochen: „Dafür stehen wir nicht zur Verfügung“. Stattdessen will er das Augenmerk darauf legen, dass das faktische an das gesetzliche Pensionsantrittsalter herangeführt wird. Dafür will Babler „Unternehmen verpflichten und Anreize bieten, ältere Beschäftigte tatsächlich zu beschäftigen“. [Quelle: ORF | Reaktion: FPÖ | Grafiken: Lebenserwartung steigt schneller als Pensionsantrittsalter, Immer weniger Erwerbspersonen pro Pensionist]
Kommentar: Brandmauer, welche Brandmauer?
von Rainer Nowak
Eine Bundes-SPÖ ohne Andreas Babler an der Spitze wäre als Juniorpartner einer FPÖ-geführten Regierung keineswegs undenkbar. Der steirische SPÖ-Chef Max Lercher hat eine Zusammenarbeit mit der FPÖ nach der nächsten Wahl ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Es wäre „vermessen“, eine Partei mit fast 40 Prozent auszuschließen. Wenn die SPÖ ihre wichtigen Inhalte durchbringe, sei man auch zur Zusammenarbeit bereit. Er sprach von der Steiermark, aber auch im Bund kratzt Herbert Kickl in Umfragen an den 40ern. Die viel beschworene Brandmauer der SPÖ war in Österreich nie feuerfest, auf Landesebene gab es sie ohnehin nie. Genau das müsste der ÖVP viel Angst machen.
💡 Gaspreis steigt auf neuen Jahresrekord. Der für die EU richtungsweisende Gaspreis (DutchTTF) ist im Verlauf des Jahres um 135 % gestiegen. Alleine von Anfang Juli bis Ende August hat sich Gas um fast 60 % verteuert – mit derzeit rund 68 Euro hat der Terminkontrakt für September einen neuen Höchstwert erreicht. Analysten von Goldman Sachs erwarten einen noch höheren europäischen Gaspreis, wenn sich „die Energieexporte aus dem Nahen Osten bis 2027 nur allmählich normalisieren, gehen wir davon aus, dass der TTF-Preis für Dezember 2026 wahrscheinlich über 100 Euro/MWh steigen müsste.“ Der derzeitige Preis wäre laut Goldman Sachs nicht hoch genug, um ausreichende Mengen LNG aus Asien umzuleiten. Der Ölpreis für ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent liegt aktuell bei rund 78 Euro und damit um 50 % höher als zu Jahresbeginn. [Quellen: Investing.com – Öl, Gas, EZB, Bloomberg | Grafik von Stanislaus Ruhaltinger und Stephan Frank]

Alle Grafiken von Selektiv 📈
Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.
Der Link wechselt jeden Freitag.
🇦🇹 Spritpreisbremse: Marterbauer wünscht sich Rückkehr der Margenbegrenzung. Die Regierung verhandelt in den kommenden Tagen die Fortsetzung der Spritpreisbremse. Derzeit beträgt die Entlastung durch eine Reduktion der Mineralölsteuer 1,9 Cent pro Liter, die Spritpreisbremse würde ohne Verlängerung mit Monatsende auslaufen. Finanzminister Markus Marterbauer erachtet dabei die Wiedereinführung der Margenbegrenzung für Raffinerien als „wichtig“. Da der Staat die „Gewinne“ aus den gestiegenen Spritpreisen über eine Reduktion der Mineralölsteuer zurückgibt, sollte das auch für Unternehmen gelten, so ein Sprecher des Finanzministeriums zu Selektiv. Die Spritpreisbremse ohne Margenbeschränkung fortzuführen sieht Marterbauer „skeptisch“. Das Wirtschaftsministerium sieht den Margeneingriff als „gezielte, befristete“ Maßnahme, aus der man „wie geplant geordnet“ ausgestiegen ist: „Staatliche Eingriffe in den Markt dürfen niemals zum Dauerzustand werden.“ [Quellen: Marterbauer zu Ö1, BMF zu Selektiv, BMWET zu Selektiv | Reaktionen: FPÖ, ÖAMTC]
🇦🇹 Strom- und Gas-Großhandelspreise steigen. Der Strompreisindex auf Monatsbasis steigt von August auf September um 26,02 % auf 147,17 Euro pro Megawattstunde. Damit liegt der Index um 68,12 % höher als im September 2025. Der Gaspreisindex steigt im September um 16,6 % auf 61,29 Euro pro Megawattstunde, im Vergleich zum Vorjahresmonat liegt er um 71,1 % höher. [Quelle: Austrian Energy Agency]
🇦🇹 Industrie trotz möglicher Ausnahme von Klimagesetz betroffen. Umweltminister Norbert Totschnig hatte vergangene Woche durchklingen lassen, dass für die Industrie trotz des neuen Klimagesetzes in Österreich das 2050er-Ziel der EU gelten werde. Mangels Details könne man derzeit aber nicht ausschließen, dass Unternehmen, die dem europäischen Emissionshandel (ETS) unterliegen, nicht doch direkt betroffen sind, so EcoAustria in einer ersten Einschätzung. Selbst wenn ETS-Unternehmen im neuen Klimagesetz ausgenommen sind, handle es sich laut EcoAustria „nur“ um rund 100 Unternehmen und die wären auch indirekt betroffen, da sie Vorleistungen von Non-ETS-Unternehmen zu entsprechend höheren Preisen beziehen. EcoAustria rechnet auch durch Kosten- und Preissteigerungen in Bereichen außerhalb des ETS, die nicht starkem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind, mit negativen Effekten – das hätten schon der Ukrainekrieg mit der Energiepreiskrise gezeigt, die in weiterer Folge die Inflation und dann die Löhne getrieben haben. SPÖ-Umweltsprecherin Julia Herr forderte gestern in einem Hintergrundgespräch, dass das Klimagesetz nun möglichst rasch in Begutachtung gehen soll. Bis Ende 2027 sollen dann Sektorziele ausgehandelt werden, so Herr. [Quellen: EcoAustria zu Selektiv, APA via Medienberichte | Reaktionen: IV Wien | Grafik: CO2-Neutralität 2040: Der Preis des Alleingangs]
„Diese politische Kraftmeierei der SPÖ ist schlechter Stil“
Interview mit Peter Koren
Der Vizegeneralsekretär der Industriellenvereinigung, Peter Koren, übt scharfe Kritik an der SPÖ für den Abtausch der Dürrehilfen gegen das Klimagesetz. Auch die Landwirtschaft selbst solle sich nicht in falscher Sicherheit vor überzogenen Klimazielen wiegen. Er ist der Überzeugung, dass die angekündigten Ausnahmen für die Industrie im Klimagesetz zahnlos wären und das Ziel 2040 für die „überwiegende Vielzahl der produzierenden Unternehmen“ gelten würde – „mit all den Belastungen“. Auch AK und ÖGB müssten sich seiner Meinung nach gegen den „Belastungstsunami“ für Arbeitnehmer wehren.
🇦🇹 10 Mio. Euro für „Lehre mit Matura“. Die Regierung will die „Lehre mit Matura“ finanziell aufwerten und stellt dafür eine zusätzliche Förderung von 10 Mio. Euro zur Verfügung. Diese sollen die kostenlose Teilnahme an Vorbereitungskursen ermöglichen. Für die Erwachsenenbildung stehen damit insgesamt 51. Mio Euro zur Verfügung. [Quelle: BMWET | Reaktionen: SPÖ, FPÖ]
🇦🇹 Heimischer Einzelhandel tritt real auf der Stelle. Die Umsätze im heimischen Einzelhandel stiegen im 1. Halbjahr 2026 kalenderbereinigt nominell um 2,1 %, preisbereinigt blieb ein Plus von 0,1 %. Nach einer Stabilisierung zu Jahresbeginn ließ die Dynamik im 2. Quartal wieder nach, belastet vom gestiegenen Erdölpreis und der damit verbundenen geopolitischen Unsicherheit. Das Stimmungsbild hellte sich sowohl auf Konsumenten- als auch auf Unternehmerseite leicht auf, eine Belebung der privaten Konsumnachfrage sei laut Wifo jedoch nicht in Sicht. Für das Gesamtjahr erwartet das Wifo ein reales Wirtschaftswachstum von 0,9 %, die privaten Konsumausgaben dürften real um 0,4 % zulegen. [Quelle: Wifo]
🇦🇹 Österreich verliert heimische KI-Spezialisten ans Ausland. Österreich liegt bei der technologischen Spezialisierung seiner KI-Fachkräfte unter 38 europäischen Ländern auf Rang 3 und zählt damit zu den führenden Standorten Europas, wie eine WU-Studie zeigt. Gleichzeitig landet Österreich bei der Verbreitung von KI-Kompetenz gemessen an der Gesamtbeschäftigung auf Platz 19 im Mittelfeld. 97 % der heimischen Unternehmen beschäftigen keine KI-Spezialisten. Die Zahl der hoch spezialisierten KI-Fachkräfte wuchs 2025 um 7,1 %, nach 12,5 % im Jahr 2024. Rund jede 5. KI-Fachkraft (17,2 %), die KI-Systeme entwickelt und technologisch vorantreibt, wandert im Laufe ihrer Karriere aus. 44 % dieser Abwanderungen passieren im ersten Beschäftigungsjahr. Die Studienautoren fordern mehr Ausbildungskapazitäten an den Universitäten, Unterstützung für KMU beim KI-Einsatz und Maßnahmen, um Fachkräfte im Land zu halten. [Quelle: WU Wien]
🇦🇹 Immobranche fürchtet Verluste bei Betriebsflächen. Die heimische Immobilienwirtschaft warnt vor dem Verlust produktiver Betriebsstandorte in Wien. Rund 5 % der Stadtfläche sind als Betriebsflächen gewidmet, an ihnen hängt ein Drittel der städtischen Wertschöpfung. Zwei Drittel der Standorte gelten allerdings als sanierungsbedürftig, unbebaute Flächen sind knapp und mittelfristig erschöpft. „Ohne rasche Maßnahmen drohen Flächenverluste, Investitionshemmnisse und eine weitere Abwanderung der Betriebe“, so Michael Pisecky, WKÖ-Obmann der Fachgruppe der Immobilien- und Vermögenstreuhänder. Die Immobilienwirtschaft fordert daher schnellere Genehmigungsverfahren, mehr Rechtssicherheit beim Bestandsschutz und Förderungen für Sanierung und Dekarbonisierung. [Quelle: WK Wien]
🇪🇺 Bauer fordert kleinere EU-Kommission und schlankeres Budget. Europaministerin Claudia Bauer stellte im APA-Interview EU-Kompetenzen in der Sozialpolitik infrage: Themenfelder wie Generationen, Jugend oder Wohnen seien „allesamt nationale Themen“ und die EU solle sich auf ihre tatsächlichen Zuständigkeiten fokussieren. Österreich lehnt gemeinsam mit 8 weiteren Mitgliedstaaten die von der Kommission geforderte Erhöhung der Verwaltungs- und Personalausgaben um 39 % ab. Beim EU-Mehrjahresbudget 2028-2034 verlangt Bauer eine deutliche Kürzung des Entwurfs von knapp 2 Bio. Euro, bei stabilem österreichischem Beitrag und Fortführung des Österreich-Rabatts. Neue Zahlen zum Finanzrahmen werden im Oktober unter irischem Vorsitz erwartet. [Quelle: APA via Medienberichte]
🇺🇦🇪🇺 EU gibt 6,1 Mrd. Euro für Ukraine frei. Nachdem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Wochenende dringenden Bedarf an weiteren Geldmitteln bekundet hatte, hat die EU-Kommission gestern eine nächste Tranche von 6,1 Mrd. Euro für die Beschaffung von Luft- und Raketenabwehr, Munition und Raketen sowie Radarsysteme freigegeben. Selenskyj bezeichnete den Fehlbetrag alleine im Verteidigungsbereich mit 23 Mrd. Euro und strebt eine vorzeitige Auszahlung von insgesamt 30 Mrd. Euro an. Die nun freigegebenen 6,1 Mrd. Euro sollen mehrheitlich an europäische Rüstungsunternehmen zurückfließen. Die Ukraine kann nur Auszahlungen beantragen, wenn sie Verträge mit Rüstungsunternehmen vorliegt, die dann von der EU-Kommission überprüft werden. „Wenn Russland seine Angriffe verstärkt, verstärken wir unsere Hilfe, damit die Ukraine ihre Bevölkerung und ihren Luftraum schützen kann“, so EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. [Quelle: EU-Kommission | Reaktion: FPÖ]
🇩🇪 Deutsche Sozialausgaben seit 1992 um 70 % gestiegen. Zwischen den Jahren 1992 und 2025 ist das deutsche Sozialbudget real um 70,4 % gewachsen, gleichzeitig ist auch die Sozialbudgetquote von 26 % auf 32 % gestiegen. Dieses Wachstum wird von den Bereichen „Krankheit und Alter“ getragen, die heute rund 70 % der Sozialausgaben und mehr als 81 % des Gesamtwachstums ausmachen. „Der demografische Wandel ist der zentrale strukturelle Kostentreiber dieser Entwicklung und verschärft die intergenerationale Lastenverschiebung im deutschen Sozialstaat“, so das Ifo-Institut in seiner aktualisierten Analyse. [Quelle: Ifo]
🇳🇴 Norwegen plant Öl- und Gasförderung in der Arktis. Norwegens Energieminister Terje Aasland hält entgegen der Bedenken von Umweltschützern und der EU an den Plänen zur Erschließung von Öl- und Gasreserven in der Barentssee fest. Weitere Öl- und Gasförderung in der Arktis sei angesichts der geopolitischen Lage im norwegischen und europäischen Interesse, so Aasland. Der norwegische Energieminister will auch keine tiefere Integration mit dem europäischen Stromnetz anstreben: Die Idee, dass Norwegen die „Grüne Batterie“ Europas werden soll, sei „fehlgeleitet“ gewesen. [Quelle: Reuters]
🇺🇸🇮🇷 USA verhängen neue Iran-Sanktionen. US-Finanzminister Scott Bessent hat Sanktionen gegen 60 mit dem iranischen Regime verbundenen Personen, Organisationen und Schiffe verkündet. Die von US-Präsident Donald Trump angedrohten Sekundärsanktionen gegen Länder, die weiterhin mit dem Iran Handel betreiben oder ihn unterstützten, wurden hingegen nicht veröffentlicht. Stattdessen würden die entsprechenden Länder einzeln kontaktiert werden. „Der Präsident führt Telefongespräche mit Staats- und Regierungschefs aus aller Welt und fordert sie ausdrücklich auf, ihre Kontakte mit dem Regime einzustellen“, so Finanzminister Bessent. [Quelle: U.S. Department of the Treasury, Pressekonferenz Bessent, Reuters]
Selektive Agenda:
8:00 Uhr, Wiesbaden: Statistisches Bundesamt gibt deutsche BIP-Entwicklung im 2. Quartal bekannt (2. Veröffentlichung)
9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht „Ankünfte und Nächtigungen Juli 2026“ und „Arbeitskostenerhebung 2024“
10:00 Uhr, München: Ifo-Institut veröffentlicht deutschen Geschäftsklimaindex für August
16:00 Uhr, Washington D.C.: Veröffentlichung des US-Verbrauchervertrauens im August
Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️
Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.
Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.
Selektives Networking:
Jobwechsel und Karriereschritte: Johannes Zink ist neuer Aufsichtsratsvorsitzender der Burgenland Energie AG. Manuel Moser ist neuer Leiter von „Data & AI“ bei Tieto.
Geburtstage: Wir gratulieren Herbert Eibensteiner zum Geburtstag!
Sehen & gesehen werden:
17:00 Uhr, Linz: Bundeskanzler Stocker lädt zu „Österreich im Gespräch“ [Info]