Morning in Brief ・ 03.06.2026

Morning in Brief, 3. Juni 2026

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank und Sara Grasel – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 Entbürokratisierung: Schellhorn will „dauerhaften Prozess“ statt Paket. Nachdem die für heute angesetzte Präsentation des 2. Entbürokratisierungspakets abgesagt wurde, wie Selektiv exklusiv berichtete, meldet sich das zuständige Staatssekretariat zu Wort: „Entbürokratisierung ist kein einmaliges Paket und kein politischer Schlagzeilentermin, sondern ein dauerhafter Reformprozess“. Die Reformschritte sollen nun „themenzentriert und sektorbezogen vorangetrieben“ werden. Die entsprechenden Verhandlungen seien im Laufen, weitere Zeitpläne würden folgen. Derzeit im Fokus: Reformpartnerschaft, weitere Digitalisierungsschritte mit dem BKA sowie die Industriestrategie in Zusammenarbeit mit BMWET und BMIMI. Noch vor dem Sommer soll auch der 1. Entbürokratisierungsbericht vorlegen. „Die ersten Kieselsteine aus dem Schuh zu entfernen war wichtig. Jetzt geht es um die tieferen Strukturen“, so Sepp Schellhorn. [Quelle: BMEIA | Reaktion: FPÖ]

Kommentar: Wehrdienst verlängern? Dann auch später in Pension
von Gerald Loacker

Österreich entdeckt seine Wehrhaftigkeit wieder. Notgedrungen. Die Welt ist rauer geworden, und wer Verteidigung ernst meint, muss sie auch glaubwürdig absichern. Nur läuft die Debatte gerade in eine Richtung, die politisch bequem, aber generationenpolitisch unfair ist. Wenn der Staat mehr Pflichtzeit von einer Generation verlangt, muss er auch von der anderen Generation etwas verlangen. Sonst ist es kein Gemeinwesen, sondern eine Mehrheitsveranstaltung.

💡 KV-Abschlüsse 2026: Viele Branchen unter der Inflationsrate. In vielen Branchen liegen die KV-Abschlüsse der Frühjahrslohnrunde 2026 unter der maßgeblichen rollierenden Inflation. Handel, Metallgewerbe und Nahrungs- und Genussmittelindustrie einigten sich auf Erhöhungen deutlich darunter, Energierohstoff und Seilbahnen lagen darüber. Als Hintergrund nennen die Sozialpartner die anhaltend schwierige wirtschaftliche Lage. In der laufenden Debatte über die Budgetsanierung und die Pensionsanpassung 2027 wird das bereits als Argument angeführt: Abschlüsse unter der Inflationsrate dämpfen die Lohnentwicklung und damit auch die Beitragsbasis des Umlageverfahrens, zwei Faktoren, die in der Diskussion über die Höhe der Pensionsanpassung eine Rolle spielen. [Quellen: GPA Nahrungs- & Genussmittel, PRO-GE Metallgewerbe, vida Handel, GPA IT, WKÖ Energierohstoff, vida Speditionen, GPA Bau, vida Seilbahnen | Grafik von Stanislaus Ruhaltinger]

Alle Grafiken von Selektiv 📈

Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.

Der Link wechselt jeden Freitag.

🇦🇹 Chemie-KV: „Eskalation“ nach 7. Verhandlungsrunde. Bis spät in die vergangene Nacht wurde in der bereits 7. Runde verhandelt, doch der KV-Abschluss in der Chemie-Industrie bleibt weiterhin offen. Das neue Angebot der Arbeitgeber – +0,5 % und eine Einmalzahlung von 300 Euro sofort oder ein Zweijahresabschluss mit +2 % ab Oktober – lehnte die Gewerkschaft ab. Die Arbeitnehmervertreter haben ihre Forderung von 3,5 % auf 3 % gesenkt. „Seit 2020 haben wir kumuliert zwölf Prozent höher abgeschlossen als Deutschland“, so Arbeitgeber-Verhandlungsführer Ernst Gruber. Deutschland hat für 2026 eine Nulllohnrunde vereinbart. Bereits vergangene Woche fanden Warnstreiks statt, die nun kommende Woche ausgeweitet werden sollen. „Jetzt kommt es zu einer weiteren Eskalation des Konfliktes“, so Hubert Bunderla von der Gewerkschaft Pro-Ge. Die Arbeitgeber behalten sich rechtliche Schritte vor. Unbefristete Streiks seien ein „klarer Verstoß gegen die kollektivvertragliche Friedenspflicht“. Ein neuer Verhandlungstermin muss erst fixiert werden. [Quellen: FCIO, Pro-Ge]

🇦🇹 Inflation steigt im Mai weiter. Die Inflationsrate (VPI) ist laut Schnellschätzung im Mai auf 3,7 % gestiegen. Im Monatsabstand stiegen die Preise um 0,1 %. Der größte Preistreiber waren erneut die Dienstleistungen mit einem Plus von 4,4 %. Auch Industriegüter verteuerten sich im Mai (+1,4 %) stärker als im April (+0,8 %). Energie war im Jahresabstand um 9,8 % teurer und sorgte für geringeren Inflationsdruck als noch im April. Der für den europäischen Vergleich relevante HVPI lag im Mai ebenfalls bei 3,7 % und damit über dem Durchschnitt der Eurozone (3,2 %) sowie Deutschland (2,7 %). [Quellen: Statistik Austria, Eurostat | Reaktionen: FPÖ, SPÖ, AK, ÖGB | Grafik: Inflation in Österreich steigt weiter]

🇦🇹 PV-Förderung nur noch für Wechselrichter aus Europa. In der Förderung von PV-Anlagen soll eine Pflicht für Wechselrichter aus europäischer Produktion eingeführt werden. Bisher gab es für einen bestimmten Anteil „Made in Europe“ einen Bonus – im Vorjahr enthielten 46 % der PV-Förderanträge einen europäischen Wechselrichter. Die Pflicht soll nicht nur die europäische Produktion weiter stärken, sondern auch der Sicherheit dienen, so Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer. Zudem soll es nur noch eine Förderung geben, wenn auch ein Batteriespeicher installiert wird und dieser in ein Energiemanagementsystem eingebunden wird. Zusätzlich muss entweder die netzwirksame Leistung auf 50 % der Modulleistung der PV-Anlage reduziert oder ein Vertrag mit dynamischem Einspeisetarif nachgewiesen werden. Die dafür nötige Novelle des Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes (EAG) soll nächste Woche den Regierungspartnern SPÖ und Neos vorgelegt werden. [Quelle: BMWET]

🇦🇹 🌐 Energiepreis-Update. Die mittleren Treibstoffpreise lagen gestern bei 1,854 Euro für Diesel und 1,749 Euro für Benzin. Der Ölpreis für ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent zur Lieferung im August liegt heute bei 96,86 Dollar, ein Anstieg um 2,0 % im Tagesabstand. Der Gaspreis laut dem für die EU richtungsweisenden Terminkontrakt lag Mittwochfrüh bei 48,46 Euro pro MWh, ein Rückgang um 1,3 %. [Quellen: Spritpreise, Ölpreis, Gaspreis]

🇦🇹 Verteidigungsministerin besteht auf längere Wehrpflicht. Die ÖVP-Ministerinnen Klaudia Tanner (Verteidigung) und Claudia Bauer (u. a. Zivildienst) forderten erneut die Verlängerung der Wehrpflicht auf 8 Monate plus 2 Monate Milizübungen bei gleichzeitiger Ausdehnung des Zivildienstes auf 12 Monate. Das von der SPÖ als Kompromiss vorgeschlagene Modell, das 2 Monate „verpflichtende Übungen“ im Anschluss an unverändert 6 Monate Wehrdienst und 9 Monate Zivildienst vorsieht, lehnt die ÖVP ab. Ex-Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) spricht sich als möglicher Präsidentschaftskandidat für das 8+2 Modell aus und kritisiert die Regierung: „Die Bundesregierung eiert seit Jänner nur herum“. Bei einer Pressekonferenz der „Plattform Wehrhaftes Österreich“ wiesen u. a. Erwin Hameseder (Leiter der Wehrdienstkommission) und Peter Koren (Industriellenvereinigung) darauf hin, dass die Verlängerung „kein Wunschzettel des Militärs, sondern die fundierte und logische Konsequenz aus der veränderten geopolitischen Bedrohungslage in Europa“ sei. Wenn politisch keine Entscheidung möglich ist, dann sei eine Volksbefragung eben der letzte Ausweg, so Hameseder. [Quellen: APA via Medienberichte, Kronen Zeitung, Pressekonferenz Plattform Wehrhaftes Österreich | Reaktionen: SPÖ]

🇦🇹 WKÖ streicht 200 von 800 Stellen. Die Wirtschaftskammer streicht in der Bundesorganisation bis Ende 2027 insgesamt 200 von 800 Jobs. Lehrlinge und Trainees sind nicht betroffen. Die angekündigte Einsparung von 100 Mio. Euro jährlich für Unternehmen soll aber überwiegend bei der Kammerumlage 2 geschehen. [Quelle: APA via Medienberichte | Reaktion: Unos]

🇦🇹 Kärnten soll 2026 am stärksten wachsen. Nachdem die Kärntner Wirtschaft im Vorjahr um 0,9 % geschrumpft ist, soll sie im heurigen Jahr mit 1,4 % im Bundesländervergleich am stärksten zulegen. Getrieben wird die positive Entwicklung von verstärkten Investitionen u. a. in KI, der Aufschwung bleibt trotzdem „strukturell fragil“. Insgesamt zeichnet sich laut Analyse der Bank Austria eine „breite konjunkturelle Erholung in den Bundesländern ab“, jedoch „ohne kräftige Wachstumsimpulse“. Die Steiermark und Salzburg sollen mit jeweils 0,5 % heuer am schwächsten wachsen, österreichweit wird insgesamt ein BIP-Wachstum von 0,8 % prognostiziert. [Quelle: Bank Austria]

🇦🇹 Fiskalrat legt Reformvorschläge für Gesundheitssystem vor. Der Fiskalrat sieht Reformen im Gesundheitsbereich als „dringlich geboten“ an. In einem aktuellen Papier werden sowohl kurzfristig budgetwirksame Optionen als auch mittel- bis langfristig angelegte Strukturreformen vorgeschlagen. Zu den kurzfristigen Maßnahmen zählen u. a. der gemeinsame Einkauf von medizinischen Geräten und Arzneimitteln, die effizientere Nutzung von Großgeräten sowie der verpflichtende digitale Austausch von Bilddaten und Befunden. Bei den Strukturreformen werden die Finanzierung und Planung aus einer Hand, eine Forcierung der Ambulantisierung und Redimensionierung der stationären Versorgung sowie die Harmonisierung von Leistungs- und Honorarkatalogen zwischen Krankenversicherungsträgern und Regionen vorgeschlagen. Ohne Reformen würden sich die Gesundheitsausgaben bis 2070 um 2,6 % des BIP erhöhen. [Quelle: Fiskalrat]

🇦🇹 Neue Details zum E-Auto-Sachbezug. Die private Nutzung von elektrischen Firmenautos ist derzeit gänzlich vom Sachbezug befreit, mit dem Doppelbudget wird diese Befreiung fallen. Die zusätzliche Belastung dürfte aber geringer ausfallen als ursprünglich erwartet. Statt 2 % der Anschaffungskosten wie bei Verbrennern sollen laut einem Bericht des Standard bei E-Autos ab 2027 vorerst 0,625 % fällig werden, ab 2028 dann 0,75 %. [Quelle: Der Standard | Kommentar: Elektrisch fahren – wann, wenn nicht jetzt? | Interview: Neue Steuern auf E-Autos „kontraproduktiv“]

🇦🇹 Banken mit Rekordgewinn, FMA mahnt dennoch zur Vorsicht. Die 427 von der Finanzmarktaufsicht beaufsichtigten Banken erzielten 2025 einen Jahresüberschuss von 10,6 Mrd. Euro. Das historische Rekordniveau wurde vor allem vom Zinsumfeld und starken Osteuropageschäften getragen. Die Problemkredite im Bereich Gewerbeimmobilien erreichten mit einer Quote von 8,3 % einen Höchstwert, wenngleich FMA-Vorständin Mariana Kühnel eine Abschwächung des Trends erkennt. Laut FMA sollen Banken weiter vorsichtig bleiben, Kapital aufbauen, notleidende Kredite abbauen und in Cybersicherheit investieren. Auch die Versicherer verzeichneten dank ausgebliebener großer Naturkatastrophen ein starkes Jahr. Das Prämienvolumen stieg auf 24,3 Mrd. Euro. Der Klimawandel bleibe aber das „große Fragezeichen“ für die Branche. Vorstand Helmut Ettl hob hervor, es sei „bemerkenswert, dass aus diesen Krisen keine Krise des Finanzmarktes wurde.“ [Quelle: FMA – Aussendung, Jahresbericht 2025]

🇦🇹 FMA-Kryptoaufsicht: 9 Lizenzen, 4,4 Mrd. Euro verwahrt. 2025 war das erste vollständige Jahr, in dem die FMA gemäß MiCAR die Aufsicht über Kryptowerte-Dienstleister (CASPs) innehatte. Aktuell sind 9 Anbieter lizenziert, darunter 2 der 10 europaweit größten. Europaweit gibt es 92 lizenzierte Anbieter. Die österreichischen Anbieter verwahrten Ende 2025 Kryptoprodukte im Wert von 4,4 Mrd. Euro. FMA-Vorständin Mariana Kühnel spricht sich für eine Bündelung der Aufsicht bei der ESMA aus: Die größten CASPs sollen direkt in Paris beaufsichtigt werden, kleinere verbleiben unter nationaler Kontrolle – analog zur EZB-Bankenaufsicht. [Quelle: FMA Jahresbericht 2025]

🇪🇺 Handelsausschuss stimmt EU-US-Zolldeal zu. Der Handelsausschuss des EU-Parlaments hat das Verhandlungsergebnis zur Umsetzung des EU-US-Deals („Turnberry Deal“) mit 31 zu 6 Stimmen angenommen. Das Abkommen bietet mit Auslaufklauseln, Überprüfungsbestimmungen und Schutz vor neuen US-Zöllen jetzt „ein klares Sicherheitsnetz“, so der Handelsausschussvorsitzende Bernd Lange. Die Zollvergünstigungen für US-Industrie- und Agrarimporte in die EU laufen mit 31. Dezember 2029 aus, sofern sie nicht verlängert werden. Im nächsten Schritt wird am 16. Juni im EU-Parlament abgestimmt. [Quellen: EU-Parlament, Bernd Lange auf X]

🇩🇪 Materialknappheit in deutscher Industrie nimmt zu. Im April berichteten 13,8 % der deutschen Industrieunternehmen von Engpässen bei Vorprodukten, im Mai ist der Anteila uf 15,9 % gestiegen. Am stärksten ist die Chemische Industrie betroffen (31,2 %), dahinter folgt die Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten (25,5 %) und die Elektroindustrie (25,0 %). „Verglichen mit dem langfristigen Durchschnitt vor 2020, der industrieweit bei etwa 5 % liegt, sind diese Zahlen beunruhigend hoch. Es ist durchaus möglich, dass mehrere Unternehmen infolge der Engpässe die Produktion senken müssen,“ so Klaus Wohlrabe, stv. Leiter des Ifo. [Quelle: Ifo-Institut]

Selektive Agenda:

9:00 Uhr, Wien: Bundesrat, Aktuelle Stunde mit Bundeskanzler Stocker [Info]

9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Hauptaggregate im 1. Quartal

9:00 Uhr, Paris: OECD veröffentlicht Wirtschaftsprognose [Info]

10:00 Uhr, Wien: Ministerrat

11:00 Uhr, Luxemburg: Eurostat veröffentlicht EU-Erzeugerpreise April

12:00 Uhr, Brüssel: EU-Kommission präsentiert Frühlingspaket des Europäischen Semesters sowie „Tech Sovereignty Package“ zu Digitalisierung und KI

Donnerstag, 9:00 Uhr, Luxemburg: EU-Ministerrat „Justiz und Inneres“ mit Innenminister Karner [Info]

Donnerstag, Lefkosia, Zypern: Informeller EU-Ministerrat zur Kohäsionspolitik [Info]

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Konstantin Böhm übernimmt Lead Governmental & External Affairs bei Eli Lilly and Company. Josef Moosbrugger wurde einstimmig als Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich wiedergewählt. Patricia Tschabitscher ist neue Geschäftsführerin für Incyte Biosciences Austria.

Geburtstage: Wir gratulieren Martin Bartenstein, Florian Danner und Peter Tichatschek zum Geburtstag. Am Donnerstag haben Viktor Klima und RAF Camora Geburtstag.

Sehen & gesehen werden:

18:00 Uhr, Wien: Open Air Afterwork „Albert & Tina“ auf der Terrasse der Albertina [Info]

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